Der Prozess

„Lolitas Tod bleibt ungesühnt
Das Landgericht Trier hat Josef K. freigesprochen“

Das las ich auf der Startseite der Online-FAZ und klickte gleich drauf, in der sicheren Erwartung, da etwas Lustig-Tiefsinniges über Kafka und Nabokov, vielleicht sogar mit Seitenverweis auf Dostojewski, zu lesen. Eher lustig wahrscheinlich, weil Landgericht Trier so das perfekt ironische Gegenteil darstellt zu dem unsichtbaren Schreckenstribunal, vor dem sich Kafkas Josef K. verantworten muss. Aber nein: zu meiner allergrößten Verblüffung war das keine leichtfüßige Feuilleton-Skizze, sondern Bericht der wahren Wirklichkeit: Tatsächlich war der Landwirt Josef K. beschuldigt worden, vor dreißig Jahren seine damalige Freundin Lolita ermordet zu haben. Nach der Wiederaufnahme des Falls durch die Fernsehsendung Aktenzeichen XY meldete sich ein Zeuge, der berichtet haben soll, K. bei der Beseitigung der Leiche geholfen zu haben. Lolitas Leiche wurde gefunden, Josef K. untersuchungsrichterlich inhaftiert. K. selbst schwieg und äußerte sich nicht zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass Josef K. jene Lolita damals tatsächlich ums Leben gebracht hat, jedoch war der für den Entscheid auf Mord erforderliche Nachweis der niederen Beweggründe dreißig Jahre nach der Tat nicht mehr eindeutig zu erbringen gewesen. Totschlag indes ist schon verjährt. Irrsinn. Und wenn die nicht zufällig Kafka- und Nabokov-Namen tragen würden, hätte ich niemals davon erfahren.

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3 Kommentare zu “Der Prozess

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