Tagebuchmimetischer Netzdreck

Ostersonntag: Unablässig fällt Schnee vom Himmel und verhängt alles. Als ich aufstand, lief im Fernsehen schon der Papst. Auf dem Petersplatz regnete es sturzbachartig und der Papst zelebrierte seine Ostermesse vor einem Meer von Regenschirmen. Socken strickend vollzieht meine Mutter in ihrem Fernsehsessel die Papstmesse mit, beim Segen Urbi et Orbi legt sie das Strickzeug weg und bekreuzigt sich, dann strickt sie weiter. Als ich das sah, war ich kurz davor, einen spöttischen Kommentar loszulassen, hielt mich aber zurück und war im nächsten Moment schon ganz gerührt von der naiven Gläubigkeit, die aus dieser Geste sprach. Nur meine oberflächliche Sicht der Dinge ließ es mich im ersten Moment lächerlich grotesk erscheinen, dass sich jemand vor einem Fernsehapparat bekreuzigt. Das Medium hebt in Wahrheit wirklich die Distanz zwischen dem leibhaftigen Papst und dem Einzelheinz vorm Fernseher völlig auf. Der Segen ist voll gültig, allein weil meine Mutter das so sieht. Und der Papst selber ist ja auch nur ein Medium, dessen Gott sich bedient, von dem der Segen ja eigentlich kommt. Eine mediale Papsttheorie…

Das war mein Ostern vor fünf Jahren. Beweis dafür, dass ein verschneites Ostern immer mal wieder vorkommt, im Alpenvorland jedenfalls sowieso. Gleichzeitig war das der letzte Absatz eines ungefähr 300-seitigen Manuskripts, wenn man diesen disparaten Textwust überhaupt so nennen will. Am Karfreitag 2007 war mir die Idee gekommen: ein Jahr lang so viel wie möglich in den Computer hineinschreiben, genau bis zum Ostersonntag des folgenden Jahrs, und dann aus diesem Material ein Buch machen, zu Suhrkamp schicken, fertig. Keine Interviews, keine Lesungen, Nobelpreis lässig ablehnen, oder vielleicht doch annehmen, das würde man dann sehen.

Als ich am Ostersonntag 2008 mit meiner sockenstrickenden Mutter die Papstmesse schaute, war schon klar, dass dieser Plan gescheitert war, und außer die 300 Seiten um den gröbsten Unfug zu bereinigen und das Ganze auf 80 Seiten runter zu kürzen, habe ich auch nichts mit diesem Wirrwarr je mehr angefangen. Stattdessen machte ich ein neues Dokument auf, das ich als Hommage an meinen Namensvetter Ror „Fortsetzung des Berichts“ nannte, und schrieb einfach weiter. Immer weiter, immer alles auf die Festplatte. Lustigerweise war mir dabei völlig klar, dass das, was ich da machte, eigentlich Bloggen war, es fehlte bloß der Publish-Button. Nach dem Scheitern des Karfreitagsprojekts waren auch die Suhrkamp- und Nobelpreis-Phantasien aus meinem Hirn gestrichen, ich wollte kein Buch mehr schreiben, wusste jetzt, dass ich das nicht kann. Mir fehlt dafür der lange Atem. Den großen Spannungsbogen schlagen: das kann ich gar nicht. Stattdessen jeden Text neu aus dem Nichts heben, keinen vorher fein ausgelegten Erzählfaden wieder aufnehmen, nein: immer von vorn anfangen, jeden Tag neu. Dietmar Dath nannte das mal „tagebuchmimetischen Netzdreck“, Rainald Goetz hingegen pries es in einem Vortrag als die beste Serie, die es überhaupt gibt: die Serie der gelebten Tage: „Das Tagebuch fesselt nicht, […], es bannt den Leser nicht, es gibt ihn frei. Die im Tagebuch gespeicherte Zeit des Autors zwingt den Leser nicht zur Sukzession. Er ist automatisch eingeladen zu springen, zu federn, zu schwingen, im Dialog damit sich selbst dabei zu sehen und zu untersuchen. Aus Fragmenten tritt das Autor-Ich ganz direkt hervor.“ (ab 6:40 ungefähr)

Keine Ahnung, warum ich so ewig damit gezaudert habe, ein Blog anzulegen und auf Publizieren zu drücken. Vielleicht war die jahrelange Schreibübung zuvor erforderlich, bevor ich das anderen Menschen zumuten zu können glaubte. Oder war der Wunsch zu groß, ein echter Schriftsteller zu sein, mit gedrucktem Buch in der Hand? Ein Buch, das die Leute fesseln würde, sie in den Bann ziehen? Heute will ich keinen mehr fesseln oder bannen. Bin glücklich mit meinen Fragmenten. Und freu mich immer, wenn ich merke: ein paar Leute federn und springen und schwingen mit mir mit.

Frohe Ostern.

Publish.

Horror Barras

Letzte Woche habe ich mir im Fernsehen „Unsere Mütter, unsere Väter“ angeschaut, weil mich das Thema Weltkrieg erstens eh interessiert und weil dieser Dreiteiler in den Medien als so etwas sensationell Gelungenes angekündigt wurde, dass ich das dann eben auch sehen wollte. Wahrscheinlich waren meine Erwartungen durch das mediale Vorbrimborium in viel zu hohe Höhen geschraubt worden, ich war jedenfalls von der ersten Szene an enttäuscht. Die ganze Haltung der Schauspieler und ihre Art zu reden schien mir viel zu heutig, die Dramaturgie folgte verlässlich den von Hollywood geprägten Standard-Schnittmustern. Wenn etwa Friedhelm, der als Hölderlin lesender Feingeist in den Krieg gegangen war und dann sukzessive zur gefühllosen Kampfmaschine sich gewandelt hatte, am Ende seinen alten Freund Viktor, den Juden, zufällig im Wald trifft, ihm das Gewehr auf die Brust setzt und statt seiner dann doch den plötzlich hinter Viktor aufgetauchten SS-Mann erschießt – das ist eine hundertprozentige Westernszene, auch in der ganzen Art wie das gefilmt und geschnitten ist: von High Noon bis Der mit dem Wolf tanzt rauschten mir bildlich die Assoziationen durch den Kopf. Der historische Hintergrund bleibt bei solcher Ästhetik genau da, wo das Wort ihn eh schon hinstellt: ziemlich weit im Hintergrund.

Dabei hätte mich die Grundidee ja genau interessiert: ein Film über den zweiten Weltkrieg, aber ohne Hitler und Rommel. Der Blick stattdessen auf die ganz normalen Leute gerichtet. Aber allein zum Beispiel, dass sich diese fünf Freunde, deren sehr unterschiedliche Wege durch den Krieg da erzählt werden, immer wieder rein zufällig über den Weg laufen, das ist so unglaubwürdig, so offenkundig bloß den gängigen dramaturgischen Schablonen geschuldet, an die man sich wohl gekettet fühlte, weil man ja ein ZDF-Primetime-Publikum bei der Stange halten muss, dass der Film als Ganzes dadurch für mich völlig ins Fiktionale gerückt wurde und keine Erzählung mehr über die Wirklichkeit, die Realität, die echte Menschen in diesem Krieg wirklich erlebt haben.

Mittlerweile sind die alle tot, ich kenne keinen lebendigen Weltkriegs-teilnehmer mehr, weswegen Schirrmachers pathetisches Getöne, dies sei die letzte Gelegenheit, einen generationsübergreifenden Dialog über dieses Thema anzufachen, mir von Anfang an irgendwie seltsam vorkam. Da ist doch keiner mehr da.

Gleichzeitig konnte ich mich in den Kritikern des Films auch nicht recht wiedererkennen, Diez zum Beispiel, dessen Kritik schon so seufzend anhub, er wisse doch schon alles über diesen Krieg, ob er sich dies jetzt wirklich nochmal ansehen müsse. Diese gelangweilte Bescheidwisserei erscheint mit angesichts einer solchen Menschheitskatastrophe eben auch verfehlt. Ich hab da auch schon viel drüber gelesen, mir viele Dokumentationen angeschaut, und dennoch bleibt das Gefühl, eigentlich nichts zu wissen, nichts begriffen zu haben.

Deswegen las ich danach direkt „Die Stalinorgel“ von Gert Ledig, ein Buch, das schon seit längerem auf meinem Lesestapel liegt und sich jetzt aufdrängte. Heftigste Lektüre. Hier wird nichts begründet, keine Erklärungsversuche für den Wahnsinn des Krieges, hier wird der Irrsinn nur beschrieben, der Horror. Achtundvierzig Stunden des Jahres 1942 an der Front, südlich von Leningrad. Das totale Grauen. Ein sinnloser Kampf um ein bisschen verwüstetes Land, eine namenlose Anhöhe. Da kämpfen alle bloß noch ums eigene nackte Überleben, es geht eigentlich gar nicht mehr um Deutsche gegen Russen, sondern jeder gegen jeden, im völligen Wahn. Alle Begründungen oder rationalen Handlungsmaximen sind außer Kraft gesetzt, der Mensch wird zu einer nicht berechenbaren Maschine:

Der Hauptmann konnte sich keine Gedanken mehr darüber machen, ob er richtig handelte oder nicht. Er handelte aus Instinkt. Er hob einen Stein auf, wickelte sein schmutziges, immer noch etwas weißes Taschentuch darum, und warf ihn dem Rotarmisten, der plötzlich im Eingang des Unterstandes auftauchte, vor die Füße.

Das Leben der beiden hing in diesem Augenblick nur vom Zufall ab. Ein Mensch, der dreihundert Meter unter MG-Feuer und detonierenden Handgranaten über freies Feld läuft, dann durch ein Labyrinth fremder Gräben um sein Leben rennt und zuletzt mit einer gezogenen Handgranate, die in drei Sekunden explodieren wird, vor einem feindlichen Unterstand steht, ist nur eine Maschine. Er kann einen Stein mit einem Taschentuch nicht sehen. Er kann ihn sehen und sich nichts dabei denken. Er kann sich in einer Art Blutrausch befinden. Er kann aber auch sofort wissen, was das bedeutet und trotzdem seine Handgranate in den Unterstand werfen, weil er nicht weiß, wohin damit. Daß der Russe die Handgranate über den Grabenrand warf, war Zufall.
(Gert Ledig, Die Stalinorgel, Suhrkamp 2003, S. 109)

Der Zufall und der Tod sind die Hauptdarsteller des Buches, es gibt keine Helden und keine Heldentaten, die Menschen sind nur Schlachtvieh, Kanonenfutter: Nebendarsteller. Der Verlust ihrer Individualität wird unterstrichen dadurch, dass sie keine Namen tragen, nur beim militärischen Rang werden sie genannt: der Melder, der Feldwebel, der Hauptmann, der Major. Jeder Zeile merkt man an, dass Ledig das selbst erlebt hat. Hier spricht ein Augenzeuge, so ein krankes Horrorszenario könnte niemand einfach so erfinden an seinem Schreibtisch.

Mein Großvater starb, als ich fünf war, den konnte ich nichts fragen. Es wird aber erzählt von ihm, dass er sowieso nie über den Krieg gesprochen hat, das Thema soll Tabu gewesen sein. Wenn ihn jemand danach gefragt habe, sei er sofort durchgedreht. Einmal, Mitte der Fünfziger, als öffentlich gerade das Thema Bundeswehr und Wiederbewaffnung diskutiert wurde, soll ein Mann bei uns in der Gaststube erschienen sein, so erzählt meine Tante, die damals ein Kind war, der habe meinen Großvater als alten Kameraden freudig begrüßt und mein Großvater soll hingegangen sein und gesagt haben: „Verlassen Sie sofort mein Haus!“ Und habe ihn also wirklich rausgeschmissen und danach erzählt, dass das genau so eine Drecksau war, der in den letzten Kriegstagen noch Deserteure exekutiert habe. Nie wieder Barras, soll er zu meiner damals ungefähr elfjährigen Tante gesagt haben, sonst fängt der ganze Scheiß von vorn an.

Oft habe ich mich gefragt, was dieser Großvater, den ich nur so wenig kennengelernt habe, wohl zu meinem Leben so kommentieren würde. Meistenteils sah ich ihn dabei resigniert den Kopf schütteln. Aber dass ich nicht zum Barras ging, sondern Zivildienst machte, das hätte er wohl gut geheißen.

Requiem in c-moll

Zwanzigster März, heiliger Scheißdreck, so fluchte ich heute morgen vor mich hin, während ich die zentimeterdicke Eisschicht vom Auto kratzte. Und während ich so fluchte und schabte, überkam mich plötzlich die Erinnerung an die Beerdigung meines Vaters. Die war am fünfzehnten März gewesen damals, Jahre her schon wieder. Der Himmel war bedeckt. Es war kalt. Ich trug den Lodenmantel, den ich mit ihm zusammen Jahre zuvor in München gekauft und seither nie getragen hatte. Jetzt war der Moment für diesen Mantel gekommen. Zuerst standen wir in der Aussegnungshalle am alten Friedhof neben dem Sarg. In einer langen Schlange standen aufgereiht die Leute, die Blicke in den Boden gedrückt, der Reihe nach rückten sie vor und spritzten Weihwasser auf den Sarg. Danach das Requiem in der Kirche. Weil mein Vater Musiker war, spielte man das Huber-Requiem mit Chor und Orchester, normale Nichtmusiker kriegen nur ein Orgelrequiem. Vertrauteste Musik für mich. Als Schüler war ich immer froh, wenn ein Requiem war, dann bekam ich schulfrei und statt sechs Stunden Unterricht spielte ich eine Stunde Cello in der Kirche, das war natürlich gut. Von der Empore aus beobachtete ich immer die unten sitzenden Leute und fühlte deren Trauer niemals mit. Jetzt saß ich selber unten und wäre lieber oben gewesen, hätte lieber oben gespielt, als unten in der Kirchenbank zu sitzen. Ein seltsam quälendes Gefühl, diese Musik nicht spielen zu dürfen, sondern hören zu müssen.

Danach raus zum neuen Friedhof zur eigentlichen Beerdigung. Der Sarg noch einmal ausgestellt, wir wieder daneben, das halbe Dorf im Halbkreis außen rum gruppiert, der Weihrauch und die Beschwörungsformeln des Pfarrers, ich war schon halb benommen. Dann über den vereisten Weg hinüber zum Grab, meine Mutter krallte sich in meinen Arm, unendlich langsam gingen wir hinter dem Sarg her. Noch einmal aufstellen, noch einmal Reden und Gebete, und währenddessen fing es an zu schneien, erst nur ein wenig, aber während die Trauergemeinde uns so abschritt, immer Weihwasser aufs Grab, bekreuzigen und dann an der Familie vorbei, schneite es immer heftiger. Der Lodenmantel erwies sich jetzt als ideales Kleidungsstück. Wir gehen erst, wenn alle weg sind, flüsterte meine Mutter mir zu. Und so standen wir da, im mittlerweile dichtesten Schneetreiben, bis außer uns nur noch der Totengräber mit der Schaufel in der Hand da war. Als wir uns auch dem Ausgang zuwandten, begann er mit dem Zuschaufeln.

Am nachmittag ging ich mit meiner Mutter dann nochmal auf den Friedhof, um alle Kränze, Schalen und Gestecke genau zu protokollieren, damit man korrekte Dankesschreiben formulieren konnte. Es schneite immer noch, durch scheußlichsten Schneematsch musste ich ums Grab herumstapfen, und als die Liste endlich erstellt war, war ich wieder völlig durchnässt.

Aber am nächsten Tag war wie von Zauberhand der Frühling plötzlich da. In Windeseile schmolz der Schnee dahin, die Sonne strahlte und die Vögel pfiffen, was es sehr erleichterte, die durch den Todesfall ausgelöste Gedanken- und Gemütsschwere so langsam wieder abzustreifen.

Wie gesagt, das alles ist jetzt Jahre her schon wieder, und eigentlich wollte ich ja bloß kurz über das Wetter jammern, ich entschuldige mich hier gleich mal vorsorglich für diesen viel zu ausführlichen Exkurs. Es ist bloß so, dass solche Todesdaten sich der Erinnerung eben besonders einprägen, und deshalb ist für mich seither der sechzehnte März der gefälligst einzuhaltende Stichtag für den Frühlingsbeginn, was die letzten Jahre über immer so verblüffend gut gestimmt hat, dass mich der Winter, den ich vor fünf Tagen noch stoisch hinnehmen konnte, jetzt plötzlich völlig fertig macht und düsterste Gedanken mir das Hirn vernebeln: Was wäre, wenn der Frühling einfach gar nie mehr käme? Wenn es Winter bliebe für immer?

 

 

Pikdamengeschichte

Also: Es fing an am Samstag abend, als ich plötzlich von der Idee befallen war, mal einen Blogtext nach Art des Blogozentrikers zu schreiben, mit sprechenden Namen, bisschen Paranoia, und einem verblüffenden, sehr verknappten Ende. Ich fing an das zu schreiben, es machte Spaß, fast erlag ich der Illusion, ich wäre der Blogozentriker, und am Sonntag schrieb ich das dann schnell fertig, während der Sohn seinen Mittagschlaf hielt und die Tochter mit dem Nachbarskind Dornröschen im Fernsehen schaute. Ich postete noch ziemlich hektisch den Text ins Blog hinein und machte mich dann schnell auf ins Schillertheater zur Götterdämmerung, die super war, die Inszenierung zwar verhauen, aber Barenboims Dirigat dafür genial, die sechs Stunden vergingen wie im Flug.

Am nächsten Morgen, Montag also, brachte ich Wagnermelodien vor mich hersummend die Tochter in den Kindergarten, und wollte dann bloß ganz kurz mal schauen, wie es meinem neuen Text ergangen war in der Zwischenzeit. Ich klickte auf die Blogstatistik und erstarrte.

„Oh“, sagte ich zur Pikdame, „ich glaube Buddenbohm empfiehlt mich hier gerade in seinen Linkempfehlungen.“ – „Buddenbohm? Nicht dein Ernst. Welchen Text?“ – „Winterende.“ – Draußen fiel unbeirrt neuer Schnee.

Schneller als ich erfasste die Pikdame den Ernst der Lage: „Jetzt musst du sofort nachlegen! Abliefern!“, sagte sie, während ich mich noch blöde an den Klickzahlen berauschte, die wie entfesselt durchs Dach schossen. Auch am Dienstag hielt dieser unfassbare Besucherstrom noch an, aber spätestens am Mittwoch wurde klar, dass ich doch auch mal wieder selbst was schreiben müsste, aber worüber nur, in meinem Kopf saß plötzlich so ein Mini-Buddenbohm, der alle meine Themenvorschläge gnadenlos ablehnte. Über die neue Kassiererin bei Edeka vielleicht, die nicht wusste, was ein Wirsing ist und ihren Kollegen dann mit angewidertem Gesichtsausdruck fragte, welche Nummer denn die, äh, der, äh, dieses Grüne da habe? Nein, nicht lustig genug, auch in keiner Weise ausbaufähig, sagte der neue Chefredakteur meines Gehirns. Ja, ok, stimmt ja. Aber hier vielleicht, das könnte doch was sein: Wie ich überrascht feststellte, dass ich auf Twitter einem leeren Stuhl folgte, der mit blauem Häkchen versehen als der wahrhaft echte leere Stuhl authentifiziert war?

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Hm, naja, probiers halt mal, aber mach schnell, das Konklave tagt bereits. Natürlich war ich viel zu langsam, bereits am selben Abend hatte sich der Stuhl wieder in Pontifex umbenannt. Nix mit Wirsing, nix mit Papst, ein drittes Thema musste her, jetzt war schon Donnerstag, verflucht. Verzweifelt blickte ich im Zimmer herum. Worüber schreibt denn der Buddenbohm immer so? Aber natürlich, wie Schuppen fiel es mir jetzt von den Augen: die Kinder!

Beim Abendessen nahm ich die Kinder scharf ins Visier, volle Konzentration, nichts durfte mir entgehen. Die lustigen Kindersätze kommen immer gänzlich unangekündigt, dachte ich, du musst nur warten, nicht nachlassen in der hundertprozentigsten Aufmerksamkeit, wie ein Jäger auf dem Hochsitz. Aber nichts geschah. Der Sohn löffelte stoisch seine Tomatensoße, nachdem er die Nudeln fein säuberlich vom Teller geklaubt hatte, während die Tochter das Dornröschenlied mit improvisiertem Nonsenstext sang und gar nichts aß. Nichts besonderes, alles wie immer, nachher würden wir wieder Butterbrote für sie schmieren.

Schließlich riss mir der Geduldsfaden: „Macht doch mal was Lustiges!“, herrschte ich sie an. Fragende Kindergesichter blickten schweigend zurück. „Buddenbohms Kinder machen ständig lustige Sachen“, fügte ich noch hinzu. Sie schwiegen weiter und rührten sich nicht. „Was ist ein Buddenbohm?“, fragte schließlich die Tochter. „Sowas ähnliches wie ein Lobo“, wollte ich noch antworten, aber da waren sie schon getürmt und spielten Bobbycar-Laufrad-Verfolgungsrennen im Flur. Es war zum Verzweifeln.

Allegro spirituoso (un poco blogocentrico)

– Der R. zum Beispiel.
– Ach, der R., ja. Was macht der jetzt eigentlich?
– Wer weiß das schon. Wo ist denn der jetzt überhaupt?
– In Regensburg ist er jedenfalls nicht mehr, da war er mal.
– Nein, das war Passau.
– Ach so, Passau. Aber vorher war er doch schon in München. Wahrscheinlich ist er wieder nach München.
– Nein, nein, unmöglich. Die W. hat erst neulich erzählt, oder eine Zeitlang ist es schon her, hat sie erzählt, dass er nach Österreich gegangen ist, irgendwie Salzburg oder so, glaub ich.
– Ach? Was macht er denn in Salzburg?
– Das war ja eh die Frage, was er macht. Ist ja egal, ob in Salzburg oder in Innsbruck.
– In Innsbruck ist er bestimmt nicht, nie gewesen, das weiß ich ganz sicher, weil in Innsbruck wohnt mein Neffe, das wüsste ich also, wenn der auch da wäre.
– Von wem redet ihr denn?
– Vom R., du kanntest doch auch den R., von früher her, oder?
– Sicher. Der R. Der ist doch nach England rüber.
– Nein, das war der andere, der ist gar nicht mehr in England, der baut jetzt Staudämme in China, ganz groß, aber den meinen wir nicht. Den anderen R., der zuerst in München war und dann in Regensburg.
– Nicht Regensburg: Passau.
– Oder Passau halt dann. Der jedenfalls, von dem reden wir.
– Ach, der. Ja, ich erinnere mich schon an den. Was macht der jetzt eigentlich?
– Das ist ja gerade die Frage.
– Ach so, naja irgendwas wird er schon machen in seinem Innsbruck.
– Nein, nicht Innsbruck, das ist unmöglich, hab ich doch gesagt.
– Ja, aber irgendwas wird er doch trotzdem machen, irgendwas macht doch jeder, ob jetzt in Innsbruck oder Salzburg, ist doch egal.
– Der R.? Das weiß ich zufällig. Der R. war ja nämlich in der Schule schon so gescheit, so ein Gescheiter, so belesen, immer gelesen hat der doch. Der schreibt ein Buch. Da werdet ihr noch alle schauen. Ein Buch schreibt der.
– Ein Buch? Ich weiß ja nicht. Wirklich? Aber zu ihm tät’s passen.
– Ein Buch also.
– Ja, er war ja immer so gescheit.

Erschöpft sackte Dr. R. Unwegener in seinen Sessel zurück. Er klappte den Rechner zu und legte ihn weg. Solange die verfluchten Stimmen in seinem Kopf nicht aufhörten durcheinanderzureden, würde er nie etwas schreiben können, keinen Buchstaben, schon gar kein Buch. Er öffnete die zweite Flasche Wein und starrte durchs Fenster auf das nächtlich illuminierte Zürich.

– Ach, jetzt weiß ich es wieder: in der Schweiz ist der doch jetzt!
– Natürlich, genau, das hat ja auch der Dings erzählt kürzlich: nach Zürich ist er.
– Ach, Zürich, soso.
– Ja, und er schreibt nicht einfach ein Buch, sondern gleich eine ganze Roman-Trilogie.
– Wenn schon, denn schon.
– Wer hätte das gedacht.

Unwegener klappte den Computer wieder auf und besah das immer noch geöffnete Word-Dokument: „Musils Vermächtnis. Erster Band: Bekennerschreiben an Unbekannt.“ Darunter weißes Geflimmer. Er klickte es weg. Nicht speichern. Die Spuren noch besser verwischen, dachte er, noch besser verwischen, gar keine Spur mehr hinterlassen. Er zog die Vorhänge zu, setzte sich wieder an den Rechner. Wohnen > Wohnungen zur Miete > Detmold. Dort würde er in Ruhe arbeiten können. Niemand würde ihn dort je aufspüren. Im Hochgefühl von Aufbruch klickte er sich durch die Annoncen.

 

Winterende

Die Sommerferien 1990 brachte ich im Graben zu. Im Orchestergraben, genauer gesagt, ich spielte Cello im Passionsorchester und nebenan an der Bratsche saß der Glaser. So lernten wir uns eigentlich erst richtig kennen, einen Sommer lang zusammen in diesem Passionsorchester zu spielen ist nämlich eine sehr gute Gelegenheit, um eine Freundschaft zu begründen, denn da muss man immer zehn Minuten lang im Graben ein Stück spielen und dann hat man wieder eine halbe Stunde lang Pause, während der die droben dann Theater spielen, und der Musiker kann derweil tun, was er will. So geht der ganze Tag dahin. Die einen spielten Schafkopf, Fagott und Kontrabass duellierten sich schweigend im Schach, die Blechbläser versammelten sich in der Kantine. Ich war fünfzehn, weswegen die verrauchte Kantine mich damals eher weniger anzog, Schafkopf hingegen konnte ich ganz gut, die spielten aber, anders als auf meinem Pausenhof, um Geld. Grundtarif zehn Pfennige, aber wenn es schlecht läuft, kann sich das schnell hochsummieren, und als ich einmal an einem Tag fast zehn Mark verloren hatte, da lachten meine großen Mitspieler nur, für mich war das aber ein Haufen Geld damals und ich blieb der Kartenrunde von da an fern. Was aber nun tun in diesen Pausen?

Da kam der Glaser eines Tages mit einem Buch daher: Winterende von Luciana Glaser. Die Übereinstimmung der Namen war ja schon lustig, das Buch sei aber wirklich gut, ich solle es unbedingt lesen, sagte er, und drückte mir das Buch in die Hand. Ich las es also, auf der Wiese hinter dem Theater im Gras liegend, und fand es toll: es war emotional, unterkühlt und verrückt zugleich, experimentell irgendwie, auf jeden Fall anders und besser als die Schullektüre, die mir damals so vorgesetzt wurde, Maria Stuart und dergleichen. Und es gab der Freundschaft zwischen dem Glaser und mir ein weiteres Standbein: außer über Musik konnten wir jetzt auch über Bücher sprechen. Wir hatten keinen so richtigen Kompass, aber möglichst abgedreht sollten die Bücher sein, genau wie die Musik. Wir wollten Free Jazz, nicht Mozart. Und Winterende war der Startpunkt für diese kompasslose Reise ins Reich der Bücher abseits von Schullektüre und dem Zeug, das jeder liest. Mit Stephen King liefen damals alle herum in der Schule und je zerlesener das Es– oder Sie-Buch aussah, desto cooler schienen sich die Leute zu fühlen, die das vor sich hertrugen. Darauf sah ich fortan herab: Ich hatte Winterende gelesen!

Und dann lebt man halt so weiter, mit Büchern und Musik als stetigen Begleitern, merkt irgendwann, dass Mozart gar nicht so bescheuert war, Free Jazz hingegen eigentlich nur nervt, und baut sich auf diese Weise langsam so einen Kompass, der einen durch diese Welten führt, von denen man anfangs noch gar nicht gewusst hatte, wie unermesslich groß und vielfältig sie wirklich sind.

Aber irgendwann vor ein paar Jahren fiel mir diese Luciana Glaser wieder ein. In der Zwischenzeit hatte sich der Schafkopfbasistarif auf zehn Cent verdoppelt und das Internet war erfunden worden, ich googelte sie also. Die musste sich doch bestimmt auch irgendwie entwickelt haben, hatte sicher neue, andere Bücher geschrieben. Das hatte sie allerdings nicht, wie ich schnell herausfand. Es gab sie nämlich nie. Das ganze Buch war ein Fake. Ein erfolgloser Autor hatte demonstrieren wollen, dass er, mit der passenden jung-weiblichen Biographie ausgestattet, auch ganz schnell einen solchen Mist hinrotzen kann, den der Markt begierig frisst. Und der Glaser und ich, die wir uns so freakig elitär fühlten damals, wir hatten es genau so willig aufgefressen.

Ernüchternde Erkenntnis: das Fundament meines Leselebens ist ein Unbuch. Aber eigentlich ist es dann auch wieder egal, denn so ein Leseleben ist ja glücklicherweise kein Kartenhaus, das deswegen gleich zusammenfiele, und vielleicht ist Winterende ja sogar wirklich ein gutes Buch, könnte ja sein, obwohl es von seinem Autor dezidiert als Scheißbuch intendiert war. Was ist überhaupt ein gutes Buch, und was ist ein Autor? Ach, fragt mich doch was leichteres, mir fiel das jetzt bloß wieder ein, weil ich bei den Blütenblättern etwas über Aléa Torik gelesen habe, die es ja auch nicht wirklich gibt, und dann doch wieder. Aber wenn man darüber nachdenkt, dann ist die Torik-Geschichte mit der von Luciana Glasers Winterende eigentlich doch gar nicht vergleichbar. Anstatt hierüber aber weiter nachzugrübeln, schaue ich zum Fenster hinaus und sehe, dass in der Wirklichkeit der echte Winter tatsächlich zu Ende gegangen ist, und das ist doch jetzt wirklich mal die Hauptsache.