Fahrtenbuch

07.10.2012
Wegen Auto-Wirrwarr war bis zuletzt unklar, ob ich überhaupt losfahren könnte. Huschte ungeduscht um 8.30 Uhr runter und prüfte noch einmal den Kühlwasserstand. Ergebnis: kann vermutlich fahren, passt. Clara, mit der ich gestern noch echte Krise hatte, weil ich alleine und ohne sie mitzunehmen wegfahre, war wie ausgewechselt, überhäufte mich mit Küssen. Um Elf kam ich los. Zwei Schrippen, eine Flasche Wasser und Peter Kurzecks Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“ brachten mich bis hinter Nürnberg. Vom Kurzeck war ich ganz hingerissen. Ein außergewöhnliches Werk ist das, gar kein klassisches Hörbuch eigentlich, denn er liest ja nicht sein schon geschriebenes Buch bloß vor, sondern spricht es live ein. Die Sogkraft des in freier Rede souverän getexteten Wortes nahm mich komplett in den Bann.
 
Gestern beim eigentlich ganz unbedachten und mehr impulsgesteuerten Auswählen und Runterladen des Werks, war mir gar nicht bewusst gewesen, wie gut das passt, auf meiner Reise in die bayrische Provinz, wo ich herkomme, die Erinnerungen des Kurzeck an die hessische Provinz, wo er herkommt, mir anzuhören. Solche Reisen in die Provinz sind ja gleichzeitig auch immer Reisen in die Vergangenheit, egal ob man sie in Gedanken und erzählend, oder tatsächlich mit dem Auto hinfahrend unternimmt. Und so war es mir ein ganz sonderbares Gefühl, durch Ostdeutschland zu fahren, vorbei an Dessau, Leipzig, Jena, Gera, und dabei gleichzeitig zu hören, wie Kurzeck mit seiner eigentümlichen Stimme immer wieder das Wort „Russenzone“ sagt. Einmal macht er vor dem Wort eine so lange Kunstpause, dass ich meinte, jetzt müsse er doch einmal „DDR“ sagen, aber wie mit einem Seufzer stößt er dann doch wieder das Wort „Russenzone“ aus.
 
An einer anderen Stelle erzählt Kurzeck, wie er als Kind von seinem Fenster aus verschiedene Bauern bei der Morgenarbeit beobachten konnte und dadurch vor allem seinen Sinn für die Unterschiede und Differenzen geschult hat: während der eine Bauer mit seinen Kühen einfühlsam redete, stieß und schlug sie der andere, und der dritte war jeden Tag zwei Minuten zu spät, und diese zwei Minuten, wie sehr er sich auch täglich abhetzte, konnte er nie mehr aufholen, sein ganzes Leben lang, so Kurzeck. Da kam mir im Auto sitzend die Idee, meinen Reisebericht hier diesmal nicht am Stück nachzureichen, sondern in Tagesrationen zerlegt und jeweils genau um die offline verbrachte und nie mehr aufzuholende Anzahl an Tagen zeitversetzt ins Blog zu stellen.
 
Ab Hopfenland Holledau und Überquerung der Amper das Gefühl, genau jetzt in die heimatlichen Gefilde einzutreten. Dieses Gefühl hatte ich früher, als ich noch von Frankfurt hergefahren kam, erst ab Überquerung der Echelsbacher Brücke. Der Heimat-Radius muss sich also durch den Umzug nach Berlin eklatant vergrößert haben. Keine Ahnung, wie sowas zugeht. München dann doch wieder nur halbvertraut beim Hindurchfegen über den Mittleren Ring. Mit Muddy Waters über die gänzlich leergefegte A 95: If I don’t go crazy, I will surely lose my mind. Da war die Sonne schon untergegangen und es leuchteten die an mir vorüberjagenden Bäume im letzten Restlicht des Tages in einem ganz geheimnisvollen Grün vor dem Hintergrund der rascher ins Dunkelgraue absinkenden Berge, auf die zu und in die hinein ich dann kurze Zeit später, bei nunmehr völlig hereingebrochener Finsternis, letztlich fuhr. Tankstelle Oberau noch ein Sixpack Augustiner, ab Ettaler Berg dichter Nebel und Nieselregen. 19.30 Uhr daheim. Meine Mutter und ich aßen Weißwürste und dazu meine restlichen Schrippen aus Berlin, da sie die Brezen vergessen hatte.

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2 Kommentare zu “Fahrtenbuch

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