Tannenholz

Ich hatte ja geahnt, dass es tragisch ausgehen würde. Heute mittag las ich den Grünen Heinrich zu Ende. Das letzte Kapitel ist nur acht Seiten lang, aber die gehören zum Bittersten, was ich je gelesen habe. Nach der zuletzt geschilderten Friedhofsszene war ja für Heinrich nochmal eine unverhoffte Wende zum Guten eingetreten, ein freisinniger Graf nimmt sich seiner an, fördert seine Kunst, er malt doch noch einmal zwei große Landschaftsbilder, die er für viel Geld verkauft, und kommt dann auch noch zu einer gänzlich unerwarteten Erbschaft, so dass er acht Seiten vor Schluss als ein vermögender Mann endlich, nach sieben Jahren der Abwesenheit, freudig in seine Heimatstadt hineinläuft. Dort trifft er als erstes auf einen Begräbniszug, dem er sich leichten Sinns anschließt, bis er in der Kirche realisiert, dass er sich auf der Beerdigung seiner eigenen Mutter befindet.

Interessanterweise wird ab diesem Punkt, ganz im Gegensatz zum sonstigen Stil des Buches, das Innenleben des Heinrich überhaupt nicht mehr beschrieben, seine Emotionen bleiben vor dem Leser verborgen, geschildert werden jetzt nur noch äußere Vorgänge:

Ohne weiter zu hören, ging er hinaus und suchte das Grab, an welchem der Sarg stand auf der Bahre. Eben nahm der altbekannte Totengräber die obere schwarze Tuchdecke von demselben und legte sie bedächtig zusammen, dann die untere von weißer Leinwand, welche der Sitte gemäß eine Handbreit unter der schwarzen Decke hervorsehen muß, und endlich stand das bloße rosige Tannenholz da. Heinrich konnte nicht durch die Bretter hindurchsehen, er sah nur, wie jetzt der Sarg in die Erde gesenkt und mit derselben zugedeckt wurde, und er rührte sich nicht.

Diese seltsame Bemerkung, dass er nicht durch die Sargbretter hindurchsehen konnte, was sich doch eigentlich von selbst versteht, lese ich als Metapher auf genau diesen Wechsel der Erzählhaltung für diese letzten acht Seiten. Heinrichs Seele, die 900 Seiten lang transparent war, in der wir buchstäblich alles lesen konnten, ist auf einmal vernagelt wie der Brettersarg.

Er fährt noch einmal aufs Land, wo er mit der Judith und der Anna seinen dionysisch-apollinischen Fasching gefeiert hat, aber da bleibt ihm jetzt auch alles fremd, er kann auch dort nirgends mehr anknüpfen. Und nur eine Seite weiter stirbt er einfach selber, ohne Angabe von Gründen, und das Buch ist aus.

Ich grübelte diesen letzten acht Seiten noch lang hinterher. Als ich das Buch schließlich weglegte, rief ich als erstes meine Mutter an, um sicherzugehen, dass sie noch lebt. Es geht ihr aber gut und fast wunderte sie sich ein bisschen, dass ich so grundlos anrufe. Also redete ich so drauflos und sagte, dass ich jetzt gleich den Christbaum auf die Straße werfe, worauf sie mir erzählte, dass das in Oberammergau jetzt nicht mehr ginge, da muss jetzt neuerdings jeder seinen Christbaum persönlich zum Bauhof rausfahren, die Bäume werden nicht mehr von der Straße eingesammelt. Da war ich ausnahmsweise mal froh, in Berlin zu wohnen, schmiss unseren Baum ans Straßeneck und ging meines Weges.

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5 Kommentare zu “Tannenholz

  1. Danke für die schlüssige Deutung der Sargmetapher. Ich las „Der grüne Heinrich“ zweimal – einmal als Jugendlicher und dann wieder anlässlich eines Aufsatzes über Keller vor 3 Jahren – und habe bei dieser Stelle ebenfalls aufgemerkt.
    Herzliche Grüße von der Küste Nord Norfolks
    Klausbernd und seine munteren Buchfeen Siri und Selma

    • Gleichzeitig könnte es auch eine Reminiszenz an die Beerdigung der Anna darstellen, denn da wurde ja beschrieben, dass eine kleine Glasscheibe in den Sargdeckel eingesetzt war, so dass man hier tatsächlich sozusagen „durch die Bretter hindurchsehen“ konnte. Das fiel mir nachträglich noch ein. Die Stelle ist so seltsam, dass man unwillkürlich darüber stolpert und darüber nachsinnt.
      Ein wirklich geniales Buch auf jeden Fall. Ich will es auch irgendwann noch ein zweites Mal lesen.
      Beste Grüße nach England!

      • Ich finde, beide Deutungen schließen sich nicht aus. Das macht vielleicht das Geniale des Schlusses aus, dass er komplexer ist, als der Leser auf dem ersten Blick sieht.
        Herzliche Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
        Klausbernd

  2. „dass keiner mit Augen sieht, wie und wo er sich verirrt, vereinsamt und stückweise von irgend einem Höhlen-Minotaurus des Gewissens zerrissen wird. Gesetzt ein solcher geht zugrunde, so geschieht es so ferne vom Verständnis der Menschen, dass sie es nicht fühlen oder mitfühlen: – und er kann nicht mehr zurück! er kann auch zum Mitleid der Menschen nicht mehr zurück.! – –“

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