De rerum natura

7.45 Uhr, spätes Erwachen, Wetter eher schlecht, kühl, die Nacht über hatte es geregnet. Gegen neun zog ich mit Clara los ins Naturkundemuseum. Wir spielten Dinoforscher, sprachen uns gegenseitig mit „Herr Kollege“ und „Frau Kollegin“ an, und präsentierten uns immer unsere Knochenfunde.

– Deinonychus?
– Nein: Diplodocus!
– Keinesfalls, Frau Kollegin: Allosaurus.
– Das glaube ich nicht. Ich glaube Senf.
– Aha. Dann eben Senf.

Mittagessen in der Cafeteria: ein Graus. Wiener Würstchen ausverkauft, also Bockwurst für Clara und ich Bulette. Die Wirtin schob einen vorgebratenen Fleischbatzen in die Mikrowelle, da dämmerte mir schon, welch grässlichen Fehler ich begangen hatte. „Bulette zwei Euro?“, fragte sie mich. „Ja, genau.“ Sie stierte weiter auf die ausgehängte Speisekarte: „Ick find die Bulette nicht.“ Ich zeigte ihr die Zeile. Zwei Euro. Aha. Wir hatten uns schon in diesem winzigen Kabuff, das sich da Cafeteria nennt, niedergelassen, da scheuchte uns die Wirtin wieder von da fort: wir könnten auch nebenan im Museums-Shop essen, da seien auch Tische. Ich erwiderte, wir könnten doch aber vielleicht auch hier einfach sitzen bleiben, da wir nun schon mal da wären. Darauf sie, in unterschwellig drohendem Tonfall: „Ick räum aber jetzt den Kühlschrank aus.“ Da ich mir nicht genau ausmalen konnte, was ihr Kühlschrankausräumen eventuell für lästige Schatten auf unser Mittagessen werfen würde, zogen wir sicherheitshalber um in den Shop. Als sie mir die Bulette überreichte, sagte sie: „Das ist sehr heiß!“ und tappte tatsächlich mit dem Zeigefinger direkt auf den Fleischklumpen. Um meinen Appetit war es damit endgültig geschehen. Zwischen Büchertischen und Dinokuscheltieren nahmen wir unseren Mittagstisch. Die Bulette schmeckte grauenvoll. Claras Bockwurst hingegen muss köstlich gewesen sein.

Sieht man von der Cafeteria ab, ist dieses Museum natürlich einfach toll, und immer wenn ich da bin, fühle ich mich wirklich als Naturforscher. Das ist so ein Moment, wo ich mich glücklich dafür schätze, dass ich Kinder habe, denn aus eigenem Antrieb würde ich dieses Museum ja wahrscheinlich gar nicht aufsuchen. Und dann, wenn ich dort bin, verfluche ich das Kind wieder, weil ich gerne länger mal vor einem Objekt verweilen würde, um all die Tafeln zu lesen und wirklich was zu lernen über die Evolution und die Urzeitviecher und die Pflanzenwelt und die Kristalle und die Planeten und alles. Einfach alles. Der Gedanke, dass die Naturkunde doch wirklich die Universalwissenschaft schlechthin ist. Aber Clara rast natürlich mit ganz anderem Tempo durch diese Räume und verweilt dann unvermittelt vor ganz anderen Objekten, als ich das tun würde. Einen offenbar von einem Auto plattgefahrenen Igel betastete sie ewig, erkundete die Textur der Stacheln. Mir war nicht ganz klar, ob das erlaubt ist, den Igel anzufassen, aber es kam jedenfalls kein Museumsdiener und kein Alarm ertönte, also ließ ich sie das machen.

Unglaublich schade, dass die Insektensammlung nicht ausgestellt ist. Da steht man vor einer verschlossenen Glastür, dahinter sieht man Kolonnen von Schubladenschränken, und an der Tür hängt ein Schild, auf dem steht, dass hier eine der größten und bedeutendsten Käfersammlungen der ganzen Welt lagert, aber nichts davon kriegt man zu sehen. Die überwältigende Mannigfaltigkeit der Insekten fasziniert mich immer weit mehr als die ausgestopften Steinböcke und Rindviecher, mehr als die Riesenskelette der Dinosaurier auch. Der Insektensaal im Naturhistorischen Museum in Wien ist mir ein bleibendes Bild im Kopf, obwohl es bestimmt schon 15 Jahre her ist, dass ich da drin war.

Die Beobachtung der Naturphänomene und ihre Systematisierung ist der Anfang aller Erkenntnis und aller Wissenschaft gewesen, dachte ich auf der Heimfahrt. Logisch also, dass gerade Kinder so vom Dinomuseum angezogen sind. Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.

Advertisements

Ein Kommentar zu “De rerum natura

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s