Tinker Bell: Ästhetik des Naturschönen

Jetzt also, wie angekündigt, zum Film „Tinker Bell“, den ich kürzlich mit C. zusammen im Fernsehen sah.

Die Handlung: Zu Beginn wird eine Fee geboren, die Feenkönigin schwebt heran, und in einem magischen Verfahren wird die besondere Gabe der Fee ermittelt. Die scheint nun eher handwerklicher Natur zu sein: die Feenkönigin teilt sie in die Gruppe der Tinker-Feen ein und gib ihr den Namen Tinker Bell.

Ich kannte das Wort „tinker“ bisher nicht, es bleibt auch im Film unübersetzt, mein Englisch-Lexikon übersetzt es so: „Kesselflicker, Stümper; (Herum-)Gebastel.“ In der Folge lernen wir mit Tinker Bell zusammen die Feenwelt kennen. Die Feen sind für das Zustandekommen sehr vieler, wenn nicht aller Naturphänomene zuständig. Daher sind sie arbeitsteilig in einer Art Zunftwesen organisiert: die Gartenfeen malen die Blumen und Marienkäfer bunt an, die Lichtfeen sammeln Licht für die Glühwürmchen ein, dann gibt es noch die Wasserfeen, die Windfeen undsoweiter. Wenn der Frühling beginnt, fliegen sie hinüber auf das sogenannte Festland, wo die Menschen wohnen, und setzen ihre den Winter über hergestellten Produkte dort aus, damit die Menschen einen Frühling kriegen. Die Tinkerfeen sind dabei in jeder Hinsicht unterprivilegiert. Während die anderen ihre Naturprodukte herstellen, sind die Tinker dazu verdammt, in unterirdischen Gruben eben tatsächlich Kessel und Geschirr zu flicken.

Tinker Bell wird nun, je mehr sie dieser Ungleichheit im Feenstaat gewahr wird, immer unzufriedener mit ihrer Lage. Sie will auch Naturfee sein, will die Gabe wechseln, wie sie sagt. Das stiftet Verwirrung und Aufregung im Feenreich. Von den Naturfeen wird ihr gesagt, es sei kein Fall bekannt, dass je eine Fee ihre Gabe gewechselt habe. Sie will es aber dennoch unbedingt und dadurch werden Ereignisse angestoßen, die letztlich dazu führen, dass Tinker Bell die gesamten Vorbereitungen für den Frühling vernichtet. Die Chefsekretärin der Feenkönigin steht mit dem Rechenschieber im Trümmerfeld und verkündigt kleinlaut, dass der Frühling dieses Jahr nicht stattfinden könne. Katastrophe perfekt. Da schlägt nun Tinker Bells Stunde, denn nun besinnt sie sich auf ihre eigentliche Fähigkeit und fängt an zu basteln. Nach kurzer Zeit präsentiert sie der Königin eine Maschine, die einen Marienkäfer in zwei Sekunden bemalt, was vorher in Handarbeit 20 Minuten gedauert hatte. Hoffnung keimt auf, Tinker Bell baut noch mehr Maschinen, die Naturfeen führen ihre Bedienungsanweisungen aus, plötzlich ist sie der Chef, alle feuern jetzt mit Farbpistolen auf Blumen und Käfer, das Gesicht der Chefsekretärin hellt sich auf, während sie immer mehr Klötzchen auf ihrem Rechenschieber von unten nach oben verschiebt. Am Ende ist klar: der Frühling kann auch dieses Jahr wieder pünktlich stattfinden. Tinker Bell, die Kesselflickerfee, hat den Frühling gerettet und darf zur Belohnung mit aufs Festland fliegen und ihn den Menschen persönlich überbringen.

Absolut geniale Idee natürlich, die Geschichte der Arbeit, vom frühneuzeitlichen Zunftwesen über das Zeitalter der Maschinenerfinder und der industriellen Revolution bis hin zu Henry Fords Fließband, im Blitztempo noch einmal nachzuerzählen, unter Versetzung des ganzen Szenarios in ein Feenreich, wo das herrliche Endprodukt der ganzen kollektiven Produktionskräfte schlicht Frühling heißt. Die Botschaft des Films ist auch toll in ihrer Dialektik, nämlich einerseits das ganz simple: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Aber dann, in dialektischer Weiterdrehung: Wenn du nämlich bei deinen Leisten bleibst, deiner ursprünglich gegebenen Gabe, durch die deine gesellschaftliche Stellung zementiert ist – genau dann kommst du dazu, etwas Neues, Großartiges zu schaffen und so deine Position in der Gesellschaft zu überwinden, den amerikanischen Traum zu verwirklichen.

Das Drehbuch muss wirklich ein Hegelianer geschrieben haben. Auch die ganze Verdrehung der Natur zu einem Produkt, das durch die Arbeit anthropomorpher Wesen hergestellt wird, spricht für diese These. Ganz zu Beginn seiner Vorlesungen über die Ästhetik sagt Hegel:

[D]ie Kunstschönheit ist die aus dem Geiste geborene und wiedergeborene Schönheit, und um soviel der Geist und seine Produktionen höher steht als die Natur und ihre Erscheinungen, um soviel auch ist das Kunstschöne höher als die Schönheit der Natur. Ja formell betrachtet, ist selbst ein schlechter Einfall, wie er dem Menschen wohl durch den Kopf geht, höher als irgendein Naturprodukt; denn in solchem Einfalle ist immer die Geistigkeit und Freiheit präsent.

Kristallklar zeigt sich hier die grundsätzliche Falschheit der Hegelschen Geistverherrlichung. Denn die Produktionen des Geistes hängen bekanntlich nur zu einem verschwindenden Bruchteil in Museen. Die überwiegende Mehrheit der Einfälle, die den Menschen immer so durch den Kopf gehen, sind eher schlecht, gehen aber nichtsdestotrotz dennoch in Produktion. Zum Zweck der Verdeutlichung nenne ich mit Atombombe und Vernichtungslager nur die absoluten Exzesse der ganz schlechten Ideen und Produktionen des Geistes.

Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: natürlich liegt es mir fern, einem harmlosen Kinderfilm irgendeine Vernichtungsideologie unterzuschieben. Das ist natürlich nicht der Fall und wäre ohnehin absurd, da ja ein Film, anders als ein Philosoph, gar keinem Wahrheitsideal verpflichtet ist. Aber gerade weil ein Film, und zumal ein Film über Feen, alle Freiheit der Erfindung hat, wunderte ich mich über die in Tinker Bell demonstrierte Profanisierung der Natur und ihre Gleichsetzung mit den Produkten der ganz normalen Warenwelt. Und so gab mir der Film lediglich den Anstoß, weiter über die Unterscheidung zwischen dem Kunstschönen und dem Naturschönen nachzudenken und die entsprechenden Passagen bei Kant, Hegel und Adorno noch einmal nachzublättern.

Adorno, zu meiner Freude, kritisiert Hegel auch dafür, das Naturschöne als minderwertig aus dem Bereich der Ästhetik verbannt zu haben, und weist darauf hin, dass noch bei Kant „die durchdringendsten Bestimmungen der Kritik der Urteilskraft“ sich an das Naturschöne „hefteten“. Eine dieser Bestimmungen will ich hier des Längeren zitieren, weil sie ziemlich genau das aus dem Tinker-Bell-Szenario erwachsende Dilemma beschreibt. In §42 der Kritik der Urteilskraft schreibt Kant also:

Der, welcher einsam (und ohne Absicht, seine Bemerkungen andern mitteilen zu wollen) die schöne Gestalt einer wilden Blume, eines Vogels, eines Insekts u.s.w. betrachtet, um sie zu bewundern, zu lieben, und sie nicht gerne in der Natur überhaupt vermissen zu wollen, ob ihm gleich dadurch einiger Schaden geschähe, vielweniger ein Nutzen daraus für ihn hervorleuchtete, nimmt ein unmittelbares und zwar intellektuelles Interesse an der Schönheit der Natur. D.i. nicht allein ihr Produkt der Form nach, sondern auch das Dasein desselben gefällt ihm, ohne daß ein Sinnenreiz daran Anteil hätte, oder er auch irgend einen Zweck damit verbände.

Es ist aber hiebei merkwürdig, daß, wenn man diesen Liebhaber des Schönen insgeheim hintergangen, und künstliche Blumen (die man den natürlichen ganz ähnlich verfertigen kann) in die Erde gesteckt, oder künstlich geschnitzte Vögel auf Zweige von Bäumen gesetzt hätte, und er darauf den Betrug entdeckte, das unmittelbare Interesse, was er vorher daran nahm, alsbald verschwinden […] würde. Daß die Natur jene Schönheit hervorgebracht hat: dieser Gedanke muß die Anschauung und Reflexion begleiten; und auf diesem gründet sich allein das unmittelbare Interesse, was man daran nimmt. […] Dieser Vorzug der Naturschönheit vor der Kunstschönheit, wenn jene gleich durch diese der Form nach sogar übertroffen würde, dennoch allein ein unmittelbares Interesse zu erwecken, stimmt mit der geläuterten und gründlichen Denkungsart aller Menschen überein, die ihr sittliches Gefühl kultiviert haben.

Das beschreibt ziemlich exakt das Gefühl, das mich beim Anschauen von Tinker Bell so irritierend beschlich: Wenn es wahr wäre, dass Blumen und Käfer uns nur deswegen schön erscheinen, weil sie von irgendwelchen Wesen mit Pinseln oder Farbkanonen zum Zwecke des Schön-Erscheinens bunt angemalt wären, dann könnten diese Wesen sich Feen und Zauberwesen nennen, wie sie wollten: es wäre Betrug. Die Tatsache, dass Blumen, Vögel oder Käfer uns schön erscheinen, ohne dass jemand sie schön gemacht hat, scheint die großartige Vernunft der Menschen von jeher überfordert zu haben, so dass man sich wahlweise Götter oder Feen erdachte, die all dies produzieren. Gut, dass es nicht so ist.

Um aber der Kunst jetzt auch noch ihr Recht zukommen zu lassen, füge ich hinzu, wie toll ich es andererseits auch fand, dass ein so gänzlich artifizielles Kunstwerk wie dieser Disneyfilm, bei aller Fragwürdigkeit dann doch wieder so perfekt gemacht ist, dass er mir dennoch auch Freude bereitete, obwohl ich immer wieder beim Ansehen dachte: Ich muss sofort den Adorno und den Kant dagegen rausholen. Als Tinker Bell am Schluss den Frühling rettete, wärmte das, trotz aller theoretischen Einwände, auch mir irgendwie das Herz. Und C. fand es eh einfach nur super super supertoll.

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