Die allerbasicsten Gefühle

Am 2. September las ich auf faz.net einen auf den Vortag datierten Artikel von Volker Weidermann, worin Rainald Goetz’ neuer Roman „Johann Holtrop“ besprochen wird. Ich schrieb dazu noch am selben Abend folgenden Leserkommentar:

Sperrfrist verletzt
Bei der Überreichung des Buches an die Presse, [anzuschauen hier: http://www.suhrkamp.de/mediathek/rainald_goetz_praesentiert_seinen_roman_johann_holtrop_541.html%5D hat Rainald Goetz explizit an die „allerbasicsten Gefühle“ der Journalisten appelliert, bitte keine Kritiken vor Ablauf der Sperrfrist am 8. September zu publizieren. Er sagte weiter: „Mit dem eilig publizierten Text wird doch nur betont, dass er sich nicht auf seine Argumente, die Durchdachtheit seiner Gedanken, sondern primär auf die Interessantheit seiner Neuheit verlassen will. Falsch.“ Dass Herr Weidermann seine Rezension bereits am 1. September veröffentlicht, noch dazu als krachenden Verriss, finde ich unter diesen Umständen schon ziemlich heftig.

Ich wunderte mich dann in der Folge, dass faz.net diesen Kommentar nicht freischaltete, las mir nochmal die Netiquette-Bestimmungen der FAZ durch: Aha, in Leserkommentaren sind keine Links erlaubt, das musste der Grund sein. Ich entfernte den Link und schickte den so modifizierten Kommentar gestern abend noch einmal ab. Wieder erhielt ich einen Automatentext, man danke mir für meinen Diskussionsbeitrag und werde den Kommentar nach kurzer Prüfung bald veröffentlichen. Aber wieder geschah genau dies nicht.

Ich will den Fall jetzt auch gar nicht über Gebühr aufblähen und in apokalyptischer Entrüstung „Zensur! Zensur!“ schreien, aber interessant finde ich den Vorgang schon. Haben sie jetzt plötzlich Angst vor einer 250.000-Euro-Klage, wie vor drei Jahren bei Rowohlt gegen Spiegel, wegen der verfrühten Besprechung von Kehlmanns „Ruhm“? Das wäre doch lächerlich. Bei Suhrkamp werden sie auch ohne meinen popligen Leserkommentar schon Kenntnis von Weidermanns Rezension genommen haben, vermute ich mal. Es wird also höchstwahrscheinlich nichts passieren in der Richtung, und dennoch verstehe ich nicht, warum die FAZ nicht einfach bis zum Ablauf der Sperrfrist gewartet hat mit der Veröffentlichung der Rezension. Und dann noch einen Leserkommentar, der auf diesen Verstoß gegen eine allgemein akzeptierte Konvention hinweist, einfach zu unterschlagen – da fehlt’s doch an den allerbasicsten Gefühlen.

Advertisements

7 Kommentare zu “Die allerbasicsten Gefühle

  1. Den Kommentar nicht freizuschalten, ist unsouverän. Aber wieso, bitteschön, sollte man sich an Sperrfristen halten? Um dem Verlag und dem Autor die Vermarktung ihres Produkts zu erleichtern? Denn nur darum geht es denen doch. Arg verfrühte Rezensionen finde ich auch doof, weil leserunfreundlich (man kann noch nicht in den Laden gehen und selber nachlesen), aber ansonsten gilt: Wenn ich als Journalist von etwas erfahre, dann unterrichte ich meine Leser darüber. Ich mache doch nicht gemeinsame Sache mit einem Verlag und einem Autor … Wenn sich ein Verlag und ein Autor daran stören, können sie das Buch der Presse ja vorstellen, wenn es erschienen ist. Was sie natürlich nicht machen, weil ja zum Erscheinungstag die geballte Marketingmaschine rollen soll.

    • Meines Erachtens ist es einfach eine Frage der Höflichkeit und des Respekts, dem Verlag nicht seine Buchvermarktung zu vermasseln und sich also an die Konvention zu halten. Über ihre Rolle als Marketinginstrument hat aber die Sperrfrist noch einen weiteren Sinn, wie ich finde: denn gäbe es sie nicht, würden die Journalisten bei wichtigen Büchern nur noch die ersten fünf Seiten lesen und dann sofort hektisch zu schreiben beginnen, weil jeder ja unbedingt der erste sein will, dessen Rezension dann die Tonart der Debatte vorgibt. Auch wenn Publikum und Presse das Buch gleichzeitig in die Hände bekämen, käme es zu diesem idiotischen Wettrennen. Deshalb finde ich die Sperrfrist eigentlich eine gute Regelung, um auch die Qualität und Fundiertheit der Besprechungen zu sichern.

      • Das finde ich schwierig: Journalisten sollen bei der Buchvermarktung mitspielen? Wieso? Als Journalist entscheide ich doch nach Maßgabe anderer Gründe, wann ein Artikel sinnvoll ist. Die Wünsche des Verlags interessieren mich im Idealfall nicht (was natürlich eine akdemische Haltung ist, weil ich ja an einem guten Verhältnis zur Verlags-Pressestelle interessiert bin, die mir weiterhin früh Rezensionsexemplare schicken soll und mir Interviews vermitteln). Unabhängig davon: Ich bezweifle es sehr, dass Sperrfristen zu gründlicherem Lesen führen. Das Zeit-Budget für die Lektüre bleibt doch gleich, egal ob ich nun 300 Titel des Herbstprogramms vorab im August zugeschickt bekomme oder kleckerweise zum Erscheinungstermin im Laufe des Herbstes. Im konkreten Fall gilt zudem, dass die FAS nun mal eine Wochenzeitung ist, geschrieben auch mit Blick auf die kommende Woche: Wenn das Buch am 8. September erhältlich ist, erscheint die Besprechung eben in der Ausgabe vom 2. September. Und nicht einen Tag nach den Samstags-Tageszeitungen am 9. September.

      • Bin da anderer Ansicht: Erstens halte ich es für die primäre Aufgabe einer Wochenzeitung, die Ereignisse der vergangenen Woche zusammenzufassen. Zweitens ist das ja genau die von mir angeprangerte Hektik, wenn der Schreiber fürchtet, am 9. könnte seine Rezension eines Buches, das am 8. erschienen ist, schon wieder ein alter Hut sein. So schnell veralten vielleicht Nachrichten aus der Tagespolitik, aber doch nicht Berichte über Bücher. Und drittens zeigt ja die Nichtveröffentlichung meines Leserkommentars, dass sie sich bei der FAZ auch nicht ganz wohl in ihrer Haut fühlen mit der Verletzung der Sperrfrist. Sonst hätten sie den Kommentar ja freischalten können und öffentlich darauf reagieren können, z.B. mit dem Wochenzeitungsargument oder wie auch immer. Dass dies nicht passiert ist, kann ich nur so interpretieren, dass man bei der FAZ die Argumente für eine Fristverletzung selbst zu schwach findet, weshalb man es vorzog, die Debatte von vornherein gar nicht aufkommen zu lassen.

  2. Nun ja, der Forumsmanager bei faz.net wird ein Praktikant sein oder ein schlecht bezahlter Online-Redakteur, der den ganzen Tag lang hunderte Forumsbeiträge aller Ressorts sichtet. Da wird kein Kultur-Spezialist sitzen, der sich Argumente für Fristverletzungen überlegt – und die Feuilleton-Redaktion selbst oder gar Volker Weidermann wird schon gar nichts von Deinem Beitrag erfahren. Der ist jemandem ohne besondere Sachkenntnis zu heiß, weil FAZ-kritisch, und dann geht er eben nicht online. Das ist unsouverän, mehr aber auch nicht.

    Unabhängig davon: Verlage schreiben in alle ihre Bücher Sperrfristen rein, aber es ist üblich und wird von Ausnahmefällen abgesehen absolut toleriert, dass Wochen- und Monatstitel die Besprechung in der letzten Ausgabe vor der Sperrfrist bringen. Bei strittigen Fällen, also zum Beispiel bei sehr viele Tage in die Ferne liegendem Erscheinungsdatum, ruft man eben die Pressestelle noch mal an und erklärt denen die Gründe für eine verfrühte Besprechung. In der Regel ist das kein Problem – außer vielleicht bei Büchern prominenter Autoren mit Bestseller-Potential. Womit wir wieder beim Marketing wären.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s