Wolgograd Lichtmess

Zweiter Februar: Lichtmess. Das fand ich immer schon ein ganz besonders schönes Wort. Da im übrigen Google mich seit meinem Bericht aus dem Heimatmuseum für einen bedeutenden Sachverständigen der Krippologie hält und alle Suchanfragen zu diesem Thema direkt an mich weiterleitet, hier der Hinweis für alle Krippengoogler: An Lichtmess wird die Krippe abgebaut und die Weihnachtszeit ist jetzt – ja, jetzt erst – endgültig und offiziell vorbei.

Gleichzeitig endete genau heute vor siebzig Jahren die Schlacht um Stalingrad. Dieses Thema verfolgt mich seit Oktober, als mir beim Anhören des Hörspiels nach Alexander Kluges „Schlachtbeschreibung“ das Blut in den Adern gefror. Kurz danach wurde schon in den Medien der Schließung des Kessels um die 6. Armee gedacht, ich war plötzlich wie besessen von dieser Schlacht, schaute mir alle Filme bei Kluges dctp.tv zu dem Thema an, und dann schickte mir auch noch der Brembeck aus einem Hotelzimmer in Münster heraus den Link zu dem Dokumentarfilm Mit der Kamera nach Stalingrad, der mich so mitnahm und berührte, dass ich die Bilder, vor allem aber die Stimmen dieser Zeitzeugen, tagelang nicht aus dem Kopf bekam.

Ganz lapidar hatte der Brembeck noch geschrieben, er würde sich dieses Wolgograd gern mal anschauen, ob ich nicht Lust hätte mitzukommen. Ich sagte direkt ja, obwohl mich beim Gedanken an eine solche Reise sofort ganz irrationale Ängste beschlichen, so als ob man nicht ins heutige Wolgograd führe, sondern ohne es zu wollen, im Horror der Schlacht von Stalingrad ankommen müsste.

Und tatsächlich: wenn wir heute dort wären, dann würden wir nicht in Wolgograd, sondern wirklich in Stalingrad sein. Die Stadtduma hat tatsächlich kürzlich beschlossen, dass an sechs bestimmten Gedenktagen im Jahr die Stadt ihren alten Namen wieder tragen soll, ganz offiziell, für genau 24 Stunden. Und natürlich ist der 2. Februar einer dieser Tage. Irgendwie gespenstisch, bedenkt man, dass diese Schlacht nicht zuletzt deshalb so erbittert und vor allem von deutscher Seite so wider jede militärische Vernunft geführt wurde, weil sie jenen Stalin im Namen führte.

Aber weil der Brembeck und ich vernünftige Menschen sind, fahren wir erst später, wenn die Stadt wieder Wolgograd heißt und es nicht mehr so saukalt ist da unten.

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2 Kommentare zu “Wolgograd Lichtmess

  1. Mir ist gerade zufällig das kleine Heft mit dem Titel „die Madonna von Stalingrad“ in die Hände gefallen. Manchmal ist mir dieser ganze Erinnerungszirkus über, deswegen habe ich es erstmal beiseite gelegt. Aber dieses zufällige Zusammentreffen mit Lichtmess ist jetzt schon verwunderlich.

    Die Geschichte besteht eigentlich nur aus der Madonna mit dem Kind, die ein Pfarrer und Oberarzt auf die Rückseite einer russischen Landkarte gemalt hat. Dazu hat Arno Pötsch ein erzählendes Gedicht geschrieben, das mit einem Sonett auf diesen Oberarzt schließt. Arno Pötsch hat dieses Heft nach dem Krieg veröffentlicht, „zum Gedächtnis der in Stalingrad Gefallenen und Verschollenen“.

    • Erinnerung ist essentiell für den Menschen und es wäre fatal, wenn sie zu einem reinen Erinnerungszirkus verkäme. So ein Bild wie die Madonna von Stalingrad ist vielleicht gut geeignet, um uns aus dem Zirkus rauszuholen. Der das Bild umrandende Text ist ja auch so irr:

      „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“

      Diese weihnachtliche Beschwörung des Lichts, aus der absoluten Finsternis heraus. Passt tatsächlich gut zu Lichtmess.

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