Vexierbild

Wie ein Bild plötzlich umschlagen kann. Neben mir an der Ampel wartete ein Rentnerpaar: er groß und kräftig, sie einen Kopf kleiner und viel zierlicher. Die beiden hielten sich an den Händen, was ich rührend fand, ein schönes Bild, das ich im Vorübergehen so mitzunehmen gedachte, bis er plötzlich anfing nervös zu trippeln und Anstalten machte, in die befahrene Kreuzung einfach hineinzulaufen. Sie zog ihn an der Hand zurück und erklärte ihm die Ampel: „Jetzt haben die Autos grün. Wir müssen warten bis das Männchen grün ist.“ Er erwiderte nichts, stand kurz still, und fing dann wieder an zu trippeln. Und mit ganz ruhiger Stimme sprach sie weiter auf ihn ein: „Schau auf das Männchen, es ist immer noch rot, erst wenn das grüne Männchen kommt, dürfen wir gehen.“ Und zog ihn dann, bei Grün, ganz sachte, und immer so weitersprechend, über die Kreuzung. Mein erbauliches Bild von zwei Händchen haltenden, immer noch verliebten Alten, war umgeschlagen und hieß jetzt: Demenz. An der nächsten Ampel wird sie ihm wieder die grünen und roten Lichter erklären, dachte ich, wie ich grübelnd weiter meines Weges zog, und wieder und wieder, so wie ich Clara diese Lichtzeichen immer wieder erklärt habe und die versteht das jetzt. Bloß dieser alte Mann wird es doch nie mehr verstehen in seinem Leben. Umso näher ging mir die ruhige und absolut ungenervte Erklärstimme seiner Frau ans Herz.

Ich dachte an den H., der mich, als ich ihn zum letzten Mal sah, nicht mehr erkannt hat, und ich erkannte ihn auch fast nicht wieder. Er hatte offensichtlich Angst vor mir, und ich auch vor ihm, es war wie ein grotesker Zerrspiegel, der nichts als Angst hin- und herreflektierte. Ein paar Wochen später stand ich an seinem Grab.

Und an meine Großmutter dachte ich dann, die, als ich fünf oder sechs Jahre alt war, binnen weniger Wochen den Verstand plötzlich völlig verlor. Heute erstaunt mich, wie wenig mich das als Kind irritiert hat. Als sie sich standhaft weigerte, ihr Schlafzimmer zu betreten, denn in allen Schränken und sogar in ihrem Bett seien Männer – immer wieder rief sie empört aus: MÄNNER – da trieb das meine Mutter schier in die Verzweiflung. Sie wollte ihr gerne beweisen, dass da niemand war. Für mich aber war das eine weitere hochspannende Erzählung meiner Omama, die seit ich denken konnte mir Geschichten erzählt und vorgelesen hatte. Ich fragte sie begierig nach Anzahl und Aussehen dieser Männer aus. Flüsternd vertraute sie mir schließlich an: „Es sind Soldaten. Viele. Und sie lachen.“ Ich stellte mir lanzenbewehrte, schnurrbärtige Söldner des dreißigjährigen Krieges vor, fand das irre aufregend, und halb glaubte ich wohl selber, dass diese Männer da im Schrank hockten. Erst heute, wo ich erneut darüber nachdenke, ahne ich, dass meine Großmutter damals wohl eher sowjetische Rotarmisten in ihrem Bett imaginiert hat und wirklich existentielle Angst hatte, das Zimmer zu betreten.

Aber trotz aller Verrücktheiten und Abstrusitäten, die sie sagte und anstellte in ihrer Umnachtung, war die Kontinuität ihrer Person für mich damals als Kind zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt. Sie war und blieb meine geliebte Omama, bis zu ihrem Tod, den ich bis heute als unersetzlichen Verlust empfinde. Die Empfindung, der demente Mensch sei nicht mehr er selbst, hat man vielleicht erst als Erwachsener, wenn die ganze Weltwahrnehmung sich schließlich auf reine Vernunftkriterien geeicht hat.

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6 Kommentare zu “Vexierbild

  1. Was heißt hier endlich?? Die Vernunftwahrnehmung ist auch nur eine mögliche Wahrnehmungsart; dass sie dem Kinderempfinden überlegen ist halte ich für eine kulturspezifische Mär ersten Grades

    • Ich bin da ganz deiner Meinung. „Endlich“ sollte nicht heißen, dass es nicht schnell genug gehen könnte, bis die kindliche Wahrnehmung durch die rationale ersetzt ist. Sondern eher gleichbedeutend mit „schließlich“ oder „schlussendlich“. (Ich ändere es jetzt im Text, da es missverständlich scheint.)

    • Es kommt ganz darauf an, wie man das „endlich“ liest, assoziiert man „Ende“, dann kommt es dem „schließlich“ recht nahe — die Entscheidung läge beim Leser.

      Verstand und Vernunft lassen und aus dem reinen Kindesempfinden treten, das ist ein wichtiger Prozess, ich würde sagen: einer der Aufklärung, was nicht immer angenehm ist und manchmal, scheint es, kehrt das Kind für einige zeit zurück.

      Die verliebten Alten: Zumindest auf die Frau könnte (müsste!) das doch (noch) zutreffen.

  2. Zum Prozess der Aufklärung: natürlich ist das ein ebenso wichtiger wie unausweichlicher Vorgang in der Entwicklung eines jeden Bewusstseins. Man täte wahrscheinlich gut daran, kindliches und erwachsenes Denken und Wahrnehmen nicht so sehr als getrennte oder sogar konkurrierende Sphären anzusehen. Vielmehr sind es eben Phasen einer Entwicklung, die voneinander gar nicht scharf abzutrennen sind, die sich aber an ein und derselben Substanz vollziehen: dem jeweils individuellen Bewusstsein. Und für den Verlust von Ratio und Gedächtnis gilt das natürlich ebenso. Der Demente steht in völliger Kontinuität seiner Person, bloß „fühlt“ das noch nicht so rationale Kind das leichter, als der Erwachsene das „denken“ kann. Das wäre meine These hierzu, die im Text oben nur unvollkommen und andeutungsweise ausgedrückt ist.

    Mir hat immer die Idee von Leibniz gut gefallen, dass alles, was die Monade je war oder sein wird, in ihr selber stets präsent ist, bloß in unterschiedlichen Graden der Klarheit und Deutlichkeit. Was also im Moment am Klarsten vorgestellt wird in der Monade, ist dann ihre Gegenwart, aber das andere ist auch immer da.
    Vielleicht blättere ich das nochmal nach demnächst und schreibe darüber nochmal eigens, das interessiert mich jetzt wieder…

    • Ja, vielleicht kann man sagen, dass sie bisweilen überwechseln und in einander fließen. Ich sah unlängst ein Kind auf der Straße und dachte mir: Genauso abwesend und verträumt sein können, das darf nicht verloren gehen (selbst wenn es, ohne Zweifel nicht das Einzige ist).

      Ich weiß nicht: Steht der Demente tatsächlich in der Kontinuität seiner Person? Und stehen wir, als Nichtdemente, eigentlich dort?

      So sehr Leibniz‘ Gedanke erkenntnistheoretisch wichtig (und literarisch vielleicht interessant) ist, die konstruktivistischen Strömungen finde ich weit interessanter (und der unlängst gelesene Einwand, warum sich die Monade selbst Schmerz zufügen sollte, hat seine Berechtigung).

  3. Da schreibt man einmal „endlich“, wo man vielleicht besser gleich „schließlich“ geschrieben hätte, (oder das letztlich unnötige Füllwort vielleicht am allerbesten ganz weggelassen hätte), und schon steckt man in einer Diskussion über Leibniz und personale Identität. Verrückt, wie es manchmal von einem zum andern geht.

    Also ich denke, wenn wir die Kontinuität von Personen ernsthaft anzweifeln würden, dann brächen unser Denken und unsere Welt schlicht auseinander, kein sinnvolles Sprechen wäre mehr möglich. Es gäbe dann gar keine Personen mehr, denn das In-der Zeit-Sein und dass sie trotz Veränderung mit sich identisch bleibt, ist dem Begriff der Person wesentlich eingeschrieben. Man könnte dann z.B. einen Breivik nicht mehr für seine Taten zur Verantwortung ziehen, denn der Mann auf der Anklagebank stünde ja in keinerlei Kontinuität mit dem, der geschossen hatte, usw.

    Worin genau nun diese personale Identität sich gründet, ist philosophisch umstrittenes Terrain. Üblicherweise wird das Beispiel der Organtransplantationen angeführt, die an der Identität nichts ändern, weshalb das Gehirn, respektive der Geist, als das nicht transplantierbare einzig übrigbleibt als Kandidat für den letztlichen Sitz der Person, oder besser: Kriterium für ihre Identifizierbarkeit. Weswegen der Demente, der im Extremfall von sich selbst und seiner Vergangenheit gar nichts mehr weiß, oder es jedenfalls nicht mehr artikulieren kann, zum Grenzfall wird.

    Aber so denkt eben die abstrakte Vernunft. Als Kind mit dementer Großmutter habe ich es anders erlebt: da orientiert man sich eher am Körper, an der Stimme usw. Und findet andererseits das Verhalten des Dementen gar nicht soo verrückt, wie die Erwachsenen alle tun.

    (Womit ich das zweifellos schreckliche Schicksal, von dieser Krankheit befallen zu sein, auf keinen Fall herunterspielen will.)

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