Eine Ruhe

15.10.2012
Als ich erwachte, herrschte um mich herum augenblicklich solch ein meiner erschöpften und ermatteten Grunddisposition absolut unzuträglicher Trubel, dass ich, nachdem die nötigsten Morgenverrichtungen getätigt waren, die Wohnung meiner Mutter, die von kommenden und gehenden Menschen nur so überrannt wurde, ohne dass mir dafür ein Grund ersichtlich gewesen wäre oder man mich vorher von der Erwartung derartiger Aufläufe unterrichtet hätte, so schnell wie möglich verlassen musste. Wegen des Regens, der mehr oder weniger unmittelbar nach meiner Wiederkehr aus Wertach wieder eingesetzt hatte und die ganzen Tage seither fast ununterbrochen auf die gleichgültigste Weise niederfiel, war an eine Flucht in die Natur leider auch nicht zu denken, und so blieb mir als letztes Refugium zum Zwecke der inneren Sammlung nur der Internet-Room des Schilcherhofs übrig, wohin ich mich dementsprechend umgehend begab. Der Raum war sofort ideal. Tante Gerti, selbst krank, kredenzte mir ein Fanta, und zog sich dann wieder in ihr verdunkeltes Büro zurück. Absolute Stille. Ich klappte meinen Computer auf, schaute aber nach kurzer Mail-Kontrolle gar nicht mehr weiter ins Netz hinein, sondern sah stattdessen bloß zum Fenster hinaus und beobachtete die Regentropfen, die in wiederkehrenden Figuren an der alten Fichte herunterperlten. Die Standuhr taktete die Zeit mit Gongschlägen in viertelstündige Segmente, was für mich in diesem Moment die exakt richtige Langsamkeit war.


Ich versuchte die letzten Tage zu rekapitulieren: Die immer wieder an denselben Punkten wiederaufgenommenen und dann an wieder denselben Punkten sich wieder festbeißenden Diskussionen mit meiner Mutter, der ich gerne helfen würde, ihr Leben ein bisschen zu entkomplizieren, die sich aber in dieser Kompliziertheit so nagelfest eingerichtet hat, dass kein Argument zu ihr durchdringen konnte, soviel ich auch redete und mich ins eigene Reden und Argumentieren bis hin zu Wutzuständen hineinsteigerte. Das kurze Auftauchen meiner Schwester, mit der ich eine Konsens- und Harmoniekomödie aufführte, die immer haarscharf an der Grenze zum Streit entlangtänzelte. Dazu der dauernde Regen und meine Erkältung. Der Gegenpol gegen diese jetzt immer schneller heißlaufende Deprimierungsmaschine war während jener Tage einzig der Glaser gewesen, der immer in seinem Garten vor sich hin werkelte, wohin ich mich dann auch bei jeder Gelegenheit absentiert hatte, um mich beim Kleinschneiden von Reisig, dem Entfernen unliebsamer Wurzeln und Gesprächen über den Blues oder die richtige Zubereitung eines Gulasch wieder halbwegs zu normalisieren. Und abends hatten wir dann natürlich diese Gespräche fortzuführen gedacht bei einer harmlosen Exkursion in den Obenaus, wo wir um drei Uhr morgens feststellen mussten, dass ein Gespräch wegen der mannigfaltigen dort gegebenen Distraktionen gar nicht möglich gewesen war, weswegen wir uns am nächsten Abend im Mühlbartl logischerweise noch einmal sprechen mussten.


Diese tödliche Mixtur aus Virus, Wahnsinn und Alkohol hatte mich in den desolaten Zustand geführt, in dem ich jetzt im Schilcherhof mein Fanta trank und zum Fenster hinaus starrte. Der Glaser war am Vortag wieder abgereist und mir war, als ob ich ertrinken müsste in all dem Regen und der Unvernunft und dem fremden Leben. Es war schon fast Abend, als die Gerti sich zu mir setzte, und die Hilde kam dann auch noch dazu. Das Gespräch mit den alten Damen belebte mich wieder ein wenig. Erinnerungen an das frühere Café Hitzlsberger wurden ausgetauscht, dort habe es ja die besten Schlotfeger gegeben. Dazu konnte ich wenig sagen, denn ich habe nach der Schließung des Hitzlsberger nie wieder einen Schlotfeger gegessen, aber meine beiläufige Anmerkung, wir hätten damals zu den Hitzlsbergerischen Schlotfegern immer „Ochsenrohr“ gesagt, amüsierte meine beiden Tanten aufs Köstlichste.

Wieder bei meiner Mutter, sichtete ich die uralten Kisten, die ich vor ein paar Tagen im Wolf aus dem Speicher gegraben hatte. Hauptsächlich Mist, uninteressantes Zeug, das ich sofort dem Müll überantwortete. Umso wunderlicher wurde mir zumute, als zwischen diesen ganzen völlig unwichtigen Zetteln und Postkarten mir unbekannter Menschen, der Militär-Pass meines Urgroßvaters plötzlich in meinen Händen lag.


Wen immer ich bisher gefragt hatte, ob mein Urgroßvater im Ersten Weltkrieg gewesen war oder nicht – immer hatte es geheißen: Nein, der war schon zu alt damals.


Man darf niemals die Leute befragen, sondern immer nur die alten Kisten, die auf dem Speicher einstauben, wenn man die Wahrheit will. Derselbe Mann, der später seine ganze Energie in den Bau einer riesigen Weihnachtskrippe stecken sollte, und der auch am Ende des Zweiten Weltkriegs an nichts anderes denken konnte, als an den Verbleib seiner Krippenfiguren, hatte das Grauen von Verdun am eigenen Leib erlebt.

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