Loslegen

10.05.2012
Nachmittags vier Käsebrote und ein Alkoholfreies, dann auf nach Dahlem, zur Universität: Rainald Goetz: Antrittsvorlesung der Heiner-Müller-Gastprofessur für Poetik am Peter-Szondi-Institut der FU Berlin. Erst fand ich den Hörsaal nicht, musste nach dem Weg fragen. Der Zauber von Universität wehte mich von ferne an, aber auch als ich im Hörsaal dann drinnen saß und die neben mir irgendwie ironisch sagte: „Ach wie schön: Endlich mal wieder Student sein“, dachte ich gleich, dass ich dieses Gefühl nicht teilen kann. Eine solche Vorlesung einer Berühmtheit, wo statt Studenten vor allem Feuilletonisten drinsitzen und so komische Typen wie ich, die einfach die Bücher dieses Berühmten gerne lesen: das ist so weit ab vom normalen herrlichen Universitätsalltag, dass das unvergleichliche Flair einer echten Vorlesung, die ein wirklicher Professor für ganz normal immatrikulierte Studenten hält, für mich eben genau überhaupt nicht aufkam. Der Vortrag war natürlich trotzdem gut. „Schreiben ist Veröffentlichen“, sagte er, und stach damit direkt in meine schlimmste Wunde hinein, weil ich an dieser totalen Veröffentlichungsangst leide, die bisher ja auch erfolgreich verhindert hat, dass ich bloggen würde, was doch eigentlich die absolut mir gemäße Veröffentlichungsform wäre. Er fügte hinzu, dass man jeden Text tatsächlich erstmal vor sich selbst veröffentlicht. Das Lesen des von einem selbst Geschriebenen ist die erste Veröffentlichung des vormals gänzlich unbekannten Textes und man erkennt dabei, dass die Schrift etwas anderes ist als der Gedanke und das eigentlich Gemeinte. Interessante Variante der allgemein bekannten Schriftsteller-Rede, wo es immer heißt, die Figuren entwickelten ein Eigenleben. Und Goetz, so dachte ich jedenfalls, als ich das hörte, macht genau dieselbe Erfahrung, bloß dass bei ihm der Text selber dieses komische Eigenleben hat und irgendwas sagt, was der Schreiber des Textes nie und nimmer gemeint hatte. Man braucht gar keine brav entwickelten Figuren, um diese Erfahrung des Eigenlebens des Geschriebenen zu machen. Der Zauber der Schrift rührt genau von daher. Toll auch die tagebuchartigen Beschreibungen aus der Alltagswelt: wie er am Morgen eine mit Kopfhörern von der Außenwelt abgekapselte, dumpf vor sich her blickende Frau sieht und den Schluss zieht: „Wachheit ist nicht zu erwarten.“ Oder wie die Kassiererin bei Rewe zu ihm sagte: „Nun sein se ma nich so hektisch, junger Mann“, und er das direkt der perfekten Analyse unterzieht, dass die Ironie, zu einem bald sechzigjährigen, grauhaarigen Typen wie Goetz „junger Mann“ zu sagen, der Kassiererin schon so in den ganz normalen Sprachgebrauch eingegangen ist, dass sie sich der Ironie der eigenen Rede gar nicht mehr bewusst ist. Das sind eben nur fertig modellierte Sprüche, wie sie auf Facebook auch dauernd abgesondert werden. Auch darum ging es kurz in dem Vortrag. Der schönste Moment war fast, als er beschrieb, wie er – offenbar als Vorbereitung zum Verfassen des Vortrags zur Antrittsvorlesung der Heiner-Müller-Gastprofessur am Peter-Szondi-Insitut – die Bücher von Heiner Müller und Peter Szondi aus dem Regal holt und um sich herum aufbaut, sogar auf den Friedhof geht und das Grab von Heiner Müller sich anschaut und notiert, welche Blumen da blühen, und dann aber wieder aus dieser Poesie sich zurückreißt und (sinngemäß) sagt: Eine solche Poetikdozentur ist ein Unsinn. Eine Schreibwerkstatt gibt es nicht. Schreiben findet im Kopf statt und der Kopf ist keine Werkstatt. Es gibt kein Handwerk des Schreibens, das man jemandem anderen beibringen könnte. Und wenn man das Eigentliche des Schreibens nicht lehren könne, was für einen Sinn mache es dann, über irgendwelche nachgeordneten Dinge, irgendwelche komischen Techniken und Handwerkszeug zu dozieren und das einzuüben. Ja genau, dachte ich. Das Schreiben ist kein Studiengang, das kann man nicht wie das Schuhmachen von einem lernen, der es schon kann. Das Bücherschreiben ist ein so seltsamer Beruf, dass selbst ein Goetz, der schon bewiesen hat, dass er es kann, immer wieder glaubt, er könne es gar nicht. Gegen Ende zitierte er sich selbst mit dem vor dreißig Jahren geschriebenen Satz: „Immer wieder neu loslegen, wie neu.“ Das sei seine Schreibmaxime immer geblieben. Und sagte dann aber, nur ein paar Sätze weiter, ganz ruhig: wenn er in seinen alten Büchern lese, in „Hirn“ oder den in „Abfall für alle“ abgedruckten Praxis-Vorlesungen von vor fünfzehn Jahren, dann denke er immer noch: das stimmt alles. Da kam er mir plötzlich, trotz der ganzen zappelig erregten Wachheitsperformance, ganz alt vor. Ein alter Schriftsteller, der zufrieden auf sein Werk zurückschaut und das abnickt: Stimmt alles, gut gemacht. Fragen gab es kaum, die letzte Frage war: „Herr Goetz, wann kommst du zu Facebook? Wir vermissen dich dort!“ Worauf er erst lachte, dann aber ganz ernst erwiderte, ihm stinke es schon, dass sein Wikipedia-Eintrag dort auf Facebook übertragen sei, und er denke immer, wenn er das sehe: „Ihr Sucker.“ Und werde da niemals mitmachen. Es gab dann noch Bier und Brezen im Innenhof der Universität. Ich nahm beides, stand als Solitär herum und beobachtete abwechselnd den Goetz und die schönen nackten Füße einer ansonsten gar nicht besonders auffällig attraktiven Studentin. Beides kam mir lachhaft und unsinnig vor, so dass ich mich alsbald selbst verzog.

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