Kein Ponyhof

Ich zünde mir den Christbaum an, mir ganz allein, die andern schlafen schon, lösche alle stromgespeisten Lichtquellen und denk so vor mich hin. Es gibt ja wirklich kein schöneres Licht als das spezielle Christbaumkerzenlicht. Gestern sah ich schon die ersten hier ihre Christbäume auf die Straße werfen. Die hatten bestimmt nur eine Lichterkette um den Baum gewickelt, vermute ich, und wissen gar nichts von dem Licht, in dem ich jetzt sitze, und das ich bis Dreikönig allabendlich voll auszukosten gedenke.

Baum

Aber warum bin ich überhaupt hier bei meinem Baum? Wir wollten doch woanders sein?

Unsere Sehnsucht ging aus nach Ruhe, Stille, nach möglichster Abwesenheit von stumpfsinnigem Silvester-Geknall, weswegen wir gestern den Koffer packten und die Rucksäcke und abfuhren zum Ponyhof in der größtmöglichen Abgeschiedenheit, im hinterletzten menschenleeren Nest Brandenburgs, um dort den Jahreswechsel zuzubringen. Und als wir ankamen waren da wirklich mehr Pferde als Menschen, und eine unter hohem Nebel liegende flache Landschaft, so unspektakulär, als hätte Gerhard Richter sie gerade eben erst gemalt. Genau so, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Und gar kein Internet, selbst das Handy konnte nicht den letzten Schnurzipfel des weltweiten Brausens mehr erfassen. Für mich ideal. Als die Nacht kam, machte ich mich, endlich unabgelenkt, daran, den grünen Heinrich fertigzulesen, denn der Schlinkert sitzt mir ja im Nacken, mit dem ich im neuen Jahr die Finsternisse der Katarina Botsky parallell lesen und besprechen will. Ich kam auch gut voran, erstaunlich, wieviele Seiten man wegliest, wenn nicht der nervöse Laptop neben einem liegt, und las auf diese Weise von des grünen Heinrichs zweitem großen Fasching, eine Szene, die alles über das Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts aussagt. Die Mittelaltersehnsucht und Verklärung vergangener Reichsherrlichkeit bei dem gleichzeitigen Traum von dem total Neuen, der echten Republik von Bürgern und Künstlern, von Künstlerbürgern und Bürgerkünstlern. Eine Napoleon-Biographie müsste ich mal lesen, dachte ich vor dem Einschlafen. Wenn man die spezifisch deutschen Widersprüchlichkeiten des neunzehnten Jahrhunderts verstehen wollte, müsste man erst mal ihn verstehen, der, selbst ein Produkt der Revolutionswirren, dem heiligen römischen Reich deutscher Nation den Todesstoß gab und damit, egal welch leere Hülle dieses Reich eigentlich bloß war, die Deutschen in eine letztlich bis heute anhaltende Identitätskrise stürzte. Im nächsten Leben studiere ich sowieso Geschichte, das ist schon ausgemacht.

So hätte es von mir aus jetzt weitergehen können bis ins neue Jahr hinein: tagsüber Ponys und Waldgang, und abends hunderte Seiten lesen. Doch am Morgen waren wir alle krank, als hätte des Nachts ein böser Waldgeist uns mutwillig behext. Vor allem Jakob hustete und glühte erbärmlich und allen Durchhalteparolen zum Trotz wurde uns im Lauf des Vormittags klar, dass fünf Tage Ponyhof keinen Sinn ergeben, wenn man nur krank in der Stube vor sich hin dümpelt statt zu den Ponys hinzugehen. Als Clara, die ja vor allem scharf aufs Ponyreiten gewesen war, so schniefend dasaß und mit belegter Stimme sagte, sie wolle jetzt auch lieber nachhaus, da waren die Würfel gefallen, wir packten alles zurück in die Koffer und Rucksäcke und fuhren wieder heim.

Und wegen derlei höchst seltsamer und singulärer Umstände sitze ich jetzt hier, im langsam verglimmenden Kerzenschein meiner Baumlichter, und unten auf der verfluchten Kreuzung unter unserem Wohnzimmerfenster werden jetzt schon die Kanonenschläge abgefeuert. Das kann ja lustig werden.

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