Deponirt

Auf die Geburt der Tragödie gekommen bin ich ja eigentlich erst über Schleef. Im Sommer 2007 las ich Droge Faust Parsifal. Wie lange her mir das heute scheint: ich in Frankfurt, mein Vater lebendig, und meine Kinder ungeboren. Bloß fünf Jahre her, aber ganz andere Menschen in der Welt: eine völlig andere Zeit. Aber ich kann mir noch gut zurückrufen, wie diese Lektüre mich damals elektrisierte. Hier wurden für mich sofort nachvollziehbare Verbindungen hergestellt zwischen dem Theater und der Geschichte, der griechischen Tragödie und der wahren deutschen Wirklichkeit: Nietzsche und Goethe, Wagner und Sophokles, Hauptmann und Hitler, und Brecht und Kohl und Honecker, alles durcheinander, und inmitten dieses Wirrwarrs immer Schleef selber, die Fetzen seiner Lebenserzählung. Dass da einer seine Theatertheorie nicht brav mit Hegelzitaten belegt, sondern wild und sprunghaft mit der ganz subjektiven eigenen Erfahrung kontrapunktiert, das riss mich vom Hocker. Ich sehe mich aufrecht im Bett sitzend gierig die Seiten umschlagen und weiß noch, wie es mich innerlich gerissen hat, als ich ganz zum Ende des Buches auf diese Passage stieß:

Sie zeigte mir Postkarten der Oberammergauer Passionsspiele, wo sie früher, lange vor dem Krieg, mit ihrem Mann, damals verlobt, gewesen sei, der habe sich oft zurückgesehnt nach der Gegend, von wo er stammte. Kurz vor ihrem Tod schenkte sie mir die Postkarten, die ich noch heute besitze. Sie kannte die Darsteller mit Namen, die jüdischen Figuren waren Bauern und Handwerker dieser Gemeinde, die unter Anleitung eines Lehrers und Pastors die Passion spielten. Auf den Postkarten posierten die Darsteller in den jeweiligen Szenen, aber ihr Aussehen, ihr Nichtgeschminktsein war Vollkornbrot gegen eine Wasserschrippe.  (S. 490f.)

Als ich das las, wusste ich sofort, wovon er redet, ich sah diese Bilder vor mir, denn diese spezielle Art vollkörniger Fotografien ist mir vollkommen vertraut. Kistenweise lagern diese als antike Hebräer verkleideten Bauern und Handwerker bei mir im Schrank. Das älteste Foto, das ich mit Sicherheit einem meiner direkten Vorfahren zuordnen kann, zeigt meinen Urururgroßvater in der Rolle des König Herodes beim Passionsspiel 1870:

Franz Paul Lang 1870

Ich weiß so gut wie nichts über diesen Mann. Seine nackten Lebensdaten sind überliefert (1815–1898) und dass er, warum auch immer, von Müller auf Hafner umlernte, weswegen er als erster Träger jenes Hausnamens gelten darf, der sich seither auf alle seine Abkömmlinge übertragen hat. Als ich einmal mit meinem Vater im damals noch existierenden Gasthaus Ambronia im Biergarten saß und von hinten rief einer „Hoi Hofna“, da drehten wir uns beide völlig synchron um, ich sah einem mir gänzlich unbekannten Menschen ins Gesicht und brauchte mehrere Sekunden, um zu realisieren, dass gar nicht ich, sondern mein Vater der Angesprochene war.

Dieses Bild jedenfalls, das meinen Urahnen als einen grimmig-bärtigen und absolut ungeschminkten König zeigt, verdankt seine Existenz letztlich einem tatsächlichen König, dem berühmten Ludwig II. nämlich, denn der sah sich im Herbst 1871 das wegen des Kriegs unterbrochene und nach erlangtem Sieg über die Franzosen im Folgejahr wiederaufgenommene Passionsspiel an – in einer Privatvorstellung selbstverständlich – und war davon so angetan, dass er diese Fotos in Auftrag gab und schließlich auch bekam, gegen den Widerstand der Oberammergauer, die fürchteten, ihr Spiel könne kopiert und plagiiert werden, wenn Fotos davon die Runde machten. Aber der Bann war durch das Königswort für alle Zeit gebrochen und folgende Passionen wurden umso ausgiebiger fotografiert.

Je länger ich jetzt das Foto kontempliere, desto auffälliger wird mir die Asymmetrie der Hände. Mit der Rechten hält er so ganz lässig das Szepter, aber die Linke bohrt sich irgendwie verkrampft gegen den Körper zurück, will so vielleicht eine gewisse Trotzigkeit darstellen, aber die Geste wirkt eigentlich unbeholfen. Er bleibt mir fremd, dieser seltsame Alte aus einer anderen Zeit, und kommt mir nicht näher durch das Anstarren seines vergilbten Abbilds.

Völlig rätselhaft bleibt mir die Inschrift „Deponirt“ am rechten unteren Bildrand. Aber das Wort ist gut, ich übernehme es als Titel für eine hier lose fortzuschreibende Reihe von Ahnenporträts. All diese auf den Friedhöfen und in den Fotokisten sorgsam und doch achtlos deponierten Toten interessieren mich, ich will sie kennenlernen und weiß doch nicht wie. So komisch bin ich.

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2 Kommentare zu “Deponirt

  1. „Deponirt“ ist nichts anderes, als die alte Schreibweise für „deponiert = abgelegt“, also kein geheimnisvoller Ausdruck, sondern wohl mehr die Bestätigung, dass es sich hier um eine offizielle Fotografie handel.
    Der Artikel selbst ist gut und hat mit gefallen.

    • Danke für den Hinweis. Ich hatte mir sowas in der Richtung schon gedacht, habe das Wort dann aber absichtlich nicht gegoogelt, um mir das Mysterium zu erhalten. Macht aber nichts. Interessanterweise klingt mir das Wort immer noch ganz seltsam im Ohr, obwohl ich jetzt seine Bedeutung kenne.

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