Finale dahoam

19.05.2012
Es geht los: Champions-League: Finale dahoam: Bayern gegen Chelsea. Das dritte Fußballspiel, das ich mir dieses Jahr anschaue, nach Bayern gegen Marseille (Hinspiel, 2:0 für Bayern), und Bayern gegen Dortmund (Pokalendspiel, 5:2 für Dortmund). Bin ich jetzt Bayern-Fan? Und wenn ja: Wie konnte das geschehen? Fünfzehn Jahre mag es her sein, dass ich meinem damaligen Mitbewohner offene Vorhaltungen machte, dass er mit rotem Bayernschal ins Olympiastadion pilgerte und sich ernsthaft als Fan der langweiligen, seelenlosen, immer gewinnenden, total kommerzialisierten Bayern zu erkennen gab. Wie man für so einen dummen Verein sein könne, fragte ich ihn. Er erwiderte sinngemäß: Was soll man machen, man bleibt doch an den Verein gekettet, dessen Spielerbildchen einst in der Schule das Federmapperl geziert haben. Mein eigenes von Hanutabildchen vollgeklebtes Federmapperl der fünften Klasse steht mir heute noch klar vor Augen: das war die deutsche Nationalmannschaft der WM 86 in Mexiko: Briegel, Augenthaler, solche Leute. Toni Schumacher war mein Held. Das war meine Mannschaft und dass der eigentliche Fußball der Vereinsfußball ist und nicht der Länderfußball, davon wusste ich damals wohl noch gar nichts. So, also ohne vereinsmäßige Federmapperl-Vorprägung, konnte ich Mitte der Neunzigerjahre, als ich in München studierte, meinen Verein frei wählen, und nahm natürlich (eben riss ich schon die Hände hoch: Ribéry: Tor, aber es war Abseits, also weiter Nullzunull, obwohl die Bayern haushoch überlegen sind) ich also wählte die damals im Aufwind begriffenen Underdogs, die Sechziger. Aber da hatte ich schon kein Federmapperl mehr. In meine philosophischen Seminare ging ich grundsätzlich nur mit ein paar Bleistiften, die lose in der Tasche herumflogen. (Und jetzt tatsächlich, endlich: Tor für die Bayern: Müller. – Als ich aber vom Klo zurückkomme: Der Ausgleich für Chelsea. Das gibts doch gar nicht. Zu spannend jetzt. Verlängerung, plötzlich drückt Chelsea stärker aufs Tor hin. Aber Elfmeter für Bayern. Ribéry wurde niedergelegt. Robben: verschießt. Und Ribéry wird ausgewechselt wegen Verletzung.) Eine echte Bindung an die Sechziger fand also nicht statt. Als ich München nach dem Studium verließ, stiegen die Sechziger ab und verloren sich so aus meinem Auge. In Frankfurt freute ich mich halt so ein bisschen, wenn die Eintracht gewann. Aber völlig problemlos konnte ich nach dem Umzug nach Offenbach die Seite wechseln und die Kickers gut finden. Ein deutlicher Beleg für meine völlige Orientierungslosigkeit in diesen Dingen. (Es sieht jetzt ganz nach Elferschießen aus.) Als ich aber nach Berlin zog, war mir vor allem eines klar: für Hertha kann ich nicht sein, (Elferschießen jetzt), der Club Hertha ist so nichtssagend, dass ich dafür niemals mich begeistern kann. (Lahm trifft, Neuer hält.) Und da lebte ich so ganz ohne Fußball ein Jahr lang vor mich hin (Gomez trifft) und fühlte keinerlei Mangel dabei (der Langhaarige von Chelsea trifft), sah Ende März mehr aus Zufall das Bayern-Marseille-Spiel mit einer Art interesselosem Wohlgefallen (Neuer trifft, obgleich Czech die Ecke ahnte, Lampard trifft, Olic verschießt, Chelsea trifft, jetzt Schweinsteiger: verschießt. Jetzt muss Neuer halten: Drogba: trifft. Chelsea gewinnt. Schweinsteiger birgt sein Gesicht hinter den Händen), war im Pokalfinale schon entschiedener auf Seiten der Bayern, und bin jetzt also endlich am Ende der Reise angekommen. Ich kapituliere. Ihr Menschen, einen roten Schal her, dass ich weine.

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