Zeit

Wenn Ende August nach ein paar letzten unerträglichen Hitzetagen das Licht mit einem Mal filigraner und transparenter erscheint, die Luft anders riecht und kühlender Wind zaghaft aufkommt, wenn es also beginnt zu herbsteln, wie man so schön sagt, dann ist immer mein Geburtstag nicht mehr weit, in mir verschränkt sich die Melancholie des Herbstes mit der Melancholie des Älterwerdens und ich gerate zeitweise in einen absolut angenehmen Zustand nachdenklichen Grübelns. So saß ich gestern abend mit einem Glas Bier auf dem Balkon und meine Gedanken kreisten recht diffus und frei herumirrend um das Thema Zeit herum, ihre Unbegreiflichkeit im allgemeinen und um die Unvorstellbarkeit gewisser konkreter Zeitspannen im speziellen. So wie ein einzelnes Sandkorn noch keinen Sandhaufen ergibt, und fünf auch nicht, und fünfzig auch noch nicht – so lebt man eben Tag für Tag sein Leben so dahin und plötzlich liegt da dann doch ein solcher Zeithaufen hinter einem. Weil man das alles weder vorstellen noch begrifflich klar erfassen kann, behilft man sich mit Metaphern wie eben dem Haufen, und dass er hinter einem liege, weist also im Bild dem zu ergründenden Gegenstand „Zeit“ einen Ort im Raum zu, was nach Kant eh schon unsinnig ist, da nach seiner Analyse Zeit und Raum ja genau keine Gegenstände sind, sondern Bedingungen der Möglichkeit für Anschauung überhaupt und als solche also reine Formen der Sinnlichkeit.

Ich hatte aber am gestrigen Spätsommer- oder Frühherbstabend keine Lust, das Problem noch weiter in den Begriffen Kants zu untersuchen. Stattdessen kam mir aus dem Nichts heraus der Gedanke, dass mein Großvater, als er so alt war, wie ich jetzt, sich gerade irgendwo im Baltikum befand und dort Dinge erlebte, über die er zeit seines restlichen Lebens nicht sprechen konnte. Die Welt schrieb das Jahr 1944, gemessen an der Summe des weltweit akkumulierten menschlichen Leids vielleicht das schrecklichste Jahr der Menschheitsgeschichte überhaupt. Unglaublich weit weg schien mir da dieses 1944, wie ich so völlig unbedroht an Leib und Leben mit meinem Bierglas im letzten Abendsonnenschein saß.

Ich ging wieder in die Wohnung hinein und las kurze Zeit später im Netz, in München habe man auf genau der Baustelle, wo früher die Kneipe Schwabinger 7 gestanden hatte, eine amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Es sei nicht möglich gewesen, die Bombe zu entschärfen. Da die Bombe aber jederzeit von sich aus in die Luft gehen könne, habe man sich zu einer kontrollierten Sprengung noch am selben Abend entschlossen, was, wie ich dann heute morgen lesen konnte, auch genau so geschehen ist. Unter dem Eindruck dieser Meldungen schien mir das Jahr 1944 dann plötzlich doch wieder erschreckend nah. Mein Großvater mag tot sein, aber die Bomben von damals sind noch scharf und liegen direkt unter unseren Füßen. Das Foto von der Sprengung – ein gigantischer Feuerkegel, hoch über den Dächern der Stadt – gibt mir den Hauch einer Ahnung davon, was los gewesen sein muss als tausende solcher Bomben, deren Sprengkraft nicht mit Sandsäcken und Strohballen gedämpft wurde, die Städte verwüsteten. Zum Glück war ich in meinem Leben nicht öfter als genau ein einziges Mal in der Schwabinger 7. Ich fand es scheußlich da drin, unangenehm ranzig und viel zu düster. Aber dass ich auf einer Bombe saß, die mich mit etwas Pech zu einem verspäteten Weltkriegsopfer hätte machen können, das hätte ich nicht im Traum gedacht.

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Beinahe unseriös

Gestern las ich im Blog von Schlinkert, er habe bei der Bloggerin Torik den herrlichen Satz entdeckt: „Bloggen ist beinahe ein Zeichen unseriöser Literatur.“ Das habe ich mir dann kurz genauer angeschaut. Torik schildert da ein Treffen mit Redakteuren von Lettre International, die irgendwie nur gelangweilt die Nasen rümpfen als die Rede kurz auf ihr Blog kommt und sie hat nun scheinbar so ein Offenbarungserlebnis und versteht plötzlich, warum das Bloggen im Literaturkreis verpönt ist: Von den hunderten Lesern ihres Blogs hätten nämlich nicht einmal zehn ihr Buch gekauft, das sie offenbar kürzlich veröffentlicht hat. Sie zieht daraus den Schluss: „Mit dem Blog hier werde ich nichts erreichen. Vor allem keine Leser.“ Diese Nutzlosigkeit der Blogs sei auch, wie sie jetzt endlich verstehe, der Grund dafür, weshalb keiner der Nominierten für den Deutschen Buchpreis ein Blog betreibe. Das alles ist hochinteressant, denn als echter Leser wird hier offenbar nur ein Leser des gedruckten Buches verstanden, die Blogleser gelten als nicht erreicht. Das Blog wird letztlich nur als Marketinginstrument verstanden, wie literarisch es sich an der Oberfläche auch immer geben mag. Das kann man ja machen, ich kritisiere das gar nicht. Aber auch ohne Marketing studiert zu haben, ahne ich, dass ein großes Lamento über schlechte Verkaufszahlen die katastrophalste Werbung überhaupt ist. Finger weg vom Ladenhüter, die andern werden schon wissen, warum sie das nicht kaufen – das dürfte so ungefähr der Effekt davon sein.

Das Gerede vom Erreichen der Leser ist dabei sowieso schon immer ein Schmarrn, egal ob Blogs oder Bücher betreffend, denn das Lesen findet im Geheimen statt, in der Privatvereinzelung, das ist das Besondere daran, im Gegensatz zu Kollektiverlebnissen wie Theater oder Konzert. Daher kann eben keine Maschine abzählen, wieviele Leute einen Blogtext oder ein Buch wirklich gelesen haben. Gezählt werden Klicks oder Kaufakte, nicht aber Akte des Lesens. Wenn ich den Blick kurz über die hier herumstehenden Bücherstapel gleiten lasse, wird mir sofort schmerzlich bewusst, dass ich viel zu viel Geld für Bücher rauswerfe, die ich dann gar nicht lese.

Aber den eigentlichen Witz an dem ganzen Toriktext habe ich gerade jetzt erst entdeckt, als ich zur Sicherheit doch noch mal kurz die Longlist des Deutschen Buchpreises anschaute und da also auf den ersten Blick sah, dass auf dieser Liste mit Rainald Goetz und Wolfgang Herrndorf die beiden Großmeister des Bloggens schlechthin versammelt sind. Die andern 18 Nominierten habe ich jetzt nicht noch einzeln durchgecheckt, aber bestimmt haben die auch alle Blogs, total gute wahrscheinlich, mit richtig guten Texten und Themen und ganz ohne Gejammer über zuwenig verkaufte Bücher.

Schwellenangst

„Hast dir jetzt ein Radl gekauft?“, fragte mich unvermittelt meine Tante, die kürzlich zu Besuch war, als wir gerade die Goethestraße entlanggingen, zum Zwiebelfisch hin, wo wir was trinken wollten. Ich musste wahrheitsgemäß die Frage verneinen, sie lachte auf und hieb mir gleichzeitig ihren Ellbogen in die Rippen, völlig zurecht natürlich. Sie hatte mir nämlich vor mittlerweile fast zwei Jahren zur Hochzeit ein Fahrrad geschenkt, eigentlich. Aber wenn man es genau nimmt, hatte sie mir dann eben doch nicht wirklich ein Fahrrad geschenkt, sondern bloß ein Geld mit dem unmissverständlichen Verwendungszweck: Radl kaufen. Ein hochvernünftiger Vorgang eigentlich, denn so kriegt man nicht ein silbernes Fahrad mit 27 Gängen hingestellt, wo man eigentlich ein rotes mit Rücktrittsbremse wollte, sondern ich konnte mir, mit großzügig und absolut ausreichend bemessener Summe ausgestattet, mein Radl selber aussuchen. Unberücksichtigt blieb bei dieser sehr vernünftigen und ja eigentlich auch völlig selbstverständlichen und unproblematischen Vorgehensweise allerdings meine bis zur völligen Geistesblockade führende Schwellenangst, die mir das Betreten eines Fahrradladens bisher verunmöglicht hatte. Während wir weiter zum Zwiebelfisch hin die Goethestraße entlanggingen, versuchte ich meiner Tante diese Angst zu erklären: dass nämlich ein Fahrradladen ein Laden ist, in dem man um ein Verkaufsgespräch nicht herumkommt. Man schaut sich nicht einfach ein bisschen die Sachen an und geht einfach wortlos wieder raus, wenn man das Passende nicht gefunden hat, sondern man will ja auch probefahren und allein dafür muss man schon mit dem Verkäufer reden und ist somit zwangsläufig in ein Gespräch verwickelt, welches ich, wie ich auch meiner Tante gegenüber zu erläutern versuchte, deswegen so sehr scheue, weil ich mich in einem mein ganzes Urteilsvermögen völlig paralysierenden Zustand von abolutem Kaufzwang befinde, sobald ich die Zeit eines solchen Verkäufers länger als drei Minuten in Anspruch genommen habe. Im März oder April muss es gewesen sein, da streifte ich durch die Hemdenabteilung im Peek & Cloppenburg, eine Verkäuferin bot mir Hilfe an und weil ich nicht gleich direkt nein sagte, hatte sie mich schon am Wickel, zeigte mir eine halbe Stunde lang Hemd um Hemd, die ich alle eigentlich scheußlich fand und kaufte dann, letztlich nur um aus der ganzen mich peinigenden Situation wieder rauszukommen, ein viel zu teures Hemd, aus dem ich bis heute noch nicht mal die Stecknadeln rausgezogen habe. Und da ich nicht wollte, dass es mir mit dem Radl ebenso erginge, strich ich zwei Jahre lang immer nur so um die Fahrradläden herum, beäugte im Vorübergehen die draußen aufgestellten Räder, brachte es aber niemals über mich, mal wirklich in einen solchen Laden hineinzugehen.

Dies erzählte ich, auf der Goethestraße gehend, auch meiner Tante und ich weiß gar nicht mehr, was sie darauf geantwortet hat. Aber es muss etwas sehr Gutes gewesen sein, denn ein paar Tage später, gestern, um genau zu sein, betrat ich den Fahrradladen Klein in der Bismarckstraße und erklärte dem Verkäufer, der auf angenehm distanzierte und teilnahmslose Weise auf mich zutrat, kurz, was für eine Art Fahrrad mir vorschwebt. Und er ging hin, zog aus den hunderten Rädern, die da dicht gedrängt den Laden füllen eins raus, ich fuhr damit einmal ums Karree und wusste, das passt. Kaufte es und fuhr damit heim. So einfach eigentlich.

Little Amadeus

Clara schaut jetzt immer nach dem Sandmännchen noch eine Folge Little Amadeus im Kinderkanal. Mich interessierte das zunächst nicht weiter. Ich saß dann meistens nur daneben und glotzte meinerseits in meinen Computer hinein, bekam nur am Rande mit, was in diesen Folgen immer so los war. Aber vor ein paar Tagen passierte etwas, das mich ins Nachdenken versetzte: Clara war ganz ins Malen versunken und ich klimperte ein bisschen auf dem Klavier herum, da sagte sie plötzlich: „Papa, du bist ja wirklich Little Amadeus, das Wunderkind. Du spielst so schön.“ Seither grüble ich über dieses Phänomen nach, schaue mir auch die Folgen jetzt mit ihr richtig an, und je mehr ich darüber nachdenke, desto unglücklicher werde ich.

Ich hatte selbst als Kind ein Hörspiel auf Kassette, das die erste Konzertreise des Wunderkinds Wolfgang Amadeus Mozart durch halb Europa erzählte: Abenteuerliche Kutschfahrten, gefeierte Auftritte an den Höfen, zwischenrein singen sie mal „Bona nox, bist a rechter Ochs“, und am Ende schreibt der Wolferl seine erste Symphonie und alle freuen sich sehr darüber. Mein Vater, für den Mozart zeitlebens der höchste Gott im Olymp der Komponisten war, und dem ich zweifellos diese Kassette verdankte, warnte mich damals gleichwohl davor, das Gehörte mit der Realität zu verwechseln. Ein Wunderkind zu sein, das sei in Wirklichkeit kein Spaß. Was das Hörspiel verschweige, sei das unendlich mühsame Üben, ein Wunderkind falle nämlich nicht vom Himmel, so seine Worte. Ich fühlte mich ertappt, denn genau das hatte ich geglaubt: dass ein von Gott geküsstes Wunderkind die schönsten Symphonien eben einfach so hinschreiben könnte, ohne das groß gelernt zu haben.

Für die neueste Version dieses sich immerzu wieder neu schreibenden Mozartmärchens hat man den Wolferl also jetzt in „Little Amadeus“ umbenannt und in ein Zeichentrickmännchen verwandelt. Er zeigt sich als fröhlicher, unbeschwerter Charakter, im Musikalischen bereits vollendet, gleichwohl ein Kind, guten Herzens und den Eltern gehorsam, aber zu lustigen Streichen und Abenteuern dennoch stets aufgelegt. Die ältere Schwester Nannerl wirkt etwas weniger quirlig als ihr Bruder, genügsam und ausgeglichen, hat keinerlei Problem damit, immer im Schatten des Ausnahmegenies Amadeus zu stehen. Die Eltern sind sehr sanft und gutmütig gezeichnet, abgerundet wird die perfekte Familienharmonie durch den lustigen Hund Pumperl. (In Wahrheit hieß der Hund der Mozarts „Pimperl“, aber das war den Serienmachern wohl schon zu anstößig.) Die Gegenpartei ist die fiktive Figur „Lorenzo Devilius“, allein schon durch die Namensgebung deutlich angelehnt an den angeblichen Mozartvergifter Antonio Salieri. Devilius, der Teuflische, (ich verstand am Anfang immer „Debilius“, was auch beabsichtigt sein könnte), dilettiert selbst im Komponieren, hasst die Mozarts aus tiefster Seele und will statt Amadeus seinen Neffen Mario als Wunderkind etablieren, bloß dass dieser nicht besonders gut Geige spielen kann, worüber Mario selbst sich auch klar ist, nur der irre Onkel will das nicht einsehen. Das Gegenstück zum Hund Pumperl bildet Devilius’ Ratte „Monti“, die er immer in der Rocktasche mit sich führt und die durch zynische Kommentare dem Devilius sein Versagertum vor Augen führt. Ja, genau: die Ratte kann sprechen, als einziges Tier in dieser Welt. Aber Devilius kommt nicht auf die Idee, seine sprechende Wunderratte zur Sensation zu machen und damit den Ruhm und das Geld zu ernten, auf das er aus ist, sondern auf Teufel komm raus soll sein höchstens mittelbegabter Neffe dem verhassten Mozart die Schau stehlen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. So werden immerzu Geigen versteckt, Klaviere manipuliert, Auftritte verhindert und so weiter, aber Little Amadeus löst alle Probleme mit traumwandlerischer Leichtigkeit, der Bedrohung durch den Hass des Devilius scheint er sich überhaupt nur halb bewusst. Er braucht nur zur Geige zu greifen und alle Welt ist bezaubert, die Intrige gescheitert und obendrein hat er noch was Gutes bewirkt. So rettete er neulich ein vom Untergang bedrohtes Nonnenkloster mit einem Benefizkonzert, gestern erfand er nebenbei den Dämpfer für die Trompete, indem ein Hühnerbein zufällig in den Trichter fiel, heute schrieb er innerhalb eines Tages schnell ein Singspiel für eine fahrende Schauspieltruppe, studierte es auch gleich ein und noch am selben Abend war Premiere auf dem Marktplatz: ein großer Erfolg, selbst der zufällig anwesende Haydn war begeistert.

Das alles hat ersichtlicherweise mit der Realität des tatsächlichen Mozart nur gerade so viel zu tun, dass man „Little Amadeus“ eben nicht mehr als eine rein fiktive und ausgedachte Figur begreifen kann, sondern ihn vor der Folie des historischen Wunderkinds Mozart sehen muss. Und kein Stück mehr. Der Rest ist einfach erfunden, falsch, dumm, verkehrt, unsinnig. Dass man diesen lange widerlegten Salieri-Mythos in der Gestalt des Devilius wieder aufleben lässt, ist mir allein schon ein Ärgernis. Warum sind die Mythen immer soviel zäher als die Fakten? Auch scheußlich, wie in einer Folge „Little Amadeus“ damit brillierte, mit verbundenen Augen und hinter dem Rücken verschränkten Handen perfekt Klavier zu spielen. Eine solches Zirkusäffchen hätte Bohlen bestimmt gern für sein „Super Talent“.

Ich frage mich, warum gerade Mozart wie kein anderer freigegeben ist als Projektionsfläche für alle möglichen Fiktionen. Kein Beethoven und kein Schubert muss sich so verzerren lassen. Warum eigentlich? Denn sichtbar wird doch, dass auch Mozart nur unter erheblichen Modifikationen zu der gewünschten Identifikationsfigur für Kinder gemacht werden kann, sicherlich mit der Intention, die Kinder an die klassiche Musik heranzuführen. Aber genau das halte ich für den Grundirrtum überhaupt. Musik erfreut Kinder von Natur aus. Um sie an Musik heranzuführen, braucht es nichts weiter als die Musik selbst. Keinerlei narratives Beiwerk ist erforderlich. Und dass Clara mein deviliusmäßig schlechtes Klavierspiel plötzlich schön nennt, ist ja genau der empirische Beweis dafür, dass diese Serie dem ästhetischen Urteilsvermögen eines Kindes geradezu schädlich ist.

Aber egal, morgen letzte Folge, ab übermorgen kommt „Mia and me“. Keine Ahnung, was das wieder ist, aber es geht scheinbar um Einhörner und Elfen. Das wird sie bestimmt lieben, und mir solls recht sein.