Gesperrt

10.10.2012
Die ganze Nacht über hat es geregnet und es regnet immer noch, als am Vormittag langsam das Wort „Hochwasser“ die Runde macht. Meine Mutter hat um 14 Uhr einen Termin im Murnauer Krankenhaus: notorisches Hochwassergebiet. Wegen des Termins, den sie seit Monaten vor sich her schiebt, ist sie eh schon nervös, die Aussicht auf Verkehrskomplikationen gibt ihr den Rest. Sie will 2 ½ Stunden vorher losfahren: Eine Stunde Fahrzeit, eine halbe Stunde für das Auffinden des Sprechzimmers, denn das Murnauer Krankenhaus sei bekanntlich ein verflixtes Labyrinth, und eine weitere Stunde als Puffer für Hochwasser- oder sonstige Komplikationen. Es gelingt mir, sie auf 1 ¾ Stunden herunterzuhandeln. Wir fahren über Oberau und Eschenlohe, und tatsächlich hat sich das Murnauer Moos links und rechts der Bundesstraße schon in eine ziemliche Seenlandschaft verwandelt. Hinter der Abzweigung zum Krankenhaus wäre es auch wirklich nicht mehr weitergegangen: Straßensperre wegen Überschwemmung, aber wir kommen problemlos in der Klinik an, eine gute Stunde zu früh. Wortlos warten wir die Zeit herunter, in der neonbeleuchteten Beklemmung eines irgendwie zu engen Krankenhausganges, ständig muss ich meine Beine einziehen, wenn ein Rollstuhl vorbeiwill. Der Termin verläuft sehr positiv, die Ängste und Befürchtungen meiner Mutter waren unbegründet: alles kein Problem, keine Panik, keine große Sache. Allseitige Erleichterung. Ich schlage vor, zurück über Kohlgrub zu fahren, weil das die schönere Strecke sei, aber sie lehnt ab, will dezidiert wieder die Oberau-Route nehmen. Der Wasserspiegel im Moos scheint mir noch weiter angestiegen zu sein, es regnet ja auch immer weiter, aber wir kommen gut durch bis Oberau, wo dann – Ironie des Schicksals – der Ettaler Berg komplett gesperrt ist wegen eines Unfalls. Nachdem wir schon geraume Zeit stehen, bekomme ich einen Feuerwehrmann zu sprechen. Er rät mir, umzudrehen und über Murnau zu fahren, andererseits sei dies auch unsicher, denn man rede von Hochwasser dort. Ich erwidere, da kämen wir gerade her, das interessiert ihn, ich schildere ihm die Lage. Als ich ihn frage, wielange es wohl noch dauern werde, bis sie den Berg wieder freigeben, sagt er, die hätten gesagt, in einer halben Stunde, aber das hätten sie vor einer Stunde auch schon gesagt, denen glaube er nichts mehr. Nein, sage ich, denen glaube ich auch schon lange nichts mehr, obwohl ich gar nicht weiß, wer die eigentlich sind. Ich mache also, was alle machen, fahre raus auf den Aldi-Parkplatz und wenn man da eh schon festsitzt, könnte man in den Aldi ja auch mal hineingehen. Meine Mutter will aber irgendwie aus Prinzip keinen Aldi betreten, und auch mir fällt trotz krampfhafter Überlegung nichts ein, was wir vielleicht eventuell vom Aldi brauchen könnten. Also bleiben wir im Auto sitzen und haben es eigentlich ganz lustig. Auch der Regen hört plötzlich auf und die Luft klärt sich. Nach ziemlich genau einer halben Stunde geben sie den Berg wieder frei.

 

 

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