Thinguistic Turn

„Hallo, Herr Po!“, begrüßte mich eine freudenstrahlende Clara heute morgen im Bad, worauf ich, aus meiner Schlaftrunkenheit erwachend antwortete: „Hallo, Frau Klo!“ Wir lachten beide und freuten uns. Dass der Tag so lustig losgeht, ist ja keine Selbstverständlichkeit, da muss man sofort dankbar sein, dachte ich, und sprang leichtfüßig unter die Dusche.

Komischerweise fiel mir später am Tag, als ich den x-ten Artikel zum Thema Kleine Hexe, das N-Wort, Zensur etc. anklickte, genau dieser kleine Morgendialog mit meiner Tochter wieder ein, als ich beim bloßen Anklicken schon in den Sessel zurücksackte und es plötzlich gar nicht mehr fassen konnte, dass die Zeitungen jetzt seit über einer Woche über ein paar bloße Wörter so eine Debatte, so ein monströses Wortgeklingel aufführen, dass es einen schwindelt.

Pandabauer

Ich bin ja auch so ein literarischer Feingeist eigentlich, der den Urtext schätzt, und freute mich bei der Lektüre des Grünen Heinrich immer, dass die Herausgeber meiner Ausgabe so Wörter wie „allmählig“ eben nicht auf die heutige Schreibung geändert hatten. Dass das Buch 150 Jahre alt ist und der Autor jedenfalls bestimmt kein Norddeutscher war, erzählt sich so im Text selber ganz selbstverständlich mit, ohne dass ich groß in Fußnoten oder Nachworten blättern müsste, und solche Schreibungen ändern ja auch was am Sound des Textes. Ausgehend hiervon war ich also zunächst der Ansicht, dass Kinderbücher nicht als etwas subliterarisches angesehen werden sollten, etwas das beliebig dem jeweiligen Zeitgeist angepasst und ständig umgeschrieben werden könnte.

Aber andererseits, wenn „Negerlein“ jetzt wirklich nicht mehr geht, dann nehmt es halt raus, es sind doch nur Worte. Gerade so sprachbegeisterte Literaturspinner wie ich sollten sich immer mal wieder vor Augen führen, dass die Welt alles das ist, was der Fall ist. Die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge, und also schon gleich nicht der die Dinge bezeichnenden Worte.

gez.: Herr Po.

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10 Kommentare zu “Thinguistic Turn

  1. Bei der ganzen Diskussion sollte eine Frage vielleicht nicht außer acht gelassen werden, nämlich ab wann Kinder begreifen können, daß ein Buch aus einer anderen Zeit stammt, in der anders gesprochen und geschrieben wurde und in der die Gesellschaft eine andere war. Und wenn die Frage sich ungefähr beantworten läßt, dann stellt sich, denke ich, die nächste, ab wann es Kindern zugemutet werden muß, sich mit diesen Unterschieden zu beschäftigen. Der Thienemann Verlag geht ja auf diese Punkte ein (Link unten), scheint aber Kindern durchaus nicht zuzutrauen, ältere Begriffe aus dem Kontext heraus in ihrer Bedeutung zu erkennen. So wird in der kleinen Hexe aus „Ich wichse euch mit dem Besen durch ..“ in einer bereits lieferbaren Ausgabe „Ich verhaue euch mit dem Besen …“ – warum sollten Kinder das altertümliche Wort nicht in seiner Bedeutung erkennen? Außerdem ist durchaus zu bedenken, daß die Gewaltandrohung an sich ja bleibt! Das aber scheint niemanden zu stören. Daß nun darüberhinaus der Begriff „Hexe“ ziemlich frauenfeindlich sein könnte, der männliche Begriff „Hexer“ aber keinesfalls den Mann herabwürdigt, ist noch ein weiterer Punkt, der einem aufstoßen könnte, wenngleich auch das niemanden stört. Ich denke, man sollte die Bücher so lassen, wie sie ursprünglich waren und in Vorlesebücher ein Vorbemerkung für die Eltern hineindrucken, die auf die Punkte hinweist, die problematisch sind, also z. B. Wortwahl und Gewalthandlungen physischer und psychischer Art, Kontexte, die die traditionellen geschlechtsspezifischen Rollen über Gebühr festschreiben und so weiter. Wer dann das Buch nicht kaufen will, soll ein anderes kaufen – das Angebot ist riesig!

    http://cms.thienemann.de/daten/dokument/sonstiges/Modernisierung-%20Klassiker_18.01.2013.pdf

    • Das Sprachgefühl der Kinder ist außerordentlich und überrascht mich selber regelmäßig, man darf die Kinder niemals für zu dumm halten. Dennoch verstehe ich den Wunsch, dass ein Wort wie „Neger“ nicht mehr so selbstverständlich irgendwo rumsteht in einem Buch. Man muss den Kontext beachten, denke ich. Im Huckleberry Finn ist die Diskriminierung der Farbigen selbst ein wirkliches und wichtiges Thema des Buches, man würde den ganzen Inhalt des Buches unverständlich machen, wenn man da plötzlich respektvolle Synonyme für das Wort „Nigger“ substituierte. Das ist nun in der Kleinen Hexe nicht der Fall, deswegen plädiere ich hier für das Ändern. Die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, ist nämlich nicht relevant für diese Debatte, denke ich, sondern entscheidend ist die Zeit, in der das Buch spielt. Huckleberry Finn spielt ganz klar Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und muss daher die Sprache dieser Zeit sprechen. Die Kleine Hexe dagegen spielt in einer ganz seltsamen Nicht-Zeit, die weder ganz mythisch-märchenhaft, noch ganz Fünfzigerjahre ist, sondern irgendwie beides zugleich.
      Ich habe jedenfalls dieses Buch als Kind mit Freude gelesen, es meiner Tochter auch kürzlich erst vorgelesen, und denke, dass sein Zauber woanders liegt und man ihm keinen Schaden tut, wenn man das N-Wort tilgt.

    • Zunächst nehmen Kinder die Welt mit ziemlicher Sicherheit anders wahr als Erwachsene, das sollte m.E. der Ausgangspunkt sein. Sie werden anders lesen und das Gelesene anders interpretieren.

      Was mich an den Vorhaben insgesamt beunruhigt ist folgendes: Erstens ist man gewillt historische Sachverhalte oder Werke zugunsten gegenwärtiger Ideen (oder Ideologien) zu verändern und nicht bloß einen Kontrast herzustellen (das ist sehr ähnlich der Diskussionen um Denkmäler und Straßennahmen). Und zweitens ist man gewillt ein bestimmtes Verständnis von Beginn an in die Köpfe der Kinder zu setzen, ohne ihnen — sozusagen — die Wahl zu lassen (nachdenkende und aus eigenen Entschlüssen handelnde Menschen, das muss doch das Ziel sein).

      Und es ist ja bei Gott nicht so, dass es nur alte Kinderliteratur gibt, in der neueren kommen die bemängelten Dinge nicht mehr vor, es entstünde vielleicht sogar ein Kontrast, der sich als pädagogisch wertvoll herausstellen könnte (was auch von den Eltern abhängt).

      Die Frage ist, was soll korrigiert werden? Wörter die potenziell missverständlich sind? Das kommt doch auf den Kontext an, die niemals festgefügte Bedeutung und Konnotation … wenn ein Kind das Wort „Neger“ liest, zum ersten Mal und dieses Wort in der Alltagssprache kaum mehr vorkommt, was wird passieren? Vermutlich wird es fragen, was das Wort bedeutet, es wird versuchen es einzuordnen, wird seine Eltern fragen…

  2. Ich kann die prinzipielle Skepsis gegenüber Eingriffen in literarische Werke durchaus nachvollziehen, siehe oben. Aber in diesem Fall und in dieser Debatte kommen mir die Urtext-Fetischisten (Fleischhauer, Greiner etc.) deutlich ideologisch motivierter vor, als die Befürworter der Revision. Da wird ja so getan, als ginge jetzt das Abendland unter, weil so ein paar winzige Stellen geändert werden. Greiner schrieb, es würden hier sogar Erinnerungen gestohlen. Das ist doch grober Unsinn. Meine Erinnerung an die Kleine Hexe ist erstens sowieso unstehlbar und hängt doch zweitens nicht an dem Wort „Neger“, sie hängt an gar keiner Wortwörtlichkeit.

    Texte sind auch nicht sakrosankt, die Eliminierung von rassistischem Wortschatz geht für mich in Ordnung.

    • Ich kenne die kleine Hexe nicht (ebenso die Texte von Fleischhauer und Greiner); es ist aber nicht so, dass Wörter per se rassistisch sind, sondern es kommt darauf an wer damit wie bezeichnet wird; oder anders herum gesagt: Es gibt keine Garantie dafür, dass neue Begriffe, wie z.B. Roma und Sinti nicht auch einmal eine solche Konnotation erhalten.

      Entscheidend ist in diesem Fall nicht alleine, was ich bei dem Begriff empfinde, sondern ebenso derjenige, der damit bezeichnet wird.

      Ich habe gerade eben einen Text über das Urheberrecht gelesen, in dem argumentiert wird, dass diese stark in Zusammenhang mit unserem Verständnis einer Person steht; vereinfacht gesagt: Jemand der Urheberschaft verneint, verneint damit die Person des Urhebers oder zumindest bestimmte, essentielle Teile von ihr. — Müssten ähnliche Überlegungen nicht auch für Werke aus der Vergangenheit gelten?

      Ich glaube nicht, dass wir über eindeutig rassistische Äußerungen diskutieren (müssen), sondern über solche, die eben nicht eindeutig sind. Oder?

      • Ich denke, bei der „Kleinen Hexe“ ist der Punkt genau der, dass das Wort „Neger“ nicht in einem explizit rassistischen Kontext verwendet wird, sondern ganz beiläufig als normales, übliches Wort daherkommt. Der Thienemann-Verlag befürchtet – wie ich finde, zu Recht – dass das Wort auf diesem Wege in den alltäglichen Wortschatz der Kinder einfließen könnte. Nachdem Otfried Preußler ja selbst auch noch am Leben ist und die Veränderungen von ihm mit abgesegnet wurde, wird ihm da auch nicht ex post das Recht auf Urheberschaft genommen.

      • Der Thienemann-Verlag befürchtet, dass es könnte … nun, es könnte auch sein, dass Autos Kinderleben gefährden, es verhält sich sogar sicher so: Werden diese deshalb verboten oder dürfen Kinder nicht mehr mit ihnen transportiert werden? Ich fürchte, und das meine ich ernst, den Geist, der hinter diesen Forderungen steckt: Bloß weil es im Bereich des Möglichen liegt, weil es denkbar ist, dass eine Geisteshaltung Nahrung bekommt, was aber überhaupt nicht sicher ist, weil es so viele andere Faktoren gibt, beginnt man umzuschreiben … ist das nicht ein gefährliches Misstrauen, dem Denken, der Bildung und Aufklärung gegenüber?

        Von ihm abgesegnet: Dem Autor steht es selbstverständlich frei, wenn er sein Werk in eine neue Fassung bringt (aber dem Wort „abgesegnet“ misstraue ich).

  3. Das dürfte ein wichtiger Punkt sein, daß nämlich die in den betreffenden Texten verwendeten Begriffe nicht per se rassistisch sind und auch nicht so verwendet werden. Weißer, Bleichgesicht, Schwarzer, Neger, Farbiger, Rothaut, Langnase, Schlitzauge usw. sind in einem harmlosen Kontext harmlose Begriffe, ebenso wie Katholik, Protestant, Sozialist, Bauer, Arzt oder Architekt, ganz gleich ob in männlicher oder weiblicher Form.

    Zudem ist noch zu bedenken, daß, wenn etwa aus einem Negerlein ein Schornsteinfegerlein wird, die dunkelhäutige Figur durch eine weiße Figur ganz und gar ersetzt wird, die sozusagen nur noch aus beruflichen Gründen dreckig ist und das Dunkle wieder abwaschen kann, mal ganz abgesehen davon, daß „Schornsteinfeger“ früher auch von Kindern als Schimpfwort benutzt wurde für dunkelhäutige Kinder. Und was ist eigentlich mit dem hübschen Text „Zehn kleine Negerlein“, der auf dem Buchmarkt einfach nur als „Kinderbuchklassiker mit gereimtem Text“ angeboten wird? Soll man diesen Text dann vollends entsorgen? Oder soll man nicht doch lieber erst eine Umfrage bei dunkelhäutigen Kindern machen, für die man sich doch einzusetzen behauptet, ob sie sich von diesem Text herabgewürdigt sehen?

    • Der Hinweis auf den Kontext ist wichtig, denn dieser Kontext ist kein rein literarischer, sondern ein lebensweltlicher. Wenn ich einen Asiaten auf der Straße oder auf dem Schulhof als „Schlitzauge“ bezeichne, ist das rassistisch. Wenn eine Handvoll Nazis irgendwo „Neger klatschen“ gehen, ist das rassistisch. In diesem Zusammenhang von harmlosen Begriffen zu sprechen, scheint mir schon sehr leichtfertig. Dass es einen von der eigenen Lebenswelt abgetrennten literarischen Kosmos geben kann – konstituiert durch Entstehungszeit, Handlung etc -, innerhalb dessen diese Begriffe harmlos verwendet werden könnten, ist für die Kinder, an die sich Bücher wie „Die kleine Hexe“ wenden, eine zu große Abstraktionsleistung.
      Für die „Zehn kleinen Negerlein“ haben übrigens meines Erachtens die Toten Hosen schon vor längerer Zeit mit „Zehn kleine Jägermeister“ einen adäquaten Ersatz geschaffen.

      • Ich wundere mich, daß sich nach wie vor niemand über die „Hexe“ aufregt oder über all die teils unterschwellige Erziehungs-Gewalt in den alten Kinderbüchern. Aber wenn man daran ginge, würde man ja den Kontext ändern und die Geschichten ruinieren, also bleibt die Gewalt drin und der Titel wird nicht in „Die kleine Besenreiterin“ geändert. Zu den Begriffen: natürlich möchte ich nicht, daß Kinder Worte wie Neger oder Schlitzauge verwenden, um andere Kinder herabzuwürdigen, wenngleich Kinder das ohnehin tun (weil sie sich ja an den von den Erwachsenen vorgelebten Grundmustern orientieren, denn Kinder kriegen all die Fiesheiten z. B. im Elternhaus sehr gut mit, wie über Verwandte und Kollegen oder die „Griechen“ gesprochen wird). In meiner Kindheit war das schlimmste Schimpfwort auf dem Schulhof „Du Spasti“ – das kam von dem Begriff „Spastiker“, der von der „Aktion Sorgenkind“ (heute „Aktion Mensch“) verwendet wurde bei der Aufklärung über die Nöte behinderter Menschen. Eltern und Lehrer versuchen in solchen Fällen dann, den Kindern klarzumachen, daß man sich so nicht verhält. Warum kann man aber nicht schon vorher, beim Vorlesen und Darübersprechen all die wichtigen Punkte ins Bewußtsein der Kinder bringen, anstatt zu warten, bis die Begriffe auf anderem Wege zu den Kindern gelangen, was wohl kaum zu verhindern ist. Daß es mit dem Austausch von Begriffen ohnehin nie getan ist, zeigt ja schon die Überlegung, ob sich was zum Besseren änderte, wenn sich Nazis an die politisch korrekte Sprache hielten, bevor sie ihren rassistischen Untaten nachgehen, was wohl leider nicht der Fall ist.

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