Der Idiot

Ich wollte ja nur ein Paket Windeln kaufen, ganz normal, nur deswegen betrat ich den dm-Drogeriemarkt in der Schillerstraße. Aber sofort beim Betreten des Marktes merkte ich, dass irgendetwas komisch ist: viel zu viele Leute da drin und die Regale halb leer. Während ich mich noch durch die Gänge drängelte, erspähte ich ein Schild: „20% Rabatt, Räumungsverkauf wegen Umbau.“ Ich verstand, drängelte mich weiter durch, die Windeln waren natürlich schon restlos ausverkauft. Aber mein Gott, 20% Rabatt, da sammelte ich halt noch dies und das in meinen Korb hinein, obwohl ein solches Getümmel und Gewimmel, so eine Menschenenge, ganz und gar nichts für mich ist und in mir schnell klaustrophobische Angstzustände hervorruft. Anderen ging es ähnlich, eine Frau schrie laut auf, man sei ihr nun schon zum dritten Mal mit dem Einkaufswagen in die Hacken gefahren, ich wusste, es ist Zeit zu flüchten, scheiß auf den Rasierschaum, schnell raus. Bog um die Ecke und da stand, an ein schon gänzlich leergeräumtes Regal gelehnt, ein junger Herr und las ein Buch. Dostojewski, auf Französisch: L’Idiot. Unfassbarer Anblick, wie ein Traumgesicht. Aber er stand da wirklich, vollkommen in sich ruhend, versunken ins Lesen, vom Treiben um ihn herum völlig unberührt. Ihn stieß auch niemand an, er war in seiner Welt, und jeder schien das instinktiv zu respektieren. Gerne hätte ich ihn kurz gefragt, warum er zum Dostojewski-Lesen ausgerechnet an diesen Ort gegangen war, aber auch ich wagte es nicht, ihn zu stören in seiner Lektüre. Und wurde schon fortgedrückt, vor zur Kasse, von der Masse der Schnäppchenjäger, deren Teil ich selbst auch war.

Oberammergau

03.07.2012
Autofahrt unter nahezu idealen Bedingungen. Wetter bedeckt, keine Sonne, kein Regen. Verkehr meistenteils locker. Was mich aber wahrhaft rettete waren die Hörspiele und Hörbücher, die ich gestern abend noch schnell runtergeladen hatte: Gerhard Polt, Alexander Kluge, Rainald Goetz. Völlig neue Erfahrung für mich, der ich doch immer dachte und sagte: Ich will keine Bücher vorgelesen bekommen, ich will selber lesen. Musste nun endlich einsehen, dass das eigentlich doch was ganz Herrliches ist und mich beim Autofahren tatsächlich viel weniger anstrengt als Musik.

04.07.2012
Hannah und die Kinder in Oberau vom Zug abgeholt. Jetzt sitze ich hier im Wolf, im alten Wohnzimmer, später Büro meines Vaters, jetzt Zimmer 114: Alles umgebaut, ein ganz normales Hotelzimmer ist das jetzt, nicht wiederzuerkennen. Ist schön geworden. Zum ersten Mal seit über 30 Jahren übernachte ich in diesem Haus. Mich flutet hier so eine Masse an Vergangenheit an, dass ich der Gegenwart fast hilflos ausgeliefert bin. Der ganze Trakt hier, das war die Wohnung meiner frühen Kindheit: rechts die Großeltern, in der Mitte wir, das heißt meine Eltern, und im davon abgehenden Kinderzimmer meine Schwester und ich. Links, wo ich jetzt bin und sitze: das Wohnzimmer. Den Balkon zum Feuerwehrhaus rüber gab es früher noch nicht, da rauche ich jetzt, und dachte vorhin, als ich da so stand mit meiner Zigarette: Alles wäre in Ordnung, wenn meine Großeltern hier noch regieren würden und es zwischen mir und meinen Großeltern nichts gäbe: keinen Vater, keine Mutter. Als hätten die nie existiert. Absurder Gedanke natürlich, meine Großeltern wären mittlerweile alle über hundert. Als ich mit Hannah kurz stritt, hier, an diesem für mich so vergifteten Ort, wo ich als Kind meine Eltern beim täglichen Streiten und Anschreien verstört beobachtet habe, drückten mich diese Erinnerungen sofort nieder. Dreißig Jahre, so Alexander Kluge, habe er gebraucht, um den Luftangriff auf Halberstadt zu verstehen. Die Scheidung seiner Eltern verstehe er auch nach sechzig Jahren noch nicht.

07.07.2012
War Rauchen und auf Klo im dritten Stock. Da ging mein Vater, als er keine Treppe mehr steigen konnte, auch immer Pinkeln, oder Wisi machen, wie er sich ausdrückte, weil er dahin mit dem Lift fahren konnte. Nach dem Wisi machen hat er wahrscheinlich, stelle ich mir vor, auch eine geraucht auf dem Balkon. Die heimlichen Zigaretten, die ihm den Tod brachten. Gegenüber beim Paradiso ist jetzt immer die Hölle los. Die wuchernden Geranien versperren mir den Blick auf die Szene, aber das Stimmengewirr rauscht ziemlich laut fort bis in die späte Nacht. Im Gebälk sitzen zwei Tauben und schlafen. Wenn ich am Balkon im ersten Stock rauche, zeigt sich mir ein ganz anderes Bild: viel stiller. Blick auf den Schwaighoferschen Eselsbrunnen, Feuerwehrhaus, Passionstheater. Dahinter nichts mehr, nur Wiesen. So nah sind hier Zentrum des Lärms und die totale Stille.

08.07.2012
Heute morgen dann gleich das gegenteilige Bild: Höllenlärm, beobachtet vom hinteren Balkon aus: die Feuerwehr rückte aus, mit allen zur Verfügung stehenden Wägen. Immer neue Leute fuhren mit dem Auto vor, sprangen raus, rasten rein, warfen sich im Feuerwehrhaus ihre Schutzanzüge über, und wenn die nächste Mannschaft komplett war, fuhr wieder ein Feuerwehrauto mit irrsinnig lautem Martinshorn raus, rechts ums Haus rum, Richtung Unterammergau. Dirigiert wurde das Ganze vom Wenzlick Kare: Klein, dick, mürrischer Blick. Immer Zigarette im Mund, die er niemals zwischen die Finger nimmt, sondern immer im Mund vor sich hin dampfen lässt. Auf dem Kopf ein Strohhut mit weißer Feder. Sichtlich ein Verrückter eigentlich, aber die hektische Situation heute morgen schien er doch zu lenken: er ganz ruhig und nur mit einigen wenigen Handzeichen kommunizierend, während alle anderen rannten und schrien. Oder ist er wirklich verrückt und man lässt ihn nur, aus alter Freundschaft und weil er als harmlos bekannt ist, da den Chef spielen, während in Wirklichkeit keiner auf seine Handzeichen achtet und alle nach einem ganz anderen Plan agieren? Obwohl ich die Szene intensivst beobachtete, konnte ich über diese Frage keine Klarheit gewinnen.

Später Bärenhöhle mit Clara. Da war ich selber zuletzt als Kind gewesen, hatte das viel weniger steil in Erinnerung. Auch hatte ich gedacht, eine Marienstatue erwarte einen in der Höhle, dabei ist es ein Jesus. Soviel zum Thema Erinnerung: Alles falsch. Hatte teilweise Angst um Clara, die aber mit ihren Sandalen wie nichts da hochstieg und keinerlei Angst hatte, im Gegenteil: sie wollte noch weiter in die Höhle hineinsteigen, und danach am besten gleich direkt auf den Kofel, dessen Anblick wir von da aus kontemplierten. Danach bat mich auf dem Parkplatz vor der Bärenhöhle ein Motorradfahrer um Starthilfe, der, nachdem ich seine Bitte bereits bejaht hatte, mit Blick auf mein Berliner Nummernschild meinte: Wir Norddeutschen müssen doch zusammenhalten. Ich erklärte ihm kurz seinen Irrtum und half ihm dann aus seiner Batterienot. In Ettal rauschten wir direkt in einen von Pater Paulus persönlich geleiteten Gottesdienst hinein. Clara war sofort im Bann. Was das alles sei und solle, flüsterte sie mir zu. Immer wieder musste ich sie zur Stille anhalten und dass ich ihr alles später erklären würde. Als die Gemeinde in gregorianischem Singsang das Vaterunser anstimmte, fiel sie hypnotisch vor sich hin singend mit ein, ohne natürlich den Text auch nur im Geringsten zu kennen. Im anschließenden Erklärungsgespräch fielen dann Worte wie Mönche, Kloster, Nonnen, Gottesdienst, Heilige Messe, Taufe usw. Sie wollte alles ganz genau wissen und endete ganz bestimmt damit: sie wolle getauft werden. Und jetzt direkt mit mir Josef und Maria spielen. Wir aßen noch ein Eis und fuhren dann mit unserem grauen Esel heim nach Nazareth.

Ängstlich erwartetes Kaffeetrinken mit Mutter, Schwester und Doppelfamilie: halbwegs entspannt.

Abends zweimal Gewittersturm, während des Essens und jetzt grade nochmal. Und am Balkon im dritten Stock immer dieselben zwei Tauben.

09.07.2012
Trank ein Bier auf der Hafnerterrasse und sah den Lawall Charlie, wie er trübsinnig vorbei trabte. Er sah mich nicht und ich rief ihm auch nichts zu, sah nur nachdenklich dem hinten auf seiner Jacke aufgedruckten Posthorn nach.

10.07.2012
Tag mit dem Glaser. Mittagessen in der Schleifmühle. Schweinsbraten okay, die Kinder auf dem Spielplatz und am Weiher. Dann Schwimmen im Bruckengras, Clara im Wasserwahn, mit ihren Schwimmflügeln durchkreuzte sie immer wieder das Becken, schrie: „Glaser! Hinein mit dir ins Becken!“ Aber der Glaser wollte nicht. Abends bestellte er mich zum Bier ins Paradiso, wo er mit dem Jablonka Tobi bereits saß. Trank dort zum ersten Mal ein Augustiner Pils und kann jetzt endlich behaupten, alle Augustinerbiere einmal probiert zu haben. Nicht schlecht das Pils, aber mir war es viel zu laut in diesem Paradiso, überhaupt kann ich nicht ernsthaft Biere in einem Eiscafé zu mir nehmen. Obenaus wurde auch abgelehnt, da der Jablonka das dort ausgeschenkte Tegernseer nicht ertragen kann, wofür ich Verständnis zeigte. So gingen wir in ein Wirtshaus mit dem originellen Namen „s’Wirtshaus“ [sic] und tranken dort Hacker-Pschorr, ein früher gänzlich geächtetes Bier, das mittlerweile salonfähig scheint. Charakterlos, aber trinkbar.

11.07.2012
Fischerwirt, Graswang. Wetter schlecht, Forelle gut.

12.07.2012
Morgens sehr früh raus: Hannah und die Kinder zum Zug nach Oberau gebracht. Im Moment des Abschieds immer die größte Liebe für alle. Dann das Zimmer im Wolf geräumt. Stillschweigend und von niemandem bemerkt zog ich mittags um zu meiner Mutter mit zwei Koffern voller Schmutzwäsche. Zu Mittag zwei Fleischpflanzerl. Nachmittags im Wolf Gesellschaftertreffen mit Dr. S.: Besprechung der Bilanz, Diskussion der demnächst zu ergreifenden Maßnahmen und zu tätigenden Investitionen.

13.07.2012
Wolf, Reisebüro (Theaterkarte), Bank, Tengelmann, Apotheke, Museum. Lange im Museum, alles angeschaut, auch im ersten Stock, dann lang in der Schwaighoferausstellung, danach noch kurz die Krippen. Kontemplation. Abends dann das Theater: Shakespeare, Antonius und Cleopatra. Unglaublich langweilig, viel zu viel Gebrüll. Hatte durchgehend das Gefühl, dass die Schauspieler die Sätze, die sie sagen, selber nicht verstehen. Das ganze Stück blieb letztlich unverständlich. Im Regen heim.

14.07.2012
Aufgewacht: Handy kaputt. Drücke mich den ganzen Vormittag durch alle Menüs, nichts hilft. Telefonieren nicht möglich. Finale Diagnose: Hardwarefehler. Steuerunterlagen für meine Mutter zusammengesucht. Ihre chaotischen Ordner. Kafka. Abends Knoblauchpizza und ein Western mit Clint Eastwood.

15.07.2012
Abreise. Zu spät, wie immer, erst um 11 kam ich los. Zähe Fahrt, Großstau in München, hörte im Auto das Gesamtwerk von Polt fast ganz durch. Achmed muss nach Hause.