Große Pause

In der U-Bahn. Ein Mann in Frauenkleidern betritt den Waggon, stark geschminkt, mit großem Ohrgehänge, und sofort beginnen die vier Pubertätsjungs, die vorher schon da waren, nervös zu werden, tuscheln sich gegenseitig ins Ohr mit vorgehaltener Hand, tun ganz auffällig unauffällig, schauen immer wieder rüber zu ihm, zerstrahlen ihn mit ihren dummen Blicken, machen sich lustig. Als sie sich beim Aussteigen an ihm vorbeidrücken, darf jeder noch ein dummes Sprüchlein aufsagen, so halb ins Nichts gesprochen, so haben sie sich ihrer dreizehnjährigen Männlichkeit wieder ein klein wenig mehr versichert. Der so Geschmähte hat das derweil alles an sich abtropfen lassen, hat so getan, als sei er blind und taub, und nur sehr traurig vor sich her geschaut. Es ist also gar nichts groß passiert, aber in mir, als dem stillen Beobachter dieser Szene, kochte plötzlich die Wut, dass dieser blöde Pausenhof mit seinen Ritualen, wo die starke Gruppe die schwache fertig macht und die schwache Gruppe sich dann den ganz hilflosen Einzelnen, der ein bisschen anders ist, vorknöpft – dass das nie aufhört. Man verlässt die verfluchte Schule, glaubt diesem Pausenhof entronnen, aber in Wahrheit ist die ganze Welt ein solcher Pausenhof. Ich bin mir mittlerweile fast sicher, dass nicht nur ich, sondern alle innerlich aufatmeten, wenn es nach der großen Pause wieder klingelte zum Unterricht.

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5 Kommentare zu “Große Pause

  1. Das trifft es so gut! Und es zeigt, wie wichtig es ist, Verbündete zu haben, die dann auch in den großen Pausen da sind, bzw. Verbündete zu sein, das eigentlich noch viel mehr (Sie hätten diesem Menschen vielleicht Verbündeter sein können für den Moment? Wie wir alle es des öfteren für jemanden sein könnten, im Grunde eine Form von Zivilcourage. Ich kenne aber auch das Lähmende solcher Situationen, wenn man sich schmerzlich erinnert findet an eigene ähnliche Erlebnisse und plötzlich wieder das hilflose Kind von damals ist.), sonst läuft eine Gesellschaft wirklich Gefahr, sich mehr und mehr reglementierte Räume zu wünschen und zu schaffen.

  2. Warum Bloggen so scheißegal ist | Lafcadios Loch

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