Der neue Chronotop

Ich konnte gestern mittag die Lektüre von Gumbrechts „Nach 1945: Latenz als Ursprung der Gegenwart“ zunächst nicht beenden, da mir 20 Seiten vor Schluss plötzlich rasende Kopfschmerzen das Lesen völlig verunmöglichten. Ich konnte die Buchstaben buchstäblich nicht mehr sehen und musste das Buch weglegen, die Vorhänge zuziehen und augenblicklich schlafen. Im Traum sah ich dann wieder Buchstaben an mir vorbei ziehen: Chronotop, Chronotop. Die Zeitkonstruktion der Möglichkeit vom Horizont der Gegenwart als Latenz einer Vergangenheit, deren Zukunft sich als sich Entbergendes entbirgt. Der neue Chronotop entbirgt sich. Entbirgt, entbirgt, entbirgt. Und so weiter. So ungefähr. Ich kann hier nur andeuten, wie sich in meinem Traum die Gumbrechtworte sinnlos durcheinanderwürfelten, in endloser Reihung. Kein Wunder, dass ich mit denselben Kopfschmerzen wieder erwachte.

Aber heute konnte ich das Buch dann doch noch fertig lesen. Es ist ein gutes Buch, ich empfehle es jedem. Die zugrundeliegende Intuition Gumbrechts ist, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine irgendwie unheimliche Atmosphäre der Latenz anwesend ist, deren Entbergung, zumindest unbewusst, kollektiv erhofft und erwartet wird, weil erst dadurch ein Strich unter dem Vergangenen gezogen werden könnte, was wiederum die Voraussetzung dafür wäre, dass die Zukunft wieder optimistisch als ein zu gestaltender Möglichkeitsraum begriffen werden könnte. Aber das Latente, so Gumbrecht, entbarg sich bisher nicht, er zeigt das sehr schön und plausibel auf, auch an der eigenen Biographie entlang erzählend, wie gerade die 68er Generation erkennen musste, dass diese Nachkriegslatenz sich nicht in einem von der Vätergeneration Verdrängten und Verschwiegenen erschöpfte. Stattdessen ist nach Gumbrechts These die nach 1945 spürbare Anwesenheit von etwas Latentem – das sich als eigentlicher Gegenstand aufgrund seiner hartnäckigen Nicht-Entbergung logischerweise einer näheren Beschreibung und Untersuchung entzieht – ein globales Phänomen, das sich in schriftlichen und sonstigen Zeugnissen rund um den Erdball nachweisen lässt, egal welche Rolle die entsprechenden Nationen im Zweiten Weltkrieg gespielt haben.

Der etwas längliche Mittelteil des Buches bietet nun die literaturwissenschaftliche Durchführung des Themas. Aus den verschiedenartigsten Werken der Nachkriegszeit destilliert Gumbrecht wiederkehrende literarische Figuren heraus, die er als Folgen bzw. auch als Reaktionen auf den Zustand der Latenz ansieht: Kein Ausgang und kein Eingang / Unwahrhaftigkeit und Befragungen / Entgleisungen und Behälter. Eine zentrale Rolle kommt in diesen Ausführungen Becketts „Warten auf Godot“ zu, in dem das Nicht-Erscheinen Godots zwar einerseits das zentrale Thema des Stücks ist, welches aber andererseits die Protagonisten zum Nicht-Handeln und völligen Stillstand verurteilt. „Gefrorene Zeit“ nennt Gumbrecht das.

Das grandiose letzte Kapitel ist dann eine Art autobiographischer Essay, in dem Gumbrecht aus ganz subjektiver Sicht die zentralen Ereignisse der Nachkriegszeit nochmal Revue passieren lässt und mit den entscheidenden Wegmarken seiner eigenen Biographie verwebt, und an dessen Ende er die Idee vom neuen Chronotopen entwickelt:

Es scheint eine plausible Hypothese zu sein, dass die Latenz der Nachkriegszeit eine erste Furche im reibungslosen Ablauf der „historischen Zeit“ war, eine erste Furche in der „historischen Zeit“ als Chronotop, dessen drei wesentlichen Bedingungen – die Vergangenheit hinter sich zu lassen, eine Gegenwart des reinen Übergangs zu durchlaufen und sich die Zukunft als Möglichkeitshorizont zu erschließen – von früheren Generationen als so selbstverständlich erachtet wurden, dass sie diese spezifische Topologie mit der „Zeit an sich“ beziehungsweise „Geschichte an sich“ verwechselten.      (S. 305)

Im dem sich aus dieser ersten Furche heraus entwickelnden neuen Chronotopen hingegen sei es unmöglich geworden, die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen, gleichzeitig erscheine die Zukunft nicht mehr als Horizont von Möglichkeiten, „sondern als eine Fülle von Bedrohungen, die auf uns zukommen.“

Ungeachtet der oben erwähnten Kopfschmerzen, die mich genau bei dieser Passage befallen hatten, erscheint mir das alles höchst bedenkenswert und anregend. Die Metaphorik mit der Furche und der nicht mehr reibungslos verlaufenden Zeit erinnerte mich direkt an meine hier auch beschriebenen Gefühle, als man vor ein paar Wochen in München eine amerikanische Fliegerbombe fand und zündete, und an meine damalige (und natürlich immer noch gegebene) Unfähigkeit, die eigene Gegenwart in ein einigermaßen klar vorstellbares zeitliches Verhältnis zum Jahr 1944 zu setzen.

Und noch eine andere Erinnerung rief die Gumbrechtlektüre in mir wach, wie ich nämlich vor ein paar Jahren mal auf der Hafnerterrasse auf meinen Vater (Godot) wartete, und derweil das Gespräch zweier Hundebesitzer am Nebentisch belauschte. Die beiden Herren hielten Klage über den Regierungsstil und überhaupt den Mangel an Charakter von Angela Merkel und gingen dann sukzessiv die deutschen Kanzler rückwärts durch: Schröder sei zwar Depp gewesen, habe aber wenigstens klar gesagt, was er denkt. Über Kohl könne man lange reden und vieles sagen, aber dass er unser ganzes Geld im Osten versenkt habe, anstatt mit einem Bruchteil dieses Geldes die Mauer noch um zwei Meter aufzustocken, das sei nun mal unbestritten der ganz große Fehler und Irrtum Kohls gewesen. Schmidt hingegen, der war gut, das habe man ja gerade erst wieder im Fernsehen sehen können, bei Maischberger: der rede Klartext. Zu Brandt fiel ihnen nichts ein und Kiesinger übergingen sie ganz. Aber Erhard, Stichwort Zigarre, Stichwort Wirtschaftswunder: ganz klar Genie. Und Adenauer war halt Adenauer: ohne ihn wäre Deutschland nicht, was es heute ist, Punkt, aus. Mich unauffälligen Lauscher hätte jetzt natürlich brennend noch die Meinung der beiden Experten zum Kanzler Hitler interessiert, aber da kam nichts mehr. In der Nachkriegsfurche blieb die Erzählung hängen, die beiden schwiegen einen etwas zu langen Moment lang, dann fingen sie ein völlig neues Gespräch an, diesmal über Hunde. Und zu mir an den Tisch setzte sich jetzt endlich mein Vater (Godot) und erzählte mir von Beethoven, den Zwangsarbeitern bei Messerschmitt, an denen er auf seinem Schulweg täglich vorbeiradelte, und von seiner glorreichen Aufnahme ins Jungvolk als die Amerikaner schon kurz vor Oberammergau standen. Aber davon ein andermal.

Tinker Bell: Ästhetik des Naturschönen

Jetzt also, wie angekündigt, zum Film „Tinker Bell“, den ich kürzlich mit C. zusammen im Fernsehen sah.

Die Handlung: Zu Beginn wird eine Fee geboren, die Feenkönigin schwebt heran, und in einem magischen Verfahren wird die besondere Gabe der Fee ermittelt. Die scheint nun eher handwerklicher Natur zu sein: die Feenkönigin teilt sie in die Gruppe der Tinker-Feen ein und gib ihr den Namen Tinker Bell.

Ich kannte das Wort „tinker“ bisher nicht, es bleibt auch im Film unübersetzt, mein Englisch-Lexikon übersetzt es so: „Kesselflicker, Stümper; (Herum-)Gebastel.“ In der Folge lernen wir mit Tinker Bell zusammen die Feenwelt kennen. Die Feen sind für das Zustandekommen sehr vieler, wenn nicht aller Naturphänomene zuständig. Daher sind sie arbeitsteilig in einer Art Zunftwesen organisiert: die Gartenfeen malen die Blumen und Marienkäfer bunt an, die Lichtfeen sammeln Licht für die Glühwürmchen ein, dann gibt es noch die Wasserfeen, die Windfeen undsoweiter. Wenn der Frühling beginnt, fliegen sie hinüber auf das sogenannte Festland, wo die Menschen wohnen, und setzen ihre den Winter über hergestellten Produkte dort aus, damit die Menschen einen Frühling kriegen. Die Tinkerfeen sind dabei in jeder Hinsicht unterprivilegiert. Während die anderen ihre Naturprodukte herstellen, sind die Tinker dazu verdammt, in unterirdischen Gruben eben tatsächlich Kessel und Geschirr zu flicken.

Tinker Bell wird nun, je mehr sie dieser Ungleichheit im Feenstaat gewahr wird, immer unzufriedener mit ihrer Lage. Sie will auch Naturfee sein, will die Gabe wechseln, wie sie sagt. Das stiftet Verwirrung und Aufregung im Feenreich. Von den Naturfeen wird ihr gesagt, es sei kein Fall bekannt, dass je eine Fee ihre Gabe gewechselt habe. Sie will es aber dennoch unbedingt und dadurch werden Ereignisse angestoßen, die letztlich dazu führen, dass Tinker Bell die gesamten Vorbereitungen für den Frühling vernichtet. Die Chefsekretärin der Feenkönigin steht mit dem Rechenschieber im Trümmerfeld und verkündigt kleinlaut, dass der Frühling dieses Jahr nicht stattfinden könne. Katastrophe perfekt. Da schlägt nun Tinker Bells Stunde, denn nun besinnt sie sich auf ihre eigentliche Fähigkeit und fängt an zu basteln. Nach kurzer Zeit präsentiert sie der Königin eine Maschine, die einen Marienkäfer in zwei Sekunden bemalt, was vorher in Handarbeit 20 Minuten gedauert hatte. Hoffnung keimt auf, Tinker Bell baut noch mehr Maschinen, die Naturfeen führen ihre Bedienungsanweisungen aus, plötzlich ist sie der Chef, alle feuern jetzt mit Farbpistolen auf Blumen und Käfer, das Gesicht der Chefsekretärin hellt sich auf, während sie immer mehr Klötzchen auf ihrem Rechenschieber von unten nach oben verschiebt. Am Ende ist klar: der Frühling kann auch dieses Jahr wieder pünktlich stattfinden. Tinker Bell, die Kesselflickerfee, hat den Frühling gerettet und darf zur Belohnung mit aufs Festland fliegen und ihn den Menschen persönlich überbringen.

Absolut geniale Idee natürlich, die Geschichte der Arbeit, vom frühneuzeitlichen Zunftwesen über das Zeitalter der Maschinenerfinder und der industriellen Revolution bis hin zu Henry Fords Fließband, im Blitztempo noch einmal nachzuerzählen, unter Versetzung des ganzen Szenarios in ein Feenreich, wo das herrliche Endprodukt der ganzen kollektiven Produktionskräfte schlicht Frühling heißt. Die Botschaft des Films ist auch toll in ihrer Dialektik, nämlich einerseits das ganz simple: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Aber dann, in dialektischer Weiterdrehung: Wenn du nämlich bei deinen Leisten bleibst, deiner ursprünglich gegebenen Gabe, durch die deine gesellschaftliche Stellung zementiert ist – genau dann kommst du dazu, etwas Neues, Großartiges zu schaffen und so deine Position in der Gesellschaft zu überwinden, den amerikanischen Traum zu verwirklichen.

Das Drehbuch muss wirklich ein Hegelianer geschrieben haben. Auch die ganze Verdrehung der Natur zu einem Produkt, das durch die Arbeit anthropomorpher Wesen hergestellt wird, spricht für diese These. Ganz zu Beginn seiner Vorlesungen über die Ästhetik sagt Hegel:

[D]ie Kunstschönheit ist die aus dem Geiste geborene und wiedergeborene Schönheit, und um soviel der Geist und seine Produktionen höher steht als die Natur und ihre Erscheinungen, um soviel auch ist das Kunstschöne höher als die Schönheit der Natur. Ja formell betrachtet, ist selbst ein schlechter Einfall, wie er dem Menschen wohl durch den Kopf geht, höher als irgendein Naturprodukt; denn in solchem Einfalle ist immer die Geistigkeit und Freiheit präsent.

Kristallklar zeigt sich hier die grundsätzliche Falschheit der Hegelschen Geistverherrlichung. Denn die Produktionen des Geistes hängen bekanntlich nur zu einem verschwindenden Bruchteil in Museen. Die überwiegende Mehrheit der Einfälle, die den Menschen immer so durch den Kopf gehen, sind eher schlecht, gehen aber nichtsdestotrotz dennoch in Produktion. Zum Zweck der Verdeutlichung nenne ich mit Atombombe und Vernichtungslager nur die absoluten Exzesse der ganz schlechten Ideen und Produktionen des Geistes.

Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: natürlich liegt es mir fern, einem harmlosen Kinderfilm irgendeine Vernichtungsideologie unterzuschieben. Das ist natürlich nicht der Fall und wäre ohnehin absurd, da ja ein Film, anders als ein Philosoph, gar keinem Wahrheitsideal verpflichtet ist. Aber gerade weil ein Film, und zumal ein Film über Feen, alle Freiheit der Erfindung hat, wunderte ich mich über die in Tinker Bell demonstrierte Profanisierung der Natur und ihre Gleichsetzung mit den Produkten der ganz normalen Warenwelt. Und so gab mir der Film lediglich den Anstoß, weiter über die Unterscheidung zwischen dem Kunstschönen und dem Naturschönen nachzudenken und die entsprechenden Passagen bei Kant, Hegel und Adorno noch einmal nachzublättern.

Adorno, zu meiner Freude, kritisiert Hegel auch dafür, das Naturschöne als minderwertig aus dem Bereich der Ästhetik verbannt zu haben, und weist darauf hin, dass noch bei Kant „die durchdringendsten Bestimmungen der Kritik der Urteilskraft“ sich an das Naturschöne „hefteten“. Eine dieser Bestimmungen will ich hier des Längeren zitieren, weil sie ziemlich genau das aus dem Tinker-Bell-Szenario erwachsende Dilemma beschreibt. In §42 der Kritik der Urteilskraft schreibt Kant also:

Der, welcher einsam (und ohne Absicht, seine Bemerkungen andern mitteilen zu wollen) die schöne Gestalt einer wilden Blume, eines Vogels, eines Insekts u.s.w. betrachtet, um sie zu bewundern, zu lieben, und sie nicht gerne in der Natur überhaupt vermissen zu wollen, ob ihm gleich dadurch einiger Schaden geschähe, vielweniger ein Nutzen daraus für ihn hervorleuchtete, nimmt ein unmittelbares und zwar intellektuelles Interesse an der Schönheit der Natur. D.i. nicht allein ihr Produkt der Form nach, sondern auch das Dasein desselben gefällt ihm, ohne daß ein Sinnenreiz daran Anteil hätte, oder er auch irgend einen Zweck damit verbände.

Es ist aber hiebei merkwürdig, daß, wenn man diesen Liebhaber des Schönen insgeheim hintergangen, und künstliche Blumen (die man den natürlichen ganz ähnlich verfertigen kann) in die Erde gesteckt, oder künstlich geschnitzte Vögel auf Zweige von Bäumen gesetzt hätte, und er darauf den Betrug entdeckte, das unmittelbare Interesse, was er vorher daran nahm, alsbald verschwinden […] würde. Daß die Natur jene Schönheit hervorgebracht hat: dieser Gedanke muß die Anschauung und Reflexion begleiten; und auf diesem gründet sich allein das unmittelbare Interesse, was man daran nimmt. […] Dieser Vorzug der Naturschönheit vor der Kunstschönheit, wenn jene gleich durch diese der Form nach sogar übertroffen würde, dennoch allein ein unmittelbares Interesse zu erwecken, stimmt mit der geläuterten und gründlichen Denkungsart aller Menschen überein, die ihr sittliches Gefühl kultiviert haben.

Das beschreibt ziemlich exakt das Gefühl, das mich beim Anschauen von Tinker Bell so irritierend beschlich: Wenn es wahr wäre, dass Blumen und Käfer uns nur deswegen schön erscheinen, weil sie von irgendwelchen Wesen mit Pinseln oder Farbkanonen zum Zwecke des Schön-Erscheinens bunt angemalt wären, dann könnten diese Wesen sich Feen und Zauberwesen nennen, wie sie wollten: es wäre Betrug. Die Tatsache, dass Blumen, Vögel oder Käfer uns schön erscheinen, ohne dass jemand sie schön gemacht hat, scheint die großartige Vernunft der Menschen von jeher überfordert zu haben, so dass man sich wahlweise Götter oder Feen erdachte, die all dies produzieren. Gut, dass es nicht so ist.

Um aber der Kunst jetzt auch noch ihr Recht zukommen zu lassen, füge ich hinzu, wie toll ich es andererseits auch fand, dass ein so gänzlich artifizielles Kunstwerk wie dieser Disneyfilm, bei aller Fragwürdigkeit dann doch wieder so perfekt gemacht ist, dass er mir dennoch auch Freude bereitete, obwohl ich immer wieder beim Ansehen dachte: Ich muss sofort den Adorno und den Kant dagegen rausholen. Als Tinker Bell am Schluss den Frühling rettete, wärmte das, trotz aller theoretischen Einwände, auch mir irgendwie das Herz. Und C. fand es eh einfach nur super super supertoll.

Ein Spätsommer Nachts Elb-Traum

Oberon: But we are spirits of another sort

Ich musste kürzlich mein gesamtes vormals für gesichert gehaltenes und nie hinterfragtes Wissen über Feen und Elfen einer vollständigen Revision unterziehen. Feen, so hatte ich ehedem gedacht, sind metaphysische Zauberwesen, die immer in Frauengestalt auftreten und, naja, halt eben zaubern können. Mit Naturphänomenen hatten die Feen meines (nunmehr veralteten) Weltbilds eher nichts zu tun. Elfen hingegen stellte ich mir als in beiderlei Geschlecht vertretene Waldgeister vor, die sich Kleider aus Spinnweben nähen, Tautropfen verteilen und ansonsten auf verträumten Lichtungen im Mondschein tanzen. Leider musste ich jetzt feststellen, dass das alles viel komplizierter ist. Im deutschen Sprachraum gab es nämlich bis ins 18. Jahrhundert hinein neben den Feen nur die Alben, wahlweise als Berg- oder Lichtalben auftretend. Diese alt- und mittelhochdeutschen Alben müssen schon staatenmäßig organisiert gewesen sein, denn sie hatten jedenfalls einen König: Alberich, der im Nibelungenlied als Hüter und Bewacher des Nibelungenschatzes seinen Auftritt hat. Im Englischen wurden derweil mittels diverser Lautverschiebungen aus den Alben die „Elves“, und aus Alberich, über die Zwischenform „Auberon“ schließlich der Elfenkönig Oberon, womit wir schon bei Shakespeare wären. Sagte ich Elfenkönig? „King of the Fairies“ betitelt Sakespeare ihn im Dramatis Personae des Sommernachtstraums und Wieland – der unterschätzte Wieland – übersetzt das in seiner Übertragung „Ein St. Johannis Nachts-Traum“ von 1762 noch mit „König der Feen“. Jetzt ist nur das Dumme, dass bei Shakespeare die Untergebenen des Feenkönigs partiell auch als „Elves“ bezeichnet werden, und die übersetzte Wieland – als Erster, soweit ich sehen kann – mit „Elfen“, und schuf damit ein neues Wort im Deutschen. Wahrscheinlich waren ihm die „Alben“, die sich ja im Wort „Albtraum“ bis heute gehalten haben, zu negativ konnotiert für Shakespeares leichtfüßige Zauberwesen. Es scheint, als ob auf dem Weg vom Mittelalter in die Neuzeit die bösartigen Berg-, Schwarz- oder Nachtalben die Lichtalben völlig aus dem kollektiven Bewusstsein der deutschen Sprache verdrängt hatten, während es den englischen „Elves“ genau umgekehrt ergangen war. So musste Wieland zu dem Anglizismus „Elfe“ greifen, um die Kluft zwischen diesen über Jahrhunderte hinweg auseinandergedrifteten Bedeutungsräumen zu überbrücken. Das neue Wort muss nun im Deutschen schnell Karriere gemacht haben, vermutlich auch aufgrund der Popularität des Sommernachtstraums, denn vierzig Jahre später hebt August Wilhelm Schlegel in seiner fortan kanonischen Übersetzung den Unterschied zwischen „Fairies“ und „Elves“ ganz auf und übersetzt beides durchgehend mit „Elfen“.

Die Geschichte des Wortes ist aber hier auch noch nicht zu Ende, denn Jacob Grimm, der nicht genug zu rühmende Erforscher und Kartograph der deutschen Sprache, störte sich an dem Anglizismus. Er verweigerte der Elfe einen eigenen Eintrag in seinem Deutschen Wörterbuch und erfand stattdessen nochmal ein anderes Wort, den Elb:

ELB, m. genius (mythol. 411) habe ich statt des unhochdeutschen elf hergestellt, welches man, des eignen wortes uneingedenk, ohne überlegung, dem engl. elf nachgebildet hatte; elf klingt in unsrer sprache so, als wollten wir kalf, half anstatt kalb, halb sagen, zu geschweigen, dasz die form elf den zusammenhang mit Elbe und elbisz stört, elfenbein (ebur) aber den schein eines elbischen beins annähme! ableitungen wie zusammensetzungen elbisch, Elbegast, Elbenstein, Elberich, Elblin sind gewähr genug. nur vermag ich den sg. elb nicht ausdrücklich zu belegen, da der mhd. pl. elbe auch von dem sg. alb (1, 200) rühren könnte und die goth. form doch wol albs pl. albeis, ahd. alp pl. alpî, elpî lauten würde; vielleicht dasz sich ein sg. elbi, später elbe erzeugte und zuletzt in elb, wie hirte in hirt gekürzt wurde. solch ein sg. elbe kann denn leicht für schwach genommen und dazu der pl. elben gebildet worden sein, heutige schriftsteller setzen ohne weiteres im sg. elfe, pl. elfen an; Adelung, der neuen wie alten poesie abgeneigt, trägt das wort überhaupt gar nicht ein.

Was für ein wunderschöner Text. Wenn ich so etwas lese, kriege ich sofort Lust, das gesamte Grimmsche Wörterbuch einmal von vorn bis hinten durchzulesen. Natürlich setzten sämtliche Schriftsteller, von Grimms Intervention gänzlich unbeeindruckt, weiterhin und ohne Überlegung die unhochdeutsche „Elfe“ an. Nur ausgerechnet der Engländer Tolkien, der als Philologe seinen Grimm wohl gut gekannt haben muss, bestand bei der Übersetzung des Herrn der Ringe darauf, dass man seine „Elves“ im Deutschen als „Elben“ wiedergeben müsse, und so kamen die von Grimm hergestellten Elben schließlich doch noch zu Weltruhm.

Bleibt nur noch die Frage, was in aller Welt den Anlass gab, dass ich mich in so unnütze und müßige Recherchen stürzte. Schuld daran war der Zeichentrickfilm „Tinker Bell“, den ich am Wochenende mit Clara im Fernsehen sah und der in einer Welt geflügelter Blütenstaubsammler spielt, welche im Film konsequent als Feen bezeichnet werden, worüber ich mich wunderte, da ich mir einbildete, diese Wesen eindeutig als Elfen identifizieren zu können. Zu meiner großen Beruhigung weiß ich jetzt also, dass die Übersetzung der Disney-Fairies als „Feen“ völlig korrekt ist.

(Der Film gab allerdings noch mehr Anlass zur Verwunderung. Darüber nächstens mehr.)

Die allerbasicsten Gefühle

Am 2. September las ich auf faz.net einen auf den Vortag datierten Artikel von Volker Weidermann, worin Rainald Goetz’ neuer Roman „Johann Holtrop“ besprochen wird. Ich schrieb dazu noch am selben Abend folgenden Leserkommentar:

Sperrfrist verletzt
Bei der Überreichung des Buches an die Presse, [anzuschauen hier: http://www.suhrkamp.de/mediathek/rainald_goetz_praesentiert_seinen_roman_johann_holtrop_541.html%5D hat Rainald Goetz explizit an die „allerbasicsten Gefühle“ der Journalisten appelliert, bitte keine Kritiken vor Ablauf der Sperrfrist am 8. September zu publizieren. Er sagte weiter: „Mit dem eilig publizierten Text wird doch nur betont, dass er sich nicht auf seine Argumente, die Durchdachtheit seiner Gedanken, sondern primär auf die Interessantheit seiner Neuheit verlassen will. Falsch.“ Dass Herr Weidermann seine Rezension bereits am 1. September veröffentlicht, noch dazu als krachenden Verriss, finde ich unter diesen Umständen schon ziemlich heftig.

Ich wunderte mich dann in der Folge, dass faz.net diesen Kommentar nicht freischaltete, las mir nochmal die Netiquette-Bestimmungen der FAZ durch: Aha, in Leserkommentaren sind keine Links erlaubt, das musste der Grund sein. Ich entfernte den Link und schickte den so modifizierten Kommentar gestern abend noch einmal ab. Wieder erhielt ich einen Automatentext, man danke mir für meinen Diskussionsbeitrag und werde den Kommentar nach kurzer Prüfung bald veröffentlichen. Aber wieder geschah genau dies nicht.

Ich will den Fall jetzt auch gar nicht über Gebühr aufblähen und in apokalyptischer Entrüstung „Zensur! Zensur!“ schreien, aber interessant finde ich den Vorgang schon. Haben sie jetzt plötzlich Angst vor einer 250.000-Euro-Klage, wie vor drei Jahren bei Rowohlt gegen Spiegel, wegen der verfrühten Besprechung von Kehlmanns „Ruhm“? Das wäre doch lächerlich. Bei Suhrkamp werden sie auch ohne meinen popligen Leserkommentar schon Kenntnis von Weidermanns Rezension genommen haben, vermute ich mal. Es wird also höchstwahrscheinlich nichts passieren in der Richtung, und dennoch verstehe ich nicht, warum die FAZ nicht einfach bis zum Ablauf der Sperrfrist gewartet hat mit der Veröffentlichung der Rezension. Und dann noch einen Leserkommentar, der auf diesen Verstoß gegen eine allgemein akzeptierte Konvention hinweist, einfach zu unterschlagen – da fehlt’s doch an den allerbasicsten Gefühlen.