Seelos, Unsinn, Erd

16.10.2012
Der letzte Tag meines Aufenthalts war der erste mit schönem Wetter. Herrliche Sonne, endlich ins Freie. Ich ging zum Glumphaufen, lief ein wenig im völlig aufgeweichten Erdreich am Pfannenstiel herum und besuchte dann den Sudler. Als ich schon dachte, dass gar niemand da sei, sprach er mich vom Balkon herunter an, wo er nackt in der Sonne saß, mit seiner schwarzen Katze. Er zog sich eine Hose an und kochte dann Kaffee, dazu sein unfiltriertes und durch den Kontakt mit einem heiligen Indianerstein noch extra aufgewertetes Gebirgsquellwasser aus der eigenen Quelle oberhalb des Hauses. Gespräch über die Unsinnigkeit eines Passionsspiels, die Sumerer, das Gilgamesh-Epos, Kant, die Welt als Vorstellung, das Universum als Abbild elektromagnetischer Gewitter und dergleichen, aber auch über das für seine außergewöhnliche Pedanterie über die Landesgrenzen hinweg berühmte Landratsamt Garmisch und dessen Umgang mit ungenehmigten Erdbewegungen, über die Beschaffenheit von Lehm und wie misslich es ist, wenn eine Planierraupe bis zur Unterkante der Führerkabine in demselben versunken ist. Als wir mit Kaffee und Wasser fertig waren, kredenzte er noch Apfelsaft, aus hiesigen Äpfeln ohne jegliche Konservierungsbeihilfen gepresst. Schmeckt ausgezeichnet und hält laut Sudler trotzdem bis Weihnachten.

In bester Laune machte ich mich wieder auf den Weg hinab ins Dorf. Als ich auf dem Heimweg noch der Anka begegnete, erschien mir das einer höheren Logik gemäß als absolut folgerichtig, und ich freute mich sehr, dass auch sie ein wenig Zeit übrig hatte und mich auf ein weiteres Glas Apfelsaft in ihre Wohnung einlud. Folgerichtig deshalb, weil ich tatsächlich ihr und niemand anderem die Bekanntschaft mit den Schriften W.G. Sebalds zu verdanken habe. Ich war damals – es mag acht oder neun Jahre jetzt her sein – gerade begeistert mit dem Wiederlesen der Bücher Rolf Dieter Brinkmanns beschäftigt und berichtete ihr davon. Sie kannte Brinkmann gar nicht und so kam ich ins Reden und bemerkte mehr nebenbei auch, dass er in England bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. „Ach, wie W.G. Sebald“, war ihr lapidarer Kommentar, den ich heute noch im Ohr habe, als wäre der Satz erst gestern gefallen. Von Sebald hatte nun ich vorher noch nie etwas gehört und auf meine Nachfrage hin sagte sie bloß, ich solle die Ringe des Saturn lesen, das sei ein ganz unglaubliches Buch. Das hatte ich dann in der Folge auch getan und mit den Ringen des Saturn, den Ausgewanderten, mit Austerlitz und all den anderen Büchern Sebalds Erfahrungen des Lesens gemacht, die nicht nur meinen Blick auf die Literatur, sondern tatsächlich meinen Blick auf die Welt verändert haben, was man ja nur von den allerwenigsten Büchern sagen kann. Und so war es nur logisch, dass ich der Anka nun beim Apfelsaft von meinem Ausflug nach Wertach berichtete: Wie ich die vorbereitende Lektüre der Sebaldschen Heimkehr-Erzählung bewusst nach ein paar Seiten abgebrochen hatte, um dann, als ich sie einen Tag nach der Wertachfahrt krank im Bett liegend beendete, festzustellen, dass ich auf dem Wertacher Friedhof genau diejenigen Namen als irgendwie seltsam zu mir redend memoriert hatte, die in dem Sebaldtext tatsächlich auch vorkommen: Seelos, Unsinn, Erd.

Auch vom Blog erzählte ich der Anka und sie war sehr interessiert daran, schien meine Schreibaktivität durchaus zu begrüßen. Als ich ihr aber die Webadresse kurz aufnotieren wollte, winkte sie entschieden ab: nein, nein, mit dem Internet habe sie nichts zu schaffen. Sie müsse immer etwas in der Hand haben, auf einem Monitor könne und wolle sie nichts lesen. Ich versprach deshalb, die hier bisher veröffentlichten Texte demnächst mal auszudrucken und ihr mit der Post zukommen zu lassen, was ich jetzt, da dieser ausufernde Reisebericht sich nun doch endlich einem Ende zuneigt, auch alsbald tun werde.

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7 Kommentare zu “Seelos, Unsinn, Erd

    • Vielen Dank, ich freue mich sehr über die positive Resonanz. Der Anka schicke ich die Ausdrucke per Post zu, damit ihr nichts entgeht. Die Idee einer solchen „Offline-Followerin“ finde ich ja auch irgendwie herrlich schräg.

      • Allerdings. Offline-Follower sind sicher ziemlich selten.
        Ich habe dein Blog gestern Abend entdeckt und konnte mich gar nicht mehr losreißen, passiert mir selten, dass ich ein Blog von vorn bis hinten lese. Fast ein Glück, dass du nicht schon seit Jahren bloggst, sonst hätte ich „durchmachen“ müssen ; ) Da du offenbar auch Sebald magst, hätte ich zwei Blog-Empfehlungen, die dich vielleicht interessieren: http://sebald.wordpress.com/ und http://helenfinch.wordpress.com/, beide auf Englisch.

      • Danke, auch für die Blog-Tipps zu Sebald, die ich beide noch nicht kannte. Sehr interessant beide, und Philea’s Blog natürlich sowieso auch…

  1. Anmerkung von jemand, der etwa 60 km nördlich von Wertach aufgewachsen ist, und der hier gerne liest: Unsinn und Seelos waren auch bei uns gängige Namen, so dass einem gar nicht auffiel, wie merkwürdig sie klangen. „Erd“ (ead) hat im Allgäuerischen auch die Bedeutung von „schlechtgelaunt, wütend“ (gerne auch in der Steigerung „bo-ead“). Gruß, Andreas

    • Faszinierend. Ich bin 60km östlich von Wertach aufgewachsen, in Oberammergau, dialektmäßig interessant gelegen: hier überschneiden sich das Bairische, Alemannische (Schwäbisch-Allgäuerische) und das Tirolerische, was einen ziemlich einzigartigen Mix ergibt. „Ead“ ist mir von daher auch bekannt, mit ganz leichter Bedeutungsverschiebung: eher „schlechtgelaunt, grummelig“ als „wütend“. Es gehört aber wohl zu den Vokabeln, die auch im Oberammergauer Dialekt vom Vergessen bedroht sind. Das münchnerisch geprägte Standardbairisch setzt sich auch hier mehr und mehr durch, so sagen die jungen Leute (zu denen ich mich wohl nicht mehr zählen darf) heute fast durchgehend „ned“ für „nicht“, statt des alemannischen „it“, wie es in meiner Kindheit noch völlig normal war. Die Steigerung „bo-ead“ ist mir hingegen unbekannt. Ist „bo“ ein universell einsetzbares Steigerungspräfix? Kann man das irgendwie herleiten?

      • (Mir war nicht bewußt, dass östlich des Lechs auch noch das Ostschwäbische verbreitet ist. Erinnere mich nur, dass die Weilheimer das Schwäbische immer für eine Lachnummer hielten. Jetzt habe ich mir den „Kleinen Sprachatlas“ noch einmal herausgezogen und, in der Tat, da ist die Gegend zwischen Lech und Ammer schön überlagert schraffiert. Peinlich, wie man auch bei solchen Gewissheiten irgendwann feststellen muss, dass man all die Jahre danebenlag. Also ist die Kenntnis des Worts „ead“ auch, anders als ich dachte, kein Geheimwissen, das nur links des Lechs verfügbar ist bzw. war. Andererseits schön, da es ein wunderbares Wort ist, besonders wenn man selbst ein eader Siach ist.)
        Bei uns hatte ead auch die Hauptbedeutung „schlecht gelaunt“, es gab da aber auch die Überlagerung, wo die schlechte Laune in Zorn überging, vielleicht eine Allgäuer Spezialität? Das „bo“ kann ich nicht herleiten, ich hatte es immer als so eine Art Allgäuer Dorfjugendslang verbucht. Wurde bei uns irgendwann von „kehl“ abgelöst (Der isch kehl neu). Nach meiner Erinnerung gab es diese sprachlichen Moden tatsächlich auch regional begrenzt, in irgendeinem Dorf fing einer damit an und dann verbreitete es sich, über die Schulen oder Fußballvereine, je nachdem wie stilbildend die ersten Verwender waren. Ich nehme an, dass inzwischen diese Neuerungen eher zentral durch irgendwelche Youtube- oder Fernsehvorbilder angestoßen werden, so dass sie weniger regional, sondern durch unterschiedliche Szenen abgegrenzt werden. Aber inzwischen bin ich vom Allgäu und von der Jugend zu weit entfernt, um das auch nur ansatzweise beurteilen zu können.
        Liebe Grüße, Andreas

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