Schwellenangst

„Hast dir jetzt ein Radl gekauft?“, fragte mich unvermittelt meine Tante, die kürzlich zu Besuch war, als wir gerade die Goethestraße entlanggingen, zum Zwiebelfisch hin, wo wir was trinken wollten. Ich musste wahrheitsgemäß die Frage verneinen, sie lachte auf und hieb mir gleichzeitig ihren Ellbogen in die Rippen, völlig zurecht natürlich. Sie hatte mir nämlich vor mittlerweile fast zwei Jahren zur Hochzeit ein Fahrrad geschenkt, eigentlich. Aber wenn man es genau nimmt, hatte sie mir dann eben doch nicht wirklich ein Fahrrad geschenkt, sondern bloß ein Geld mit dem unmissverständlichen Verwendungszweck: Radl kaufen. Ein hochvernünftiger Vorgang eigentlich, denn so kriegt man nicht ein silbernes Fahrad mit 27 Gängen hingestellt, wo man eigentlich ein rotes mit Rücktrittsbremse wollte, sondern ich konnte mir, mit großzügig und absolut ausreichend bemessener Summe ausgestattet, mein Radl selber aussuchen. Unberücksichtigt blieb bei dieser sehr vernünftigen und ja eigentlich auch völlig selbstverständlichen und unproblematischen Vorgehensweise allerdings meine bis zur völligen Geistesblockade führende Schwellenangst, die mir das Betreten eines Fahrradladens bisher verunmöglicht hatte. Während wir weiter zum Zwiebelfisch hin die Goethestraße entlanggingen, versuchte ich meiner Tante diese Angst zu erklären: dass nämlich ein Fahrradladen ein Laden ist, in dem man um ein Verkaufsgespräch nicht herumkommt. Man schaut sich nicht einfach ein bisschen die Sachen an und geht einfach wortlos wieder raus, wenn man das Passende nicht gefunden hat, sondern man will ja auch probefahren und allein dafür muss man schon mit dem Verkäufer reden und ist somit zwangsläufig in ein Gespräch verwickelt, welches ich, wie ich auch meiner Tante gegenüber zu erläutern versuchte, deswegen so sehr scheue, weil ich mich in einem mein ganzes Urteilsvermögen völlig paralysierenden Zustand von abolutem Kaufzwang befinde, sobald ich die Zeit eines solchen Verkäufers länger als drei Minuten in Anspruch genommen habe. Im März oder April muss es gewesen sein, da streifte ich durch die Hemdenabteilung im Peek & Cloppenburg, eine Verkäuferin bot mir Hilfe an und weil ich nicht gleich direkt nein sagte, hatte sie mich schon am Wickel, zeigte mir eine halbe Stunde lang Hemd um Hemd, die ich alle eigentlich scheußlich fand und kaufte dann, letztlich nur um aus der ganzen mich peinigenden Situation wieder rauszukommen, ein viel zu teures Hemd, aus dem ich bis heute noch nicht mal die Stecknadeln rausgezogen habe. Und da ich nicht wollte, dass es mir mit dem Radl ebenso erginge, strich ich zwei Jahre lang immer nur so um die Fahrradläden herum, beäugte im Vorübergehen die draußen aufgestellten Räder, brachte es aber niemals über mich, mal wirklich in einen solchen Laden hineinzugehen.

Dies erzählte ich, auf der Goethestraße gehend, auch meiner Tante und ich weiß gar nicht mehr, was sie darauf geantwortet hat. Aber es muss etwas sehr Gutes gewesen sein, denn ein paar Tage später, gestern, um genau zu sein, betrat ich den Fahrradladen Klein in der Bismarckstraße und erklärte dem Verkäufer, der auf angenehm distanzierte und teilnahmslose Weise auf mich zutrat, kurz, was für eine Art Fahrrad mir vorschwebt. Und er ging hin, zog aus den hunderten Rädern, die da dicht gedrängt den Laden füllen eins raus, ich fuhr damit einmal ums Karree und wusste, das passt. Kaufte es und fuhr damit heim. So einfach eigentlich.

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