Wertach

11.10.2012
Eigentlich müsste man eine solche literarische Pilgerreise natürlich ganz anders angehen. Man müsste alles genauso machen wie Sebald im November 87 und also in Innsbruck einen Bus besteigen, der einen durchs finstere Tirol hindurch und bis zur Zollstation Oberjoch bringt, und von da an zu Fuß „durch die ans Niemandsland grenzenden Moorwiesen und den Alpsteigtobel hinab nach Krummenbach und von dort über das Unterjoch, die Pfeiffermühle und das Enge Plätt nach W[ertach] hinausgehen“ [Schwindel. Gefühle, S. 193/94]. Aber wenn man so konsequent wäre, dann müsste man sich womöglich auch noch, wie er damals, für unbestimmte Zeit im Engelwirt einmieten und sich wochenlang im ersten Stock des Engelwirts über irgendwelche Aufzeichnungen beugen. Das habe ich – obwohl es auch ein reizvolles Experiment wäre – dann doch nicht vor, also fahre ich ganz einfach mit dem Auto hin und passiere weit weniger klangvolle Ortschaften wie Steingaden, Roßhaupten, Seeg, Nesselwang. Auf der Fahrt beginne ich schon mit den Überlegungen, wie ich mich vor den Dorfbewohnern am besten tarnen könnte, damit sie mich nicht gleich als Sebaldspinner identifizieren. Ich vermute nämlich, dass dort schon seit einigen Jahren von Zeit zu Zeit melancholisch dreinblickende Menschen mit Büchern in der Jackentasche auftauchen, die seltsame Dinge fotografieren, Notizen in kleine Notizbücher notieren, und ansonsten eher verloren in der Landschaft herumschauen und bin, warum auch immer, fest davon überzeugt, dass diese Art Menschen von den Wertachern kopfschüttelnd mit dem Wort Sebaldspinner belegt werden. Vielleicht kann ich sie mit meinem Hofbräuhaus-Kapuzenpullover kurze Zeit in die Irre führen, so dass sie mich erstmal eher als Wiesntrottel einordnen.

Ich stelle das Auto auf dem Parkplatz des Netto-Supermarkts am Ortsrand ab, um wenigstens den allerletzten Weg zum Ortskern zu Fuß zurückzulegen. Die Shopping-Mall, die man hier aufgezogen hat, ähnelt so frappierend derjenigen in Oberammergau, dass ich im ersten Moment denke, ich hätte gleich daheim bleiben können. Ich gehe zunächst zur Kirche und von da aus drehe ich ein paar Runden durch den Ort, bis ich das Gefühl habe, mich halbwegs auszukennen. Bevor ich den Fotoapparat aus der Tasche ziehe, blicke ich mich jedesmal erst absichernd um, damit bloß ja niemand mich als Sebaldspinner enttarnen könnte, was völliger Unsinn ist, weil sowieso niemand hier ist. Mein erster und fortan bleibender Eindruck von Wertach ist der der völligen Ausgestorbenheit. Ein einziger Teenager trabt einmal mit einem Skateboard unter dem Arm an mir vorbei und würdigt mich keines Blickes. Manchmal fährt ein Auto die Straße lang. Mehr Hinweise auf Leben erhalte ich nicht.

Das Bergpanorama muss ich von der Wanderkarte abfotografieren, da die echten Berge hinter dichten Wolken verborgen sind, was schade ist, denn das Wort Sorgschrofen begeistert mich, erscheint mir sofort als der schönste Bergname, den ich je gehört habe, und da würde ich natürlich gerne auch den echten Sorgschrofen sehen, aber es bleibt mir versagt. Durch die Wetterlage werde ich in die komische Illusion versetzt, ich befände mich in einer ganz sanft geschwungenen Hügellandschaft. Das Wissen, dass hier auch noch viel höhere Schrofen aufragen, die mir bloß unsichtbar sind, verwirrt mich.

 

Im Engel nehme ich den Mittagstisch ein. Auch dort bin ich einziger Gast, trinke ein Bier – Engelbräu: ausgezeichnet – und esse einen Schweinsbraten, der gut ist, insbesondere der Kartoffelknödel schmeckt mir, aber auch das Blaukraut ist in Ordnung. Seltsam ist es dennoch, so allein in einer Wirtschaft herumzusitzen. Die Kellnerin bedient mich mit der allergrößten Diskretion, erst beim Zahlen mustert sie mich eindringlich, als wolle sie jetzt doch noch schnell herausfinden, ob ich eher Sebaldspinner oder Wiesntrottel bin. Dass ich beim Hinausgehen dem Saal, wo Sebald als Kind eine ihn erschütternde Aufführung der Schillerschen Räuber gesehen hat, noch einige Aufmerksamkeit schenke und die Bilder des Wertacher Bauerntheaters e.V. genauer studiere, könnte ihr den entscheidenden Hinweis gegeben haben. Vielleicht auch nicht, beim Hinausgehen ist mir, als fühlte ich ihren fragenden Blick noch im Nacken.

Das Mittagsbier hat mir zugesetzt, ich fühle mich insgesamt unwohl und komisch. Jetzt will ich erstmal aus dem Ort raus und wirklich mal ein bisschen zu Fuß gehen durch diese mir unbekannte Landschaft. Ich gehe in Richtung der österreichischen Grenze, schlage aber irgendwie den falschen Weg ein. Was mir als Wanderweg erschien, mündet recht bald auf der Autostraße, an der entlangzulaufen eher unangenehm ist. Ich laufe weiter bis Enthalb der Ach – auch so ein völlig entrückter Ortsname – und finde dann wieder einen richtigen Fußpfad. Ich fand ja die Kategorisierung und Simplifizierung Sebalds als melancholischen Schriftsteller immer verkürzt und am eigentlichen Wunder seiner Schriften vorbei. Aber hier kommt mir doch der Gedanke, dass einem Schreiber, der an einem Fluss namens Ach aufwächst, die Melancholie vielleicht einfach in die Wiege gelegt sein müsste.

Plötzlich kommt kalter Wind auf und ich merke schlagartig, dass ich krank werde. Die Nase rinnt mir davon und mein Schal liegt natürlich im Auto. Ich gehe zurück nach Wertach und laufe dort noch lange über den Friedhof. Hier, bei den Toten, tauchen auch endlich lebendige Menschen auf: Alte Frauen bei der Grabpflege, die mich erst ignorieren, dann misstrauisch beäugen. Ich grüße freundlich, das beruhigt sie dann wieder. Derweil sind mir die Taschentücher ausgegangen und ich rotze und schniefe so vor mich hin, plötzlich ist es mir auch völlig egal, dass mich die alten Friedhofsweiber bestimmt schon lange als Sebaldspinner erkannt haben, und mache unverhohlen meine Fotos.

Jedesmal stutze ich, wenn ich den Namen „Winfried“ auf einem Grabstein lese. Den Namen hat Sebald gehasst, ein Nazi-Name sei das, weswegen er das „Winfried Georg“ auch immer auf „W.G.“ gekürzt hat, und seine Freunde in England nannten ihn Max. Hier auf dem Friedhof gibt es auffällig viele Winfrieds, sogar eine Winfrieda finde ich. Mir fällt die Hitler-Freundin Winifred Wagner ein und dann ekelt es mich auch vor dem Namen.

Bevor ich abfahre, kaufe ich mir im Netto vier Flaschen Bier vom Engelbräu, wie um mein ganztägiges Parken auf dem Netto-Parkplatz wenigstens im Nachhinein noch ein wenig zu rechtfertigen. Ab Wildsteig dichtester Nebel.

Als wäre ich plötzlich in England.

Advertisements

2 Kommentare zu “Wertach

  1. Die Ringe des Saturn | Philea's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s