Beinahe unseriös

Gestern las ich im Blog von Schlinkert, er habe bei der Bloggerin Torik den herrlichen Satz entdeckt: „Bloggen ist beinahe ein Zeichen unseriöser Literatur.“ Das habe ich mir dann kurz genauer angeschaut. Torik schildert da ein Treffen mit Redakteuren von Lettre International, die irgendwie nur gelangweilt die Nasen rümpfen als die Rede kurz auf ihr Blog kommt und sie hat nun scheinbar so ein Offenbarungserlebnis und versteht plötzlich, warum das Bloggen im Literaturkreis verpönt ist: Von den hunderten Lesern ihres Blogs hätten nämlich nicht einmal zehn ihr Buch gekauft, das sie offenbar kürzlich veröffentlicht hat. Sie zieht daraus den Schluss: „Mit dem Blog hier werde ich nichts erreichen. Vor allem keine Leser.“ Diese Nutzlosigkeit der Blogs sei auch, wie sie jetzt endlich verstehe, der Grund dafür, weshalb keiner der Nominierten für den Deutschen Buchpreis ein Blog betreibe. Das alles ist hochinteressant, denn als echter Leser wird hier offenbar nur ein Leser des gedruckten Buches verstanden, die Blogleser gelten als nicht erreicht. Das Blog wird letztlich nur als Marketinginstrument verstanden, wie literarisch es sich an der Oberfläche auch immer geben mag. Das kann man ja machen, ich kritisiere das gar nicht. Aber auch ohne Marketing studiert zu haben, ahne ich, dass ein großes Lamento über schlechte Verkaufszahlen die katastrophalste Werbung überhaupt ist. Finger weg vom Ladenhüter, die andern werden schon wissen, warum sie das nicht kaufen – das dürfte so ungefähr der Effekt davon sein.

Das Gerede vom Erreichen der Leser ist dabei sowieso schon immer ein Schmarrn, egal ob Blogs oder Bücher betreffend, denn das Lesen findet im Geheimen statt, in der Privatvereinzelung, das ist das Besondere daran, im Gegensatz zu Kollektiverlebnissen wie Theater oder Konzert. Daher kann eben keine Maschine abzählen, wieviele Leute einen Blogtext oder ein Buch wirklich gelesen haben. Gezählt werden Klicks oder Kaufakte, nicht aber Akte des Lesens. Wenn ich den Blick kurz über die hier herumstehenden Bücherstapel gleiten lasse, wird mir sofort schmerzlich bewusst, dass ich viel zu viel Geld für Bücher rauswerfe, die ich dann gar nicht lese.

Aber den eigentlichen Witz an dem ganzen Toriktext habe ich gerade jetzt erst entdeckt, als ich zur Sicherheit doch noch mal kurz die Longlist des Deutschen Buchpreises anschaute und da also auf den ersten Blick sah, dass auf dieser Liste mit Rainald Goetz und Wolfgang Herrndorf die beiden Großmeister des Bloggens schlechthin versammelt sind. Die andern 18 Nominierten habe ich jetzt nicht noch einzeln durchgecheckt, aber bestimmt haben die auch alle Blogs, total gute wahrscheinlich, mit richtig guten Texten und Themen und ganz ohne Gejammer über zuwenig verkaufte Bücher.

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4 Kommentare zu “Beinahe unseriös

  1. Im Eigentorschießen ist die Torik tatsächlich eine Meisterin, nicht nur in der Blogosphäre, sondern auch, einige wissen darum, im richtigen Leben. Sie will wohl immer den Finger drauf, sie will Kontrolle haben, vielleicht weil sie nicht verstehen kann, daß Texte allein gelassen werden müssen, ganz gleich, wo und wie sie erscheinen. Immerhin hat sie mit ihrem Blog erreicht, daß ihr erster Roman nun erschienen ist und ihr zweiter wohl nächstes Jahr auf den Markt kommt – der Blogleser hat also seine Schuldigkeit getan, der Blogleser kann gehen.

    • Und der Blogleser, der im Blog lesen kann, dass auf ihn eh geschissen ist, geht dann natürlich auch – selbstverständlich ohne den dazugehörigen Roman gekauft zu haben. Dumm. Ich hingegen freue mich über die unerwartet vielen Leser – korrigiere: Klicks – für meinen Text, den ich hiermit allein lasse.

  2. Wer will schon „seriös“ sein? (Aber es ist schön, dieses Wort mal wieder zu lesen, das spontan die Erinnerung an jene alten Herren mit Hut und Klopapierrolle auf der Ablage weckt, die in ihren beigen Mercedes so lange brauchten, um an der Ampel loszufahren. Auch die hatte ich beinahe vergessen.)

    • Ja, ein seltsam altmodisches Wort. Wobei ich altmodische Wörter ja mag, und auf Handyanbieter oder Versicherungsvertreter mögen die Kategorien „seriös“ versus „unseriös“ vielleicht sogar sinnvoll anwendbar sein. Aber auf Literatur irgendwie nicht, wie mir scheint.

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