Der neue Chronotop

Ich konnte gestern mittag die Lektüre von Gumbrechts „Nach 1945: Latenz als Ursprung der Gegenwart“ zunächst nicht beenden, da mir 20 Seiten vor Schluss plötzlich rasende Kopfschmerzen das Lesen völlig verunmöglichten. Ich konnte die Buchstaben buchstäblich nicht mehr sehen und musste das Buch weglegen, die Vorhänge zuziehen und augenblicklich schlafen. Im Traum sah ich dann wieder Buchstaben an mir vorbei ziehen: Chronotop, Chronotop. Die Zeitkonstruktion der Möglichkeit vom Horizont der Gegenwart als Latenz einer Vergangenheit, deren Zukunft sich als sich Entbergendes entbirgt. Der neue Chronotop entbirgt sich. Entbirgt, entbirgt, entbirgt. Und so weiter. So ungefähr. Ich kann hier nur andeuten, wie sich in meinem Traum die Gumbrechtworte sinnlos durcheinanderwürfelten, in endloser Reihung. Kein Wunder, dass ich mit denselben Kopfschmerzen wieder erwachte.

Aber heute konnte ich das Buch dann doch noch fertig lesen. Es ist ein gutes Buch, ich empfehle es jedem. Die zugrundeliegende Intuition Gumbrechts ist, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine irgendwie unheimliche Atmosphäre der Latenz anwesend ist, deren Entbergung, zumindest unbewusst, kollektiv erhofft und erwartet wird, weil erst dadurch ein Strich unter dem Vergangenen gezogen werden könnte, was wiederum die Voraussetzung dafür wäre, dass die Zukunft wieder optimistisch als ein zu gestaltender Möglichkeitsraum begriffen werden könnte. Aber das Latente, so Gumbrecht, entbarg sich bisher nicht, er zeigt das sehr schön und plausibel auf, auch an der eigenen Biographie entlang erzählend, wie gerade die 68er Generation erkennen musste, dass diese Nachkriegslatenz sich nicht in einem von der Vätergeneration Verdrängten und Verschwiegenen erschöpfte. Stattdessen ist nach Gumbrechts These die nach 1945 spürbare Anwesenheit von etwas Latentem – das sich als eigentlicher Gegenstand aufgrund seiner hartnäckigen Nicht-Entbergung logischerweise einer näheren Beschreibung und Untersuchung entzieht – ein globales Phänomen, das sich in schriftlichen und sonstigen Zeugnissen rund um den Erdball nachweisen lässt, egal welche Rolle die entsprechenden Nationen im Zweiten Weltkrieg gespielt haben.

Der etwas längliche Mittelteil des Buches bietet nun die literaturwissenschaftliche Durchführung des Themas. Aus den verschiedenartigsten Werken der Nachkriegszeit destilliert Gumbrecht wiederkehrende literarische Figuren heraus, die er als Folgen bzw. auch als Reaktionen auf den Zustand der Latenz ansieht: Kein Ausgang und kein Eingang / Unwahrhaftigkeit und Befragungen / Entgleisungen und Behälter. Eine zentrale Rolle kommt in diesen Ausführungen Becketts „Warten auf Godot“ zu, in dem das Nicht-Erscheinen Godots zwar einerseits das zentrale Thema des Stücks ist, welches aber andererseits die Protagonisten zum Nicht-Handeln und völligen Stillstand verurteilt. „Gefrorene Zeit“ nennt Gumbrecht das.

Das grandiose letzte Kapitel ist dann eine Art autobiographischer Essay, in dem Gumbrecht aus ganz subjektiver Sicht die zentralen Ereignisse der Nachkriegszeit nochmal Revue passieren lässt und mit den entscheidenden Wegmarken seiner eigenen Biographie verwebt, und an dessen Ende er die Idee vom neuen Chronotopen entwickelt:

Es scheint eine plausible Hypothese zu sein, dass die Latenz der Nachkriegszeit eine erste Furche im reibungslosen Ablauf der „historischen Zeit“ war, eine erste Furche in der „historischen Zeit“ als Chronotop, dessen drei wesentlichen Bedingungen – die Vergangenheit hinter sich zu lassen, eine Gegenwart des reinen Übergangs zu durchlaufen und sich die Zukunft als Möglichkeitshorizont zu erschließen – von früheren Generationen als so selbstverständlich erachtet wurden, dass sie diese spezifische Topologie mit der „Zeit an sich“ beziehungsweise „Geschichte an sich“ verwechselten.      (S. 305)

Im dem sich aus dieser ersten Furche heraus entwickelnden neuen Chronotopen hingegen sei es unmöglich geworden, die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen, gleichzeitig erscheine die Zukunft nicht mehr als Horizont von Möglichkeiten, „sondern als eine Fülle von Bedrohungen, die auf uns zukommen.“

Ungeachtet der oben erwähnten Kopfschmerzen, die mich genau bei dieser Passage befallen hatten, erscheint mir das alles höchst bedenkenswert und anregend. Die Metaphorik mit der Furche und der nicht mehr reibungslos verlaufenden Zeit erinnerte mich direkt an meine hier auch beschriebenen Gefühle, als man vor ein paar Wochen in München eine amerikanische Fliegerbombe fand und zündete, und an meine damalige (und natürlich immer noch gegebene) Unfähigkeit, die eigene Gegenwart in ein einigermaßen klar vorstellbares zeitliches Verhältnis zum Jahr 1944 zu setzen.

Und noch eine andere Erinnerung rief die Gumbrechtlektüre in mir wach, wie ich nämlich vor ein paar Jahren mal auf der Hafnerterrasse auf meinen Vater (Godot) wartete, und derweil das Gespräch zweier Hundebesitzer am Nebentisch belauschte. Die beiden Herren hielten Klage über den Regierungsstil und überhaupt den Mangel an Charakter von Angela Merkel und gingen dann sukzessiv die deutschen Kanzler rückwärts durch: Schröder sei zwar Depp gewesen, habe aber wenigstens klar gesagt, was er denkt. Über Kohl könne man lange reden und vieles sagen, aber dass er unser ganzes Geld im Osten versenkt habe, anstatt mit einem Bruchteil dieses Geldes die Mauer noch um zwei Meter aufzustocken, das sei nun mal unbestritten der ganz große Fehler und Irrtum Kohls gewesen. Schmidt hingegen, der war gut, das habe man ja gerade erst wieder im Fernsehen sehen können, bei Maischberger: der rede Klartext. Zu Brandt fiel ihnen nichts ein und Kiesinger übergingen sie ganz. Aber Erhard, Stichwort Zigarre, Stichwort Wirtschaftswunder: ganz klar Genie. Und Adenauer war halt Adenauer: ohne ihn wäre Deutschland nicht, was es heute ist, Punkt, aus. Mich unauffälligen Lauscher hätte jetzt natürlich brennend noch die Meinung der beiden Experten zum Kanzler Hitler interessiert, aber da kam nichts mehr. In der Nachkriegsfurche blieb die Erzählung hängen, die beiden schwiegen einen etwas zu langen Moment lang, dann fingen sie ein völlig neues Gespräch an, diesmal über Hunde. Und zu mir an den Tisch setzte sich jetzt endlich mein Vater (Godot) und erzählte mir von Beethoven, den Zwangsarbeitern bei Messerschmitt, an denen er auf seinem Schulweg täglich vorbeiradelte, und von seiner glorreichen Aufnahme ins Jungvolk als die Amerikaner schon kurz vor Oberammergau standen. Aber davon ein andermal.

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