50 Schattierungen von Weiß

[So, bin wieder zurück in Berlin und im Netz. Der Reisebericht fällt diesmal so unspektakulär und angenehm langweilig aus, dass ich ihn lieber wieder am Stück hier einstelle, um Gegenwart und Blog-Zeit möglichst schnell wieder zu synchronisieren.]

17.02.2013
Leicht hektisch-konfuser Morgen, da ich wie immer erst auf den letzten Drücker den Koffer packe. Gegen elf geht Hannah mit den Kindern los ins Naturkundemuseum und ich gleich darauf ins Auto und auf geht’s. Über die sonntäglich LKW-freie Autobahn gleite ich schön entspannt dahin in Richtung Süden, zuerst mit der neuen Tocotronic-Platte, dann Peter Kurzeck: „Unerwartet Marseille“. Dieser sanften Kurzeck-Stimme könnte ich ewig zuhören. Wie schon bei „Ein Sommer, der bleibt“ begeistert mich wieder sein Talent, in freier Rede zu erzählen und dabei gleichzeitig immer wieder überraschende, nicht-stereotype Formulierungen zu finden. Ein bisschen Neid mischt sich auch in mein Hörvergnügen, da Kurzeck von seinen Reisen berichtet, nach Marseille, Prag, Venedig und in der Mittsommernacht bis hoch zum Polarkreis, um einmal zu erleben, wie die Sonne nicht untergeht – und ich befinde mich auf meiner immer gleichen Fahrt ins immer gleiche Oberammergau, heim zur Mama, wie fad.

Für die letzten 200 Kilometer dann noch „Les Contes d’Hoffmann“ von Jaques Offenbach, eine meiner absoluten Lieblingsopern. Während der Fahrt kommt mir der Gedanke, dass das eigentlich als die deutsche Nationaloper gelten müsste, nicht der Freischütz oder die Meistersinger oder was einem sonst noch einfallen mag. Dieses Porträt der zwischen Bierstube, amour fou und poetischem Geniekult zerrissenen deutschen Seele konnte wahrscheinlich in dieser Präzision nur ein Franzose oder Halbfranzose schaffen.

Ziemlich genau mit dem Schlussakkord der Oper komme ich in Oberammergau an, nicht ganz so geschlaucht von den Anstrengungen der Fahrt wie sonst. Das obligatorische Begrüßungsmenü (Weißwürste) hatte ich im Vorfeld gerade noch abwenden können, stattdessen gibt es simple, aber sehr gute Steaks. Einziges Problem: das Augustiner schmeckt mir nicht mehr.

18.02.2013
Winterzauberland. Eisklarer Sonnenschein bestrahlt den meterhoch daliegenden, blütenweißen Schnee. Kleiner Spaziergang, danach Einkaufsrunde durchs Dorf, wobei ich keinem einzigen mir bekannten Menschen begegne. Auf angenehme Weise fühle ich mich fremd, wie ich hier die Straßen und Wege meiner Kindheit entlang laufe. Später Telefonat mit dem Glaser, der mir mitteilt, dass er leider nicht kommen kann, er sitzt in Tirol fest, gibt mir aber einige wertvolle Hinweise für die Zubereitung des Tafelspitz, den ich am Abend machen will: das Fleisch samt der Markknochen zuerst eine Minute in kochendem Wasser überbrühen, dieses Wasser dann wegschütten, frisches Wasser zum Kochen bringen und darin dann den Tafelspitz erst fertigkochen mit dem Suppengrün. So werden die Ekelproteine von vornherein ausgeschwemmt, die man sonst mühsam abschöpfen muss. Als Soße schlägt er Semmelkren vor: gewürfeltes Weißbrot in ein bisschen Brühe einweichen, mit Meerettich, Schnittlauch, Salz, Muskat verrühren, fertig. Mache später alles genau nach diesen Anweisungen, Ergebnis fantastisch, auch meine Mutter ist begeistert. Einziges Problem: Andechser schmeckt mir auch nicht mehr so richtig.

19.02.2013
Wetter nicht mehr so schön, der Himmel hat sich bedeckt. Temperatur knapp über Null, der Schnee schmilzt noch nicht, verliert aber die feinkristalline Struktur, gerinnt zur plumben Masse. Kleine Dorfrunde, ansonsten verbringe ich den Tag hauptsächlich im Haus und lese. Am Vormittag telefoniere ich zum ersten Mal mit Jakob: ich rede, was mir gerade in den Sinn kommt, so in den Hörer hinein und schließlich antwortet er, irgendwie ungläubig, aber auch freudig: „Papa? – Papa?“ – „Ja, genau, ich bin es!“ – „Papa! Papa!“ Viel mehr gibt sein Wortschatz noch nicht her, aber ich freu mich wie irre, dass er mich an der Stimme erkennt, und er freut sich, dass ich mich freue. Arg viele Wörter braucht es manchmal gar nicht für ein gelungenes Gespräch.

Abends telefoniere ich dann auch noch mit Clara, die mir eröffnet, sogleich nach meiner Rückkehr führen wir alle zusammen nach Paris, denn sie wolle jetzt einmal wirklich auf dem echten Eiffelturm stehen. In solchen Momenten vermisse ich diese meine Familie, schon nach drei Tagen der Abwesenheit kribbelt es mir in den Zehenspitzen, dass ich nicht dort bei ihnen bin, sondern hier unten in der Schneehölle stecke. Und andererseits ist es natürlich auch der reine Hochgenuss, einmal drei Stunden lang nichts anderes zu tun, als in totaler Ruhe den Spiegel von vorn bis hinten durchzulesen, um dann aus lauter Übermut noch die Süddeutsche hinterherzuschieben.

Abends im Fernsehen der erste Film aus der Dokumentar-Reihe „Berlin – Ecke Bundesplatz“, über die ich schon im SZ-Magazin gelesen hatte. Über fast dreißig Jahre hinweg haben die Filmemacher ganz normale Menschen aus ihrer Nachbarschaft mit ihrer Kamera begleitet, ihnen beim Älterwerden zugeschaut. Zeit und Normalität, bei diesen Themen bin ich natürlich sofort mit dabei, und obwohl der erste Film um einen nicht ganz hundertprozentig normalen Promi-Anwalt und seine extravagante Frau kreist, begeistert er mich von Beginn an, und letztlich sind ja Rolls-Royce fahrende Millionärsspinner auch ganz normale Bestandteile unserer Gesellschaft. Das zeigt der Film auch sehr schön, ohne es plakativ herauszuschreien: Am Ende sind das auch bloß Menschen. Bin schon gespannt auf die Bäckersfamilie morgen. Die kommenden Abende sind gerettet.

20.02.2013
Als ich erwache bin ich sofort im Zentrum eines polyphonen Brummkonzerts: über Nacht ist jede Menge Neuschnee gefallen und wird jetzt brummend weggefräst. Eine Schneeschaufel nimmt hier fast niemand mehr in die Hand, es wäre auch sinnlos bei diesen Schneemassen, alle fräsen, ich frage mich nur, wo sie den Schnee noch hinfräsen wollen, die Straßen sind ja schon von kaum noch zu erhöhenden Schneemauern gesäumt und jeder freie Quadratmeter wird zum Aufhäufen gigantischer Schneeberge genutzt, zum Vergnügen der Kinder, die darauf herumklettern und sich Höhlen hineinbauen. Einer der monumentalsten Gebirgszüge ist da aufgefräst worden, wo früher das alte Schulhaus stand, dort beobachte ich zwei Kinder beim sehr ernsthaft betriebenen Höhlenbau und erinnere mich, wie mir das auch als Kind der größte Winterspaß war, viel besser als Ski- oder Schlittenfahren: das Höhlengraben in den Schneehäufen.

Nachmittags besuche ich die Anka auf ein Glas köstlichen Apfelsaft. Wie immer gleichen wir erstmal unsere derzeitigen Lektüren ab, empfehlen uns Bücher. Das Tolle bei ihr: sie liest auch viele Sachbücher. Das sehr dicke Buch von Orlando Figes über den Krimkrieg, das ich mir letztes Jahr fast, dann aber eben doch nicht gekauft habe, hat sie tatsächlich gelesen. Das muss ich jetzt vielleicht doch auch demnächst lesen, ich glaube irgendwie, man könnte die Weltkonflikte des 20. Jahrhunderts vielleicht besser verstehen, wenn man diesen fast vergessenen Krieg genauer durchleuchtet und durchdringt. Nach den Büchern noch ein paar ernstere Themen, nur mit wenigen Menschen kann ich mich so angenehm unterhalten, leider muss ich dann bald schon weg, weil ich kochen muss für mich und meine Mutter: Fleischpflanzerl mit Salzkartoffeln und Rahmwirsing, gelingt ausgezeichnet. In der Bierfrage mittlerweile beim Ettaler gelandet, das, naja, geht so.

Abends wieder „Berlin – Ecke Bundesplatz“, die Bäckersfamilie. Der Kontrast zu dem Glamour-Paar von gestern könnte eigentlich nicht größer sein, dennoch scheint eine interessante Parallelle auf: in beiden Folgen erleben wir die Entwicklung der (Ehe-)Frau von einer nur behaupteten zu einer wirklich gelebten Selbständigkeit und Stärke. Sowohl die Anwalts- als auch die Bäckersfrau wirkten am Anfang der jeweiligen Filme sehr stark im Schatten ihrer Männer stehend, die sich ihrerseits zu Beginn in den Achtzigern gerne in der Rolle des Chefs und Machers inszenieren. Und während dann mit der Zeit die Männer durch Krankheit und beruflichen Misserfolg immer schwächer und kleinlauter werden, wachsen die Frauen aus diesem Schatten heraus und stehen plötzlich ganz selbstbewusst, pragmatisch, stark in ihrem Leben. Und scheißen sich nichts mehr, wie man so schön sagt.

21.02.2013
München. Die Stadt: fremd und kalt. Der Termin: öde, zermürbend und viel zu lang. Es ist schon stockfinster, als ich endlich über ziemlich glitschige Straßen vorsichtig nach Hause fahre.

„Berlin – Ecke Bundesplatz“: die Schornsteinfeger. Auch interessant. Bei jedem Film erneut verwundert es mich, wie völlig anders die Welt im Jahr 1986 aussah. Daran müsste ich mich ja eigentlich gut erinnern, da war ich zwölf, aber die Filmaufnahmen zeigen eine mir fremde, lang vergangene Vergangenheit.

Und aus der Zeitung die Nachricht, dass Otfried Preußler gestorben ist. Kurzes Innehalten. Dank für die Bücher. Große Literatur.

22.02.2013
Immer weiter schneit es, unaufhörlich. Himmel und Erde: alles weiß. Ideales Lesewetter. Abends koche ich Schweinsfilet, wieder mit Wirsing und Kartoffeln. Mir wird diese gutbürgerliche Küche jetzt fast schon wieder zuviel, aber meine Mutter freut sich, und da sie selber in der Küche nicht mehr abgehen kann, sie, für die das Kochen zeitlebens ein Hauptdaseinszweck war, bekoche ich sie halt jetzt mit Sachen, die sie mag. Lächelnd, aber auch skeptisch, sieht sie mir beim Kochen zu, redet mir manchmal zuviel rein, begnügt sich dann aber wieder mit der Rolle des Souschefs und schält die Kartoffeln. Sie selber habe als Kind nicht gewusst, dass man Kartoffeln überhaupt schälen könne, erzählt sie Kartoffeln schälend. Die Hungerjahre nach dem Krieg, da habe man nichts Essbares von irgendeinem Nahrungsmittel weggeschnitten. Ich verdrehe innerlich die Augen, weil ich diesen Text wortwörtlich so schon tausendmal gehört habe. Ich kann das nicht mehr hören und zwar genau deswegen, weil es zu einer aufs Wort fixierten Abfolge von Sätzen geronnen ist, immer wirklich exakt gleich, ich könnte das mitsprechen, und so scheint da keine lebendige Erinnerung mehr zu sprechen, sondern nur eine Wiederholung von Worten findet da statt, gebetsmühlenartig. Ich weiß auch, dass jetzt im Anschluss noch die Geschichte vom Luftangriff kommt: Ohne Schuhe im Luftschutzkeller, dann noch vor der Entwarnung mit dem Vater rauf, wegen der Schuhe, vom Balkon aus das brennende Jena gesehen, das Zeiss-Werk in Flammen, und die Schüssel mit dem Milchreis, von Glasscherben der zerborstenen Fensterscheiben übersät. Wie sie den Vater bettelte, sie könne die Glasscherben da rausklauben, er aber den Milchreis unerbittlich wegwarf. Diese Geschichte habe ich auch schon oft gehört, aber sie langweilt mich nicht, weil die Worte hier interessanterweise nicht fixiert sind, da spricht das innere Bild, das in ihr immer noch lebendig ist, und formuliert sich jedesmal neu, immer wieder hörenswert.

23.02.2013
Weiter fällt neuer Schnee. Kaum zu glauben, dass der März vor der Tür steht. Völlige Einigelung jetzt, will überhaupt niemanden sehen und das Haus nicht verlassen. Nur die Zutaten fürs Abendessen muss ich leider kurz persönlich im Supermarkt abholen. An der Kasse entdecke ich im Augenwinkel hinter mir die Frau S. und ducke mich sofort weg. Eine Woche Landleben und schon ist meine Soziophobie so gesteigert, dass ich anfange, mich wie ein halbirrer Kauz zu verhalten. Das muss ich mir dringend merken für den nächsten Anfall, wenn ich wieder vom herrlich ruhigen Leben im Landidyll zu träumen anfange.

Am Abend koche ich uns Topfennudeln mit Kraut, mein Lieblingskinderessen, das ich mir immer gewünscht habe von ihr, so oft ich die Wahl hatte, und sie kochte das dann für mich, auch später immer, wenn ich in den Unijahren zu Besuch kam. Und heute wünschte sie sich das von mir, das ist ja lustig eigentlich, und ich kochte es zu ihrer vollsten Zufriedenheit, bin natürlich auch in Übung, denn meine Kinder lieben dieses Essen auch.

Während ich in der Küche den Teig knete, höre ich aus dem Wohnzimmer den Soundtrack des Fernsehers, ein stakkatoartig vorgetragener Monolog, kann aber die Worte nicht verstehen und frage mich, ob da jetzt gerade eine echte Hitlerrede läuft oder Der große Diktator von Chaplin. Schaue kurz rüber, um das zu prüfen und sehe: Skispringen. Wahrscheinlich muss man so eine langweilige Abfolge von Sprüngen mit ordentlich aufgeputschter Rhetorik kommentieren, um das überhaupt interessant zu machen, wobei ich zugeben muss, dass ich das früher auch toll fand, also Skispringen jetzt, Weißflog gegen Nykänen und so, mittlerweile ödet mich jeglicher Wintersport.

24.02.2013
8.29: Im Traum lese ich bei Gleisbauarbeiten, man mache sich Sorgen um mich, weil ich so lange nichts mehr geschrieben habe und auch auf die Anfrage, ob ich an einem Bloggertreffen in Karlsruhe teilnehmen wolle, nicht reagiert habe.

8.30: Eine liebliche Melodie erklingt, sie wird lauter, ich erwache, die Melodie ist plötzlich nicht mehr lieblich, sondern scheußlich. Erster Wachgedanke: Aha, der Weckton meines neuen Telefons. Zweiter Wachgedanke: Wie beruhige ich am schnellsten jetzt die Blogosphäre?

8.32: Telefon klingelt, Hannah ruft an: Dies ist ein Weckanruf. Ich bin schon wach, antworte ich, merke aber beim Reden, dass das mindestens halb gelogen ist. Aufstehen, Kaffee, Duschen, Kofferpacken. Alles gemütlich.

10.15: Abfahrt. Als Hörbuch zur Fahrt wähle ich komplementär zur Hinfahrt Die Serapionsbrüder von E.T.A. Hoffmann. Vor fünf Jahren habe ich das selbst gelesen und lasse es mir jetzt gerne noch einmal vortragen. Super Buch. Fahrt geht ganz gut, größtes Problem ist der dichte Nebel, der in Oberfranken einsetzt und bis Berlin anhält. Beständig fahre ich auf diese weiße Wand zu, die ich gleichwohl nie erreiche, die immer zurückzuweichen scheint, und weiß natürlich, dass ich schon lange ganz und gar darinnen bin, in diesem allumschlingenden Weiß.

18.20: Ankunft daheim.

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8 Kommentare zu “50 Schattierungen von Weiß

  1. Vermisst habe ich die Blogbeiträge. Und werde so schön entschädigt für die Zeit des Wartens mit diesen Schattierungen von Winterweiß. Und einem Mann namens Glaser, der ein Rezept für Tafelspitz hat. Mit Semmelkren. Mein Lieblingsessen. Ungelogen. Als sei es ein Roman von…Topfennudeln. Kenn ich nur aus dem österreichischen Kochbuch. Ich lese gerne Romane, in denen gekocht und gegessen wird. Aus vielen Gründen. Darüber – wie gekocht und gegessen wird – und warum, in Romanen, meine ich, und im Leben , könnte eine auch mal schreiben. Oder einer.

    Man hat Sie vermisst bei den Gleisbauarbeiten. Nur die Verbindung zu Karlsruhe, die will mir noch nicht recht einleuchten….

    Herzliche Grüße

    • Ich koche ja sehr gern und schreib bloß sonst nie darüber, weil ich Angst habe, zu einem bloßen Food-Blogger zu verkommen. Der ominöse Glaser ist ein Meisterkoch und hat mich im Nachhinein wissen lassen, dass er die Semmelkren-Soße eigentlich als warme Soße gedacht hatte, ich hab die aber kalt angerührt und fand das gut. Wie halten Sie das?

      Wie ich im Traum auf Karlsruhe kam ist mir selber schleierhaft.

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