My Generation

Gestern die Lektüre von Bluescreen beendet, ein Essayband von Mark Greif, der im Klappentext als kommender Großmeister der Popkritik gerühmt wird. Ein seltsames Buch, aus dem ich nicht recht schlau werde. Schon der Essay über das Reality-TV enttäuschte mich, weil das doch eine wirklich hochinteressante Frage ist, warum im Fernsehen die genuin fiktionalen Sendungen so auf dem Rückmarsch sind und mehr und mehr ersetzt werden durch Sendungen, die so tun als bildeten sie echte, unverstellte Menschen in realen Situationen ab, die aber in Wirklichkeit eben auch vollkommen fiktiv, erdacht, gescriptet sind und ja auch meistens den dramaturgischen Regeln der etablierten fiktionalen Genres sklavisch folgen. Eine ontologische Betrachtung hatte ich mir also erhofft über die Kategorien des Fiktionalen und des Authentischen, und über die Frage, ob es ein wirklich reales Reality-TV überhaupt geben könnte, wie es aussehen würde und ob das überhaupt erstrebenswert wäre. Aber Greifs Anmerkungen berührten diese meine Fragen fast gar nicht, blieben seltsam diffus, ich konnte letztlich nur die eine These herausdestillieren, dass das Reality-TV, das wir nun mal im Moment haben, eigentlich von der Industrie lanciert sei, ein verlängertes und getarntes Werbefernsehen also, das uns zeigt, wie die anderen leben, damit wir Produkte kaufen, um denen ähnlich zu werden. Oder so ähnlich. Wie gesagt, ich wurde aus dem Essay nicht so richtig schlau.

Der nächste Text „Umverteilung“ war dafür umso eindeutiger. Da fordert Greif eine Umgestaltung der Gesellschaft dergestalt, dass alle Bürger ein Grundeinkommen von 10.000 Dollar bekommen sollen, Einkommen über 100.000 Dollar sollten mit 100% Einkommenssteuer belegt werden. Nach dem Artikel hätte ich das Buch fast ganz weggelegt, was für eine scheußliche Utopie ist das denn? Selbst wenn das ökonomisch funktionieren würde (was ich ganz und gar nicht glaube) und sich die Welt dann so zu der von Greif erträumten Gerechtigkeit einpendelte: der Wunsch nach einer solchen Nivellierung der Gesellschaft ist mir fremd. Klar will ich auch, dass Armut abgeschafft wird, dass keiner verhungern muss usw. Nur glaube ich, dass ein staatliches Grundeinkommen für jedermann ziemlich schnell zu einer Inflation führen würde, die ungefähr genau die Höhe des Grundeinkommens eben komplett entwerten würde. Das habe ich mal bei Dietmar Dath gelesen, einem erklärten Kommunisten, das nur nebenbei, damit man mich nicht für einen Neoliberalen hält, wenn ich dies schreibe. Und die Einführung eines Höchsteinkommens halte ich für ebenso verfehlt, aus ästhetischen Gründen letztlich. Mir gefallen die Villen der Superreichen am Starnberger See. Ich will gar nicht unbedingt selber in einer wohnen, aber ich finde es schön, dass es sowas gibt. Ich brauche auch keine zehn Jaguars, aber ich störe mich nicht daran, dass es Leute gibt, die diesen Luxus abfeiern. In einer Welt, wo alle nur Golf fahren, will ich ungern leben. Da wäre ich ja endgültig der Depp mit meinem Golf.

Warum auch immer, ich las trotz wachsenden Missbehagens das Buch weiter. Er schreibt dann noch über YouTube und den Hip-Hop. YouTube findet er eher schlecht und Hip-Hop eher gut, aber beide Essays fand ich auch fehlerhaft. Das Phänomen YouTube beurteilt er größtenteils ausgehend von dem meistgeklickten Clip aller Zeiten, irgendein Amateur-Tanzvideo. Ich habe es mir nicht angeschaut. Weil mir klar ist: der meistgekaufte Roman des Jahres ist auch nie der beste. Ich liebe YouTube allein dafür, dass ich dort die absolut alleinig gültige Interpretation der Schubertschen B-Dur-Sonate durch Svjatoslav Richter hören kann. Richter nimmt diese Sonate so unglaublich langsam, dass man sie gänzlich anders hört und versteht, als wenn zum Beispiel Brendel sie spielt. Als ich das auf YouTube entdeckte, verstand ich erstmals die B-Dur-Sonate wirklich. Und wenn man dann nach einer knappen Stunde B-Dur-Sonate noch ein bisschen weiterklickt, kann man sich noch von Glenn Gould erzählen lassen, dass es ihm genauso ging, als er diese Sonate (die er eigentlich gar nicht mochte) in der endlos langsamen Version von Richter hörte. Für solche Funde liebe ich YouTube und die Richtersche B-Dur-Sonate ist außerdem Beweis dafür, dass das Internet einem auch Momente der Entschleunigung bereiten kann, während Greif apodiktisch behauptet, das Internet versetze die ganze Welt „in einen Zustand dämmriger Hast“.

Ich hörte mir dann, nach Beendigung der Lektüre, noch ein paar Hip-Hop-Lieder an, von Eminem und den Beastie Boys vor allem, um besser zu verstehen, was ich an dem an sich ganz guten letzten Essay „Rappen lernen“ dann doch irgendwie falsch finde. Er schreibt da ja ganz interessante Sachen über die gesellschaftlichen Verwerfungen, die die Entstehung des Hip-Hop begleiteten und sich in ihm spiegeln, die Bedeutung von Crack zum Beispiel für die Hip-Hop-Szene. Das las ich sehr aufmerksam, denn darüber wusste ich bisher noch überhaupt nichts. Aber letztlich nähert er sich dem Phänomen doch nur wie ein Literaturprofessor, der ausschließlich die Texte analysiert und auf die Korrektheit ihrer politischen Botschaft hin abhört. Er bringt den Vorwurf im Essay selber vor, aber es gelingt ihm nicht, ihn zu entkräften, wie ich finde.

Das ganze Buch hindurch hatte ich immer wieder Momente des Erstaunens, was für ein rückwärtsgewandter Geist da zu mir spricht. Und da Greif ziemlich genau so alt ist wie ich, fühlte ich mich immer direkt angesprochen, wenn er von „seiner Generation“ spricht, das klingt dann zum Beispiel so: „Als Angehöriger einer der letzten Generationen, die noch wissen, wie das Leben ohne Internet war, kann ich mit voller Gewissheit sagen: Das Leben ist sehr viel angenehmer gewesen. Die gegenständliche Welt besaß eine größere Dichte.“ Als ein Angehöriger derselben Generation behaupte ich hingegen: An der Dichte der gegenständlichen Welt hat sich durch das Internet nichts geändert. Und das Leben wurde durch die ständige Verfügbarkeit der B-Dur-Sonate in der Interpretation von Richter eher noch angenehmer.

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