The International Schillertheater

Völlig unverhofft hatte plötzlich starker Schneefall eingesetzt, und während ich durch dieses Schneetreiben hindurch die Bismarckstraße entlang zum Schillertheater hinlief, fiel mir wieder ein, dass nicht, wie ich fälschlich gedacht hatte, der Tristan in Frankfurt vor sieben Jahren, sondern die Pique Dame in Wien vor fünf Jahren mein letzter Besuch in einem Opernhaus war. Die monumentale Pracht der Wiener Oper baute sich vor meinem inneren Auge auf, und vielleicht war mir deshalb das im Vergleich dazu geradezu schneckenhauskleine Schillertheater, das in einer für mich mythischen Vorvergangenheit einmal die größte Sprechbühne Deutschlands gewesen ist, auf Anhieb so lieb und sympathisch.

Jetzt also, nach fünfjähriger Opernabstinenz: der Freischütz. Ich war früh genug da, rauchte vor dem Theater noch eine Zigarette, gab meine Jacke ab und trat in den herrlichen Saal. Der schien mir, immer noch das Wiener Staatsopernbild vor Augen habend, so klein, dass ich dachte, das erste fortissimo müsste uns alle fortblasen von diesem Planeten. Es kam aber genau anders. Die holzvertäfelte Akustik des Raums und ein perfekt diszipliniertes Orchester erschufen vielmehr einen total kammermusikalischen Freischütz. Ich war ehrlich erstaunt, wie forte gespielte Akkorde völlig ohne Nachhall in so einem Raum verstummen können. Ganz spurlos. Genialer Effekt, der meine alte These bestätigt, dass die heutigen Opernhäuser alle viel zu groß sind. Also der Orchesterklang begeisterte mich, nicht nur der Akustik dieses Raumes wegen, der ja nur Ausweichspielstätte wegen der Renovierung der eigentlichen Hauses Unter den Linden ist, sondern das ganze Stück war auch herrlich präzise und unsentimental musiziert. Diese Auffassung kam mir sehr entgegen, je romantischer eine Musik ist, desto nüchterner muss man sich ihr nähern, und nicht mit extra fetten Ritardandos noch zusätzlichen Schmelz draufpacken.

Die Inszenierung hingegen enttäuschte mich. Für meinen Wiedereintritt in die Opernatmosphäre hatte ich mir diesen Freischütz ja nicht zuletzt wegen des Regisseurs Nikolaus Lehnhoff ausgesucht, denn der hat Ende der Achtziger mit seinem Münchner Ring mir erste und absolut prägende Opernerlebnisse verschafft. Über Jahre pilgerte ich mit dem F. immer wieder nach München, bis wir den ganzen Zyklus gesehen hatten, und jede einzelne Aufführung verschuf uns Erinnerungen fürs Leben. Mit „Crazy Horse“-Pullover war Lehnhoff im Programmheft abgebildet und genauso crazy war die Inszenierung: Wotan flog im Raumschiff durchs Weltall, die Walküren waren durchgeknallte Rockerbräute und die Welt der Gibichungen in der Götterdämmerung war so eindringlich als ein Gestapo- und SS-Staat dargestellt, dass es mir heute noch Beklemmung hervorruft, wenn ich daran zurückdenke. Von derlei Verrücktheiten war in diesem Freischütz jetzt eher weniger zu sehen. Ohne jetzt direkt eine deutsche Jägerromantik abzufeiern, war das Stück doch irgendwie historisierend in einer komischen Mischung aus 17. und 19. Jahrhundert angesiedelt, die Kostüme erinnerten mich an Werner Herzogs Woyzeck-Film. Und die Idee, den Samiel erstens mit einer Frau zu besetzen und ihn zweitens nicht nur in der Wolfsschlucht-Szene leibhaftig sichtbar zu machen, sondern ihn das ganze Stück hindurch immer mal wieder über die Bühne laufen zu lassen, wenn die Musik sich ein bisschen eindüstert – naja, also das haute mich jetzt auch nicht so vom Sessel. Diese dauernde Präsenz des Bösen wird ja eben schon von der Musik erzählt. Das dann immer auch so auf der Bühne zu zeigen ist bloße Illustration, die keinen neuen Aspekt auf die Oper wirft.

Interessant war übrigens das Publikum, es erzählte mir einiges über diese Stadt, in der ich jetzt bald zwei Jahre lebe, und die mir doch immer noch so fremd und unverständlich erscheint. Links neben mir saßen zwei reizende ältere Französinnen, deren eine nach einer gelungenen Arie immer ganz leise und nur für sich „bravo“ sagte, das fand ich wundervoll. Vor mir zwei amerikanische Collegeboys mit blond gefärbten Haaren, rechts ein Ehepaar aus Österreich und hinter mir nochmal mehrere Franzosen. Dazwischen ich mit meinen Haferlschuhen. Das fand ich lustig, wie unpreußisch es in der Berliner Oper zugeht, und als ich in der Pause um ein Bier anstand und las, dass sie da tatsächlich eine „Schwäbische Laugenbrezel“ verkaufen, da musste ich eingedenk von Thierses kürzlich geäußerter Regionalengstirnigkeit laut auflachen und kaufte mir diese schwäbische Laugenbrezel zu meinem Pilsner Urquell auch noch dazu. Schrippe und Schultheiss wären auch einfach nicht operngemäß, dachte ich, während ich so die schwäbische Breze zum tschechischen Bier nahm. Und als ich mich dann wieder für den dritten Akt zwischen meine Französinnen, Österreicher und Amerikaner setzte, glaubte ich kurz, dieses völlig entberlinisierte Berlin vielleicht doch ein bisschen zu verstehen und zu mögen.

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