Ideologie

Also solche Feuilletondebatten sind ja das eine, aber der direkte Austausch mit anderen, und sei es auch nur in blogosphärischen Kommentarbäumen, ist nochmal was anderes. Da wird man direkt und persönlich angesprochen, was einen zwingt, das alles nochmal genauer und gründlicher zu durchdenken, und dieses immer noch genauere und immer noch gründlichere Nachdenken versetzte mich gestern nachmittag und bis in den Abend und die Nacht hinein dann schließlich in einen unangenehmen Zustand völliger Geisteslähmung, der es mir leider verunmöglichte, auf Kommentare noch weiter zu antworten.

Nochmal drüber schlafen, das ist ja meistens eine gute Idee, und tatsächlich fiel die Gedankenstarre dann heute morgen ganz locker von mir ab und siehe da: über Nacht hatte ich meine Meinung geändert. Und so ist mein Standpunkt zum Thema Kleine Hexe jetzt nicht mehr, wie ich noch im letzten Text schrieb: wenn „Negerlein“ jetzt wirklich nicht mehr geht, dann nehmt es halt raus, es sind doch nur Worte.

Sondern jetzt sage ich: Dieses Wort, das ich jetzt endgültig auch in Anführungsstrichen selber nicht mehr hinschreiben mag, geht heute wirklich überhaupt und ganz und gar nicht mehr. Es soll unbedingt, definitiv und so schnell wie möglich aus der Kleinen Hexe und aus Pippi Langstrumpf und aus allen anderen Kinderbüchern getilgt werden, die man ansonsten für weiter tradierenswert hält. Und mit Geschichtsklitterung hat das rein gar nichts zu tun. Dass man früher statt „Hallo“ „Heil Hitler“ gesagt hat, das habe ich später auch so erfahren, dazu musste man mir nicht als Vierjährigem Nazi-Kinderbücher vorlesen und dann lange Erklärgespräche mit mir führen.

Und das halte ich für etwas so Selbstverständliches eigentlich, dass ich schlichtweg keine Lust habe, lange pseudolinguistische Diskurse über Kontexte und Konnotationen, kindlichen Spracherwerb und elterliche Erklärpflichten zu führen.

Weil ich aber selber so ein Gscheithaferl bin und im letzten Text noch so superschlau den frühen Wittgenstein mit eingeflochten habe, so zitiere ich jetzt auch den späten: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ (PU 43) Und wenn also durch genügend ausgiebigen Gebrauch eines Wortes zu diskriminierenden Zwecken die Bedeutung eines Wortes vollständig zu einer herabwürdigenden Bezeichnung für andersfarbige Menschen sich gewandelt hat, dann ist das per se und außerhalb von jedem Kontext kein harmloses Wort mehr, wie „Architekt“ oder „Arzt“, und dann kann man sich durchaus als Sprachgemeinschaft dazu entschließen, dieses Wort aus dem aktiven Wortschatz zu entfernen und also besonders die gerade im Spracherwerb befindlichen Kinder nicht mit diesem Wort zu konfrontieren.

Wenn das Ideologie ist, dann nennt mich einen Ideologen.

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5 Kommentare zu “Ideologie

  1. Ich gebe Ihnen vollkommen recht, das Wort „Negerlein“ geht heute (und schon seit langen Jahren) überhaupt nicht mehr. Das dürften ja wohl alle Diskursteilnehmer so sehen. Auch ich will nicht, daß es sich in den Wortschatz von unschuldigen Kindern eingräbt. Die notwendige Konsequenz daraus wäre aber doch, denke ich, Bücher mit diesen Worten vom (vergleichsweise profitablen – klar, das ist natürlich ein wichtiger Punkt) Markt zu nehmen, statt sie ihrer Zeitgebundenheit zu berauben. Wer kauft denn aus lauter Rührseligkeit diese Bücher, weil sie sie selbst mal toll fanden? Wenn sie jetzt nicht mehr so toll sind, weil die Zeit Erkenntnisse gebracht hat, dann kann man doch zu anderen, zeitgemäßen Büchern greifen. Älteren Kindern kann man dann ja die alten Ausgaben der „Kleinen Hexe“ zeigen und mit ihnen darüber sprechen, wenn das Thema in der Schule dran ist. Am besten wäre es natürlich, man würde Kindern einfach wieder die Möglichkeit geben, von Mittag bis zum Dunkelwerden Baumhäuser zu bauen, auf dem Bolzplatz fußballzuspielen oder seilzuspringen oder zu knickern oder was auch immer; denen fällt schon was ein. Ich habe als Kind so gut wie überhaupt nicht gelesen, sondern mir meine Welt angeguckt – und hat es mir geschadet? Ganz im Gegenteil.

  2. Der Ideologievorwurf bringt selten diskursiven Mehrwert mit sich, er dient dem Kampf und dem Gewinn von Hoheit abseits von Argumenten — daran liegt mir nichts. Ich möchte auf zwei Kleinigkeiten im Licht meines Kommentars im anderen Beitrag hinweisen:

    1) Die Sprachgemeinschaft entschließt sich nicht, sie diskutiert gerade und selbst wenn die Diskussionen vorüber ist, wird sich ein bestimmtes Verständnis etablieren oder bestimmte Institutionen (Verlage) ihre Entschlüsse fällen; selbst dann gibt es aber widersprechende Ansichten und das ist auch gut so. Die letzte Rechtschreibreform ist ein brauchbares Beispiel, dass selbst offizielle Regelungen keine Verbindlichkeit hinsichtlich der Verwendung von Sprache mit sich bringen müssen; die Sprachgemeinschaft sollte man keinesfalls als eine Art von Person verstehen, weil das eine Einheitlichkeit vorgibt, die nicht vorhanden ist.

    2) Es geht hier um die Möglichkeit eines Einflusses (!), durch bestimmte Wörter, die damals in einem nicht-abwertenden Verständnis gebraucht wurden, oder anders: Aus dem Kontext lässt sich keine Abwertung ableiten, sie entsteht, weil eine Mehrheit, diese Wörter heute als diskriminierend empfindet. Das Beispiel, dass man früher statt „Hallo“ „Heil Hitler“ gesagt hat, ist etwas ganz anderes, nämlich die Huldigung eines Diktators, der Millionen auf dem Gewissen hat (aber auf die Idee es aus Romanen oder Geschichtsbüchern zu tilgen, ist noch niemand gekommen).

  3. Ja, das stimmt. Die Sprachgemeinschaft entschließt sich nicht, sondern diskutiert lieber noch ein bisschen. Mir persönlich wäre es lieber, wenn die Sprachgemeinschaft in dieser Frage ein bisschen mehr Entschlossenheit zeigen könnte, aber sei’s drum, ich will ja niemanden bekehren oder belehren, weshalb ich mich aus der Diskussion jetzt ausklinke, denn ich für meinen Teil habe alles gesagt, was ich sagen wollte, und würde mich ab jetzt nur noch wiederholen, was mir widerstrebt.

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