Allegro spirituoso (un poco blogocentrico)

– Der R. zum Beispiel.
– Ach, der R., ja. Was macht der jetzt eigentlich?
– Wer weiß das schon. Wo ist denn der jetzt überhaupt?
– In Regensburg ist er jedenfalls nicht mehr, da war er mal.
– Nein, das war Passau.
– Ach so, Passau. Aber vorher war er doch schon in München. Wahrscheinlich ist er wieder nach München.
– Nein, nein, unmöglich. Die W. hat erst neulich erzählt, oder eine Zeitlang ist es schon her, hat sie erzählt, dass er nach Österreich gegangen ist, irgendwie Salzburg oder so, glaub ich.
– Ach? Was macht er denn in Salzburg?
– Das war ja eh die Frage, was er macht. Ist ja egal, ob in Salzburg oder in Innsbruck.
– In Innsbruck ist er bestimmt nicht, nie gewesen, das weiß ich ganz sicher, weil in Innsbruck wohnt mein Neffe, das wüsste ich also, wenn der auch da wäre.
– Von wem redet ihr denn?
– Vom R., du kanntest doch auch den R., von früher her, oder?
– Sicher. Der R. Der ist doch nach England rüber.
– Nein, das war der andere, der ist gar nicht mehr in England, der baut jetzt Staudämme in China, ganz groß, aber den meinen wir nicht. Den anderen R., der zuerst in München war und dann in Regensburg.
– Nicht Regensburg: Passau.
– Oder Passau halt dann. Der jedenfalls, von dem reden wir.
– Ach, der. Ja, ich erinnere mich schon an den. Was macht der jetzt eigentlich?
– Das ist ja gerade die Frage.
– Ach so, naja irgendwas wird er schon machen in seinem Innsbruck.
– Nein, nicht Innsbruck, das ist unmöglich, hab ich doch gesagt.
– Ja, aber irgendwas wird er doch trotzdem machen, irgendwas macht doch jeder, ob jetzt in Innsbruck oder Salzburg, ist doch egal.
– Der R.? Das weiß ich zufällig. Der R. war ja nämlich in der Schule schon so gescheit, so ein Gescheiter, so belesen, immer gelesen hat der doch. Der schreibt ein Buch. Da werdet ihr noch alle schauen. Ein Buch schreibt der.
– Ein Buch? Ich weiß ja nicht. Wirklich? Aber zu ihm tät’s passen.
– Ein Buch also.
– Ja, er war ja immer so gescheit.

Erschöpft sackte Dr. R. Unwegener in seinen Sessel zurück. Er klappte den Rechner zu und legte ihn weg. Solange die verfluchten Stimmen in seinem Kopf nicht aufhörten durcheinanderzureden, würde er nie etwas schreiben können, keinen Buchstaben, schon gar kein Buch. Er öffnete die zweite Flasche Wein und starrte durchs Fenster auf das nächtlich illuminierte Zürich.

– Ach, jetzt weiß ich es wieder: in der Schweiz ist der doch jetzt!
– Natürlich, genau, das hat ja auch der Dings erzählt kürzlich: nach Zürich ist er.
– Ach, Zürich, soso.
– Ja, und er schreibt nicht einfach ein Buch, sondern gleich eine ganze Roman-Trilogie.
– Wenn schon, denn schon.
– Wer hätte das gedacht.

Unwegener klappte den Computer wieder auf und besah das immer noch geöffnete Word-Dokument: „Musils Vermächtnis. Erster Band: Bekennerschreiben an Unbekannt.“ Darunter weißes Geflimmer. Er klickte es weg. Nicht speichern. Die Spuren noch besser verwischen, dachte er, noch besser verwischen, gar keine Spur mehr hinterlassen. Er zog die Vorhänge zu, setzte sich wieder an den Rechner. Wohnen > Wohnungen zur Miete > Detmold. Dort würde er in Ruhe arbeiten können. Niemand würde ihn dort je aufspüren. Im Hochgefühl von Aufbruch klickte er sich durch die Annoncen.

 

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13 Kommentare zu “Allegro spirituoso (un poco blogocentrico)

      • Bei Gide muss ich leider komplett passen. Nichts gelesen von ihm, schon gar nicht den Briefwechsel. Aber egal: du darfst hier natürlich so literarisch oder unliterarisch oder gar antiliterarisch schreiben, wie du magst. Freut mich, dass dir der Text gefällt und bin gespannt auf die Fluchtbewegung nach Norden, wie das dann auf echt blogozentrisch klingen wird…

  1. Un poco blogocentrico: Das ist der, inklusive meiner selbst und meines Wissens, fünfte, der sich schon an der Blogozentrikermimesis probiert. Das wird ihm einerseits schmeicheln, andererseits vielleicht ärgern (immerhin ist es sein Stil). — Ich schreibe das nicht irgendwelcher Hinweise wegen, aber es vielleicht gut das zu wissen.

    • Ich wollte ihm weder schmeicheln, noch ihn ärgern. Es war ein Gedanke aus mir selbst heraus, der aber irgendwie nach einer anderen Form verlangte, als wie ich sonst schreibe, daher griff ich nach der Blogozentriker-Schablone, die lag zufällig gerade am nächsten.
      Ich kenne zwar jetzt die anderen drei Imitatoren nicht, aber wenn der Blogozentriker im Juni vom Netz geht, sollten wir vielleicht ein Gemeinschaftsblog ins Leben rufen: „Die Blogomimetiker“.

      • Lieber Andreas, ich finde es toll, wenn du anfängst zu experimentieren, was dein schreiben betrifft. Als ich den blogozentriker kennenlernte, fing ich an mein schreiben zu hinterfragen. Der blogozentriker hat diesbezüglich eine Wende in mir hervorgerufen. Ich entfernte mich quasi davon, über mich und mein Leben zu schreiben (Tagebuchartig). Ich schrieb schon immer gerne, aber ich wollte weg von dem ICH. Und so entstanden die ersten Figuren und Schreibversuche als Autorin. Mir gefiel und gefällt auch heute noch die Phantasie, die unglaublichen Einfälle, der Mut und die Experimentierfreude des blogozentrikers. Robert Mattheis ist die Quelle des Schreibens. So oder so ähnlich empfinden das bestimmt auch die anderen „Blogomimetiker“ oder Autopoietiker.
        Ich hoffe, du behält’s deine Experimentierfreude und ich möchte gerne mehr Ideen von dir lesen. Du bist ein ausgezeichneter Autor, also, mach was daraus.

      • Ich wollte nur auf den, sozusagen, „Rattenschwanz“ hinweisen, der unter der Laubstreu verborgen liegt.

        Dass der Blogozentriker vom Netz geht ist sehr wahrscheinlich ein Marketingtrick: Er will bloß die Restbestände seiner Bücher verkaufen.

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