Gerechtigkeit für Rumpelstilzchen

War das Märchen vom Rumpelstilzchen nicht ganz einfach und klar, eine geradezu klassische Konstellation von gut und schön gegen hässlich und böse? Ein schönes Mädchen ist in Bedrängnis, sie muss Stroh zu Gold spinnen, ein hässlicher Zwerg zaubert für sie das Unmögliche, verlangt dann aber des Mädchens Kind zur Entlohnung, ein grotesker und widernatürlicher Wunsch, den zu erfüllen das Mädchen sich selbstverständlich weigert. Indem sie des Zwerges Namen in Erfahrung bringt, beraubt sie ihn seiner bösartigen Zauberkraft, woraufhin er sich in cholerischer Wut selbst zerreißt. So in etwa hatte ich dieses Märchen von der eigenen Kindheit her in Erinnerung. Beim kürzlichen Wiederlesen war mir die kurze Geschichte jedoch nicht mehr so eindeutig lesbar, plötzlich waren da überall Ungereimtheiten und Widersprüche, Abgründe taten sich zwischen den Zeilen auf. Davon will ich im Folgenden berichten.

Es geht schon los mit den ersten zwei Sätzen: Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und zu ihm sagte „ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“ Unwillkürlich fragt man sich, wie es dazu kommt, dass ein explizit als arm bezeichneter Müller einfach so mal mit dem König zu sprechen kommt, aber dies beiseite gestellt bleibt immer noch die andere Frage, warum er dem König diese Lüge auftischt, die doch zum Auffliegen verdammt ist, da die Müllerstochter ja die genannte Fähigkeit gar nicht besitzt. (In meiner Erinnerung erzählte die Geschichte sich so, dass der Müller dem auf Brautschau befindlichen König mit der Lüge seine schöne Tochter interessant machen will, aber nichts davon steht im Text. Interessant, das an sich selber zu beobachten: So bastelt sich der Kopf eine inkohärente Geschichte kohärent.) Noch seltsamer ist jetzt, dass der König tatsächlich auf die Lüge hereinfällt, denn wenn die Müllerstochter wirklich Stroh zu Gold spinnen könnte, stünde doch der arme Müller wahrscheinlich eher nicht als armer Müller vor ihm sondern als superreicher Goldprotz, der sich anschickt, ihm sein Königreich abzukaufen. Nein, der König ahnt nichts von Betrug, er lässt die Müllerstochter in einer Kammer voll Stroh einsperren, das sie über Nacht für ihn zu Gold spinnen solle, andernfalls müsse sie sterben. Da sitzt sie jetzt und weint, weil sie vor der Aufgabe versagen muss, als ein Männchen erscheint – tatsächlich steht im Text nichts von einem hässlichen Zwerg, wie ich mir eingebildet hatte, sondern es heißt immer nur ziemlich neutral „Männchen“ – und fragt: „Was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?“ Sie gibt ihm ihr Halsband und er geht tatsächlich auf den Handel ein und spinnt ihr das Stroh zu Gold. Welches Interesse hat einer, der nach Belieben Gold herstellen kann, am zweifellos eher wertlosen Halsband einer armen Müllerstochter? Gar keins logischerweise, die einzig mögliche Erklärung ist, dass er der Müllerstochter einfach all ihren materiellen Besitz zuerst abnehmen will, damit er in der dritten Nacht die Forderung nach ihrem ersten Kind aussprechen kann. Was allerdings unnötig erscheint, da die Todesdrohung des Königs eigentlich ausreichen sollte, damit die Müllerstochter dem Männchen sofort das, was er eigentlich will, das Unerhörte, das erstgeborene Kind also, verspräche. Der König jedenfalls, von dem es bezeichnenderweise heißt, dass er das Gold lieb hatte, kommt jetzt in einen Rausch, will immer noch mehr Gold. Noch eine größere Strohkammer solle sie verspinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Männchen hilft wieder aus, nimmt diesmal ihren Ring als Bezahlung. Zur dritten Nacht hin kommt dem König offenbar eine Idee: statt dem Mädchen immer nur blöd mit dem Tod zu drohen, könnte er sie ja auch einfach heiraten. [Er] ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach „die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen; wenn dir das gelingt, sollst du meine Gemahlin werden.“ „Denn“, dachte er, „eine reichere Frau kannst du auf der Welt nicht haben.“ Über der dritten Nacht schwebt also erstmals nicht die Drohung der Hinrichtung, sondern bloß die Aussicht auf die Heirat mit einem König, dessen rein pekuniäres Interesse an der Müllerstochter offenbar ist. Und dennoch ist sie genau in dieser Nacht bereit, dem Männchen ihr erstgeborenes Kind zu versprechen, damit es noch einmal für sie das Goldspinnen übernimmt. So stark ist offenbar ihr Wunsch nach dem sozialen Aufstieg, dass sie um alles in der Welt jetzt genau den Mann heiraten möchte, der eben noch bereit schien, sie ohne mit der Wimper zu zucken hinrichten zu lassen.

Der König hält jedenfalls sein Versprechen: Hochzeit wird gehalten, und interessanterweise hört die Goldgier des Königs damit schlagartig auf. Seine bisherige Charakterzeichnung hätte nahegelegt, dass er die Müllerstochter immer weiter zum Goldspinnen zwingen würde, da er sie ja nur wegen dieser Fähigkeit geheiratet hatte, aber nichts davon, im Gegenteil: der König kommt ab da überhaupt nicht mehr vor im Text. Stattdessen heißt es in der zentralen Passage:

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt, und dachte gar nicht mehr an das Männchen, da trat es in ihre Kammer und sprach „nun gib mir, was du versprochen hast“. Die Königin erschrak, und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte, aber das Männchen sprach „nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt“. Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte, und sprach „drei Tage will ich dir Zeit lassen, wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten“.

Da kulminiert für mich die ganze Verrücktheit dieses Märchens: wir haben einen Vater, der seine Tochter ohne Not durch eine groteske Lüge in Lebensgefahr bringt. Einen König, der nur das Gold liebt und dem ansonsten alle menschlichen Regungen ziemlich fern scheinen. Eine Protagonistin, die so dumm und einfältig daherkommt, dass sie ihr noch nicht geborenes Kind mit den tumben Worten „wer weiß, wie das noch geht“ einfach so wegverkauft. Und wir haben ein Männchen, das sich tatsächlich Gold zaubern könnte, das sich aber um materielle Güter (dummerweise oder gerade deswegen) nicht schert und im Gegensatz zum König das Lebendige für wertvoller erachtet als den Reichtum, und das tatsächlich ein Mitleiden empfindet ob des Jammerns und Weinens der nunmehrigen Königin. Und dennoch ist es am Ende genau Rumpelstilzchen, der sterben muss: der einzige, der durch sein Mitleid eine echt altruistische Gefühlsregung gezeigt hat. Und der einzige, der von Gold und Reichtum nicht korrumpierbar war. Dass gerade er sich am Ende in einem cholerischen Anfall selbst zerreißt und vernichtet, ist mir im Lichte dieser Betrachtungen endgültig unverständlich.

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Ein Kommentar zu “Gerechtigkeit für Rumpelstilzchen

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