Die Wiederholung der Geschichte als Farce

14.05.2012
Wettermäßig einer der wenigen absolut idealen Tage im Jahr: sonnig und dennoch nicht zu heiß, noch einmal wahrhaft frühlingshaft. Ich hab jetzt schon Angst vorm Sommer, wenn Knüppelhitze wieder alles in mir lahmlegen wird. Nachmittags langer Gang im Schlosspark. Genau hier hatten H. und ich schon vor Wochen, als es noch richtig winterlich kalt war, ein langes Gespräch über das Urheberrecht geführt. H. dabei tendenziell zu der Position neigend, freier, also kostenfreier, Zugang zum Weltwissen (und natürlich gehören auch sämtliche Kulturprodukte zum Weltwissen) sei prinzipiell wünschenswert. Ich andererseits immer zur Gegenposition neigend: „There is no such thing as a free lunch.“ Wenn all die Kunst im Netz zum freien Download bereitsteht: wie verändert das die Kunst? Wer schafft denn dann noch Werke, wenn er dafür nichts mehr kriegt außer ein paar geflatterte Cents, die ihm freiwillig in den virtuellen Hut geschnippst werden? In den letzten Tagen war anlässlich diverser Zeitungsartikel dieses Gespräch zwischen H. und mir wieder erneut aufgekommen, und nun gerade heute, als ich nach der gestrigen Lektüre der sehr guten Artikel von Lauer in der FAZ und Schirrmacher in der FAS in eine Beruhigung gekommen war, dass dieses leidige Thema jetzt endlich mit Vernunft von verständigen Menschen behandelt würde, fragt mich H., als wir vom Ententeich wieder weggingen und zum Spielplatz hin: ob ich von der Anonymous-Aktion schon gehört hätte? Hatte ich nicht. Sie belehrte mich: Hacker, die unter dem Label Anonymous auftreten, hätten die Adressen, Telefonnummern und Email-Adressen der Unterzeichner des Manifests „Wir sind die Urheber“ im Netz preisgegeben, versehen mit Sätzen wie: „Fuck your Copyright!“ und „Wir werden euch verfolgen!“ Mir blieb die Spucke weg. H. und ich waren uns schnell einig über den gefährlichen Schwachsinn dieser Aktion. Wo kommt denn solcher Intellektuellenhass her? Ich verstehe das von Grund auf nicht. Es ist ja offenbar nicht so, dass diese Anonymen ganz dringend die Romane von Kehlmann und Willemsen lesen wollen, bloß eben gratis. Einem Künstler, den man schätzt, schmettert man kein „Fick dich“ entgegen. Der Vorgang scheint mir vergleichbar mit der Radikalisierung der RAF in den ausgehenden Sechzigerjahren. Nachdem 1969 Willy Brandt den Ex-Nazi Kiesinger als Kanzler abgelöst hatte, hörte die große Mehrheit derer, die im Jahr zuvor noch nach Revolution geschrien hatten, damit auf, und fing stattdessen an, an der realen und legalen Reform der bestehenden Verhältnisse zu arbeiten. Nur eine Handvoll Irrer, die weiterhin vom totalen Umsturz träumten, besorgten sich Pistolen und gingen in den Untergrund. Und heute, wo die Diskussion um ein den digitalen Verhältnissen angepasstes Urheberrecht endlich in Gang gekommen ist, wo die Piraten jetzt Mal um Mal in die Länderparlamente einziehen und man anfangen könnte, konkret und ernsthaft an dem Problem zu arbeiten: genau in dem Moment radikalisiert sich eine fanatische Minderheit, denen das demokratisch legitimierte Kompromissaushandeln sogenannter Volksrepräsentanten zu langsam geht, zumal vollkommen klar ist, dass die Maximalforderung einer Komplettabschaffung des Urheberrechts sowieso nicht durchsetzbar ist, weshalb die Radikalen lieber gleich zum illegalen Holzhammer greifen. Aber Beleidigung, Einschüchterung, Drohung, Verletzung der Privatsphäre – was sind denn das für Methoden? Genau wie die RAF damals, scheinen auch diese Hacker in dem Irrglauben zu leben, eine große Masse der Bevölkerung stünde hinter ihnen und würde sich jetzt vor dem Haus von Martin Walser zum Anti-Copyright-Flashmob verabreden oder das Faxgerät von Kehlmann mit Schmähworten überschwemmen. Was für ein kindischer Unsinn. Wie immer, wenn Geschichte sich wiederholt, kommt die zweite Auflage als Farce daher. Denn natürlich ist ein erschossener General­bundes­anwalt ein anderes Kaliber als die Veröffentlichung von ein paar privaten Daten semiprominenter Künstler und Intellektueller. Und dennoch, so sagte ich auch zu H., ist es ein beängstigendes Säbelrasseln: „Schaut her, was wir können.“ Der positivste Nebeneffekt dieser Schwachsinnsaktion könnte sein, dass einer breiteren Öffentlichkeit mal klar würde, dass die sogenannte Netzgemeinde keineswegs so homogen strukturiert ist, wie man sich das der Einfachkeit halber gerne vorstellt, weswegen das Gefasel von der Netzgemeinde jetzt am besten sofort und gänzlich eingestellt würde. Das Internet ist prinzipiell für alle da und wird ja auch von mehr oder weniger allen täglich genutzt, weswegen durch das Internet bedingte Probleme auch genau durch ganz normal vom gewählten Parlament beschlossene Gesetze zu lösen sind. Leider erweist sich auch in diesem Punkt unsere momentane Regierung als vollkommen unfähig, weswegen ja das Phänomen einer Piratenpartei überhaupt erst aufkommen konnte. So grübelte ich noch den ganzen Abend vor mich hin, bis mich eine Mail des Ochsen, dem ich den Link zum Schirrmacher-Artikel geschickt hatte, erreichte: Mei, Urheberrecht – ob es keine dringlicheren Probleme gäbe? Ja, gibt es natürlich, hast ja recht. Ich hatte mich wieder viel zu sehr aufgeregt.

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