Die Einsamkeit des Cis

Schon seit zwei Wochen irritiert mich ein sporadisch auftretendes, irgendwie elektrisch hochfrequentes Knistern im linken Ohr, welches sich heute morgen auf so unangenehme Weise steigerte, dass mich plötzlich die Panik befiel, kurz vor einem Hörsturz zu stehen, so dass ich entgegen meinem ursprünglichen Plan beschloss, doch noch vor meiner am Sonntag anzutretenden Reise nach Bayern einen Arzt aufzusuchen, welcher mich zwar gründlich untersuchte, mir sogar Blut abnahm und ins Labor weiterschickte, mich dann aber, wie zu erwarten gewesen war, wegen des Knisterns zum HNO weiterverwies, der aber heute leider geschlossen hatte, Termin erst morgen möglich.

Ich ging also wieder heim und lauschte einigermaßen niedergedrückt den immer wieder aufknisternden Geräuschen in meinem Kopf, als mich die Nachricht erreichte, dass heute der Todestag von Richard Wagner ist. Vor 130 Jahren sank er in Venedig an seinem Schreibtisch zusammen, wo er zuletzt noch die Worte „Liebe ­­– Tragik“ aufgeschrieben hatte.

Der Musik Wagners war ich ein paar Jahre meines Lebens vollkommen verfallen, ja ausgeliefert, ich studierte das bis ins Detail, und im Ganzen riss es mich dann wieder in die Sphären der Verzückung. Das hat sich mittlerweile gelegt, weswegen ich heute vielleicht objektiver die Leistung Wagners für die Musik würdigen kann. Er hat das tonale System an seine Grenze geführt und es hat nach Wagners Tod dann nicht mehr lange gedauert, bis die Grenze endgültig überschritten und die sogenannte klassische Musik am Ende war.

Franz Liszt steht dafür exemplarisch. Er überlebte Wagner um drei Jahre und sein Totenlied auf den Freund, Schwiegersohn und Kontrahenten ist ein bemerkenswertes Stück:

 

Das Stück hat keine Vorzeichen, es steht aber auch nicht in C-Dur oder a-moll, wie man deswegen meinen könnte. Nein, es hat überhaupt keine Tonart mehr. Wie um dies extra noch zu unterstreichen, lässt Liszt das Stück auf einem dumpfen, hoffnungslosen Cis enden. Denn ein C-Dur-Stück hat bestimmt sehr viele mögliche Schlussakkorde, aber ein einsames Cis ist keine Option. Mir scheint, als wollte Liszt genau das damit sagen: Das Vermächtnis Wagners ist die Abschaffung der Tonarten, das Ende der klassischen Harmonielehre. Und die Testamentsvollstrecker Schönberg und Konsorten walteten dann eigentlich bloß noch ihres Amtes, weswegen die Opernhäuser und Konzertsäle von heute nur noch Museen sind, in denen die Kunst vergangener Zeiten bewundert wird.

Für mich geht das in Ordnung, ich gehe ja gerne in Museen, und freu mich auf die Götterdämmerung im März, für die ich schon eine Karte habe. Jetzt muss bloß morgen der HNO-Arzt mich von dem verfluchten Ohrknistern befreien, denn sonst wird das kein Spaß.

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7 Kommentare zu “Die Einsamkeit des Cis

  1. Viel Wasser trinken, und zwar wirklich viel, nämlich ca. sechs (!) Liter täglich. Sage nicht ich, sondern verschreibt meine HNO-Ärztin bei sämtlichen Problemen von erkältungsbedingt zugefallenen Ohren bis Hörsturz. Es hilft tatsächlich. Vielleicht lässt sich so die Wartezeit bis zum Arzttermin panikfrei überbrücken. 🙂
    Gute Besserung!

    • Danke für den Tipp. Komme soeben mit frisch gespülten Ohren vom HNO-Arzt und hoffe, dass sich das Knistern damit jetzt erledigt hat. Die Praxis war jedenfalls am Richard-Wagner-Platz, das nehme ich als gutes Omen. (Und jetzt zur Sicherheit noch ein Glas Wasser…)

  2. ich hatte das mal wochenlang im ohr, nachdem ich bei einem rockkonzert zu lange vorn an den boxen gestanden hatte, aber das war schon kein knistern mehr, das war fiepen, kreischen, bohrmaschine.

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