Schriftbild

Eigentlich wollte ich heute damit beginnen, hier ein paar erste Gedanken zu Kittlers Buch „Grammophon, Film, Typewriter“, das ich derzeit lese, zu entfalten, aber die heutige Ausgabe der Bildzeitung drängelte sich vor und will zuerst besprochen werden. Ich stand bei Edeka in der Kassenschlange, scannte gewohnheitsmäßig den Zeitungsständer, sah dort das:

und entschied nach kurzer Bedenkzeit, dass ich das kaufen muss. Denn erstens, so dachte ich, passt das ja auch wunderbar zum Kittler, (wo ich allerdings leider im Moment noch im ersten Kapitel übers Grammophon stecke, die möglichen Erhellungen zum Thema Verklärung der Handschrift aber wohl erst im Kapitel „Typewriter“ zu erwarten sind), und zweitens hatte ich mich erst kürzlich über einen Text der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel aufgeregt, die darin auf ganz scheußlich gefühlsduselige Weise dem im Verschwinden begriffenen Schreiben mit der Hand hinterherweint und mit dummen und falschen Argumenten beweisen möchte, dass das Handschreiben die bessere Schrift produziert. Da fallen zum Beispiel Sätze wie diese: „Durch das Schreiben mit der Hand begreifen wir die Wirklichkeit. Wir zeichnen sie nach in ihren Lebenslinien und Konturen und bilden dabei unsere eigenen aus.“ Und an anderer Stelle: „Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer ,Kulturtechnik’, die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. Davon erzählt auch das Wort ,begreifen’ im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich anfassen kann, ist auch in der Lage es zu erfassen.“ Welchen Begriff von Wirklichkeit hat die Frau? Ist ein Bleistiftgekrakel auf einem Fetzen Papier wirklich die Nachzeichnung einer Lebenslinie? Was sie bei ihrem fetischisierten Handschriftschreiben physisch-materiell anfasst, ist doch nichts weiter als ein simpler Stift, den zu erfassen keinen besonders großen Erkenntnisgewinn darstellen dürfte, auch wenn es sich, wie in ihrem Fall, um einen edlen Montblanc-Füllfederhalter handelt, „der wunderbar schwer in der Hand liegt“. Das Tolle an Schrift, ganz egal ob getippt oder mit dem Stift gekrakelt, ist doch gerade genau das Gegenteil, nämlich dass man etwas verstehen und begreifen kann, was man nicht in seiner Materialität vor sich hat und blöd betatscht, um sich von seiner Wahrhaftigkeit zu überzeugen. Der Gipfel ist erreicht, als sie eine Studie mit Jugendlichen aus Amerika heranzieht, wo herausgefunden wurde, dass die Probanden mit Computern mehr Text produzieren als mit der Hand und dass die Qualität der Texte bei den Mädchen gleich blieb, egal auf welche Weise sie schrieben, die Jungs aber tatsächlich auch bessere Texte auf den Maschinen verfertigten. Das Ergebnis der Studie scheint also ganz klar für das Tippen und gegen das Handschreiben zu sprechen, aber sie verkehrt das ins Gegenteil und quittiert es mit den Worten: „Das wäre mal eine spannende These: Computer und Technik sind deshalb so oft von Männern gemacht, weil sie damit heimlich ihre Denk- und Schreibschwäche ausgleichen können.“ Solch abgrundtiefer Schwachsinn bedarf keiner weiteren Kommentierung. Eigentlich wollte ich hier ja auch gar nicht über diese komische Meckel abkotzen, sondern mir bloß ganz wertneutral die Bildzeitung von heute anschauen und ernsthaft nachdenken über diese mir unverständliche nostalgische Sehnsucht nach den mit der Hand hingeschriebenen Worten. Denn wenn die Bildzeitung sich eines so abseitigen Themas annimmt – auf so hervorgehobene und Wichtigkeit suggerierende Weise: die ganze Titelseite ist (Werbung ausgenommen) handgeschrieben – dann muss, so denkt man, das Thema tatsächlich eine Relevanz haben, denn die Bildzeitung schreibt doch immer genau dem hinterher, was die Leute eh schon denken und nur noch eine öffentliche Bestätigung brauchen, um ihre Gedanken als wahr und von unabhängigem Medium beglaubigt auch selber glauben zu können. Natürlich serviert die Bildzeitung genau denselben Meckelunsinn, nur noch dümmer. Wagner, in seinem auf Seite zwei schon wieder in ganz normalen Lettern gedruckten Brief an die „Liebe Handschrift“: „Wenn unsere Handschrift stirbt, verlieren wir das größte Tastorgan des Menschen.“ Ja, es ist wirklich wahr, man glaubt es nicht: Diese Meckels und Wagners denken wirklich, sie könnten die Welt, die wahre wirkliche Welt, mit ihren Schreibgriffeln ertasten.

„Und wie das Schreiben, das Lesen“, schreibt Kittler. Im Sportteil analysiert ein Handleser die Herz-, Kopf-, Schicksals- und Lebenslinien von Jogi Löw und liest darin, dass Deutschland Europameister wird.

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