25.03.2015 – Die Trommel

Immer weiter in Bruckmaiers „Story of Pop“, es geht schon dem Ende zu, nicht des Pop tröstlicherweise, aber doch des Buches. Das könnte immer so weitergehen, ich will nicht aufhören, das zu lesen. Das Gefühl hatte ich lang nicht mehr, diesen Wunsch, ein Buch möge doch einfach immer weitergehen, nicht aufhören, niemals enden. Dabei zögere ich die Lektüre eh schon hinaus, der Laptop liegt immer neben mir und alle paar Seiten schaut man mal schnell bei Youtube und zieht sich ein im Buch erwähntes Lied kurz rein: ganz viele Sachen, von denen ich noch nie gehört hatte, gerade so apokryphes Zeug aus den 20er und 30er Jahren. Toll, eine echte Horizonterweiterung.

Als ich mit fünfzehn ungefähr Jimi Hendrix für mich entdeckte, da wollte ich da mehr drüber wissen und das war damals gleichbedeutend mit: Ich will ein Buch darüber lesen. Und ging also in die einzige Buchhandlung, die es bei uns im Dorf gab, und fragte nach einem Buch über Jimi Hendrix. Ich musste der Frau alles ausbuchstabieren: „Jimi“, nicht „Jimmy“. „Hendrix“, nicht „Hendricks“. Einen Computer hatten die damals schon in der Dorfbuchhandlung Ende der Achtziger, aber die Suchmaschine der Buchhändlerin gab noch nicht besonders viel aus für diesen Suchbegriff. Ich bestellte dann ein Buch über diverse Gitarrenheroes der Popgeschichte, die ungeschriebene Botschaft war: Die Qualität des Pop bemisst sich an der Virtuosität des Leadgitarristen. Ein schön alteuropäisches Kriterium, mit dem man Hendrix mühelos in eine Traditionslinie mit Paganini kriegt und also bequemerweise in ein Schema rein presst, das man schon kennt: Bewundernswerte Fingerfertigkeit.

Bruckmaier macht klar: Weder die Gitarren noch die Superstars bilden das Wesen von Pop, Virtuosität ist genau nicht der Punkt, um den es geht. Die Seele des Pop ist die Trommel. Eine afroamerikanische Trommel, die mit dem Sklavenschiff in die neue Welt kam. Diese Trommel kann auch mal eine Gitarre sein oder ein Klavier oder ein Plattenspieler. Es kommt auf den Spirit an, mit dem man auf das Ding eintrommelt.

20.03.2015

Früh morgens gleich die Ansage, dass Unterhosen für J. gekauft werden müssen, die alten sind zu klein. Also nichts wie auf zur Wilmersdorfer. Vorher noch in der Memorabilienkiste nach der SoFi-Brille von 1999 gesucht, ich war ganz sicher, dass die da drin sein müsse: war sie aber nicht. Ok, kein Problem, wirds auf der Wilmersdorfer ja auch geben und dann kann ich die Sonnenfinsternis direkt dort sehen. Strahlender Sonnenschein, ideale Bedingungen, anders als damals, als alles ein Zittern und Bangen war, Wolken hin und wieder weg, und als die totale Finsternis erreicht war, waren die Wolken vor der Sonne, die Leute fluchten schon im Nymphenburger Park, wo wir damals standen, und plötzlich hatte die Wolkendecke aufgerissen: Genau wo die verdunkelte Sonnenscheibe stand, war plötzlich ein Loch in den Wolken, und die versammelte Menschenmasse schrie auf, wir sahen den Lichtkranz, es war der Wahnsinn, ein Gänsehautmoment, den ich nie vergessen werde.

Heute ja nur partielle Verfinsterung, aber trotzdem: plötzlich ist man ein bisschen aufgeregt. Ich kaufte die Unterhosen, dann rüber zu Fielmann, wo man mich fast anpampte, als ich nach Sonnenfinsternisschutzbrille fragte. Gibts nicht, gibts nirgends, gibs auf! Ok, ich blieb ganz ruhig, macht ja nix, danke für die Info. Zeit genug noch, um nach einer neuen Jacke zu schauen, und siehe da: genau die Frühlingsjacke, die mir vorgeschwebt hatte, gab es zwei Häuser weiter wirklich zu kaufen, da hat man ja doch auch mal Glück. Wenn bloß die Frau vor mir an der Kasse nicht siebzehn Hosen umtauschen müsste, es dauerte gefühlte Ewigkeiten, ich drehte fast durch, in Gedanken schon gar nicht mehr bei der Sonnenfinsternis. Und als ich dann endlich zahlen durfte und aus dem Geschäft heraus trat, war da dieses seltsam runtergedrehte Licht, das mich sofort ergriff. Ein Blick auf die Uhr, mein Gott, genau jetzt der Zustand der höchsten Verfinsterung, es wirkte alles so surreal. Die Leute auf der Wilmersdorfer alle zur Sonne ausgerichtet, und da waren auch welche mit den alten Schutzbrillen von ´99. Ich stellte mich zu einer Gruppe, und bevor ich noch fragen konnte, reichte die Frau mir schon die Brille hin und ich sah die schwarze Scheibe, die sich vor die helle Sonne geschoben hatte. Toll. Paar Meter weiter drängte mir ein Herr seine Schweißerglasscheibe förmlich in die Hand und ich sah noch einmal rauf. Jetzt geht der Mond nach oben weg, sagte er, und ja: ganz schnell wurde es jetzt wieder heller.

Später C. von der Schule geholt und ihr von der Sonnenfinsternis erzählt. Ich war mir sicher, die würden das in der Schule auch irgendwie aufbereiten und netzhautsicher beobachten. Aber nein: Die durften nicht mal raus in der Hofpause, trotz schönsten Wetters. Übertriebene Augenangst, wenn ihr mich fragt. Die Sonne steht doch sonst auch am Himmel und keiner verbrennt sich die Augen. C. weinte bittere Tränen. Ich versprach ihr, wir würden zuhause ein Video von der Sonnenfinsternis anschauen. Das sei aber nicht dasselbe, sagte sie weinend, und leider hat sie recht.

 

18.03.2015 – Das Ostend

Vor ziemlich genau zehn Jahren zogen wir ins Ostend, unsere erste gemeinsame Wohnung. Ich war vorher überhaupt noch nie im Ostend gewesen. Als wir die Wohnung besichtigten, die uns beiden sofort gefiel, war ich verwundert, dass in Frankfurt so nah am Zentrum so ein sympathisch-verschnarchtes Viertel mit bezahlbarer Miete überhaupt existieren konnte. Unten im Haus die Kutscherklause, die sich zwar mit vorgehängtem Bembel und Fichtekranz ein bisschen als traditionelle Apfelweinwirtschaft verkleidete, in Wahrheit aber doch nur ein völlig unspektakuläres Refugium halbgescheiterter Existenzen war, die sich dort bereits vormittags am Tresen versammelten. Im Hinterhof des Nebenhauses ein Getränkemarkt, der in einer kleinen Baracke untergebracht war, dahinter die Uhlandschule: hauptsächlich Ausländerkinder, die ich vom Küchenfenster aus beim Pausenhoftreiben beobachten konnte. Gegenüber der Kiosk, betrieben von einem Inder, der alle Kunden mit „Chef“ betitelte: Alles klar Chef, kommt sofort Chef, dreieurofünfzig Chef. Dahinter der Paul-Arnsberg-Platz, anfangs noch mit Wochenmarkt, der aber mangels Kundschaft bald wieder eingestellt wurde. Und wenn man den überquert hatte, stand man vor der ehemaligen Großmarkthalle, die jetzt leerstand und wegen Denkmalschutz nicht abgerissen werden durfte.

Na gut, dann bleibt sie halt stehen. Man ahnte nichts Böses. Es war eine fast dörfliche Atmosphäre damals im Ostend: Der Paketbote Alfredo, der uns in sein Herz geschlossen hatte, hielt auch mal mitten auf der Straße an, wenn er mich da laufen sah, kramte ein Paket für mich aus seinem Laster und dann redete man noch ein bisschen übers Wetter.

Irgendwann kamen die Gerüchte auf, ein EZB-Hochhaus solle auf dem Großmarktgelände errichtet werden. Erste Bohrtrupps rückten an und untersuchten den Untergrund. Plötzlich veränderte sich alles, und zwar ziemlich schnell. Die Getränkemarktbaracke wurde abgerissen, stattdessen ein Townhouse mit Eigentumswohnungen da hochgezogen, das mir den Blick rüber zum Schulhof vermauerte. Der Pflasterstrand, ein improvisierter Independent-Biergarten direkt am Main, musste einer hochpreisigen Erlebnisgastronomie für Besserverdienende weichen. Und die Mieten in unserem Haus wurden mit einem Schlag so drastisch erhöht, dass all die schrulligen Normalos, die da bisher mit uns gewohnt hatten, sich zum Auszug gezwungen sahen. Wir hatten gerade unser erstes Kind bekommen und hätten so oder so eine größere Wohnung gebraucht. Aber es war schon ein seltsames Gefühl, wie da ein ganzes Haus geschlossen den Exodus antrat, während gleichzeitig bei der Großmarkthalle gerade mal die allerersten Aushubarbeiten für den EZB-Bau begonnen hatten.

Und jetzt brennt es da. Während im verrammelten Bankhochhaus die Finanzheinis ihren Eröffnungsschampus schlürfen, brennen rundherum die Polizeiautos, Steine fliegen durch die Luft, Wasserwerfer werden aufgefahren. Ich sehe im Netz die Bilder und erkenne fast jede Ecke, jeden Straßenzug wieder. Und weiß gleichzeitig: das Ostend, das ich mal kannte, gibt es nicht mehr.

16.03.2015

Gestern gelernt: Du sollst den Tag nicht vor dem Abend bloggen. Kurz nachdem ich auf Publizieren gedrückt hatte, ist nämlich dann noch ein rosarotes Einhorn mit goldenem Horn an meinem Fenster vorbeigeflogen. Ein Luftballon in der Form eines Einhorns natürlich, aber es war wirklich ganz zauberhaft, wie es so langsam vorüberglitt. Ich ging auf den Balkon und schaute runter auf die Straße, sah aber nirgends ein Kind, dem es entschwebt sein könnte.

Meine Rezension wird auf der Startseite von Glanz und Elend als Gedicht deklariert, das finde ich auch so wundervoll, dass ich mich hüte, dort auf den Fehler aufmerksam zu machen. Vielleicht sollte man überhaupt keine Rezensionen, Kritiken, Besprechungen mehr schreiben, das klingt doch alles so kalt. Wenn dir was zu einem Buch oder Film oder Bild oder Wasauchimmer einfällt: Packs doch in ein Gedicht!

 

15.03.2015

Vor H. wach gewesen, das ist auch schon länger nicht mehr vorgekommen. Wie bedient man eigentlich nochmal so eine Kaffeemaschine? Ging dann schon, aber seltsamerweise schmeckt mein Kaffee immer irgendwie anders als ihrer. Vormittags nochmal über die Kritik gegangen und dann endlich nach München geschickt. Kann man jetzt hier lesen. Später dann zwei Kisten Bücher zur Bücherverschenktelefonzelle geschleppt und auf dem Rückweg einen Blumenstrauß erworben.

13.03.2015 – Lob des Algorithmus

Und zwar war es so, dass ich heute morgen zufällig den Diedrich Diederichsen im Radio hörte, und mir gefiel irgendwie, wie er da so locker auftextete, vielleicht sollte ich doch einmal sein großes Opus Über Pop-Musik lesen, aber das war doch so teuer, mal kurz bei Amazon schauen, ja tatsächlich: 39,99 €, das ist mir zu teuer für ein Buch, das ich dann wahrscheinlich doch nicht lese, aber halt, moment mal: Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch The Story of Pop von Karl Bruckmaier. Mein geliebter Karl Bruckmaier hat ein Buch über die Geschichte des Pop geschrieben, das er im Córdoba des Jahres 822 nach Christus beginnen lässt? Warum hat mir denn das bisher noch niemand erzählt? Ab in den Einkaufswagen damit.

Jetzt bricht vermutlich der nächste Shitstorm über mich herein. Er kauft bei Amazon! Ergreift ihn! Hängt ihn höher! Aber sehen wir der Wahrheit doch mal ins Auge: Die total sympathische Buchhändlerin zwanzig Straßen weiter hätte mir auf Anfrage den Diederichsen bestellt und fertig. Nie im Leben hätte sie mich auf die Existenz des Bruckmaierbuches hingewiesen. Das ist ihr auch nicht zum Vorwurf zu machen, sie kann ja unmöglich jedes Buch kennen, das in irgendeiner exotischen Minipresse erschienen ist, und dann auch noch richtig einschätzen, dass mich dieses Buch viel mehr interessieren würde als das, um dessen Bestellung ich gebeten hatte. Der Algorithmus kann das. Und er kann es unter anderem auch deshalb, weil ich ihn eben nicht nur als Recherchetool verwende und die Bücher dann bei meiner sympathischen Buchhändlerin zwanzig Straßen weiter kaufe, sondern direkt bei Amazon. So lernt der Algorithmus mich immer besser kennen und seine Beratung wird immer treffsicherer.

(Außerdem: So arg sympathisch ist die eigentlich gar nicht.)

12.03.2015

Heute morgen das Tocotronic-T-Shirt aus der Schublade gezogen, musste dann aber doch endlich einsehen: Es geht jetzt wirklich nicht mehr. Überall zerschlissen und am Rücken ein handtellergroßes Loch.

Hab sie zweimal live gesehen. Einmal in den Neunzigern auf dem Open Air in Puch, wo mich kurz das euphorische Gefühl durchströmte, jetzt endlich, als mit Anfang Zwanzig fast schon alter Sack, einmal Teil einer Jugendbewegung zu sein, aber schon am nächsten Tag merkte man: Es war doch nur ein Lied. Und das zweite Mal 2008 in Darmstadt, als H. schon schwanger war. Meine Tochter kann also mit Fug und Recht behaupten, auch schon mal auf einem Tocotronic-Konzert gewesen zu sein. Ihr ist das allerdings schnurz.

Ich hielt noch einmal kurz inne, dann warf ich das T-Shirt mit der Aufschrift SAG ALLES AB in den Mülleimer.