Ein Spätsommer Nachts Elb-Traum

Oberon: But we are spirits of another sort

Ich musste kürzlich mein gesamtes vormals für gesichert gehaltenes und nie hinterfragtes Wissen über Feen und Elfen einer vollständigen Revision unterziehen. Feen, so hatte ich ehedem gedacht, sind metaphysische Zauberwesen, die immer in Frauengestalt auftreten und, naja, halt eben zaubern können. Mit Naturphänomenen hatten die Feen meines (nunmehr veralteten) Weltbilds eher nichts zu tun. Elfen hingegen stellte ich mir als in beiderlei Geschlecht vertretene Waldgeister vor, die sich Kleider aus Spinnweben nähen, Tautropfen verteilen und ansonsten auf verträumten Lichtungen im Mondschein tanzen. Leider musste ich jetzt feststellen, dass das alles viel komplizierter ist. Im deutschen Sprachraum gab es nämlich bis ins 18. Jahrhundert hinein neben den Feen nur die Alben, wahlweise als Berg- oder Lichtalben auftretend. Diese alt- und mittelhochdeutschen Alben müssen schon staatenmäßig organisiert gewesen sein, denn sie hatten jedenfalls einen König: Alberich, der im Nibelungenlied als Hüter und Bewacher des Nibelungenschatzes seinen Auftritt hat. Im Englischen wurden derweil mittels diverser Lautverschiebungen aus den Alben die „Elves“, und aus Alberich, über die Zwischenform „Auberon“ schließlich der Elfenkönig Oberon, womit wir schon bei Shakespeare wären. Sagte ich Elfenkönig? „King of the Fairies“ betitelt Sakespeare ihn im Dramatis Personae des Sommernachtstraums und Wieland – der unterschätzte Wieland – übersetzt das in seiner Übertragung „Ein St. Johannis Nachts-Traum“ von 1762 noch mit „König der Feen“. Jetzt ist nur das Dumme, dass bei Shakespeare die Untergebenen des Feenkönigs partiell auch als „Elves“ bezeichnet werden, und die übersetzte Wieland – als Erster, soweit ich sehen kann – mit „Elfen“, und schuf damit ein neues Wort im Deutschen. Wahrscheinlich waren ihm die „Alben“, die sich ja im Wort „Albtraum“ bis heute gehalten haben, zu negativ konnotiert für Shakespeares leichtfüßige Zauberwesen. Es scheint, als ob auf dem Weg vom Mittelalter in die Neuzeit die bösartigen Berg-, Schwarz- oder Nachtalben die Lichtalben völlig aus dem kollektiven Bewusstsein der deutschen Sprache verdrängt hatten, während es den englischen „Elves“ genau umgekehrt ergangen war. So musste Wieland zu dem Anglizismus „Elfe“ greifen, um die Kluft zwischen diesen über Jahrhunderte hinweg auseinandergedrifteten Bedeutungsräumen zu überbrücken. Das neue Wort muss nun im Deutschen schnell Karriere gemacht haben, vermutlich auch aufgrund der Popularität des Sommernachtstraums, denn vierzig Jahre später hebt August Wilhelm Schlegel in seiner fortan kanonischen Übersetzung den Unterschied zwischen „Fairies“ und „Elves“ ganz auf und übersetzt beides durchgehend mit „Elfen“.

Die Geschichte des Wortes ist aber hier auch noch nicht zu Ende, denn Jacob Grimm, der nicht genug zu rühmende Erforscher und Kartograph der deutschen Sprache, störte sich an dem Anglizismus. Er verweigerte der Elfe einen eigenen Eintrag in seinem Deutschen Wörterbuch und erfand stattdessen nochmal ein anderes Wort, den Elb:

ELB, m. genius (mythol. 411) habe ich statt des unhochdeutschen elf hergestellt, welches man, des eignen wortes uneingedenk, ohne überlegung, dem engl. elf nachgebildet hatte; elf klingt in unsrer sprache so, als wollten wir kalf, half anstatt kalb, halb sagen, zu geschweigen, dasz die form elf den zusammenhang mit Elbe und elbisz stört, elfenbein (ebur) aber den schein eines elbischen beins annähme! ableitungen wie zusammensetzungen elbisch, Elbegast, Elbenstein, Elberich, Elblin sind gewähr genug. nur vermag ich den sg. elb nicht ausdrücklich zu belegen, da der mhd. pl. elbe auch von dem sg. alb (1, 200) rühren könnte und die goth. form doch wol albs pl. albeis, ahd. alp pl. alpî, elpî lauten würde; vielleicht dasz sich ein sg. elbi, später elbe erzeugte und zuletzt in elb, wie hirte in hirt gekürzt wurde. solch ein sg. elbe kann denn leicht für schwach genommen und dazu der pl. elben gebildet worden sein, heutige schriftsteller setzen ohne weiteres im sg. elfe, pl. elfen an; Adelung, der neuen wie alten poesie abgeneigt, trägt das wort überhaupt gar nicht ein.

Was für ein wunderschöner Text. Wenn ich so etwas lese, kriege ich sofort Lust, das gesamte Grimmsche Wörterbuch einmal von vorn bis hinten durchzulesen. Natürlich setzten sämtliche Schriftsteller, von Grimms Intervention gänzlich unbeeindruckt, weiterhin und ohne Überlegung die unhochdeutsche „Elfe“ an. Nur ausgerechnet der Engländer Tolkien, der als Philologe seinen Grimm wohl gut gekannt haben muss, bestand bei der Übersetzung des Herrn der Ringe darauf, dass man seine „Elves“ im Deutschen als „Elben“ wiedergeben müsse, und so kamen die von Grimm hergestellten Elben schließlich doch noch zu Weltruhm.

Bleibt nur noch die Frage, was in aller Welt den Anlass gab, dass ich mich in so unnütze und müßige Recherchen stürzte. Schuld daran war der Zeichentrickfilm „Tinker Bell“, den ich am Wochenende mit Clara im Fernsehen sah und der in einer Welt geflügelter Blütenstaubsammler spielt, welche im Film konsequent als Feen bezeichnet werden, worüber ich mich wunderte, da ich mir einbildete, diese Wesen eindeutig als Elfen identifizieren zu können. Zu meiner großen Beruhigung weiß ich jetzt also, dass die Übersetzung der Disney-Fairies als „Feen“ völlig korrekt ist.

(Der Film gab allerdings noch mehr Anlass zur Verwunderung. Darüber nächstens mehr.)

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