Kopfmusik

Heute nachmittag lief ich an zwei Straßenmusikanten vorbei. Einer mit Akkordeon, beide sangen. Oder besser: sie quetschten. Mit Mark und Bein durchdringenden Organen quetschten sie unisono ein russisches Volkslied aus ihren Kehlen hinaus auf die Wilmersdorfer Straße. Es war schrecklich, so schnell wie möglich ging ich an ihnen vorbei, nur weg von diesem Geknödel. Und hatte dann trotzdem dieses Lied stundenlang im Kopf, die Ohrwurm-Folter. Mit dem Ohrwurm ist es ja nun so bestellt wie mit dem Schluckauf: er geht erst dann weg, wenn man ihn nicht mehr beachtet. Ich bemerkte es gar nicht, als die sich immer wieder wiederholende Melodie irgendwann nicht mehr da war. Nach dem Abendessen aber erklang, ganz leise und für mich selbst fast unhörbar erst, eine andere Musik in meinem Kopf. Ich erkannte sie nicht gleich, musste noch eine geraume Zeit der in meinem Kopf immer weiterspielenden Musik zuhören, bis die Erkenntnis aufleuchtete: Rachmaninow, zweites Klavierkonzert. Ein Stück, das ich sehr liebe, ich schätze es höher als das berühmtere Dritte, aber ich habe es bestimmt seit fünf Jahren nicht mehr angehört. Wie konnte mir das jetzt beim Geschirrabwaschen plötzlich in den Kopf fallen? Als einzig mögliche Erklärung fielen mir nur die knödelnden Russen von der Wilmersdorfer ein. Und dies ist das eigentlich Erschütternde an dieser Mini-Anekdote: sie widerspricht meinen tiefsten Überzeugungen. Ich glaube nicht an nationale Musikcharakteristika, die im jeweils nationalen Volkslied vorgeprägt wären und dann in jeder noch so verkünstelten Kunstmusik sich noch wiederfinden ließen. Ich will nichts davon hören, dass die Musik Beethovens besonders deutsch sei, oder die von Elgar ganz und gar englisch. Ich weigere mich sogar, in der Musik von Johann Strauß irgendwas spezifisch Österreichisches finden zu wollen. Diese Etiketten werden doch im Nachhinein erst auf die Werke geklebt. Inständig will ich, dass die Musik die Sprache der Seele sei, die die Barrieren des gesprochenen Wortes überwindet und alle Menschen vereint in diesem halb irdischen, halb metaphysischen Territorium des reinen Klangs. Und darum verstehe ich nicht, wie mein Hirn die schlechte Musik von zwei Akkordeonrussen zum geliebten Rachmaninow-Konzert hin verlinken konnte. Ich höre mir das Konzert jetzt mal an, vielleicht verstehe ich dann irgendwas. Am Piano der Russe Richter natürlich.

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Ein Kommentar zu “Kopfmusik

  1. Es gibt glaube ich schon Apps gegen Ohrwürmer und unerwünchte Synapsenverlinkung ; sonst muss man epps erfinden!

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