Winterende

Die Sommerferien 1990 brachte ich im Graben zu. Im Orchestergraben, genauer gesagt, ich spielte Cello im Passionsorchester und nebenan an der Bratsche saß der Glaser. So lernten wir uns eigentlich erst richtig kennen, einen Sommer lang zusammen in diesem Passionsorchester zu spielen ist nämlich eine sehr gute Gelegenheit, um eine Freundschaft zu begründen, denn da muss man immer zehn Minuten lang im Graben ein Stück spielen und dann hat man wieder eine halbe Stunde lang Pause, während der die droben dann Theater spielen, und der Musiker kann derweil tun, was er will. So geht der ganze Tag dahin. Die einen spielten Schafkopf, Fagott und Kontrabass duellierten sich schweigend im Schach, die Blechbläser versammelten sich in der Kantine. Ich war fünfzehn, weswegen die verrauchte Kantine mich damals eher weniger anzog, Schafkopf hingegen konnte ich ganz gut, die spielten aber, anders als auf meinem Pausenhof, um Geld. Grundtarif zehn Pfennige, aber wenn es schlecht läuft, kann sich das schnell hochsummieren, und als ich einmal an einem Tag fast zehn Mark verloren hatte, da lachten meine großen Mitspieler nur, für mich war das aber ein Haufen Geld damals und ich blieb der Kartenrunde von da an fern. Was aber nun tun in diesen Pausen?

Da kam der Glaser eines Tages mit einem Buch daher: Winterende von Luciana Glaser. Die Übereinstimmung der Namen war ja schon lustig, das Buch sei aber wirklich gut, ich solle es unbedingt lesen, sagte er, und drückte mir das Buch in die Hand. Ich las es also, auf der Wiese hinter dem Theater im Gras liegend, und fand es toll: es war emotional, unterkühlt und verrückt zugleich, experimentell irgendwie, auf jeden Fall anders und besser als die Schullektüre, die mir damals so vorgesetzt wurde, Maria Stuart und dergleichen. Und es gab der Freundschaft zwischen dem Glaser und mir ein weiteres Standbein: außer über Musik konnten wir jetzt auch über Bücher sprechen. Wir hatten keinen so richtigen Kompass, aber möglichst abgedreht sollten die Bücher sein, genau wie die Musik. Wir wollten Free Jazz, nicht Mozart. Und Winterende war der Startpunkt für diese kompasslose Reise ins Reich der Bücher abseits von Schullektüre und dem Zeug, das jeder liest. Mit Stephen King liefen damals alle herum in der Schule und je zerlesener das Es– oder Sie-Buch aussah, desto cooler schienen sich die Leute zu fühlen, die das vor sich hertrugen. Darauf sah ich fortan herab: Ich hatte Winterende gelesen!

Und dann lebt man halt so weiter, mit Büchern und Musik als stetigen Begleitern, merkt irgendwann, dass Mozart gar nicht so bescheuert war, Free Jazz hingegen eigentlich nur nervt, und baut sich auf diese Weise langsam so einen Kompass, der einen durch diese Welten führt, von denen man anfangs noch gar nicht gewusst hatte, wie unermesslich groß und vielfältig sie wirklich sind.

Aber irgendwann vor ein paar Jahren fiel mir diese Luciana Glaser wieder ein. In der Zwischenzeit hatte sich der Schafkopfbasistarif auf zehn Cent verdoppelt und das Internet war erfunden worden, ich googelte sie also. Die musste sich doch bestimmt auch irgendwie entwickelt haben, hatte sicher neue, andere Bücher geschrieben. Das hatte sie allerdings nicht, wie ich schnell herausfand. Es gab sie nämlich nie. Das ganze Buch war ein Fake. Ein erfolgloser Autor hatte demonstrieren wollen, dass er, mit der passenden jung-weiblichen Biographie ausgestattet, auch ganz schnell einen solchen Mist hinrotzen kann, den der Markt begierig frisst. Und der Glaser und ich, die wir uns so freakig elitär fühlten damals, wir hatten es genau so willig aufgefressen.

Ernüchternde Erkenntnis: das Fundament meines Leselebens ist ein Unbuch. Aber eigentlich ist es dann auch wieder egal, denn so ein Leseleben ist ja glücklicherweise kein Kartenhaus, das deswegen gleich zusammenfiele, und vielleicht ist Winterende ja sogar wirklich ein gutes Buch, könnte ja sein, obwohl es von seinem Autor dezidiert als Scheißbuch intendiert war. Was ist überhaupt ein gutes Buch, und was ist ein Autor? Ach, fragt mich doch was leichteres, mir fiel das jetzt bloß wieder ein, weil ich bei den Blütenblättern etwas über Aléa Torik gelesen habe, die es ja auch nicht wirklich gibt, und dann doch wieder. Aber wenn man darüber nachdenkt, dann ist die Torik-Geschichte mit der von Luciana Glasers Winterende eigentlich doch gar nicht vergleichbar. Anstatt hierüber aber weiter nachzugrübeln, schaue ich zum Fenster hinaus und sehe, dass in der Wirklichkeit der echte Winter tatsächlich zu Ende gegangen ist, und das ist doch jetzt wirklich mal die Hauptsache.

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32 Kommentare zu “Winterende

  1. Stimmt. Das ist die Hauptsache. Weil das stimmt, hab´ ich vielleicht bald auch meine Stimme wieder. (Ich recke der Sonne den Hals entgegen :-).

    Von dieser Luciana hatte ich noch nie gehört. Die „Fälle“ sind vielleicht auch nicht vergleichbar. Das „Torik“-Ding interessiert mich an der ganzen Diskussion gar nicht so arg (Ich habe diese Bücher ja nicht gelesen und fand auch viele Texte im Blog des Autors nicht so spannend. Der „kecke“ Ton, der aber doch ganz „ernst“ gemeint ist und genommen werden will, ist nicht so meins).

    Spannender als die Frage, wer sich „hinter“ Torik verbirgt, ist für mich, wie und warum wir lesen oder schreiben. Für einige geht es offenbar um die Produktion und Lektüre von Texten, die ganz „für sich“ stehen; für mich ist dagegen auch Schreiben (und Lesen) eine Form der Kommunikation (selbst ein Tagebuch halte ich für ein Gespräch mit sich selbst). Dabei will ich gar nicht unterschlagen, dass sich durch die Fest-Schreibung im Text, sich dieser als Manifestes von demjenigen/derjenigen löst, die geschrieben hat. Dennoch: Mein Interesse gilt den Aussagen (in Texten) von Menschen, was ein Text-Generator geschrieben hat, ist mir völlig egal, selbst dann, wenn das Produkt nicht zu unterscheiden wäre von demjenigen eines menschlichen Autors/einer Autorin. Und deshalb bleibt die Frage nach dem Autor spannend. Auch wenn sie nicht immer vollständig oder befriedigend beantwortet werden kann. Ich finde sie sogar (und gerade) dann interessant, wenn es um Texte geht, an denen offensichtlich mehrere Autor_innen gearbeitet haben, wie die Tora. Was entstand zu welcher Zeit? Was trieb diese Menschen an? Welches Bild von Gott wollten sie sich und anderen vermitteln? Mich interessieren solche Fragen „jenseits“ des puren Textes. Und dennoch finde ich auch und vor allem die genaue Lektüre wichtig, die den Text „aus sich“ zu verstehen sucht. Aber darin, in dem „aus sich“ steckt ja eben – auch – der Autor/die Autorin, nicht nur mit ihren Intentionen, sondern mit all dem, was unbewusst über sie in den Text geflossen ist. Und auf der anderen Seite stehen wir, die Lesenden, die ihre Erwartungen, Hoffnungen, Vorurteile und Erfahrungen an die Texte herantragen. So ändern sich die Bedeutungen. Ein Text, wie ein gesprochenes Wort, verändert seinen Sinn durch die Situation, in die hinein er wirkt. Wenn bestimmte Teile der Tora ganz offensichtlich ursprünglich nur an Männer gerichtet waren oder gar nur an jüdische Männer, wie kann dann die Erweiterung des Adressatenkreises gerechtfertigt werden? Wie kann ich das lesen, der ich kein Mann bin und keine Jüdin? Was kann es für mich bedeuten?

    Das meinte ich damit, wenn ich die Idee vom „reinen“ Text kritisierte. Allerdings steckt dahinter auch noch eine – ganz unabhängig vom konkreten Kontext – Aversion gegen die „Reinheit“ (das Wort und den möglichen Sinn) bei mir. Dem will ich noch mal nach-denken, was mich an diesem Wort so „triggert“.

    Herzliche Grüße
    M.

    • Ich kann bei dem Thema Torik eigentlich auch gar nicht groß mitreden, denn ich habe, wie Sie, die Bücher gar nicht gelesen und das Blog nur in ganz minimalen Ausschnitten. Mir gefiel da auch was an dem Ton nicht und ich las demzufolge dort nicht weiter, da war die Identität der Autorin noch gar nicht angezweifelt worden zu dem Zeitpunkt, glaube ich.
      Was Sie über das Lesen und Schreiben als eine Form der Kommunikation sagen, das kann ich eigentlich alles unterschreiben. Wie sehr sich das Real-Ich des Autors in den Texten bemerkbar macht, da gibt es halt alle denkbaren Grade. Rainald Goetz schreibt irgendwo mal von den „authentoiden Schreibern“, zu denen er sich selber auch zählt, die sind sehr stark präsent in den Texten. Und dann gibt es die, die sich stärker hinter Fiktionen verbarrikadieren und ihr wirkliches Ich nicht so offen zeigen wollen. Pynchon fällt mir da ein, der sich vor der Öffentlichkeit ganz verbirgt, aber durch seine Bücher natürlich andererseits ganz stark auch kommuniziert mit seinen Lesern. Bei Pynchon gibt es nur den „reinen“ Text, und keinerlei Zusatzinfos zum Autor, der Text reicht aber hin, dass man zu dem Schluss kommt: ein großartiger Autor, wer immer er sein mag im richtigen Leben. So meinte ich das, ganz schlicht eigentlich, mit dem „reinen Text“, ich wollte nicht nahelegen, es gäbe auch unreine oder verunreinigte Texte…

      Danke für den ausführlichen Kommentar und herzliche Grüße zurück!

  2. Klären Sie mich bitte auf Herr Wolf. Gibt es nun einen Konkurrenzkampf zwischen Blech- und Holzblasinstrument im Orchestergraben? Sie sind ein großartiger und sehr glaubwürdiger Erzähler. Schade, dass Sie den Versuch starten Torik zu thematisieren. Arglistige Täuschung, mehr fällt mir zu so einem Projekt nicht ein.

    • Ich hab immer nur in Laienorchestern gespielt, und da gibt es nach meiner Erfahrung solche Grabenkämpfe zwischen bestimmten Instrumentengruppen eher weniger. Man feindet die anderen nicht an, auch wenn in der Pause die Bläser und die Streicher jeweils eher mit ihresgleichen abhängen. Profiorchester können allerdings echte Haifischbecken sein, das hört man immer wieder…

      • In der Pause schaue ich immer in den Orchestergraben und sah diesbezüglich auch noch keine Unauffälligkeiten. Vermutlich gibt es nur kleine Sticheleien zwischen den Musikern. Ähnlich wie bei Autoren. Haben Sie schon den Artikel von Herrn Herbst zur Götterdämmerung gelesen? Das trübt doch glatt meine Vorfreude auf dessen was da kommen könnte. Aber bis jetzt habe ich noch nicht mal Karten. Waren Sie schon mal in der Stuttgarter Oper? Falls nicht, dann besuchen sie dort unbedingt eine Aufführung. Ich bin dort im Sommer und höre mir Der Schaum der Tage an.

      • Nein, habe den Text von Herbst bewusst nicht gelesen, weil ich befürchte, ich könnte das alles dann nur noch durch seine Brille sehen. Ich les es dann, wenn ich selber drin war.

  3. Aber der Winter soll doch am Wochenende schon wieder über uns hereinbrechen … Egal. Mir war heute auch der Vorfrühling die Hauptsache. Wie überhaupt Sonne oder Vogelzwitschern oder ein Gang über den Wochenmarkt die Dinge wieder in die richtige Relation setzen können.

    Diese Luciana-Glaser-Geschichte kannte ich auch noch nicht.
    Aber das Buch hatte ja eine Bedeutung für Sie und Ihren Freund Glaser. Die Erinnerungen, die damit verbunden sind – schade, wenn es sie nicht gäbe. Also wäre dem Fake sogar zu danken? Jedenfalls ist er nicht persönlich und vor allem nicht so wichtig zu nehmen. Denn schließlich: Frühling draußen!

    Für mich ist, wie auch für Melusine, die wirklich interessante Frage, warum wir schreiben und lesen. Und wozu. Was uns antreibt, wo wir hin wollen.

    LG, Iris

    • Oh nein, am Wochenende wieder Winter? Ich bin jetzt schon ganz in Frühlingsstimmung. Am Ende bin ich selber schuld, weil ich das „Winterende“ zu früh herausgeschrien habe.
      Warum wir lesen und schreiben, das weiß ich letztlich auch nicht, das sind so letzte Fragen. Vermutlich hat Melusine recht: wir kommunizieren dadurch. Dass wir es über das Medium der Schrift tun, erhebt die Kommunikation über das normale Alltagsgerede, weil man mehr nachdenkt, bevor man etwas schreibt. Gesagt sind Sätze ja immer sehr schnell. Andererseits ist ein wirkliches Gespräch mit echten Menschen, die man körperlich vor sich hat, ja auch wieder viel besser manchmal als jedes Lesen oder Schreiben. Schrift ist im Vergleich dazu ein ziemlich defizitäres Medium, wenn man bedenkt, was man mit Körpersprache und Mimik alles noch dazu sagen kann, zu den gesagten Sätzen. So gesehen total bescheuert dieses Lesen und Schreiben, aber mir macht es dennoch die allergrößte Freude.

      • Aber ein paar Sätze gibt es doch auch, die man im Gespräch womöglich nicht so leicht sagen könnte, beispielsweise im „Anti-Ödipus“ — wem will man so was erzählen? Wer klappte da nicht sofort die Ohren zu in der Kneipe? Und wahrscheinlich muss es darum gehen, in diesem Stil zu schreiben, also das Schreiben dadurch zu rechtfertigen (den unerträglichen Narzissmus, der damit einhergeht, denn Schreiben erfolgt ja unvermeidlich immer aus dem Bauchnabel heraus, es ist ein Bauchnabelreden), dass man Dinge aussagt, die man sonst eben so nicht aussagen könnte.

        Wäre das ein Ansatz? Oder wäre das ein Quatsch?

      • Das Narzisstische, da ist was dran, fürchte ich. Schreiben ist ja auch eine Art, das Wort an sich zu reißen und der Leser muss das schweigend lesen. Schon ein kleiner Blogtext wie der obige – wenn jemand in der Kneipe so lange ununterbrochen reden würde ohne die anderen auch mal was sagen zu lassen, den würde man doch zu Recht für einen unerträglichen Monologisierer halten. Aber ellenlange Romane lesen wir, ohne mit der Wimper zu zucken. Eigentlich echt interessant.

      • Herr blogozentriker, schön dass du so schweigsam bist. Somit hat man als Leser wenigstens was von dir. Ich meine natürlich von deinen Texten.

      • Sie haben so recht, Herr Wolf. Deshalb fasse ich mich grundsätzlich kurz, wenn ich kommentiere. Das mag oberflächlich erscheinen, aber ich lasse auch in der Kneipe lieber die anderen reden und höre zu und trinke derweil mein Bier.

  4. Langes Monologisieren mag tatsächlich manchmal unerträglich sein, doch beim Lesen von Roman schweigt der Leser ja keineswegs, denke ich, sondern spricht sozusagen den Text mit und nähert sich zudem mit seinen Vorstellungen denen des Autors an, woraus dann die Vorstellungs-Welt entsteht, die dem Leser das Lesen so interessant macht. (Dazu könnte ich natürlich noch manches mehr sagen und auch noch Sekundärliteratur runterleiern, aber das erspare ich mir und den Lesern mal, wohlweislich.)

    • Zumal sich ein Roman zwischendurch zuklappen und zur Seite legen lässt. Auch kann man ihn lesen wie man will, so schnell oder langsam, so wohlwollend oder kritisch, so genau oder überfliegend. Man kann ihn wiederholt lesen und sich Notizen an den Rand machen, muss ihn aber auch nicht zuende lesen, könnte ihn sogar in die Tonne treten, wenn er einen ärgert. Keiner verlangt, dass man höflich mit einem Buch umgeht. Was für eine Freiheit.

    • Das stimmt. Finde ich. Dass Wieder-Lesen sich lohnt. Bei sehr guten Romanen auch öfter als alle 10 oder 15 Jahre. Es gibt welche, die lese ich alle Jahr wieder, mindestens in Auszügen.

      Was aber schlimm sein kann beim Lesen von guten Büchern, ist doch trotzdem, dass sie zu Ende gehen. Dann klappt man´s zu und ist —-allein. Ich renne dann los (früher, heute bestell ich viel im Netz) und versuche alles zu kriegen, was man von dem oder der Autor/in kriegen kann. Und dann schau ich gelegentlich, während ich lese, wie es „abschmilzt“, wie´s bald nix mehr gibt, weil ich „durch“ sein werde – und dann fange ich an, den Moment rauszuzögern, wie man einen geliebten Gesprächspartner nicht gehen lassen will… Grade geht´s mir so mit Barbara Pym. Schlimm ist das. Obwohl ich genug ungelesene Bücher hier habe. Vor allem den „Nachsommer“, den ich schon so lang lesen soll!

      • Das mit dem Alleslesenwollen geht mir grad mit Alfred Döblin so, und zuvor mit Halldór Laxness und Robert Walser und Beckett und Joyce und ganz früher auch mit Dostojewskij. Im Falle Beckett habe ich mir am „Ende“ dann zwei Erzählungen für’s Späterlesen aufgehoben, damit das Ende sich verzögert, und was passiert: nu‘ komm ich nicht mehr so richtig heran an den Text! Ist eben doch manchmal nicht nur Lesen, das Lesen, sondern ein Leserausch!

  5. @Schlinkert, Iris, Melusine: Ihr habt natürlich recht. Der Leser hat beim Lesen jede Freiheit und ist nicht ein Knecht unter der Knute des Autors, da habe ich übertrieben in meiner Darstellung. Ich hatte nur die Frage des Blogozentrikers als eine Frage aus der Sicht des Schreibenden verstanden. Was treibt uns überhaupt dazu, unsere Gedanken in die Schriftform zu pressen, warum erzählen wir diese Geschichten nicht einfach abends in der Kneipe unseren paar Freunden und damit wären sie erzählt und erledigt? Und da ist doch der blogozentrische Hinweis auf einen gewissen Narzissmus gar nicht so verkehrt, denke ich.

  6. Lieber Andreas,
    ich komme grad eben aus einer echten Kneipe und habe meine Ansichten dort einem Freund kundgetan, und er mir seine, und da man mit Freunden eigentlich immer lustvoll die gleichen Gespräche führt, ist der Welt nichts Wesentliches hinzugefügt. Vielleicht deshalb der Narzissmus des Bloggens – damit nämlich was bleibt vom Gesagten, indem man es „Fremden“ mitteilt und andere, neue Antworten erhält, die wieder zu neuen Fragen führen? Ich persönlich mache beides sehr gerne, das Reden ohne Protokoll und das Ausführen meiner Ansichten a l s Protokoll.

    • Tatsächlich sehnt man sich nach Ewigkeit, und vielleicht ist es auch so, dass man im Kneipengespräch ja ahnt, dass eigentlich nichts von dem, was man sagt, wirklich verstanden wird, weder vom Gegenüber, das uns aus uns völlig unerfindlichen Gründen sympathisch oder nett oder sonst was findet, noch von uns selbst, die wir uns ja allesamt auch immer fremd bleiben. Und da gibt man halt diese Flaschenpost auf, schickt ein Bekennerschreiben an Unbekannt ab in der Hoffnung, eines Tages möge uns einer entziffern, unser Geheimnis lüften, die geheime Struktur unserer Existenz, die uns notwendig fremd bleibt, aufdecken. Das ist der eigentliche Narzissmus, nicht wahr? Das verdeckte Motiv, eines fernen Tages möge sich unser Gestammel und Gestoppel als von Goetheanischer Qualität erweisen … Wobei man hinzufügen muss, dass man gleichermaßen die Wette darauf macht, dass auch die Nachwelt uns missverstehen wird, uns falsch deuten, nicht das Geringste von dem kapiere, was wir meinen, was uns ausmacht, was uns antreibt. Selbst wenn einer sagte: „Ja, der Andreas Wolf, das war ein neuer Rimbaud!“, dann lachte doch in dir der Schalk und sagte: „Na, so ein Schmarren!“ Und so beweist uns das Schreiben letztlich nichts anderes als — unsere Freiheit von der Meinung anderer.

      • „Bekennerschreiben an Unbekannt“, super, das trifft´s genau. Der Blogozentriker kommt mir übrigens immer vor wie ein Gemeinschaftsprojekt von Charles Bukowski und Robert Walser. (Damit dein innerer Schalk auch mal was zu lachen hat…)

  7. Bin leider nicht in HH eingeschneit und auch fürs Duzen und für die gleichberechtigte Existenz virtueller und realer Kneipen.
    Prost!

    • Schade, dass das mit dem Einschneien nicht geklappt hat. Dann hätte der blöde Schnee ja auch gleich ganz wegbleiben können. Aber immerhin schön, dass du zurück bist in der virtuellen Kneipe. Prost Neuschnee!

  8. Woanders – diesmal mit dem Winterende, Militärruinen, der deutschen Sprache und anderem | Herzdamengeschichten

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