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17.10.2012
Nachdem mein Aufenthalt hier schon übers rechte Maß hinaus sich ausgedehnt hatte, konnte der Aufbruch nicht anders als völlig überstürzt vonstatten gehen. Ich hatte eigentlich früh aufbrechen wollen, jetzt aber viel zu lange in den Vormittag hineingeschlafen, und in der Verärgerung darüber schmiss ich all meinen Kram bloß ungeordnet in den Koffer rein und fuhr ohne weitere Besinnung los, heim nach Berlin. Erst gestern hatte ich noch der Anka gegenüber bemerkt, dass ich von Heimfahren spreche, wenn ich nach Oberammergau fahre, und wenn ich zurück nach Berlin fahre, sage ich wieder, ich führe heim. Ich denke manchmal, es wäre gesünder, einen etwas weniger gespaltenen Begriff von Daheim zu haben, aber die Anka hatte bloß gesagt, das sei doch eigentlich schön, wenn man immer heim führe, egal wohin man sich bewege.

Wie schön auch immer Heimfahren als abstrakte Idee sein mag, so ist mir doch das Autofahren im Konkreten immer schon verhasst gewesen. Weil das als solches aber noch nicht genug ist, ging mir gleich am Ettaler Berg mein linkes Ohr ganz zu, und blieb auch dicht, soviel ich auch gähnte, schluckte und sonstwelche Kopfverrenkungen veranstaltete. Akustische Höllenqualen dadurch, keinerlei Hörspiel und keine Musik war mir möglich, nur das endlose Wummern des Motors als ein halbseitiges Dröhnen im Kopf, bis an der Raststätte Fränkische Schweiz das Ohr sich unverhofft wieder auftat, worauf ich erstmal eine Flasche Eistee trank vor lauter Freude.

Die restliche Fahrt über hörte ich dann Alexander Kluges Chronik der Gefühle in der Hörspielversion von Karl Bruckmaier. Die epischen und immer so nebeneinander hingestellten Textblöcke Kluges sind hier auf ziemlich geniale Weise noch einmal verdichtet und verwoben. Ausgezeichnete Sprecher auch, jeder Satz stimmt aufs Genaueste, bis hinein ins fast unhörbare Zittern einer Stimme, die vom Inhalt des von ihr gesprochenen Textes her eigentlich genau nicht zittern dürfte und durch dieses dann eben doch irgendwie vorhandene Stimmzittern einen Kommentar ganz eigener Art zu dem von ihr selbst Gesagten abgibt. In der nunmehr schon völlig hereingebrochenen Dunkelheit immer weiter auf Berlin zufahrend, hörte ich so die Schlachtbeschreibung Kluges über Stalingrad. Die sich nähernden und sich entfernenden Autolichter, rot vor mir und weiß im Rückspiegel vor der Schwärze der Nacht, wurden mir zu einem geisterhaften Traumbild. Mir war, als müsste ich gar nichts tun – nicht Gas geben, nicht lenken, nicht denken – um für immer mit diesen Lichtern mitzuströmen. Als ich unerwartet plötzlich bremsen musste, weil auf der Avus, so kurz vor dem Ziel, noch einmal Stau war, wurde mir erst klar, wie weit ich mich in diesen schädlichen Visionen schon verloren hatte, während aus dem Radio immer noch die so glasklaren wie schaurigen Stalingradsätze von Kluge drangen.

Ankunft zuhause um kurz vor neun: erschöpft und glücklich: daheim.

 

 

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