Seelos, Unsinn, Erd

16.10.2012
Der letzte Tag meines Aufenthalts war der erste mit schönem Wetter. Herrliche Sonne, endlich ins Freie. Ich ging zum Glumphaufen, lief ein wenig im völlig aufgeweichten Erdreich am Pfannenstiel herum und besuchte dann den Sudler. Als ich schon dachte, dass gar niemand da sei, sprach er mich vom Balkon herunter an, wo er nackt in der Sonne saß, mit seiner schwarzen Katze. Er zog sich eine Hose an und kochte dann Kaffee, dazu sein unfiltriertes und durch den Kontakt mit einem heiligen Indianerstein noch extra aufgewertetes Gebirgsquellwasser aus der eigenen Quelle oberhalb des Hauses. Gespräch über die Unsinnigkeit eines Passionsspiels, die Sumerer, das Gilgamesh-Epos, Kant, die Welt als Vorstellung, das Universum als Abbild elektromagnetischer Gewitter und dergleichen, aber auch über das für seine außergewöhnliche Pedanterie über die Landesgrenzen hinweg berühmte Landratsamt Garmisch und dessen Umgang mit ungenehmigten Erdbewegungen, über die Beschaffenheit von Lehm und wie misslich es ist, wenn eine Planierraupe bis zur Unterkante der Führerkabine in demselben versunken ist. Als wir mit Kaffee und Wasser fertig waren, kredenzte er noch Apfelsaft, aus hiesigen Äpfeln ohne jegliche Konservierungsbeihilfen gepresst. Schmeckt ausgezeichnet und hält laut Sudler trotzdem bis Weihnachten.

In bester Laune machte ich mich wieder auf den Weg hinab ins Dorf. Als ich auf dem Heimweg noch der Anka begegnete, erschien mir das einer höheren Logik gemäß als absolut folgerichtig, und ich freute mich sehr, dass auch sie ein wenig Zeit übrig hatte und mich auf ein weiteres Glas Apfelsaft in ihre Wohnung einlud. Folgerichtig deshalb, weil ich tatsächlich ihr und niemand anderem die Bekanntschaft mit den Schriften W.G. Sebalds zu verdanken habe. Ich war damals – es mag acht oder neun Jahre jetzt her sein – gerade begeistert mit dem Wiederlesen der Bücher Rolf Dieter Brinkmanns beschäftigt und berichtete ihr davon. Sie kannte Brinkmann gar nicht und so kam ich ins Reden und bemerkte mehr nebenbei auch, dass er in England bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. „Ach, wie W.G. Sebald“, war ihr lapidarer Kommentar, den ich heute noch im Ohr habe, als wäre der Satz erst gestern gefallen. Von Sebald hatte nun ich vorher noch nie etwas gehört und auf meine Nachfrage hin sagte sie bloß, ich solle die Ringe des Saturn lesen, das sei ein ganz unglaubliches Buch. Das hatte ich dann in der Folge auch getan und mit den Ringen des Saturn, den Ausgewanderten, mit Austerlitz und all den anderen Büchern Sebalds Erfahrungen des Lesens gemacht, die nicht nur meinen Blick auf die Literatur, sondern tatsächlich meinen Blick auf die Welt verändert haben, was man ja nur von den allerwenigsten Büchern sagen kann. Und so war es nur logisch, dass ich der Anka nun beim Apfelsaft von meinem Ausflug nach Wertach berichtete: Wie ich die vorbereitende Lektüre der Sebaldschen Heimkehr-Erzählung bewusst nach ein paar Seiten abgebrochen hatte, um dann, als ich sie einen Tag nach der Wertachfahrt krank im Bett liegend beendete, festzustellen, dass ich auf dem Wertacher Friedhof genau diejenigen Namen als irgendwie seltsam zu mir redend memoriert hatte, die in dem Sebaldtext tatsächlich auch vorkommen: Seelos, Unsinn, Erd.

Auch vom Blog erzählte ich der Anka und sie war sehr interessiert daran, schien meine Schreibaktivität durchaus zu begrüßen. Als ich ihr aber die Webadresse kurz aufnotieren wollte, winkte sie entschieden ab: nein, nein, mit dem Internet habe sie nichts zu schaffen. Sie müsse immer etwas in der Hand haben, auf einem Monitor könne und wolle sie nichts lesen. Ich versprach deshalb, die hier bisher veröffentlichten Texte demnächst mal auszudrucken und ihr mit der Post zukommen zu lassen, was ich jetzt, da dieser ausufernde Reisebericht sich nun doch endlich einem Ende zuneigt, auch alsbald tun werde.

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Eine Ruhe

15.10.2012
Als ich erwachte, herrschte um mich herum augenblicklich solch ein meiner erschöpften und ermatteten Grunddisposition absolut unzuträglicher Trubel, dass ich, nachdem die nötigsten Morgenverrichtungen getätigt waren, die Wohnung meiner Mutter, die von kommenden und gehenden Menschen nur so überrannt wurde, ohne dass mir dafür ein Grund ersichtlich gewesen wäre oder man mich vorher von der Erwartung derartiger Aufläufe unterrichtet hätte, so schnell wie möglich verlassen musste. Wegen des Regens, der mehr oder weniger unmittelbar nach meiner Wiederkehr aus Wertach wieder eingesetzt hatte und die ganzen Tage seither fast ununterbrochen auf die gleichgültigste Weise niederfiel, war an eine Flucht in die Natur leider auch nicht zu denken, und so blieb mir als letztes Refugium zum Zwecke der inneren Sammlung nur der Internet-Room des Schilcherhofs übrig, wohin ich mich dementsprechend umgehend begab. Der Raum war sofort ideal. Tante Gerti, selbst krank, kredenzte mir ein Fanta, und zog sich dann wieder in ihr verdunkeltes Büro zurück. Absolute Stille. Ich klappte meinen Computer auf, schaute aber nach kurzer Mail-Kontrolle gar nicht mehr weiter ins Netz hinein, sondern sah stattdessen bloß zum Fenster hinaus und beobachtete die Regentropfen, die in wiederkehrenden Figuren an der alten Fichte herunterperlten. Die Standuhr taktete die Zeit mit Gongschlägen in viertelstündige Segmente, was für mich in diesem Moment die exakt richtige Langsamkeit war.


Ich versuchte die letzten Tage zu rekapitulieren: Die immer wieder an denselben Punkten wiederaufgenommenen und dann an wieder denselben Punkten sich wieder festbeißenden Diskussionen mit meiner Mutter, der ich gerne helfen würde, ihr Leben ein bisschen zu entkomplizieren, die sich aber in dieser Kompliziertheit so nagelfest eingerichtet hat, dass kein Argument zu ihr durchdringen konnte, soviel ich auch redete und mich ins eigene Reden und Argumentieren bis hin zu Wutzuständen hineinsteigerte. Das kurze Auftauchen meiner Schwester, mit der ich eine Konsens- und Harmoniekomödie aufführte, die immer haarscharf an der Grenze zum Streit entlangtänzelte. Dazu der dauernde Regen und meine Erkältung. Der Gegenpol gegen diese jetzt immer schneller heißlaufende Deprimierungsmaschine war während jener Tage einzig der Glaser gewesen, der immer in seinem Garten vor sich hin werkelte, wohin ich mich dann auch bei jeder Gelegenheit absentiert hatte, um mich beim Kleinschneiden von Reisig, dem Entfernen unliebsamer Wurzeln und Gesprächen über den Blues oder die richtige Zubereitung eines Gulasch wieder halbwegs zu normalisieren. Und abends hatten wir dann natürlich diese Gespräche fortzuführen gedacht bei einer harmlosen Exkursion in den Obenaus, wo wir um drei Uhr morgens feststellen mussten, dass ein Gespräch wegen der mannigfaltigen dort gegebenen Distraktionen gar nicht möglich gewesen war, weswegen wir uns am nächsten Abend im Mühlbartl logischerweise noch einmal sprechen mussten.


Diese tödliche Mixtur aus Virus, Wahnsinn und Alkohol hatte mich in den desolaten Zustand geführt, in dem ich jetzt im Schilcherhof mein Fanta trank und zum Fenster hinaus starrte. Der Glaser war am Vortag wieder abgereist und mir war, als ob ich ertrinken müsste in all dem Regen und der Unvernunft und dem fremden Leben. Es war schon fast Abend, als die Gerti sich zu mir setzte, und die Hilde kam dann auch noch dazu. Das Gespräch mit den alten Damen belebte mich wieder ein wenig. Erinnerungen an das frühere Café Hitzlsberger wurden ausgetauscht, dort habe es ja die besten Schlotfeger gegeben. Dazu konnte ich wenig sagen, denn ich habe nach der Schließung des Hitzlsberger nie wieder einen Schlotfeger gegessen, aber meine beiläufige Anmerkung, wir hätten damals zu den Hitzlsbergerischen Schlotfegern immer „Ochsenrohr“ gesagt, amüsierte meine beiden Tanten aufs Köstlichste.

Wieder bei meiner Mutter, sichtete ich die uralten Kisten, die ich vor ein paar Tagen im Wolf aus dem Speicher gegraben hatte. Hauptsächlich Mist, uninteressantes Zeug, das ich sofort dem Müll überantwortete. Umso wunderlicher wurde mir zumute, als zwischen diesen ganzen völlig unwichtigen Zetteln und Postkarten mir unbekannter Menschen, der Militär-Pass meines Urgroßvaters plötzlich in meinen Händen lag.


Wen immer ich bisher gefragt hatte, ob mein Urgroßvater im Ersten Weltkrieg gewesen war oder nicht – immer hatte es geheißen: Nein, der war schon zu alt damals.


Man darf niemals die Leute befragen, sondern immer nur die alten Kisten, die auf dem Speicher einstauben, wenn man die Wahrheit will. Derselbe Mann, der später seine ganze Energie in den Bau einer riesigen Weihnachtskrippe stecken sollte, und der auch am Ende des Zweiten Weltkriegs an nichts anderes denken konnte, als an den Verbleib seiner Krippenfiguren, hatte das Grauen von Verdun am eigenen Leib erlebt.

Wertach

11.10.2012
Eigentlich müsste man eine solche literarische Pilgerreise natürlich ganz anders angehen. Man müsste alles genauso machen wie Sebald im November 87 und also in Innsbruck einen Bus besteigen, der einen durchs finstere Tirol hindurch und bis zur Zollstation Oberjoch bringt, und von da an zu Fuß „durch die ans Niemandsland grenzenden Moorwiesen und den Alpsteigtobel hinab nach Krummenbach und von dort über das Unterjoch, die Pfeiffermühle und das Enge Plätt nach W[ertach] hinausgehen“ [Schwindel. Gefühle, S. 193/94]. Aber wenn man so konsequent wäre, dann müsste man sich womöglich auch noch, wie er damals, für unbestimmte Zeit im Engelwirt einmieten und sich wochenlang im ersten Stock des Engelwirts über irgendwelche Aufzeichnungen beugen. Das habe ich – obwohl es auch ein reizvolles Experiment wäre – dann doch nicht vor, also fahre ich ganz einfach mit dem Auto hin und passiere weit weniger klangvolle Ortschaften wie Steingaden, Roßhaupten, Seeg, Nesselwang. Auf der Fahrt beginne ich schon mit den Überlegungen, wie ich mich vor den Dorfbewohnern am besten tarnen könnte, damit sie mich nicht gleich als Sebaldspinner identifizieren. Ich vermute nämlich, dass dort schon seit einigen Jahren von Zeit zu Zeit melancholisch dreinblickende Menschen mit Büchern in der Jackentasche auftauchen, die seltsame Dinge fotografieren, Notizen in kleine Notizbücher notieren, und ansonsten eher verloren in der Landschaft herumschauen und bin, warum auch immer, fest davon überzeugt, dass diese Art Menschen von den Wertachern kopfschüttelnd mit dem Wort Sebaldspinner belegt werden. Vielleicht kann ich sie mit meinem Hofbräuhaus-Kapuzenpullover kurze Zeit in die Irre führen, so dass sie mich erstmal eher als Wiesntrottel einordnen.

Ich stelle das Auto auf dem Parkplatz des Netto-Supermarkts am Ortsrand ab, um wenigstens den allerletzten Weg zum Ortskern zu Fuß zurückzulegen. Die Shopping-Mall, die man hier aufgezogen hat, ähnelt so frappierend derjenigen in Oberammergau, dass ich im ersten Moment denke, ich hätte gleich daheim bleiben können. Ich gehe zunächst zur Kirche und von da aus drehe ich ein paar Runden durch den Ort, bis ich das Gefühl habe, mich halbwegs auszukennen. Bevor ich den Fotoapparat aus der Tasche ziehe, blicke ich mich jedesmal erst absichernd um, damit bloß ja niemand mich als Sebaldspinner enttarnen könnte, was völliger Unsinn ist, weil sowieso niemand hier ist. Mein erster und fortan bleibender Eindruck von Wertach ist der der völligen Ausgestorbenheit. Ein einziger Teenager trabt einmal mit einem Skateboard unter dem Arm an mir vorbei und würdigt mich keines Blickes. Manchmal fährt ein Auto die Straße lang. Mehr Hinweise auf Leben erhalte ich nicht.

Das Bergpanorama muss ich von der Wanderkarte abfotografieren, da die echten Berge hinter dichten Wolken verborgen sind, was schade ist, denn das Wort Sorgschrofen begeistert mich, erscheint mir sofort als der schönste Bergname, den ich je gehört habe, und da würde ich natürlich gerne auch den echten Sorgschrofen sehen, aber es bleibt mir versagt. Durch die Wetterlage werde ich in die komische Illusion versetzt, ich befände mich in einer ganz sanft geschwungenen Hügellandschaft. Das Wissen, dass hier auch noch viel höhere Schrofen aufragen, die mir bloß unsichtbar sind, verwirrt mich.

 

Im Engel nehme ich den Mittagstisch ein. Auch dort bin ich einziger Gast, trinke ein Bier – Engelbräu: ausgezeichnet – und esse einen Schweinsbraten, der gut ist, insbesondere der Kartoffelknödel schmeckt mir, aber auch das Blaukraut ist in Ordnung. Seltsam ist es dennoch, so allein in einer Wirtschaft herumzusitzen. Die Kellnerin bedient mich mit der allergrößten Diskretion, erst beim Zahlen mustert sie mich eindringlich, als wolle sie jetzt doch noch schnell herausfinden, ob ich eher Sebaldspinner oder Wiesntrottel bin. Dass ich beim Hinausgehen dem Saal, wo Sebald als Kind eine ihn erschütternde Aufführung der Schillerschen Räuber gesehen hat, noch einige Aufmerksamkeit schenke und die Bilder des Wertacher Bauerntheaters e.V. genauer studiere, könnte ihr den entscheidenden Hinweis gegeben haben. Vielleicht auch nicht, beim Hinausgehen ist mir, als fühlte ich ihren fragenden Blick noch im Nacken.

Das Mittagsbier hat mir zugesetzt, ich fühle mich insgesamt unwohl und komisch. Jetzt will ich erstmal aus dem Ort raus und wirklich mal ein bisschen zu Fuß gehen durch diese mir unbekannte Landschaft. Ich gehe in Richtung der österreichischen Grenze, schlage aber irgendwie den falschen Weg ein. Was mir als Wanderweg erschien, mündet recht bald auf der Autostraße, an der entlangzulaufen eher unangenehm ist. Ich laufe weiter bis Enthalb der Ach – auch so ein völlig entrückter Ortsname – und finde dann wieder einen richtigen Fußpfad. Ich fand ja die Kategorisierung und Simplifizierung Sebalds als melancholischen Schriftsteller immer verkürzt und am eigentlichen Wunder seiner Schriften vorbei. Aber hier kommt mir doch der Gedanke, dass einem Schreiber, der an einem Fluss namens Ach aufwächst, die Melancholie vielleicht einfach in die Wiege gelegt sein müsste.

Plötzlich kommt kalter Wind auf und ich merke schlagartig, dass ich krank werde. Die Nase rinnt mir davon und mein Schal liegt natürlich im Auto. Ich gehe zurück nach Wertach und laufe dort noch lange über den Friedhof. Hier, bei den Toten, tauchen auch endlich lebendige Menschen auf: Alte Frauen bei der Grabpflege, die mich erst ignorieren, dann misstrauisch beäugen. Ich grüße freundlich, das beruhigt sie dann wieder. Derweil sind mir die Taschentücher ausgegangen und ich rotze und schniefe so vor mich hin, plötzlich ist es mir auch völlig egal, dass mich die alten Friedhofsweiber bestimmt schon lange als Sebaldspinner erkannt haben, und mache unverhohlen meine Fotos.

Jedesmal stutze ich, wenn ich den Namen „Winfried“ auf einem Grabstein lese. Den Namen hat Sebald gehasst, ein Nazi-Name sei das, weswegen er das „Winfried Georg“ auch immer auf „W.G.“ gekürzt hat, und seine Freunde in England nannten ihn Max. Hier auf dem Friedhof gibt es auffällig viele Winfrieds, sogar eine Winfrieda finde ich. Mir fällt die Hitler-Freundin Winifred Wagner ein und dann ekelt es mich auch vor dem Namen.

Bevor ich abfahre, kaufe ich mir im Netto vier Flaschen Bier vom Engelbräu, wie um mein ganztägiges Parken auf dem Netto-Parkplatz wenigstens im Nachhinein noch ein wenig zu rechtfertigen. Ab Wildsteig dichtester Nebel.

Als wäre ich plötzlich in England.

Gesperrt

10.10.2012
Die ganze Nacht über hat es geregnet und es regnet immer noch, als am Vormittag langsam das Wort „Hochwasser“ die Runde macht. Meine Mutter hat um 14 Uhr einen Termin im Murnauer Krankenhaus: notorisches Hochwassergebiet. Wegen des Termins, den sie seit Monaten vor sich her schiebt, ist sie eh schon nervös, die Aussicht auf Verkehrskomplikationen gibt ihr den Rest. Sie will 2 ½ Stunden vorher losfahren: Eine Stunde Fahrzeit, eine halbe Stunde für das Auffinden des Sprechzimmers, denn das Murnauer Krankenhaus sei bekanntlich ein verflixtes Labyrinth, und eine weitere Stunde als Puffer für Hochwasser- oder sonstige Komplikationen. Es gelingt mir, sie auf 1 ¾ Stunden herunterzuhandeln. Wir fahren über Oberau und Eschenlohe, und tatsächlich hat sich das Murnauer Moos links und rechts der Bundesstraße schon in eine ziemliche Seenlandschaft verwandelt. Hinter der Abzweigung zum Krankenhaus wäre es auch wirklich nicht mehr weitergegangen: Straßensperre wegen Überschwemmung, aber wir kommen problemlos in der Klinik an, eine gute Stunde zu früh. Wortlos warten wir die Zeit herunter, in der neonbeleuchteten Beklemmung eines irgendwie zu engen Krankenhausganges, ständig muss ich meine Beine einziehen, wenn ein Rollstuhl vorbeiwill. Der Termin verläuft sehr positiv, die Ängste und Befürchtungen meiner Mutter waren unbegründet: alles kein Problem, keine Panik, keine große Sache. Allseitige Erleichterung. Ich schlage vor, zurück über Kohlgrub zu fahren, weil das die schönere Strecke sei, aber sie lehnt ab, will dezidiert wieder die Oberau-Route nehmen. Der Wasserspiegel im Moos scheint mir noch weiter angestiegen zu sein, es regnet ja auch immer weiter, aber wir kommen gut durch bis Oberau, wo dann – Ironie des Schicksals – der Ettaler Berg komplett gesperrt ist wegen eines Unfalls. Nachdem wir schon geraume Zeit stehen, bekomme ich einen Feuerwehrmann zu sprechen. Er rät mir, umzudrehen und über Murnau zu fahren, andererseits sei dies auch unsicher, denn man rede von Hochwasser dort. Ich erwidere, da kämen wir gerade her, das interessiert ihn, ich schildere ihm die Lage. Als ich ihn frage, wielange es wohl noch dauern werde, bis sie den Berg wieder freigeben, sagt er, die hätten gesagt, in einer halben Stunde, aber das hätten sie vor einer Stunde auch schon gesagt, denen glaube er nichts mehr. Nein, sage ich, denen glaube ich auch schon lange nichts mehr, obwohl ich gar nicht weiß, wer die eigentlich sind. Ich mache also, was alle machen, fahre raus auf den Aldi-Parkplatz und wenn man da eh schon festsitzt, könnte man in den Aldi ja auch mal hineingehen. Meine Mutter will aber irgendwie aus Prinzip keinen Aldi betreten, und auch mir fällt trotz krampfhafter Überlegung nichts ein, was wir vielleicht eventuell vom Aldi brauchen könnten. Also bleiben wir im Auto sitzen und haben es eigentlich ganz lustig. Auch der Regen hört plötzlich auf und die Luft klärt sich. Nach ziemlich genau einer halben Stunde geben sie den Berg wieder frei.

 

 

Regen

09.10.2012
Tief hängende Wolken. Dauerregen. Zur Vorbereitung auf die für übermorgen geplante Fahrt ins Allgäu, nach Wertach, den Heimatort von W.G. Sebald, beginne ich mit der Lektüre von dessen Erzählung Il ritorno in patria. Sebald, der sich selbst immer als einen Ausgewanderten begriff, beschreibt darin seinen Besuch in Wertach im Jahr 1987. Die Erzählung nimmt mich wieder sofort gefangen, ich breche aber nach ein paar Seiten bewusst ab, weil ich nicht zuviele Details einsaugen will. An der Stelle, wo Sebald sich beim Engelwirt einmietet, schlage ich das Buch zu und beschließe, mir meine eigene Wertachfahrt nicht allzusehr von der Literatur diktieren zu lassen. Ich weiß nun, wo ich zu Mittag essen werde – im Engelwirt natürlich, sofern es den Engelwirt noch gibt. Alles andere lasse ich auf mich zukommen.
 
Später Gang durchs Dorf: Bank, Tanke, Krach: endlich vernünftige Wurstmöglichkeiten und die besten Artischocken, leider auch peinvolles Verhör durch die S., die dort ihren Cappuccino schlürft. Die wiederkehrenden Verhörsituationen hier wären überhaupt mal ein genauer zu Beschreibendes. Danach Schilcherhof. Kaffee oder Bier? Ich wähle Fanta. Tante Gerti schildert mir detailliert Leben und Tod eines mir völlig unbekannten D., auf dessen Beerdigung sie war, und zwar stellvertretend für uns alle, für mich also auch. Weil sonst keiner von uns hingegangen wäre, sei sie halt hingegangen für alle, also auch für euch, so drückte sie es aus. Aber wer sind wir und wer seid ihr, und wer wären so gesehen dann alle, grüble ich vor mich hin. Von welchen Kollektiven ist hier eigentlich die Rede? Und wer war nochmal der D.?

Draußen weiterhin Regen, der monoton vor sich hin plätschert, auch in der Intensität des Regnens keinerlei Variation zulässt. Stumpf.

Heimatmuseum

08.10.2012
Herrlich ausgeschlafen. Als ich um 10 Uhr aufstehe, schnarcht meine Mutter auf dem Sofa. Ich koche Kaffee und als sie erwacht sind ihre ersten Worte, endlich sei ich da, sie sei schon seit 8 Uhr auf. Ich erwidere, sie habe ja einen lustigen Begriff von „Aufsein“, aber sie versteht den Witz nicht. Kaffee, Zigarette, Duschen. Muss schnell machen und komme gerade noch pünktlich um 11 zum Museum, wo ich mit der Museumsleiterin Frau W. verabredet bin.

Es geht um die Krippe meines Urgroßvaters, eine Krippe von gigantischen Ausmaßen im sogenannten orientalischen Stil, die Landschaft von meinem Urgroßvater selbst gebaut und die geschnitzten Figuren auch von ihm gefasst. Die ist nun seit über vierzig Jahren als Leihgabe dort im Museum. Früher war sie in voller Größe fester Bestandteil der Dauerausstellung und deutlich erinnere ich mich noch an die rituellen Gänge ins Museum mit meinen Eltern und Großeltern, und wie ich es absolut nicht verstehen konnte, warum man ausgerechnet vor dieser einen Vitrine gefühlte Ewigkeiten ausharren musste. Der Raum war völlig finster, das einzige Licht kam von den in die Krippen selbst eingebauten Mini-Glühlampen. Mir war das unheimlich, ich wollte da weg, aber mein Großvater und nach dessen Tod auch meine Großmutter, die Omama, hielten mich immer an, noch länger auf die Krippe zu starren, sie zu bewundern. Ich wusste nicht, was ich da eigentlich sehen sollte, wo das Besondere zu suchen wäre. Die beschwörenden Worte, dies sei nun eben unsere Krippe, wir besäßen diese Krippe, mein Uropa habe sie gemacht und außerdem sei sie einfach wunderschön, ich solle doch bloß einmal hinschauen – all diese in der fast völligen Finsternis des Krippenausstellunsgraums an mich herangeflüsterten Sätze klingen mir noch heute im Ohr und auch das unartikulierte Echo meines Nichtverstehens dieser Sätze kann ich bis heute nachschwingen hören.

Heute ist es nicht mehr so finster in dem Krippenraum, und das Zentralstück unserer Krippe, das seit 2003, nach langen Jahren der völligen Unsichtbarkeit, wieder im Museum ausgestellt ist, habe ich seither schon oft und jedesmal mit Begeisterung angeschaut. Mit Frau W., die ich vor dem Museum telefonierend antreffe, und die mir auf Anhieb sympathisch erscheint, gehe ich auf den Dachboden des Pilatushauses, wo die ausladenden Seitenteile und die restlichen Figuren lagern. Mein erster Eindruck: Figuren und Landschaft befinden sich in ausgezeichnetem Zustand. Die Freude über diese simple Erkenntnis: Nichts kaputt, zerstört, verloren. Was ich als Kind nicht verstanden habe, geht mir jetzt ganz im Herzen auf: das reine Glück über die Existenz so schöner Gegenstände, und dass sie uns gehören, mein Urgroßvater sie gemacht hat.

Ob ich die Krippe denn verkaufen wolle, fragt Frau W. irgendwann, während wir unzählige Schafe, Elefanten und Kamele in unseren Händen drehen. Nein, ich will die Krippe absolut nicht verkaufen, sage ich ihr gleich mit größter Entschiedenheit, bevor sie möglicherweise noch anfinge, mir irgendwelche Preise zu nennen. Ich wünsche mir stattdessen, dass sie mal wieder komplett zu sehen wäre, und erzähle die Erzählung meines Vaters noch einmal nach, wie genau an dem Tag, als die Amerikaner in Oberammergau einmarschierten, sein Großvater um nichts anderes bangte, als um die Krippenfiguren, die er vor den Amerikanern in der Steckenberghütte versteckt hatte, wo nun, in diesen letzten Kriegstagen, dummerweise genau die allerletzten Gefechte stattfanden. Weil alle anderen andere Sorgen hatten, belagerte er meinen Vater mit seinen Krippensorgen. Das ist ein mich seltsam berührendes Bild von dieser Zeitfurche, die sich da im Mai 1945 auftat: ein Greis und ein Kind sitzen in der Küche und bangen gemeinsam um hölzerne Krippenfiguren.

Auf der Suche nach dem zu erneuernden alten Leihvertrag finden wir auch eine ziemlich detaillierte Dokumentation der Enstehungsgeschichte der Krippe. Skizzen und Pläne für den Landschaftsbau und Rechnungen für jede einzelne Figur aus der Mayr-Werkstatt: 108 Reichsmark für 3 Schafe, 2 Ziegen und 1 Neger. Mit Frau W. plane ich vage eine künftige Sonderausstellung der Krippe in voller Größe, vielleicht im übernächsten Advent, unter Einbeziehung von derlei Entstehungsbesonderheiten und unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Familie Wolf. So gehen wir auseinander.

Von dem Gedanken an eine solche Ausstellung leicht elektrisiert gehe ich gleich ins Wolf, trinke ein großes Glas Wasser und wühle dann noch einmal den Speicher durch, ob ich nicht noch mehr Dokumente oder Fotos von der Krippe fände. Finde nichts, trage stattdessen drei Kisten mit anderem Zeug zum Auto.

Nachmittäglicher Einkauf verläuft anders als geplant: Da alles andere geschlossen hat, bin ich gezwungen, Wurst bei einem Metzger zu kaufen, den ich sonst eher meide. Als ich später mit meiner Mutter zu Abend esse, stelle ich fest, dass meine Vorbehalte wohlbegründet waren. Zu meiner Überraschung erfolgt nun von seiten meiner Mutter keine Feinanalyse der Unterschiede, Gemeinsamkeiten und verwandtschaftlichen Verknüpfungen zwischen den hiesigen Metzgern, sondern im Schnellverfahren fällt sie das vernichtende Urteil: Das alles schmecke nach Arsch und Friedrich, und müsse unverzüglich in die Tonne. Käsebrote essend erörtern wir die Frage, was eine gute Wurst ausmacht.

Fahrtenbuch

07.10.2012
Wegen Auto-Wirrwarr war bis zuletzt unklar, ob ich überhaupt losfahren könnte. Huschte ungeduscht um 8.30 Uhr runter und prüfte noch einmal den Kühlwasserstand. Ergebnis: kann vermutlich fahren, passt. Clara, mit der ich gestern noch echte Krise hatte, weil ich alleine und ohne sie mitzunehmen wegfahre, war wie ausgewechselt, überhäufte mich mit Küssen. Um Elf kam ich los. Zwei Schrippen, eine Flasche Wasser und Peter Kurzecks Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“ brachten mich bis hinter Nürnberg. Vom Kurzeck war ich ganz hingerissen. Ein außergewöhnliches Werk ist das, gar kein klassisches Hörbuch eigentlich, denn er liest ja nicht sein schon geschriebenes Buch bloß vor, sondern spricht es live ein. Die Sogkraft des in freier Rede souverän getexteten Wortes nahm mich komplett in den Bann.
 
Gestern beim eigentlich ganz unbedachten und mehr impulsgesteuerten Auswählen und Runterladen des Werks, war mir gar nicht bewusst gewesen, wie gut das passt, auf meiner Reise in die bayrische Provinz, wo ich herkomme, die Erinnerungen des Kurzeck an die hessische Provinz, wo er herkommt, mir anzuhören. Solche Reisen in die Provinz sind ja gleichzeitig auch immer Reisen in die Vergangenheit, egal ob man sie in Gedanken und erzählend, oder tatsächlich mit dem Auto hinfahrend unternimmt. Und so war es mir ein ganz sonderbares Gefühl, durch Ostdeutschland zu fahren, vorbei an Dessau, Leipzig, Jena, Gera, und dabei gleichzeitig zu hören, wie Kurzeck mit seiner eigentümlichen Stimme immer wieder das Wort „Russenzone“ sagt. Einmal macht er vor dem Wort eine so lange Kunstpause, dass ich meinte, jetzt müsse er doch einmal „DDR“ sagen, aber wie mit einem Seufzer stößt er dann doch wieder das Wort „Russenzone“ aus.
 
An einer anderen Stelle erzählt Kurzeck, wie er als Kind von seinem Fenster aus verschiedene Bauern bei der Morgenarbeit beobachten konnte und dadurch vor allem seinen Sinn für die Unterschiede und Differenzen geschult hat: während der eine Bauer mit seinen Kühen einfühlsam redete, stieß und schlug sie der andere, und der dritte war jeden Tag zwei Minuten zu spät, und diese zwei Minuten, wie sehr er sich auch täglich abhetzte, konnte er nie mehr aufholen, sein ganzes Leben lang, so Kurzeck. Da kam mir im Auto sitzend die Idee, meinen Reisebericht hier diesmal nicht am Stück nachzureichen, sondern in Tagesrationen zerlegt und jeweils genau um die offline verbrachte und nie mehr aufzuholende Anzahl an Tagen zeitversetzt ins Blog zu stellen.
 
Ab Hopfenland Holledau und Überquerung der Amper das Gefühl, genau jetzt in die heimatlichen Gefilde einzutreten. Dieses Gefühl hatte ich früher, als ich noch von Frankfurt hergefahren kam, erst ab Überquerung der Echelsbacher Brücke. Der Heimat-Radius muss sich also durch den Umzug nach Berlin eklatant vergrößert haben. Keine Ahnung, wie sowas zugeht. München dann doch wieder nur halbvertraut beim Hindurchfegen über den Mittleren Ring. Mit Muddy Waters über die gänzlich leergefegte A 95: If I don’t go crazy, I will surely lose my mind. Da war die Sonne schon untergegangen und es leuchteten die an mir vorüberjagenden Bäume im letzten Restlicht des Tages in einem ganz geheimnisvollen Grün vor dem Hintergrund der rascher ins Dunkelgraue absinkenden Berge, auf die zu und in die hinein ich dann kurze Zeit später, bei nunmehr völlig hereingebrochener Finsternis, letztlich fuhr. Tankstelle Oberau noch ein Sixpack Augustiner, ab Ettaler Berg dichter Nebel und Nieselregen. 19.30 Uhr daheim. Meine Mutter und ich aßen Weißwürste und dazu meine restlichen Schrippen aus Berlin, da sie die Brezen vergessen hatte.