Weihnachtsmarkt

Obwohl ich es wusste, oder wenigstens hätte wissen können, erschrak ich doch, als ich aus dem U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße zur Oberfläche emporstieg, und mich unvermittelt inmitten eines Weihnachtsmarkts wiederfand. Tannenzweige bedrängten mich, Nikoläuse überall, Weihnachtslieder in der Luft – aber niemand machte mit, das war das Verrückteste daran. Im leichten Nieselregen trank niemand einen Glühwein, die Ponys standen reiterlos traurig hintereinander im aufgestreuten Sand, die Würste am Wurstrondell wurden langsam schwarz, weil niemand sie kaufte, und das Karussell drehte sich leer herum, warum auch immer. Wahrscheinlich war dem Mann im Kassenhäuschen einfach zu langweilig geworden. Dabei waren Menschen massig da, aber die rannten halt nur so durch die Wilmersdorfer Straße, wie sie das sonst auch tun: in die Geschäfte, zum Einkaufen, und keiner schien überhaupt Notiz zu nehmen von den Weihnachtsbuden. So tat ich es dann auch und ging schnurstracks in den Hugendubel hinein, denn ich brauche ja ein Kochbuch, weil ich am zweiten Advent eine Gans braten muss für die Familie, und da bin ich natürlich auch schon nervös jetzt. Blätterte hin und her, und kaufte schließlich Lafers Steiermark-Kochbuch, obwohl da gar kein Gansrezept drin ist, dafür aber eins für Powidl-Tascherln. Die Gans wird schon so auch irgendwie werden.

Aber dass man das ganze Weihnachten jetzt schon so dermaßen in den November hinein verschiebt, ist doch eigentlich pervers, dachte ich, wie ich so durch den Nieselregen wieder nach Hause lief. Der Weihnachtszirkus geht nicht schneller rum, wenn man ihn früher anfängt, möchte man den Leuten zurufen, im Gegenteil. Aber einer, der schon am 2. Advent die Gans in den Ofen schiebt, sollte das Maul vielleicht auch nicht zu weit aufreißen.

Vexierbild

Wie ein Bild plötzlich umschlagen kann. Neben mir an der Ampel wartete ein Rentnerpaar: er groß und kräftig, sie einen Kopf kleiner und viel zierlicher. Die beiden hielten sich an den Händen, was ich rührend fand, ein schönes Bild, das ich im Vorübergehen so mitzunehmen gedachte, bis er plötzlich anfing nervös zu trippeln und Anstalten machte, in die befahrene Kreuzung einfach hineinzulaufen. Sie zog ihn an der Hand zurück und erklärte ihm die Ampel: „Jetzt haben die Autos grün. Wir müssen warten bis das Männchen grün ist.“ Er erwiderte nichts, stand kurz still, und fing dann wieder an zu trippeln. Und mit ganz ruhiger Stimme sprach sie weiter auf ihn ein: „Schau auf das Männchen, es ist immer noch rot, erst wenn das grüne Männchen kommt, dürfen wir gehen.“ Und zog ihn dann, bei Grün, ganz sachte, und immer so weitersprechend, über die Kreuzung. Mein erbauliches Bild von zwei Händchen haltenden, immer noch verliebten Alten, war umgeschlagen und hieß jetzt: Demenz. An der nächsten Ampel wird sie ihm wieder die grünen und roten Lichter erklären, dachte ich, wie ich grübelnd weiter meines Weges zog, und wieder und wieder, so wie ich Clara diese Lichtzeichen immer wieder erklärt habe und die versteht das jetzt. Bloß dieser alte Mann wird es doch nie mehr verstehen in seinem Leben. Umso näher ging mir die ruhige und absolut ungenervte Erklärstimme seiner Frau ans Herz.

Ich dachte an den H., der mich, als ich ihn zum letzten Mal sah, nicht mehr erkannt hat, und ich erkannte ihn auch fast nicht wieder. Er hatte offensichtlich Angst vor mir, und ich auch vor ihm, es war wie ein grotesker Zerrspiegel, der nichts als Angst hin- und herreflektierte. Ein paar Wochen später stand ich an seinem Grab.

Und an meine Großmutter dachte ich dann, die, als ich fünf oder sechs Jahre alt war, binnen weniger Wochen den Verstand plötzlich völlig verlor. Heute erstaunt mich, wie wenig mich das als Kind irritiert hat. Als sie sich standhaft weigerte, ihr Schlafzimmer zu betreten, denn in allen Schränken und sogar in ihrem Bett seien Männer – immer wieder rief sie empört aus: MÄNNER – da trieb das meine Mutter schier in die Verzweiflung. Sie wollte ihr gerne beweisen, dass da niemand war. Für mich aber war das eine weitere hochspannende Erzählung meiner Omama, die seit ich denken konnte mir Geschichten erzählt und vorgelesen hatte. Ich fragte sie begierig nach Anzahl und Aussehen dieser Männer aus. Flüsternd vertraute sie mir schließlich an: „Es sind Soldaten. Viele. Und sie lachen.“ Ich stellte mir lanzenbewehrte, schnurrbärtige Söldner des dreißigjährigen Krieges vor, fand das irre aufregend, und halb glaubte ich wohl selber, dass diese Männer da im Schrank hockten. Erst heute, wo ich erneut darüber nachdenke, ahne ich, dass meine Großmutter damals wohl eher sowjetische Rotarmisten in ihrem Bett imaginiert hat und wirklich existentielle Angst hatte, das Zimmer zu betreten.

Aber trotz aller Verrücktheiten und Abstrusitäten, die sie sagte und anstellte in ihrer Umnachtung, war die Kontinuität ihrer Person für mich damals als Kind zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt. Sie war und blieb meine geliebte Omama, bis zu ihrem Tod, den ich bis heute als unersetzlichen Verlust empfinde. Die Empfindung, der demente Mensch sei nicht mehr er selbst, hat man vielleicht erst als Erwachsener, wenn die ganze Weltwahrnehmung sich schließlich auf reine Vernunftkriterien geeicht hat.

Spätfolgen

Wie ein lästiges Reiseandenken schleppe ich die Erkältung, die mich bei meinem Besuch in Wertach erstmals anflog, immer noch mit mir herum. Immer wenn ich denke, es sei jetzt ausgestanden, kriecht sie in neuer Verkleidung wieder in mir hoch. Zuerst war es ein Fieber, das mich drei Tage lang ins Bett drückte, und als das vorbei war, schwollen plötzlich meine Mandeln schmerzhaft an, so dass ich mit der leicht hypochondrischen Selbstdiagnose auf Pfeiffersches Drüsenfieber letztes Wochenende sogar schon im Wilmersdorfer Sankt-Gertrauden-Krankenhaus vorstellig wurde, wo ich im Wartezimmer, während alle anderen Patienten wie gleichgeschaltet den Tagesspiegel lasen, meinen Blick nicht von der Wand losreißen konnte, weil mir der daran angebrachte Dreikönigssegen wie ein geheimnisvolles Rätsel vorkam, das zu lösen ich jedoch trotz ausreichend langer Wartezeit nicht imstande war.

Der Arzt durchleuchtete meinen Hals bis in den letzten Winkel und beruhigte mich: nur eine ganz normale Mandelentzündung, kein Pfeiffersches Fieber, und den Rest der Sitzung redeten wir über die rechte Zubereitung von Semmelknödeln, die ihm, wie er sagte, eine der liebsten Speisen seien, die er aber selber nicht richtig hinkriege. Nach der von mir vorgenommenen Anamnese wurde schnell klar, dass er das Knödelbrot einfach in viel zu viel Milch ertränkt. 50ml pro Semmel, keinesfalls mehr, wies ich ihn an, und er verwies mich im Gegenzug auf Ibuprofen, Tee und Schonung für meinen Hals. So war uns beiden geholfen und meine Mandeln schwollen auch wirklich, wie von ihm vorhergesagt, in den darauf folgenden Tagen wieder ab. Bloß die an Narkolepsie grenzenden Müdigkeitsattacken, die diese Krankheit in all ihren wechselnden Erscheinungsformen als einzige Konstante von Anfang an begleitet hatten, gingen nicht weg, und je mehr ich diesem Schlafbedürfnis mit dem Gedanken, mich jetzt endgültig gesundschlafen zu wollen, nachgebe, desto tiefer scheint es mich im Gegenteil nur weiter in diesen Müdigkeitsstrudel hinabzuziehen.

Gleichzeitig mit dieser mysteriösen Schlafkrankheit hatte mich in Wertach aber auch eine Erkenntnis angeflogen: dass man nämlich den Geist eines Autors nicht an seinen Geburts- oder Wohnorten suchen muss, sondern in seinen Büchern, weswegen ich mich direkt wieder in die Sebald-Lektüre gestürzt hatte, diesmal vor allem mit Augenmerk auf die von mir bisher noch nicht so intensiv studierten Nebenwerke: Nach der Natur, Logis in einem Landhaus, und den Nachlassband Campo Santo. Und weil Sebald ja so ein Autor ist, der einen ständig auch zu anderen Büchern hinführt, ging ich dann über zu dem von ihm immer wieder gerühmten Kluge und seiner Chronik der Gefühle, die mich ja im Hörspiel schon begeistert hatte, und auch jetzt im Volltext wieder, aber nach 400 Seiten wurde mir dieser sehr sachliche und extrem komprimierte Sprachstil zuviel und verlangte nach einem Gegengewicht, wofür mir der Grüne Heinrich von Keller als perfekt geeignet schien, den Sebald auch immer wieder als einen seiner maßgeblichen Einflüsse benannt hat.

Dieses Buch verfolgt mich schon 20 Jahre lang, seit meine Schwester es in der Schule lesen musste und lange Fluchreden darüber führte, wie langweilig, überflüssig und schlecht geschrieben es sei. Eine Zumutung und eine bewusste, ja wirklich gegen sie persönlich gerichtete Schikane des Lehrers sei es, dass sie ihre Zeit mit der Lektüre dieses unerträglichen Buches verschwenden müsse. Schon damals hätte es mich gejuckt, den Grünen Heinrich selbst zu lesen, um ihn dann aus reiner Opposition gegen sie gut zu finden, war aber durch ihre sehr überzeugende Hassrede doch zu stark abgeschreckt und nahm nur ihr schon leicht zerfleddertes Exemplar an mich, welches ich dann jahrelang in meinem Regal stehen hatte, es immer mal wieder in die Hand nahm und jedesmal nach wenigen Sätzen wieder zurück stellte. Und jetzt, als ich das Buch endlich wirklich lesen wollte, war es nicht mehr da. Wie von Geisterhand entwendet. Soviel ich auch suchte oder nachdachte, wie es mir abhanden gekommen sein könnte: nichts fiel mir ein und es tauchte nicht auf. Aber vielleicht war ja ein frisches, ungelesenes und schwesterlich nicht vorbelastetes Exemplar genau das, was ich immer gebraucht hatte: Ich kaufte mir den Grünen Heinrich neu und war nach wenigen Seiten schon im vollen Sog dieser wundervollen Sprache. Die totale Freude, das genau jetzt lesen zu dürfen. Jeder Satz genau richtig. Zypressendunkel. Ideal.

Retour

17.10.2012
Nachdem mein Aufenthalt hier schon übers rechte Maß hinaus sich ausgedehnt hatte, konnte der Aufbruch nicht anders als völlig überstürzt vonstatten gehen. Ich hatte eigentlich früh aufbrechen wollen, jetzt aber viel zu lange in den Vormittag hineingeschlafen, und in der Verärgerung darüber schmiss ich all meinen Kram bloß ungeordnet in den Koffer rein und fuhr ohne weitere Besinnung los, heim nach Berlin. Erst gestern hatte ich noch der Anka gegenüber bemerkt, dass ich von Heimfahren spreche, wenn ich nach Oberammergau fahre, und wenn ich zurück nach Berlin fahre, sage ich wieder, ich führe heim. Ich denke manchmal, es wäre gesünder, einen etwas weniger gespaltenen Begriff von Daheim zu haben, aber die Anka hatte bloß gesagt, das sei doch eigentlich schön, wenn man immer heim führe, egal wohin man sich bewege.

Wie schön auch immer Heimfahren als abstrakte Idee sein mag, so ist mir doch das Autofahren im Konkreten immer schon verhasst gewesen. Weil das als solches aber noch nicht genug ist, ging mir gleich am Ettaler Berg mein linkes Ohr ganz zu, und blieb auch dicht, soviel ich auch gähnte, schluckte und sonstwelche Kopfverrenkungen veranstaltete. Akustische Höllenqualen dadurch, keinerlei Hörspiel und keine Musik war mir möglich, nur das endlose Wummern des Motors als ein halbseitiges Dröhnen im Kopf, bis an der Raststätte Fränkische Schweiz das Ohr sich unverhofft wieder auftat, worauf ich erstmal eine Flasche Eistee trank vor lauter Freude.

Die restliche Fahrt über hörte ich dann Alexander Kluges Chronik der Gefühle in der Hörspielversion von Karl Bruckmaier. Die epischen und immer so nebeneinander hingestellten Textblöcke Kluges sind hier auf ziemlich geniale Weise noch einmal verdichtet und verwoben. Ausgezeichnete Sprecher auch, jeder Satz stimmt aufs Genaueste, bis hinein ins fast unhörbare Zittern einer Stimme, die vom Inhalt des von ihr gesprochenen Textes her eigentlich genau nicht zittern dürfte und durch dieses dann eben doch irgendwie vorhandene Stimmzittern einen Kommentar ganz eigener Art zu dem von ihr selbst Gesagten abgibt. In der nunmehr schon völlig hereingebrochenen Dunkelheit immer weiter auf Berlin zufahrend, hörte ich so die Schlachtbeschreibung Kluges über Stalingrad. Die sich nähernden und sich entfernenden Autolichter, rot vor mir und weiß im Rückspiegel vor der Schwärze der Nacht, wurden mir zu einem geisterhaften Traumbild. Mir war, als müsste ich gar nichts tun – nicht Gas geben, nicht lenken, nicht denken – um für immer mit diesen Lichtern mitzuströmen. Als ich unerwartet plötzlich bremsen musste, weil auf der Avus, so kurz vor dem Ziel, noch einmal Stau war, wurde mir erst klar, wie weit ich mich in diesen schädlichen Visionen schon verloren hatte, während aus dem Radio immer noch die so glasklaren wie schaurigen Stalingradsätze von Kluge drangen.

Ankunft zuhause um kurz vor neun: erschöpft und glücklich: daheim.