Heimatmuseum

08.10.2012
Herrlich ausgeschlafen. Als ich um 10 Uhr aufstehe, schnarcht meine Mutter auf dem Sofa. Ich koche Kaffee und als sie erwacht sind ihre ersten Worte, endlich sei ich da, sie sei schon seit 8 Uhr auf. Ich erwidere, sie habe ja einen lustigen Begriff von „Aufsein“, aber sie versteht den Witz nicht. Kaffee, Zigarette, Duschen. Muss schnell machen und komme gerade noch pünktlich um 11 zum Museum, wo ich mit der Museumsleiterin Frau W. verabredet bin.

Es geht um die Krippe meines Urgroßvaters, eine Krippe von gigantischen Ausmaßen im sogenannten orientalischen Stil, die Landschaft von meinem Urgroßvater selbst gebaut und die geschnitzten Figuren auch von ihm gefasst. Die ist nun seit über vierzig Jahren als Leihgabe dort im Museum. Früher war sie in voller Größe fester Bestandteil der Dauerausstellung und deutlich erinnere ich mich noch an die rituellen Gänge ins Museum mit meinen Eltern und Großeltern, und wie ich es absolut nicht verstehen konnte, warum man ausgerechnet vor dieser einen Vitrine gefühlte Ewigkeiten ausharren musste. Der Raum war völlig finster, das einzige Licht kam von den in die Krippen selbst eingebauten Mini-Glühlampen. Mir war das unheimlich, ich wollte da weg, aber mein Großvater und nach dessen Tod auch meine Großmutter, die Omama, hielten mich immer an, noch länger auf die Krippe zu starren, sie zu bewundern. Ich wusste nicht, was ich da eigentlich sehen sollte, wo das Besondere zu suchen wäre. Die beschwörenden Worte, dies sei nun eben unsere Krippe, wir besäßen diese Krippe, mein Uropa habe sie gemacht und außerdem sei sie einfach wunderschön, ich solle doch bloß einmal hinschauen – all diese in der fast völligen Finsternis des Krippenausstellunsgraums an mich herangeflüsterten Sätze klingen mir noch heute im Ohr und auch das unartikulierte Echo meines Nichtverstehens dieser Sätze kann ich bis heute nachschwingen hören.

Heute ist es nicht mehr so finster in dem Krippenraum, und das Zentralstück unserer Krippe, das seit 2003, nach langen Jahren der völligen Unsichtbarkeit, wieder im Museum ausgestellt ist, habe ich seither schon oft und jedesmal mit Begeisterung angeschaut. Mit Frau W., die ich vor dem Museum telefonierend antreffe, und die mir auf Anhieb sympathisch erscheint, gehe ich auf den Dachboden des Pilatushauses, wo die ausladenden Seitenteile und die restlichen Figuren lagern. Mein erster Eindruck: Figuren und Landschaft befinden sich in ausgezeichnetem Zustand. Die Freude über diese simple Erkenntnis: Nichts kaputt, zerstört, verloren. Was ich als Kind nicht verstanden habe, geht mir jetzt ganz im Herzen auf: das reine Glück über die Existenz so schöner Gegenstände, und dass sie uns gehören, mein Urgroßvater sie gemacht hat.

Ob ich die Krippe denn verkaufen wolle, fragt Frau W. irgendwann, während wir unzählige Schafe, Elefanten und Kamele in unseren Händen drehen. Nein, ich will die Krippe absolut nicht verkaufen, sage ich ihr gleich mit größter Entschiedenheit, bevor sie möglicherweise noch anfinge, mir irgendwelche Preise zu nennen. Ich wünsche mir stattdessen, dass sie mal wieder komplett zu sehen wäre, und erzähle die Erzählung meines Vaters noch einmal nach, wie genau an dem Tag, als die Amerikaner in Oberammergau einmarschierten, sein Großvater um nichts anderes bangte, als um die Krippenfiguren, die er vor den Amerikanern in der Steckenberghütte versteckt hatte, wo nun, in diesen letzten Kriegstagen, dummerweise genau die allerletzten Gefechte stattfanden. Weil alle anderen andere Sorgen hatten, belagerte er meinen Vater mit seinen Krippensorgen. Das ist ein mich seltsam berührendes Bild von dieser Zeitfurche, die sich da im Mai 1945 auftat: ein Greis und ein Kind sitzen in der Küche und bangen gemeinsam um hölzerne Krippenfiguren.

Auf der Suche nach dem zu erneuernden alten Leihvertrag finden wir auch eine ziemlich detaillierte Dokumentation der Enstehungsgeschichte der Krippe. Skizzen und Pläne für den Landschaftsbau und Rechnungen für jede einzelne Figur aus der Mayr-Werkstatt: 108 Reichsmark für 3 Schafe, 2 Ziegen und 1 Neger. Mit Frau W. plane ich vage eine künftige Sonderausstellung der Krippe in voller Größe, vielleicht im übernächsten Advent, unter Einbeziehung von derlei Entstehungsbesonderheiten und unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Familie Wolf. So gehen wir auseinander.

Von dem Gedanken an eine solche Ausstellung leicht elektrisiert gehe ich gleich ins Wolf, trinke ein großes Glas Wasser und wühle dann noch einmal den Speicher durch, ob ich nicht noch mehr Dokumente oder Fotos von der Krippe fände. Finde nichts, trage stattdessen drei Kisten mit anderem Zeug zum Auto.

Nachmittäglicher Einkauf verläuft anders als geplant: Da alles andere geschlossen hat, bin ich gezwungen, Wurst bei einem Metzger zu kaufen, den ich sonst eher meide. Als ich später mit meiner Mutter zu Abend esse, stelle ich fest, dass meine Vorbehalte wohlbegründet waren. Zu meiner Überraschung erfolgt nun von seiten meiner Mutter keine Feinanalyse der Unterschiede, Gemeinsamkeiten und verwandtschaftlichen Verknüpfungen zwischen den hiesigen Metzgern, sondern im Schnellverfahren fällt sie das vernichtende Urteil: Das alles schmecke nach Arsch und Friedrich, und müsse unverzüglich in die Tonne. Käsebrote essend erörtern wir die Frage, was eine gute Wurst ausmacht.

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