Die Inhaber der Erde

Ich weiß, es nervt jetzt schon fast, mit meinem ewigen Grünen Heinrich, ich bin ja auch so gut wie durch jetzt, und bald schreib ich wieder über ganz anderes Zeug, versprochen. Aber eine Passage darf ich bitte noch kurz hervorheben, weil sie mich auch wieder total vom Hocker riss: Der am völligen Nullpunkt angekommene Heinrich, der nichts mehr besitzt als die Kleider an seinem Leib und das in ein Tuch eingewickelte Manuskript seiner Jugendgeschichte, läuft zu Fuß zurück in Richtung Heimat. Ausgehungert, auf der ganzen Linie gescheitert, will er jetzt endgültig kein Künstler mehr sein, kein Maler, kein sonstwas, sondern will nur noch heim zur Mutter und von da sein Leben nochmal neu beginnen mit etwas Sinnvollem. Total euphorisch ist er auf dieser Reise, er hat nicht mal eine Landkarte, weiß nur ungefähr die Richtung, wo die Schweiz liegen müsste, und läuft und läuft, ohne zu essen oder zu rasten, Tag und Nacht durch, bis er schließlich doch zusammenbricht und auf einer Friedhofsbank einsinkt, um zu schlafen. Aber sofort kommt der Küster daher und will den Landstreicher von dem Friedhof wieder vertreiben. Da tritt eine Frau aus dem Dunkel:

Die junge Dame sah den Heinrich an und sagte freundlich: „Warum wollen Sie durchaus hier schlafen? Lieben Sie die Toten so sehr?“
„Ach, mein Fräulein“, sagte Heinrich, indem er ziemlich furchtsam aufblickte, „ich hielt sie für die eigentlichen Inhaber und Gastgeber der Erde, die keinen Müden abweisen; aber wie ich sehe, so sind sie von den Lebendigen auch in dieser Hinsicht arg bevormundet und wird ihre Intention stets ausgelegt, wie es denen gefällt, die über ihren Köpfen dahin gehen!“

Ich kann das nicht näher beschreiben, wie es mich im Innersten schüttelt, bei diesem Bild von den Toten als den eigentlichen Inhabern der Erde, die von den Lebenden bevormundet werden. Als ein zufällig Lebender kommt man sich da gleich doppelt schlecht vor, aber irgendwie muss man ja weitermachen und wandelt halt dann so über die in der Erde vergrabenen Köpfe weg, deren Intentionen einem ja auch tatsächlich meistens eher schnuppe sind, und genau deswegen, glaube ich, zuckte ich bei dem obigen Zitat so zusammen.

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