Große Pause

In der U-Bahn. Ein Mann in Frauenkleidern betritt den Waggon, stark geschminkt, mit großem Ohrgehänge, und sofort beginnen die vier Pubertätsjungs, die vorher schon da waren, nervös zu werden, tuscheln sich gegenseitig ins Ohr mit vorgehaltener Hand, tun ganz auffällig unauffällig, schauen immer wieder rüber zu ihm, zerstrahlen ihn mit ihren dummen Blicken, machen sich lustig. Als sie sich beim Aussteigen an ihm vorbeidrücken, darf jeder noch ein dummes Sprüchlein aufsagen, so halb ins Nichts gesprochen, so haben sie sich ihrer dreizehnjährigen Männlichkeit wieder ein klein wenig mehr versichert. Der so Geschmähte hat das derweil alles an sich abtropfen lassen, hat so getan, als sei er blind und taub, und nur sehr traurig vor sich her geschaut. Es ist also gar nichts groß passiert, aber in mir, als dem stillen Beobachter dieser Szene, kochte plötzlich die Wut, dass dieser blöde Pausenhof mit seinen Ritualen, wo die starke Gruppe die schwache fertig macht und die schwache Gruppe sich dann den ganz hilflosen Einzelnen, der ein bisschen anders ist, vorknöpft – dass das nie aufhört. Man verlässt die verfluchte Schule, glaubt diesem Pausenhof entronnen, aber in Wahrheit ist die ganze Welt ein solcher Pausenhof. Ich bin mir mittlerweile fast sicher, dass nicht nur ich, sondern alle innerlich aufatmeten, wenn es nach der großen Pause wieder klingelte zum Unterricht.

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50 Schattierungen von Weiß

[So, bin wieder zurück in Berlin und im Netz. Der Reisebericht fällt diesmal so unspektakulär und angenehm langweilig aus, dass ich ihn lieber wieder am Stück hier einstelle, um Gegenwart und Blog-Zeit möglichst schnell wieder zu synchronisieren.]

17.02.2013
Leicht hektisch-konfuser Morgen, da ich wie immer erst auf den letzten Drücker den Koffer packe. Gegen elf geht Hannah mit den Kindern los ins Naturkundemuseum und ich gleich darauf ins Auto und auf geht’s. Über die sonntäglich LKW-freie Autobahn gleite ich schön entspannt dahin in Richtung Süden, zuerst mit der neuen Tocotronic-Platte, dann Peter Kurzeck: „Unerwartet Marseille“. Dieser sanften Kurzeck-Stimme könnte ich ewig zuhören. Wie schon bei „Ein Sommer, der bleibt“ begeistert mich wieder sein Talent, in freier Rede zu erzählen und dabei gleichzeitig immer wieder überraschende, nicht-stereotype Formulierungen zu finden. Ein bisschen Neid mischt sich auch in mein Hörvergnügen, da Kurzeck von seinen Reisen berichtet, nach Marseille, Prag, Venedig und in der Mittsommernacht bis hoch zum Polarkreis, um einmal zu erleben, wie die Sonne nicht untergeht – und ich befinde mich auf meiner immer gleichen Fahrt ins immer gleiche Oberammergau, heim zur Mama, wie fad.

Für die letzten 200 Kilometer dann noch „Les Contes d’Hoffmann“ von Jaques Offenbach, eine meiner absoluten Lieblingsopern. Während der Fahrt kommt mir der Gedanke, dass das eigentlich als die deutsche Nationaloper gelten müsste, nicht der Freischütz oder die Meistersinger oder was einem sonst noch einfallen mag. Dieses Porträt der zwischen Bierstube, amour fou und poetischem Geniekult zerrissenen deutschen Seele konnte wahrscheinlich in dieser Präzision nur ein Franzose oder Halbfranzose schaffen.

Ziemlich genau mit dem Schlussakkord der Oper komme ich in Oberammergau an, nicht ganz so geschlaucht von den Anstrengungen der Fahrt wie sonst. Das obligatorische Begrüßungsmenü (Weißwürste) hatte ich im Vorfeld gerade noch abwenden können, stattdessen gibt es simple, aber sehr gute Steaks. Einziges Problem: das Augustiner schmeckt mir nicht mehr.

18.02.2013
Winterzauberland. Eisklarer Sonnenschein bestrahlt den meterhoch daliegenden, blütenweißen Schnee. Kleiner Spaziergang, danach Einkaufsrunde durchs Dorf, wobei ich keinem einzigen mir bekannten Menschen begegne. Auf angenehme Weise fühle ich mich fremd, wie ich hier die Straßen und Wege meiner Kindheit entlang laufe. Später Telefonat mit dem Glaser, der mir mitteilt, dass er leider nicht kommen kann, er sitzt in Tirol fest, gibt mir aber einige wertvolle Hinweise für die Zubereitung des Tafelspitz, den ich am Abend machen will: das Fleisch samt der Markknochen zuerst eine Minute in kochendem Wasser überbrühen, dieses Wasser dann wegschütten, frisches Wasser zum Kochen bringen und darin dann den Tafelspitz erst fertigkochen mit dem Suppengrün. So werden die Ekelproteine von vornherein ausgeschwemmt, die man sonst mühsam abschöpfen muss. Als Soße schlägt er Semmelkren vor: gewürfeltes Weißbrot in ein bisschen Brühe einweichen, mit Meerettich, Schnittlauch, Salz, Muskat verrühren, fertig. Mache später alles genau nach diesen Anweisungen, Ergebnis fantastisch, auch meine Mutter ist begeistert. Einziges Problem: Andechser schmeckt mir auch nicht mehr so richtig.

19.02.2013
Wetter nicht mehr so schön, der Himmel hat sich bedeckt. Temperatur knapp über Null, der Schnee schmilzt noch nicht, verliert aber die feinkristalline Struktur, gerinnt zur plumben Masse. Kleine Dorfrunde, ansonsten verbringe ich den Tag hauptsächlich im Haus und lese. Am Vormittag telefoniere ich zum ersten Mal mit Jakob: ich rede, was mir gerade in den Sinn kommt, so in den Hörer hinein und schließlich antwortet er, irgendwie ungläubig, aber auch freudig: „Papa? – Papa?“ – „Ja, genau, ich bin es!“ – „Papa! Papa!“ Viel mehr gibt sein Wortschatz noch nicht her, aber ich freu mich wie irre, dass er mich an der Stimme erkennt, und er freut sich, dass ich mich freue. Arg viele Wörter braucht es manchmal gar nicht für ein gelungenes Gespräch.

Abends telefoniere ich dann auch noch mit Clara, die mir eröffnet, sogleich nach meiner Rückkehr führen wir alle zusammen nach Paris, denn sie wolle jetzt einmal wirklich auf dem echten Eiffelturm stehen. In solchen Momenten vermisse ich diese meine Familie, schon nach drei Tagen der Abwesenheit kribbelt es mir in den Zehenspitzen, dass ich nicht dort bei ihnen bin, sondern hier unten in der Schneehölle stecke. Und andererseits ist es natürlich auch der reine Hochgenuss, einmal drei Stunden lang nichts anderes zu tun, als in totaler Ruhe den Spiegel von vorn bis hinten durchzulesen, um dann aus lauter Übermut noch die Süddeutsche hinterherzuschieben.

Abends im Fernsehen der erste Film aus der Dokumentar-Reihe „Berlin – Ecke Bundesplatz“, über die ich schon im SZ-Magazin gelesen hatte. Über fast dreißig Jahre hinweg haben die Filmemacher ganz normale Menschen aus ihrer Nachbarschaft mit ihrer Kamera begleitet, ihnen beim Älterwerden zugeschaut. Zeit und Normalität, bei diesen Themen bin ich natürlich sofort mit dabei, und obwohl der erste Film um einen nicht ganz hundertprozentig normalen Promi-Anwalt und seine extravagante Frau kreist, begeistert er mich von Beginn an, und letztlich sind ja Rolls-Royce fahrende Millionärsspinner auch ganz normale Bestandteile unserer Gesellschaft. Das zeigt der Film auch sehr schön, ohne es plakativ herauszuschreien: Am Ende sind das auch bloß Menschen. Bin schon gespannt auf die Bäckersfamilie morgen. Die kommenden Abende sind gerettet.

20.02.2013
Als ich erwache bin ich sofort im Zentrum eines polyphonen Brummkonzerts: über Nacht ist jede Menge Neuschnee gefallen und wird jetzt brummend weggefräst. Eine Schneeschaufel nimmt hier fast niemand mehr in die Hand, es wäre auch sinnlos bei diesen Schneemassen, alle fräsen, ich frage mich nur, wo sie den Schnee noch hinfräsen wollen, die Straßen sind ja schon von kaum noch zu erhöhenden Schneemauern gesäumt und jeder freie Quadratmeter wird zum Aufhäufen gigantischer Schneeberge genutzt, zum Vergnügen der Kinder, die darauf herumklettern und sich Höhlen hineinbauen. Einer der monumentalsten Gebirgszüge ist da aufgefräst worden, wo früher das alte Schulhaus stand, dort beobachte ich zwei Kinder beim sehr ernsthaft betriebenen Höhlenbau und erinnere mich, wie mir das auch als Kind der größte Winterspaß war, viel besser als Ski- oder Schlittenfahren: das Höhlengraben in den Schneehäufen.

Nachmittags besuche ich die Anka auf ein Glas köstlichen Apfelsaft. Wie immer gleichen wir erstmal unsere derzeitigen Lektüren ab, empfehlen uns Bücher. Das Tolle bei ihr: sie liest auch viele Sachbücher. Das sehr dicke Buch von Orlando Figes über den Krimkrieg, das ich mir letztes Jahr fast, dann aber eben doch nicht gekauft habe, hat sie tatsächlich gelesen. Das muss ich jetzt vielleicht doch auch demnächst lesen, ich glaube irgendwie, man könnte die Weltkonflikte des 20. Jahrhunderts vielleicht besser verstehen, wenn man diesen fast vergessenen Krieg genauer durchleuchtet und durchdringt. Nach den Büchern noch ein paar ernstere Themen, nur mit wenigen Menschen kann ich mich so angenehm unterhalten, leider muss ich dann bald schon weg, weil ich kochen muss für mich und meine Mutter: Fleischpflanzerl mit Salzkartoffeln und Rahmwirsing, gelingt ausgezeichnet. In der Bierfrage mittlerweile beim Ettaler gelandet, das, naja, geht so.

Abends wieder „Berlin – Ecke Bundesplatz“, die Bäckersfamilie. Der Kontrast zu dem Glamour-Paar von gestern könnte eigentlich nicht größer sein, dennoch scheint eine interessante Parallelle auf: in beiden Folgen erleben wir die Entwicklung der (Ehe-)Frau von einer nur behaupteten zu einer wirklich gelebten Selbständigkeit und Stärke. Sowohl die Anwalts- als auch die Bäckersfrau wirkten am Anfang der jeweiligen Filme sehr stark im Schatten ihrer Männer stehend, die sich ihrerseits zu Beginn in den Achtzigern gerne in der Rolle des Chefs und Machers inszenieren. Und während dann mit der Zeit die Männer durch Krankheit und beruflichen Misserfolg immer schwächer und kleinlauter werden, wachsen die Frauen aus diesem Schatten heraus und stehen plötzlich ganz selbstbewusst, pragmatisch, stark in ihrem Leben. Und scheißen sich nichts mehr, wie man so schön sagt.

21.02.2013
München. Die Stadt: fremd und kalt. Der Termin: öde, zermürbend und viel zu lang. Es ist schon stockfinster, als ich endlich über ziemlich glitschige Straßen vorsichtig nach Hause fahre.

„Berlin – Ecke Bundesplatz“: die Schornsteinfeger. Auch interessant. Bei jedem Film erneut verwundert es mich, wie völlig anders die Welt im Jahr 1986 aussah. Daran müsste ich mich ja eigentlich gut erinnern, da war ich zwölf, aber die Filmaufnahmen zeigen eine mir fremde, lang vergangene Vergangenheit.

Und aus der Zeitung die Nachricht, dass Otfried Preußler gestorben ist. Kurzes Innehalten. Dank für die Bücher. Große Literatur.

22.02.2013
Immer weiter schneit es, unaufhörlich. Himmel und Erde: alles weiß. Ideales Lesewetter. Abends koche ich Schweinsfilet, wieder mit Wirsing und Kartoffeln. Mir wird diese gutbürgerliche Küche jetzt fast schon wieder zuviel, aber meine Mutter freut sich, und da sie selber in der Küche nicht mehr abgehen kann, sie, für die das Kochen zeitlebens ein Hauptdaseinszweck war, bekoche ich sie halt jetzt mit Sachen, die sie mag. Lächelnd, aber auch skeptisch, sieht sie mir beim Kochen zu, redet mir manchmal zuviel rein, begnügt sich dann aber wieder mit der Rolle des Souschefs und schält die Kartoffeln. Sie selber habe als Kind nicht gewusst, dass man Kartoffeln überhaupt schälen könne, erzählt sie Kartoffeln schälend. Die Hungerjahre nach dem Krieg, da habe man nichts Essbares von irgendeinem Nahrungsmittel weggeschnitten. Ich verdrehe innerlich die Augen, weil ich diesen Text wortwörtlich so schon tausendmal gehört habe. Ich kann das nicht mehr hören und zwar genau deswegen, weil es zu einer aufs Wort fixierten Abfolge von Sätzen geronnen ist, immer wirklich exakt gleich, ich könnte das mitsprechen, und so scheint da keine lebendige Erinnerung mehr zu sprechen, sondern nur eine Wiederholung von Worten findet da statt, gebetsmühlenartig. Ich weiß auch, dass jetzt im Anschluss noch die Geschichte vom Luftangriff kommt: Ohne Schuhe im Luftschutzkeller, dann noch vor der Entwarnung mit dem Vater rauf, wegen der Schuhe, vom Balkon aus das brennende Jena gesehen, das Zeiss-Werk in Flammen, und die Schüssel mit dem Milchreis, von Glasscherben der zerborstenen Fensterscheiben übersät. Wie sie den Vater bettelte, sie könne die Glasscherben da rausklauben, er aber den Milchreis unerbittlich wegwarf. Diese Geschichte habe ich auch schon oft gehört, aber sie langweilt mich nicht, weil die Worte hier interessanterweise nicht fixiert sind, da spricht das innere Bild, das in ihr immer noch lebendig ist, und formuliert sich jedesmal neu, immer wieder hörenswert.

23.02.2013
Weiter fällt neuer Schnee. Kaum zu glauben, dass der März vor der Tür steht. Völlige Einigelung jetzt, will überhaupt niemanden sehen und das Haus nicht verlassen. Nur die Zutaten fürs Abendessen muss ich leider kurz persönlich im Supermarkt abholen. An der Kasse entdecke ich im Augenwinkel hinter mir die Frau S. und ducke mich sofort weg. Eine Woche Landleben und schon ist meine Soziophobie so gesteigert, dass ich anfange, mich wie ein halbirrer Kauz zu verhalten. Das muss ich mir dringend merken für den nächsten Anfall, wenn ich wieder vom herrlich ruhigen Leben im Landidyll zu träumen anfange.

Am Abend koche ich uns Topfennudeln mit Kraut, mein Lieblingskinderessen, das ich mir immer gewünscht habe von ihr, so oft ich die Wahl hatte, und sie kochte das dann für mich, auch später immer, wenn ich in den Unijahren zu Besuch kam. Und heute wünschte sie sich das von mir, das ist ja lustig eigentlich, und ich kochte es zu ihrer vollsten Zufriedenheit, bin natürlich auch in Übung, denn meine Kinder lieben dieses Essen auch.

Während ich in der Küche den Teig knete, höre ich aus dem Wohnzimmer den Soundtrack des Fernsehers, ein stakkatoartig vorgetragener Monolog, kann aber die Worte nicht verstehen und frage mich, ob da jetzt gerade eine echte Hitlerrede läuft oder Der große Diktator von Chaplin. Schaue kurz rüber, um das zu prüfen und sehe: Skispringen. Wahrscheinlich muss man so eine langweilige Abfolge von Sprüngen mit ordentlich aufgeputschter Rhetorik kommentieren, um das überhaupt interessant zu machen, wobei ich zugeben muss, dass ich das früher auch toll fand, also Skispringen jetzt, Weißflog gegen Nykänen und so, mittlerweile ödet mich jeglicher Wintersport.

24.02.2013
8.29: Im Traum lese ich bei Gleisbauarbeiten, man mache sich Sorgen um mich, weil ich so lange nichts mehr geschrieben habe und auch auf die Anfrage, ob ich an einem Bloggertreffen in Karlsruhe teilnehmen wolle, nicht reagiert habe.

8.30: Eine liebliche Melodie erklingt, sie wird lauter, ich erwache, die Melodie ist plötzlich nicht mehr lieblich, sondern scheußlich. Erster Wachgedanke: Aha, der Weckton meines neuen Telefons. Zweiter Wachgedanke: Wie beruhige ich am schnellsten jetzt die Blogosphäre?

8.32: Telefon klingelt, Hannah ruft an: Dies ist ein Weckanruf. Ich bin schon wach, antworte ich, merke aber beim Reden, dass das mindestens halb gelogen ist. Aufstehen, Kaffee, Duschen, Kofferpacken. Alles gemütlich.

10.15: Abfahrt. Als Hörbuch zur Fahrt wähle ich komplementär zur Hinfahrt Die Serapionsbrüder von E.T.A. Hoffmann. Vor fünf Jahren habe ich das selbst gelesen und lasse es mir jetzt gerne noch einmal vortragen. Super Buch. Fahrt geht ganz gut, größtes Problem ist der dichte Nebel, der in Oberfranken einsetzt und bis Berlin anhält. Beständig fahre ich auf diese weiße Wand zu, die ich gleichwohl nie erreiche, die immer zurückzuweichen scheint, und weiß natürlich, dass ich schon lange ganz und gar darinnen bin, in diesem allumschlingenden Weiß.

18.20: Ankunft daheim.

Die Einsamkeit des Cis

Schon seit zwei Wochen irritiert mich ein sporadisch auftretendes, irgendwie elektrisch hochfrequentes Knistern im linken Ohr, welches sich heute morgen auf so unangenehme Weise steigerte, dass mich plötzlich die Panik befiel, kurz vor einem Hörsturz zu stehen, so dass ich entgegen meinem ursprünglichen Plan beschloss, doch noch vor meiner am Sonntag anzutretenden Reise nach Bayern einen Arzt aufzusuchen, welcher mich zwar gründlich untersuchte, mir sogar Blut abnahm und ins Labor weiterschickte, mich dann aber, wie zu erwarten gewesen war, wegen des Knisterns zum HNO weiterverwies, der aber heute leider geschlossen hatte, Termin erst morgen möglich.

Ich ging also wieder heim und lauschte einigermaßen niedergedrückt den immer wieder aufknisternden Geräuschen in meinem Kopf, als mich die Nachricht erreichte, dass heute der Todestag von Richard Wagner ist. Vor 130 Jahren sank er in Venedig an seinem Schreibtisch zusammen, wo er zuletzt noch die Worte „Liebe ­­– Tragik“ aufgeschrieben hatte.

Der Musik Wagners war ich ein paar Jahre meines Lebens vollkommen verfallen, ja ausgeliefert, ich studierte das bis ins Detail, und im Ganzen riss es mich dann wieder in die Sphären der Verzückung. Das hat sich mittlerweile gelegt, weswegen ich heute vielleicht objektiver die Leistung Wagners für die Musik würdigen kann. Er hat das tonale System an seine Grenze geführt und es hat nach Wagners Tod dann nicht mehr lange gedauert, bis die Grenze endgültig überschritten und die sogenannte klassische Musik am Ende war.

Franz Liszt steht dafür exemplarisch. Er überlebte Wagner um drei Jahre und sein Totenlied auf den Freund, Schwiegersohn und Kontrahenten ist ein bemerkenswertes Stück:

 

Das Stück hat keine Vorzeichen, es steht aber auch nicht in C-Dur oder a-moll, wie man deswegen meinen könnte. Nein, es hat überhaupt keine Tonart mehr. Wie um dies extra noch zu unterstreichen, lässt Liszt das Stück auf einem dumpfen, hoffnungslosen Cis enden. Denn ein C-Dur-Stück hat bestimmt sehr viele mögliche Schlussakkorde, aber ein einsames Cis ist keine Option. Mir scheint, als wollte Liszt genau das damit sagen: Das Vermächtnis Wagners ist die Abschaffung der Tonarten, das Ende der klassischen Harmonielehre. Und die Testamentsvollstrecker Schönberg und Konsorten walteten dann eigentlich bloß noch ihres Amtes, weswegen die Opernhäuser und Konzertsäle von heute nur noch Museen sind, in denen die Kunst vergangener Zeiten bewundert wird.

Für mich geht das in Ordnung, ich gehe ja gerne in Museen, und freu mich auf die Götterdämmerung im März, für die ich schon eine Karte habe. Jetzt muss bloß morgen der HNO-Arzt mich von dem verfluchten Ohrknistern befreien, denn sonst wird das kein Spaß.

Every Inch a King

Let’s talk of graves, of worms, and epitaphs,
Make dust our paper, and with rainy eyes
Write sorrow on the bosom of the earth.
Let’s choose executors and talk of wills.
And yet not so – for what can we bequeath
Save our deposed bodies to the ground?
(Shakespeare, Richard II., Act III, Scene 2)

Die Nachricht, dass man unter dem Asphalt eines Parkplatzes in Leicester die Gebeine von Richard III. gefunden hat, poppte vor ein paar Tagen kurz in den Nachrichten auf und versank dann gleich wieder unter dem üblichen Schavan-, Rösler- und Steinbrückwust. Mich aber faszinierte dieser Knochenfund und beschäftigte mich weiter, er schien mir irgendwie bedeutsam, nicht bloß eine Kuriosität am Rande, ohne dass ich genau hätte benennen können, was mich daran so angeht. Und während ich noch so nachsann, schrieb mir der F., er wünsche sich einen Beitrag hier im Blog von mir zu der Frage, was uns diese Knochen sagen. Da konnte ich nicht mehr aus, ich musste den Shakespeare aus dem Regal holen und fing an, in den Königsdramen zu blättern.

Allein schon wie diese Tragödie von Richard III. anhebt, mit der Regieanweisung „London. A Street. – Enter Gloucester“: da bin ich sofort von den Socken und preise das Weltgenie Shakespeares: kein Palast oder Kronsaal, kein Vorder- oder Hinterzimmer der Macht ist der Schauplatz dieser ersten Szene, sondern unter freiem Himmel, auf offener Straße stellt Richard sich hin, hier noch nicht König, sondern Herzog von Gloucester, und stellt sich netterweise dem Publikum kurz vor:

I, that am curtailed of this fair proportion,
Cheated of feature by dissembling nature,
Deform’d, unfinish’d, sent before my time
Into this breathing world, scarce half made up,
And that so lamely and unfashionable
That dogs bark at me, as I halt by them;
Why, I, in this weak piping time of peace,
Have no delight to pass away the time,
Unless to see my shadow in the sun
And descant on mine own deformity:
And therefore, since I cannot prove a lover,
To entertain these fair well-spoken days,
I am determined to prove a villain,
And hate the idle pleasures of these days.
(Richard III, Act I, Scene 1)

Und mit diesem Monolog beginnt die blutgetränkteste Tragödie, in deren Verlauf sich Richard nicht wirklich als ein „Schurke“ oder „Bösewicht“ (villain), sondern als ein grotesk unmenschliches Monster erweisen wird, das ohne die geringste Gefühlsregung wirklich alle Menschen aus dem Weg räumt, die ihm den Weg zur Macht verstellen, und zur Sicherheit noch ein paar mehr, die Köpfe rollen konstant nur so dahin. Bei Shakespeare wird also das ganze Gemetzel in Gang gesetzt durch die ganz bewusste Entscheidung Richards, böse sein zu wollen, mit dem expliziten Rekurs auf seine körperliche Deformiertheit.

Das führt uns zurück zu dem Skelett, das man jetzt unter dem Parkplatz ausgegraben hat. Es zeigt tatsächlich eine deutliche Krümmung der Wirbelsäule. Die das Skelett untersuchenden Wissenschaftler schlossen auf eine Skoliose, die wohl ab dem zehnten Lebensjahr eingesetzt haben muss. Shakespeares Rückschluss auf eine Frühgeburt Richards als Grund für die körperliche Missgestalt ist also schon mal falsch. Aber das war natürlich auch vor der Entdeckung der Knochen schon klar gewesen, dass Shakespeares Königsdramen nicht den Anspruch historisch exakter Geschichtsdokumentationen erheben. Glücklicherweise hat mir just der F. vor fast genau acht Jahren ein Buch geschenkt, in dem ich jetzt bequem nachlesen kann, was vor der Ausgrabung der Stand der Forschung gewesen ist.

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Hier heißt es:

Gloucester, for his part, could never have been the hunchback that Shakespeare suggests; nor, given his undoubted prowess on the battlefield, could he have had a left arm withered ‘­­like a blasted sapling’. But contemporary chroniclers are all agreed that he was unusually small and at least slightly deformed, with his right shoulder higher than his left; and the incident during the meeting of 13 June 1483 reported by Sir Thomas More indicates, that the left arm must certainly have been damaged in some degree.         (Norwich, Shakespeare’s Kings, S. 322)

Auf dem Foto des jetzt ausgegrabenen Skeletts sehen aber beide Arme ganz normal aus, der Makel von Richards Linker war also offenbar nicht orthopädischer Natur, eine Hautgeschichte vielleicht, man weiß es nicht. Ganz so erzählfreudig sind dann so alte Knochen leider auch wieder nicht. Aber dass die Knochen überhaupt in ihrer Materialität jetzt plötzlich da sind und angeschaut werden können, führt uns – oder mir wenigstens – vor Augen, dass das wirklich mal ein echter Mensch war, dieser König, der wirklich gelebt hat. Je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir bewusst, wie sehr eine Dramenfigur mir den historischen König bisher überlagert hatte. Aber Dramenfiguren kann man nicht ausgraben, sie sterben auch nicht auf Schlachtfeldern, sondern legen sich nur scheintot auf die Bretter des Theaters.

Ist es angesichts dieser Vermengung von Theater und Geschichte nicht wirklich der reine Witz, dass der direkte Nachfahre von Richards Schwester Anne of York, anhand dessen DNA man die Gebeine hundertprozentig identifizieren konnte, mit Nachnamen tatsächlich Ibsen heißt? Michael Ibsen, der kanadische Schreiner, hatte keine Ahnung, dass er ein direkter Nachfahre von Anne of York ist, und damit, wenn ich die Stammbäume richtig lese, auch ein direkter Abkömmling von Edward III., einem der mächtigsten Könige des gesamten Mittelalters.

Angesichts dessen muss man doch zu dem Schluss kommen, dass es sich kaum lohnt für das bisschen Macht soviel Blut zu vergießen. Am Ende hinterlässt man der Welt ja doch nichts als ein paar vergilbte Knochen und schon nach wenigen Jahrhunderten wissen die eigenen Nachfahren nichts mehr von dir, und wärest du noch so ein großer und mächtiger König gewesen. Dieses Vanitas-Motiv durchzieht auch die Königsdramen Shakespeares, weswegen sie eben doch mehr sind, als nur die Tudor-Dynastie legitimierende Propagandastücke. Das Königreich, das er um jeden Preis besitzen wollte und mit voller Brutalität auch an sich riss, ist Richard am Ende des Dramas gewillt, gegen ein einziges Pferd einzutauschen. Und gleich darauf ist es vorbei mit ihm. „The day is ours, the bloody dog is dead“, heißt es im Drama. Der reale Leichnam des letzten englischen Königs, der auf einem Schlachtfeld fiel, wurde dann noch ordentlich mit Dolchstößen und Schlägen bearbeitet, auch das erzählen die Knochen, bevor man ihn ohne Sarg im Erdboden verscharrte.

So, und damit wäre ich jetzt perfekt eingestimmt auf meine Darstellung eines Königs beim Kinderfasching am Montag. Aber ein lieber König soll ich sein, wie Clara, die naturgemäß die Prinzessin geben wird, mir eben noch einschärfte. Ja, das wird jetzt leider schwierig, ich spür’s schon im Kreuz, wie mein Rücken sich verbiegt und dieser Winter unseres Missvergnügens… Nein, halt, ich werd mir Mühe geben, so lieb und gütig wie nur möglich zu agieren: every inch a king.

Wolgograd Lichtmess

Zweiter Februar: Lichtmess. Das fand ich immer schon ein ganz besonders schönes Wort. Da im übrigen Google mich seit meinem Bericht aus dem Heimatmuseum für einen bedeutenden Sachverständigen der Krippologie hält und alle Suchanfragen zu diesem Thema direkt an mich weiterleitet, hier der Hinweis für alle Krippengoogler: An Lichtmess wird die Krippe abgebaut und die Weihnachtszeit ist jetzt – ja, jetzt erst – endgültig und offiziell vorbei.

Gleichzeitig endete genau heute vor siebzig Jahren die Schlacht um Stalingrad. Dieses Thema verfolgt mich seit Oktober, als mir beim Anhören des Hörspiels nach Alexander Kluges „Schlachtbeschreibung“ das Blut in den Adern gefror. Kurz danach wurde schon in den Medien der Schließung des Kessels um die 6. Armee gedacht, ich war plötzlich wie besessen von dieser Schlacht, schaute mir alle Filme bei Kluges dctp.tv zu dem Thema an, und dann schickte mir auch noch der Brembeck aus einem Hotelzimmer in Münster heraus den Link zu dem Dokumentarfilm Mit der Kamera nach Stalingrad, der mich so mitnahm und berührte, dass ich die Bilder, vor allem aber die Stimmen dieser Zeitzeugen, tagelang nicht aus dem Kopf bekam.

Ganz lapidar hatte der Brembeck noch geschrieben, er würde sich dieses Wolgograd gern mal anschauen, ob ich nicht Lust hätte mitzukommen. Ich sagte direkt ja, obwohl mich beim Gedanken an eine solche Reise sofort ganz irrationale Ängste beschlichen, so als ob man nicht ins heutige Wolgograd führe, sondern ohne es zu wollen, im Horror der Schlacht von Stalingrad ankommen müsste.

Und tatsächlich: wenn wir heute dort wären, dann würden wir nicht in Wolgograd, sondern wirklich in Stalingrad sein. Die Stadtduma hat tatsächlich kürzlich beschlossen, dass an sechs bestimmten Gedenktagen im Jahr die Stadt ihren alten Namen wieder tragen soll, ganz offiziell, für genau 24 Stunden. Und natürlich ist der 2. Februar einer dieser Tage. Irgendwie gespenstisch, bedenkt man, dass diese Schlacht nicht zuletzt deshalb so erbittert und vor allem von deutscher Seite so wider jede militärische Vernunft geführt wurde, weil sie jenen Stalin im Namen führte.

Aber weil der Brembeck und ich vernünftige Menschen sind, fahren wir erst später, wenn die Stadt wieder Wolgograd heißt und es nicht mehr so saukalt ist da unten.