Café Egal

„Urig“ war so ein Lieblingswort meines Vaters wenn es um bayrische Lebensart, also um Wirtshäuser und Biertrinken ging. Auf dem Oktoberfest gingen wir nach dem Kinderprogramm (Geisterbahn, Kettenkarrussell, Schießbude, gebrannte Mandeln) immer ins Paulanerzelt, denn da hatte er Bier- und Hendlmarken von der Brauerei, und wenn er seine Maß bekam, dann freute er sich zuerst diebisch darüber, wie schlecht das eingeschenkt sei, pries dann begeistert den Geschmack und die unvergleichliche Süffigkeit des Wiesnbiers und trank in großen Schlucken. Wenn die Maß sich alsbald neigte, begann er irgendwann prüfend im Bierzelt umherzuschauen und zuverlässig fiel dann in resigniertem Ton der Satz: früher sei das alles viel uriger gewesen. Mir war das ziemlich egal damals, ich trank meine Apfelschorle und hasste das Bierzelt sowieso. Später, als ich selbst begann das Bier zu lieben, holte ich bei meinem Vater nur noch die Bier- und Hendlmarken ab, dachte aber angesichts der pseudotrachtlerisch kostümierten Horden, die die Zelte von Jahr zu Jahr mehr verstopften, stellvertretend für ihn den Satz: Früher wars uriger. Und dann zog ich von München weg und seit zehn Jahren habe ich das Oktoberfest überhaupt nicht mehr besucht, und nichts vermisst dabei.

Als ich aber heute nachmittag vom Einkaufen zurück nachhause lief, blieb ich beim „Café Egal“ an dem Schild hängen: Augustiner Wiesnbier, Maß 6,50. Und das Wetter war so schön und die Bierbank sah aus, als habe man sie extra für mich freigehalten, also setzte ich mich hin. Links von mir fädelten fünf Anzugtypen einen irgendwie dubiosen Grundstücksverkauf auf amerikanisch ein. Rechts tagte der Stammtisch: Fünfzigjährige Handwerker mit Pferdeschwanz und tätowierten Oberarmen. Ich dazwischen mit meinem Wiesnbier. Weit und breit keine Lederhose, kein Dirndl. Nur ein Paar Haferlschuhe, aber die trug ich selbst, insofern ging das in Ordnung. Mein Gesprächspartner war die Frankfurter Allgemeine, die auch schon mal geistreicher war, jedenfalls lächelte sie nicht mal, als ich bemerkte, dieses Wiesnbier sei falsch, weil viel zu gut eingeschenkt. Aber egal: so jung wie heute kommen die FAZ und ich nie mehr zusammen, das Bier schmeckte wundervoll, und als ich leicht angedimpfelt zuhause ankam, dachte ich, dass dies wirklich mein angenehmster Wiesnbesuch aller Zeiten war. Bloß urig war das natürlich auch nicht. Die eigentliche Urigkeit ist vielleicht für immer verloren.

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