Every Inch a King

Let’s talk of graves, of worms, and epitaphs,
Make dust our paper, and with rainy eyes
Write sorrow on the bosom of the earth.
Let’s choose executors and talk of wills.
And yet not so – for what can we bequeath
Save our deposed bodies to the ground?
(Shakespeare, Richard II., Act III, Scene 2)

Die Nachricht, dass man unter dem Asphalt eines Parkplatzes in Leicester die Gebeine von Richard III. gefunden hat, poppte vor ein paar Tagen kurz in den Nachrichten auf und versank dann gleich wieder unter dem üblichen Schavan-, Rösler- und Steinbrückwust. Mich aber faszinierte dieser Knochenfund und beschäftigte mich weiter, er schien mir irgendwie bedeutsam, nicht bloß eine Kuriosität am Rande, ohne dass ich genau hätte benennen können, was mich daran so angeht. Und während ich noch so nachsann, schrieb mir der F., er wünsche sich einen Beitrag hier im Blog von mir zu der Frage, was uns diese Knochen sagen. Da konnte ich nicht mehr aus, ich musste den Shakespeare aus dem Regal holen und fing an, in den Königsdramen zu blättern.

Allein schon wie diese Tragödie von Richard III. anhebt, mit der Regieanweisung „London. A Street. – Enter Gloucester“: da bin ich sofort von den Socken und preise das Weltgenie Shakespeares: kein Palast oder Kronsaal, kein Vorder- oder Hinterzimmer der Macht ist der Schauplatz dieser ersten Szene, sondern unter freiem Himmel, auf offener Straße stellt Richard sich hin, hier noch nicht König, sondern Herzog von Gloucester, und stellt sich netterweise dem Publikum kurz vor:

I, that am curtailed of this fair proportion,
Cheated of feature by dissembling nature,
Deform’d, unfinish’d, sent before my time
Into this breathing world, scarce half made up,
And that so lamely and unfashionable
That dogs bark at me, as I halt by them;
Why, I, in this weak piping time of peace,
Have no delight to pass away the time,
Unless to see my shadow in the sun
And descant on mine own deformity:
And therefore, since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined to prove a villain,
And hate the idle pleasures of these days.
(Richard III, Act I, Scene 1)

Und mit diesem Monolog beginnt die blutgetränkteste Tragödie, in deren Verlauf sich Richard nicht wirklich als ein „Schurke“ oder „Bösewicht“ (villain), sondern als ein grotesk unmenschliches Monster erweisen wird, das ohne die geringste Gefühlsregung wirklich alle Menschen aus dem Weg räumt, die ihm den Weg zur Macht verstellen, und zur Sicherheit noch ein paar mehr, die Köpfe rollen konstant nur so dahin. Bei Shakespeare wird also das ganze Gemetzel in Gang gesetzt durch die ganz bewusste Entscheidung Richards, böse sein zu wollen, mit dem expliziten Rekurs auf seine körperliche Deformiertheit.

Das führt uns zurück zu dem Skelett, das man jetzt unter dem Parkplatz ausgegraben hat. Es zeigt tatsächlich eine deutliche Krümmung der Wirbelsäule. Die das Skelett untersuchenden Wissenschaftler schlossen auf eine Skoliose, die wohl ab dem zehnten Lebensjahr eingesetzt haben muss. Shakespeares Rückschluss auf eine Frühgeburt Richards als Grund für die körperliche Missgestalt ist also schon mal falsch. Aber das war natürlich auch vor der Entdeckung der Knochen schon klar gewesen, dass Shakespeares Königsdramen nicht den Anspruch historisch exakter Geschichtsdokumentationen erheben. Glücklicherweise hat mir just der F. vor fast genau acht Jahren ein Buch geschenkt, in dem ich jetzt bequem nachlesen kann, was vor der Ausgrabung der Stand der Forschung gewesen ist.

kings_0003

Hier heißt es:

Gloucester, for his part, could never have been the hunchback that Shakespeare suggests; nor, given his undoubted prowess on the battlefield, could he have had a left arm withered ‘­­like a blasted sapling’. But contemporary chroniclers are all agreed that he was unusually small and at least slightly deformed, with his right shoulder higher than his left; and the incident during the meeting of 13 June 1483 reported by Sir Thomas More indicates, that the left arm must certainly have been damaged in some degree.         (Norwich, Shakespeare’s Kings, S. 322)

Auf dem Foto des jetzt ausgegrabenen Skeletts sehen aber beide Arme ganz normal aus, der Makel von Richards Linker war also offenbar nicht orthopädischer Natur, eine Hautgeschichte vielleicht, man weiß es nicht. Ganz so erzählfreudig sind dann so alte Knochen leider auch wieder nicht. Aber dass die Knochen überhaupt in ihrer Materialität jetzt plötzlich da sind und angeschaut werden können, führt uns – oder mir wenigstens – vor Augen, dass das wirklich mal ein echter Mensch war, dieser König, der wirklich gelebt hat. Je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir bewusst, wie sehr eine Dramenfigur mir den historischen König bisher überlagert hatte. Aber Dramenfiguren kann man nicht ausgraben, sie sterben auch nicht auf Schlachtfeldern, sondern legen sich nur scheintot auf die Bretter des Theaters.

Ist es angesichts dieser Vermengung von Theater und Geschichte nicht wirklich der reine Witz, dass der direkte Nachfahre von Richards Schwester Anne of York, anhand dessen DNA man die Gebeine hundertprozentig identifizieren konnte, mit Nachnamen tatsächlich Ibsen heißt? Michael Ibsen, der kanadische Schreiner, hatte keine Ahnung, dass er ein direkter Nachfahre von Anne of York ist, und damit, wenn ich die Stammbäume richtig lese, auch ein direkter Abkömmling von Edward III., einem der mächtigsten Könige des gesamten Mittelalters.

Angesichts dessen muss man doch zu dem Schluss kommen, dass es sich kaum lohnt für das bisschen Macht soviel Blut zu vergießen. Am Ende hinterlässt man der Welt ja doch nichts als ein paar vergilbte Knochen und schon nach wenigen Jahrhunderten wissen die eigenen Nachfahren nichts mehr von dir, und wärest du noch so ein großer und mächtiger König gewesen. Dieses Vanitas-Motiv durchzieht auch die Königsdramen Shakespeares, weswegen sie eben doch mehr sind, als nur die Tudor-Dynastie legitimierende Propagandastücke. Das Königreich, das er um jeden Preis besitzen wollte und mit voller Brutalität auch an sich riss, ist Richard am Ende des Dramas gewillt, gegen ein einziges Pferd einzutauschen. Und gleich darauf ist es vorbei mit ihm. „The day is ours, the bloody dog is dead“, heißt es im Drama. Der reale Leichnam des letzten englischen Königs, der auf einem Schlachtfeld fiel, wurde dann noch ordentlich mit Dolchstößen und Schlägen bearbeitet, auch das erzählen die Knochen, bevor man ihn ohne Sarg im Erdboden verscharrte.

So, und damit wäre ich jetzt perfekt eingestimmt auf meine Darstellung eines Königs beim Kinderfasching am Montag. Aber ein lieber König soll ich sein, wie Clara, die naturgemäß die Prinzessin geben wird, mir eben noch einschärfte. Ja, das wird jetzt leider schwierig, ich spür’s schon im Kreuz, wie mein Rücken sich verbiegt und dieser Winter unseres Missvergnügens… Nein, halt, ich werd mir Mühe geben, so lieb und gütig wie nur möglich zu agieren: every inch a king.

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4 Kommentare zu “Every Inch a King

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