Little Amadeus

Clara schaut jetzt immer nach dem Sandmännchen noch eine Folge Little Amadeus im Kinderkanal. Mich interessierte das zunächst nicht weiter. Ich saß dann meistens nur daneben und glotzte meinerseits in meinen Computer hinein, bekam nur am Rande mit, was in diesen Folgen immer so los war. Aber vor ein paar Tagen passierte etwas, das mich ins Nachdenken versetzte: Clara war ganz ins Malen versunken und ich klimperte ein bisschen auf dem Klavier herum, da sagte sie plötzlich: „Papa, du bist ja wirklich Little Amadeus, das Wunderkind. Du spielst so schön.“ Seither grüble ich über dieses Phänomen nach, schaue mir auch die Folgen jetzt mit ihr richtig an, und je mehr ich darüber nachdenke, desto unglücklicher werde ich.

Ich hatte selbst als Kind ein Hörspiel auf Kassette, das die erste Konzertreise des Wunderkinds Wolfgang Amadeus Mozart durch halb Europa erzählte: Abenteuerliche Kutschfahrten, gefeierte Auftritte an den Höfen, zwischenrein singen sie mal „Bona nox, bist a rechter Ochs“, und am Ende schreibt der Wolferl seine erste Symphonie und alle freuen sich sehr darüber. Mein Vater, für den Mozart zeitlebens der höchste Gott im Olymp der Komponisten war, und dem ich zweifellos diese Kassette verdankte, warnte mich damals gleichwohl davor, das Gehörte mit der Realität zu verwechseln. Ein Wunderkind zu sein, das sei in Wirklichkeit kein Spaß. Was das Hörspiel verschweige, sei das unendlich mühsame Üben, ein Wunderkind falle nämlich nicht vom Himmel, so seine Worte. Ich fühlte mich ertappt, denn genau das hatte ich geglaubt: dass ein von Gott geküsstes Wunderkind die schönsten Symphonien eben einfach so hinschreiben könnte, ohne das groß gelernt zu haben.

Für die neueste Version dieses sich immerzu wieder neu schreibenden Mozartmärchens hat man den Wolferl also jetzt in „Little Amadeus“ umbenannt und in ein Zeichentrickmännchen verwandelt. Er zeigt sich als fröhlicher, unbeschwerter Charakter, im Musikalischen bereits vollendet, gleichwohl ein Kind, guten Herzens und den Eltern gehorsam, aber zu lustigen Streichen und Abenteuern dennoch stets aufgelegt. Die ältere Schwester Nannerl wirkt etwas weniger quirlig als ihr Bruder, genügsam und ausgeglichen, hat keinerlei Problem damit, immer im Schatten des Ausnahmegenies Amadeus zu stehen. Die Eltern sind sehr sanft und gutmütig gezeichnet, abgerundet wird die perfekte Familienharmonie durch den lustigen Hund Pumperl. (In Wahrheit hieß der Hund der Mozarts „Pimperl“, aber das war den Serienmachern wohl schon zu anstößig.) Die Gegenpartei ist die fiktive Figur „Lorenzo Devilius“, allein schon durch die Namensgebung deutlich angelehnt an den angeblichen Mozartvergifter Antonio Salieri. Devilius, der Teuflische, (ich verstand am Anfang immer „Debilius“, was auch beabsichtigt sein könnte), dilettiert selbst im Komponieren, hasst die Mozarts aus tiefster Seele und will statt Amadeus seinen Neffen Mario als Wunderkind etablieren, bloß dass dieser nicht besonders gut Geige spielen kann, worüber Mario selbst sich auch klar ist, nur der irre Onkel will das nicht einsehen. Das Gegenstück zum Hund Pumperl bildet Devilius’ Ratte „Monti“, die er immer in der Rocktasche mit sich führt und die durch zynische Kommentare dem Devilius sein Versagertum vor Augen führt. Ja, genau: die Ratte kann sprechen, als einziges Tier in dieser Welt. Aber Devilius kommt nicht auf die Idee, seine sprechende Wunderratte zur Sensation zu machen und damit den Ruhm und das Geld zu ernten, auf das er aus ist, sondern auf Teufel komm raus soll sein höchstens mittelbegabter Neffe dem verhassten Mozart die Schau stehlen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. So werden immerzu Geigen versteckt, Klaviere manipuliert, Auftritte verhindert und so weiter, aber Little Amadeus löst alle Probleme mit traumwandlerischer Leichtigkeit, der Bedrohung durch den Hass des Devilius scheint er sich überhaupt nur halb bewusst. Er braucht nur zur Geige zu greifen und alle Welt ist bezaubert, die Intrige gescheitert und obendrein hat er noch was Gutes bewirkt. So rettete er neulich ein vom Untergang bedrohtes Nonnenkloster mit einem Benefizkonzert, gestern erfand er nebenbei den Dämpfer für die Trompete, indem ein Hühnerbein zufällig in den Trichter fiel, heute schrieb er innerhalb eines Tages schnell ein Singspiel für eine fahrende Schauspieltruppe, studierte es auch gleich ein und noch am selben Abend war Premiere auf dem Marktplatz: ein großer Erfolg, selbst der zufällig anwesende Haydn war begeistert.

Das alles hat ersichtlicherweise mit der Realität des tatsächlichen Mozart nur gerade so viel zu tun, dass man „Little Amadeus“ eben nicht mehr als eine rein fiktive und ausgedachte Figur begreifen kann, sondern ihn vor der Folie des historischen Wunderkinds Mozart sehen muss. Und kein Stück mehr. Der Rest ist einfach erfunden, falsch, dumm, verkehrt, unsinnig. Dass man diesen lange widerlegten Salieri-Mythos in der Gestalt des Devilius wieder aufleben lässt, ist mir allein schon ein Ärgernis. Warum sind die Mythen immer soviel zäher als die Fakten? Auch scheußlich, wie in einer Folge „Little Amadeus“ damit brillierte, mit verbundenen Augen und hinter dem Rücken verschränkten Handen perfekt Klavier zu spielen. Eine solches Zirkusäffchen hätte Bohlen bestimmt gern für sein „Super Talent“.

Ich frage mich, warum gerade Mozart wie kein anderer freigegeben ist als Projektionsfläche für alle möglichen Fiktionen. Kein Beethoven und kein Schubert muss sich so verzerren lassen. Warum eigentlich? Denn sichtbar wird doch, dass auch Mozart nur unter erheblichen Modifikationen zu der gewünschten Identifikationsfigur für Kinder gemacht werden kann, sicherlich mit der Intention, die Kinder an die klassiche Musik heranzuführen. Aber genau das halte ich für den Grundirrtum überhaupt. Musik erfreut Kinder von Natur aus. Um sie an Musik heranzuführen, braucht es nichts weiter als die Musik selbst. Keinerlei narratives Beiwerk ist erforderlich. Und dass Clara mein deviliusmäßig schlechtes Klavierspiel plötzlich schön nennt, ist ja genau der empirische Beweis dafür, dass diese Serie dem ästhetischen Urteilsvermögen eines Kindes geradezu schädlich ist.

Aber egal, morgen letzte Folge, ab übermorgen kommt „Mia and me“. Keine Ahnung, was das wieder ist, aber es geht scheinbar um Einhörner und Elfen. Das wird sie bestimmt lieben, und mir solls recht sein.

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