Spätfolgen

Wie ein lästiges Reiseandenken schleppe ich die Erkältung, die mich bei meinem Besuch in Wertach erstmals anflog, immer noch mit mir herum. Immer wenn ich denke, es sei jetzt ausgestanden, kriecht sie in neuer Verkleidung wieder in mir hoch. Zuerst war es ein Fieber, das mich drei Tage lang ins Bett drückte, und als das vorbei war, schwollen plötzlich meine Mandeln schmerzhaft an, so dass ich mit der leicht hypochondrischen Selbstdiagnose auf Pfeiffersches Drüsenfieber letztes Wochenende sogar schon im Wilmersdorfer Sankt-Gertrauden-Krankenhaus vorstellig wurde, wo ich im Wartezimmer, während alle anderen Patienten wie gleichgeschaltet den Tagesspiegel lasen, meinen Blick nicht von der Wand losreißen konnte, weil mir der daran angebrachte Dreikönigssegen wie ein geheimnisvolles Rätsel vorkam, das zu lösen ich jedoch trotz ausreichend langer Wartezeit nicht imstande war.

Der Arzt durchleuchtete meinen Hals bis in den letzten Winkel und beruhigte mich: nur eine ganz normale Mandelentzündung, kein Pfeiffersches Fieber, und den Rest der Sitzung redeten wir über die rechte Zubereitung von Semmelknödeln, die ihm, wie er sagte, eine der liebsten Speisen seien, die er aber selber nicht richtig hinkriege. Nach der von mir vorgenommenen Anamnese wurde schnell klar, dass er das Knödelbrot einfach in viel zu viel Milch ertränkt. 50ml pro Semmel, keinesfalls mehr, wies ich ihn an, und er verwies mich im Gegenzug auf Ibuprofen, Tee und Schonung für meinen Hals. So war uns beiden geholfen und meine Mandeln schwollen auch wirklich, wie von ihm vorhergesagt, in den darauf folgenden Tagen wieder ab. Bloß die an Narkolepsie grenzenden Müdigkeitsattacken, die diese Krankheit in all ihren wechselnden Erscheinungsformen als einzige Konstante von Anfang an begleitet hatten, gingen nicht weg, und je mehr ich diesem Schlafbedürfnis mit dem Gedanken, mich jetzt endgültig gesundschlafen zu wollen, nachgebe, desto tiefer scheint es mich im Gegenteil nur weiter in diesen Müdigkeitsstrudel hinabzuziehen.

Gleichzeitig mit dieser mysteriösen Schlafkrankheit hatte mich in Wertach aber auch eine Erkenntnis angeflogen: dass man nämlich den Geist eines Autors nicht an seinen Geburts- oder Wohnorten suchen muss, sondern in seinen Büchern, weswegen ich mich direkt wieder in die Sebald-Lektüre gestürzt hatte, diesmal vor allem mit Augenmerk auf die von mir bisher noch nicht so intensiv studierten Nebenwerke: Nach der Natur, Logis in einem Landhaus, und den Nachlassband Campo Santo. Und weil Sebald ja so ein Autor ist, der einen ständig auch zu anderen Büchern hinführt, ging ich dann über zu dem von ihm immer wieder gerühmten Kluge und seiner Chronik der Gefühle, die mich ja im Hörspiel schon begeistert hatte, und auch jetzt im Volltext wieder, aber nach 400 Seiten wurde mir dieser sehr sachliche und extrem komprimierte Sprachstil zuviel und verlangte nach einem Gegengewicht, wofür mir der Grüne Heinrich von Keller als perfekt geeignet schien, den Sebald auch immer wieder als einen seiner maßgeblichen Einflüsse benannt hat.

Dieses Buch verfolgt mich schon 20 Jahre lang, seit meine Schwester es in der Schule lesen musste und lange Fluchreden darüber führte, wie langweilig, überflüssig und schlecht geschrieben es sei. Eine Zumutung und eine bewusste, ja wirklich gegen sie persönlich gerichtete Schikane des Lehrers sei es, dass sie ihre Zeit mit der Lektüre dieses unerträglichen Buches verschwenden müsse. Schon damals hätte es mich gejuckt, den Grünen Heinrich selbst zu lesen, um ihn dann aus reiner Opposition gegen sie gut zu finden, war aber durch ihre sehr überzeugende Hassrede doch zu stark abgeschreckt und nahm nur ihr schon leicht zerfleddertes Exemplar an mich, welches ich dann jahrelang in meinem Regal stehen hatte, es immer mal wieder in die Hand nahm und jedesmal nach wenigen Sätzen wieder zurück stellte. Und jetzt, als ich das Buch endlich wirklich lesen wollte, war es nicht mehr da. Wie von Geisterhand entwendet. Soviel ich auch suchte oder nachdachte, wie es mir abhanden gekommen sein könnte: nichts fiel mir ein und es tauchte nicht auf. Aber vielleicht war ja ein frisches, ungelesenes und schwesterlich nicht vorbelastetes Exemplar genau das, was ich immer gebraucht hatte: Ich kaufte mir den Grünen Heinrich neu und war nach wenigen Seiten schon im vollen Sog dieser wundervollen Sprache. Die totale Freude, das genau jetzt lesen zu dürfen. Jeder Satz genau richtig. Zypressendunkel. Ideal.

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3 Kommentare zu “Spätfolgen

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