Der grüne Heinrich: Apollo vs. Dionysos

Ich lese den Grünen Heinrich sehr langsam, manchmal bloß ein paar Seiten am Tag, was mich normalerweise eher frustriert, wenn ich nicht schnell genug vorankomme in einem Buch, aber hier hat sich dieses langsame Lesen auf ganz natürliche Weise wie von selbst ergeben, diese Sprache ist so wundervoll, sehr musikalisch, und gibt den Rhythmus, in dem sie gelesen sein will, selber vor, man muss das nur hören und folgen.

Jetzt bin ich ziemlich genau bei der Hälfte, zweiter Band soeben beendet, und in der exakten Mitte solch klassisch dicker Bücher geht es ja gerne mal etwas höher her, so auch hier. Das letzte Kapitel des zweiten Bandes ist, genauer gesagt, der reine Wahnsinn, so etwas modernes (mir fällt kein besseres Wort ein) habe ich lange nicht mehr gelesen. Beschrieben ist darin eine Aufführung von Schillers Wilhelm Tell, die aber nicht normal in einem Theater stattfindet, sondern als ein Faschingsspektakel über die ganze ländliche Gegend verteilt ist, in die es den grünen Heinrich immer wieder zieht. Mehrere Ortschaften jener Gegend haben sich verbunden, so heißt es im Text, um „zusammen die Fastnachtsbelustigungen durch eine großartige dramatische Schaustellung zu verherrlichen.“ Diese dramatische Verherrlichung auf der Basis des klassischen Schillertextes soll die alten heidnischen Bräuche der in fratzenhaften Teufelsmasken umherziehenden Horden ablösen und in aufklärerische Bahnen lenken. Genial ist jetzt die Beschreibung dieses Theaterspektakels bei Keller, denn hier vermischt sich alles: die Schauspieltruppe des Tell zieht von Dorf zu Dorf, spielt mal hier mal dort eine Szene, spaltet sich auch teilweise auf, gibt manche Szenen parallell an ganz verschiedenen Orten, und ebenso zieht das Publikum mit und geht mal mit dem Tell oder mit dem Gefolge des Geßner mit, und zwischenrein spukt auch noch „ein Dutzend Vermummte der alten Sorte herum, arme Teufel, welche weiße Hemden über ihre ärmlichen Kleider gezogen hatten, ganz mit bunten Läppchen besetzt, auf dem Kopfe trugen sie hohe kegelförmige Papiermützen, mit Fratzen bemalt und vor dem Gesicht ein durchlöchertes Tuch.

Die Grenzen zwischen dem altem Fasching und dem neuen, zwischen Darstellern und Publikum, Schauspiel und Wirklichkeit – alle diese Grenzen werden unscharf, verwischen sich in der ausufernden Beschreibung dieser heterogenen Menschenmasse, die da so über die schweizerischen Dörfer wogt, und man gerät als Leser in diesem Vexierspiel selbst in einen solchen Taumel, dass man den Wirtshausstreit zwischen dem Darsteller des Tell und einem Holzhändler um den Verlauf einer neu zu bauenden Straße fast für eine Schiller-Szene halten möchte.

Gleichzeitig aber, trotz aller Verwirrung und Verwischung der Trennlinien, bleiben die Pole, zwischen denen der grüne Heinrich in diesem Kapitel oszilliert, die ganze Zeit deutlich sichtbar aufgespannt: das Alte und das Neue, das Körperliche und das Geistige, das Chaos und die Ordnung – das Dionysische und Apollinische eben letztlich, verkörpert in den beiden Frauen, zu denen er sich hingezogen fühlt: das filigrane, tugendhafte Geistwesen Anna und die schon ältere, wesentlich weltlichere Judith, mit denen beiden er an diesem Theatertag eine Liebesszene bekommt, die beide so nicht in Schillers Skript stehen.

Als ich diese Eingebung hatte, dass das ganze Kapitel eigentlich auf der Schablone des Apollinischen und Dionysischen zu lesen sei, und also den Nietzsche aus dem Regal zog und neben dem Grünen Heinrich jetzt auch noch anfing, in der Geburt der Tragödie zu blättern, da wurde ich erst recht verwirrt und eigentlich erschlagen von der Evidenz, dass Keller wirklich den Grundgedanken von Nietzsches Tragödientheorie zwanzig Jahre vorher schon vorausgefühlt und in Romanform so hingeschrieben hat.

Bei Nietzsche heißt es:

Um uns jene beiden Triebe näher zu bringen, denken wir sie uns zunächst als die getrennten Kunstwelten des Traumes und des Rausches; zwischen welchen physiologischen Erscheinungen ein entsprechender Gegensatz, wie zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen zu bemerken ist.

Und der grüne Heinrich, als er mit seiner apollinischen Anna durchs Gelände reitet:

Wir sahen alles zugleich, ohne daß wir besonders hinblickten; wie ein unendlicher Kranz schien sich die weite Welt um uns zu drehen, bis sie sich verengte, als wir allmählig bergab jagten, dem Flusse zu. Aber es war uns nur, als ob wir im Traume in einen geträumten Traum träten, als wir auf einer Fähre über den Fluß fuhren, die durchsichtig grünen Wellen sich rauschend am Schiff brachen und unter uns wegzogen, während wir doch auf Pferden saßen und uns in einem schönen Halbbogen über die Strömung wegbewegten.

Was für herrliche Sätze! Ich könnte das jetzt absatzweise weiter abschreiben, so wie der grüne Heinrich ja auch immer Bilder kopiert, um das Malen zu lernen. Vielleicht könnte ich so auch einmal vernünftig schreiben lernen. Aber um beim Nietzsche zu bleiben: nach der Traumszene mit der Anna kommt es folgerichtig zur Rauschszene mit der Judith. Noch benommen von den Küssen der Anna geht er zurück ins Dorf, sieht noch die Schlussszene des Tell, und hier beginnt jetzt der dionysische Teil der Veranstaltung:

Die Sonne ging eben unter, als ich ankam und sah, wie das Volk das Gerüste zusammenbrach und mit den Kränzen auf einen gewaltigen Holz- und Reisighaufen warf und diesen anzündete. Hier ging auch die Verherrlichung des Tell vor sich, statt vor seinem Hause, doch nicht mehr nach der geschriebenen Ordnung, sondern infolge einer allgemeinen Erfindungslust, wie der Augenblick sie in den tausend Köpfen erweckte, und der Schluß der Handlung ging unbestimmt in eine rauschende Freudenfeier über. […] Wein war in Menge vorhanden, es bildeten sich mehrere Liederchöre, schlichte, einstimmige, welche alte Lieder sangen, wie vierstimmige Männerchöre mit neuen Liedern, gemischte Singschulen von Mädchen und Jünglingen, Kinderscharen, alles sang, klang und wogte durcheinander auf der Allmende, über welche das Feuer einen rötlichen Schein verbreitete.

Auflösung der Ordnung in vielstimmigen Gesang mit Mengen von Wein: Die tausend Köpfe sind wirklich Nietzsches bacchische Chöre, die singend und tanzend von Ort zu Ort ziehen, und Heinrich taumelt mit ihnen mit, trinkt immer noch mehr Wein, und landet am Ende im Haus der Judith, mit der er dann auch heißeste Küsse austauscht, bis er an die Anna denkt und schließlich gar nicht mehr weiß, wer er selber ist:

Ich schien mir dort ein anderer und hier ein anderer und doch immer der gleiche zu sein.

In dem schon völlig im dionysischen Zauber aufgelösten Heinrich meldet sich hier schlagartig wieder Apollo als Inbegriff des principii individuationis und fragt nach der Stellung des eigenen Ich in dem ganzen Irrsinn. Ich bin ansonsten ja kein so großer Nietzsche-Anhänger, auch kein Experte für diese merkwürdigen Übermenschtheoreme und das alles, aber die Geburt der Tragödie halte ich für eines der wirklich wesentlichen Bücher über das Theater, die Tragödie und die Kunst überhaupt. Dass Keller um 1850, als Nietzsche gerade mal das ABC lernte, diese Gedanken so klar in seinen Roman hineinschreiben konnte, die Nietzsche selbst dann später erst als Theorie formulieren sollte – das verblüfft, erstaunt, begeistert mich heute, in unserer allen Abstraktionen so abgeneigten Zeit. Und bin natürlich gespannt, wie es weitergeht mit dem grünen Heinrich, ob er die dionysischen und apollinische Elemente in sich versöhnen und produktiv machen kann für eine wahrhafte Kunst.

Ich fürchte, es wird tragisch ausgehen.

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2 Kommentare zu “Der grüne Heinrich: Apollo vs. Dionysos

  1. Seltsam! Sollte etwa eine typisch schweizerische Grunddisposition sich im apollinisch-dionysischen Widerspruch und -streit ausdrücken? Immerhin war Nietzsche ja Professor in — Basel …

    • Interessante Hypothese, zumal sie so schön quersteht zu dem alten Klischee von der kleinkarierten Spießerschweiz.

      Später haben sich Nietzsche und Keller sogar einmal getroffen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie sich mit ein paar Flaschen Dôle in den Salon gehockt und übers Apollinische und Dionysische philosophiert hätten.

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