Schrift

Mein größter Wahn, größter Irrtum vermutlich der, Resultat von Weltverarbeitung müsse notwendig Text sein. Welterkenntnis stelle sich notwendig als eine Aneinanderreihung von Buchstaben dar. Und obwohl ich das als Wahn, als Irrtum erkenne, kann ich nicht davon ablassen, weil ich trotz intensiven Nachdenkens keine Vorstellung davon kriege, wie sich die Welt auf andere Weise sinnvoll prozessieren ließe. Den Begriff „Denken“ habe ich mir immer schon, seit ich ein Kind war, als eine Schrift vorgestellt, die sich im Kopf so von alleine hinschreibt. Ein mechanisches Abrattern von Schriftzeichen.

Warum können wir nicht die Dinge das sein lassen, was sie sind? Woher das Bedürfnis, alles zu erklären, über alles zu reden, es zu zerreden, niederzureden, niederzuschreiben, es so lange schreibend zu zerreiben bis nichts mehr von der eigentlich zu beschreibenden Sache übrig ist?

Schrift ist immer defizitäres Substitut für gesprochene Rede unter echten Menschen, die einander ansehen, im Zweifelsfall sogar anfassen können. Deswegen, und aus keinem anderen Grund, läuft so viel Internetkommunikation fehl und aus dem Ruder: Weil wir die Gesichter nicht sehen, die Stimmen nicht hören, die die Rede begleitenden Gesten nicht deuten können. Ein Smiley ersetzt kein Lächeln.

Unsere ganze Kultur baut auf dieser kultischen Überhöhung von Schrift auf, bei der Heiligen Schrift schon angefangen. Als erstes schafft Gott die Welt und später schreibt er dann ein Buch, in dem er aufschreibt, wie er die Welt erschuf, und was seither sonst noch so alles passiert ist. Das gibt er dann den Menschen. Über die richtige Auslegung streiten diese bis heute. Aber warum sollte ein allmächtiger Gott sich zur Kommunikation mit seinen eigenen Geschöpfen missverständlicher Schriftzeichen bedienen?

Sah gestern zwei Kinder, zwölf Jahre alt vielleicht, die miteinander in Gebärdensprache kommunizierten. Sehr erregt beide, ich sah sie wild mit den Händen fuchteln. Wie ich genau beobachten konnte, sahen sie einander dabei direkt in die weit aufgerissenen Augen. Die die Zeichen artikulierenden Hände nahmen sie offenbar nur im Augenwinkel wahr. Ihre Münder bewegten sich auch, dennoch war die Szene völlig stumm, ohne Laut.

 

An meine Hater

Ich solle doch mal was über Hater schreiben, sagte der Robert aus gegebenem Anlass. Ich winkte gleich ab: bloß keine Internetthemen, und sah drei Klicks später zu meinem unendlichen Bedauern, dass meine Hater per Backlink nun auch zur Mützenfalterin rübergewandert sind. Wahrscheinlich ein Riesenfehler, darauf jetzt nochmal einzugehen, die Trolle zu füttern mit der Aufmerksamkeit, nach der sie lechzen, aber sei’s drum, die Steilvorlage ist zu gut, den Ball kann ich einfach nicht an mir vorbei gehen lassen.

Bersarin schreibt also bei der Mützenfalterin: „Gibt es eigentlich auch beim Koran samt der daraus abgeleiteten Scharia kein richtiges und kein falsches Auslegen eines Textes? Wenn dem so ist, sollte es mich freuen, denn das beschert uns die ewigwährende Herrschaft des Patriarchats samt Stockhieben für unliebsame oder schwachmatische Blogger:innen. Keine schlechte Vorstellung, wenn ich länger darüber nachdenke.“

Vollständig zitiert, nichts aus dem Kontext gerissen oder verfälschend gekürzt: Das schreibt der da wirklich als Kommentar. Und das ist auf so vielen Ebenen dumm, falsch, überheblich, ekelhaft, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Zu allererst möchte man den Hegelversteher und Adornoerklärer Bersarin mal in den Logikgrundkurs I schicken: Wenn es bei einem Gesetzestext wie der Scharia keine richtige und falsche Auslegung gäbe, dann resultierten daraus nicht irgendwelche Stockhiebe für Blogger, sondern genau das Gegenteil, nämlich das Dilemma, dass das Recht dann nicht mehr angewendet werden könnte. Gesetzestexte können nur wirksam sein, wenn sie auslegbar sind im Sinne einer „richtigen“ Auslegung. Darum ringen Juristen Tag für Tag, das ist nämlich gar nicht so einfach, habe erst neulich einen interessanten Text darüber gelesen, dass Computer noch meilenweit davon entfernt sind, Gesetzestexte so adäquat zu interpretieren, dass sie sie auf Einzelfälle korrekt anwenden könnten. Aber das nur nebenbei. Interessant scheint mir Folgendes: Gesetzestexte – ich rede jetzt mal von unseren Gesetzbüchern, mit der Scharia kenne ich mich nicht so aus – sind ja so formuliert, dass sie nach Möglichkeit alle nur denkbaren Einzelfälle entscheidbar machen, das ist ein Grund für deren Unlesbarkeit. Die Mützenfalterin und ich, wir redeten von Literatur: die ist lesbar, aber eben immer auch mehrdeutig, vieldeutig, uneindeutig. Ich verstehe gar nicht, wie man das bezweifeln kann, das ist doch offensichtlich. Literatur darf auch so sein, weil sie ihrer Bestimmung nach nicht angewendet, nicht exekutiert werden muss. Was an dieser simplen, ja fast schon banalen Aussage provoziert denn solchen Hass, man sieht ja förmlich den Schaum vor Bersarins Mund, ich versteh das gar nicht. Ok, ich mag seine Art des Schreibens auch nicht, aber ich habe auch nie in seinem Blog kommentiert, hab ihn da nie angekotzt, ich les das halt einfach nicht, da bin ich Epikureer: Ich will nach Möglichkeit nur Dinge tun, die mir angenehme Gefühle verursachen. Schwer genug im Alltag, aber dann muss man sich doch nicht noch die Freizeit selbst vergällen.

Der Hater sieht das offenbar anders: Er zieht sich wie ein Süchtiger das Zeug rein, das ihm gegen den Strich geht, bis es schön schäumt vor dem Mund, und dann legt er los und kommentiert. Ein mir unverständliches Verhalten.

Und das geht dann mitunter soweit, dass einer phantasiert, die ihm missliebigen Blogger würden mit Stockhieben gezüchtigt.

Der Mützenfalterin, die wirklich wie keine andere um eine ernsthafte poetische Art von Erkenntnis bemüht ist, so einen Stuss vom ewigwährenden Patriarchat hinzuknallen, das regt mich so auf, dass ich selber fast zum Hater werde, denn das wussten vielleicht manche noch nicht: Auch wenn ich aus Gründen des Sprachgefühls und vermutlich auch der bloßen Gewohnheit am generischen Maskulinum festhalte, bin ich doch ein ganz entschiedener Feminist, und finde es den Wahnsinn, den wirklichen Wahnsinn, einer Frau mit so einer perfiden „Blogger:innen“-Formulierung indirekt Stockhiebe anzudrohen für ihre Ansichten über Literatur, herrgottnochmal, wo sind wir eigentlich?

Und komme mir keiner mit Meinungsfreiheit, ihr könnt das ja alles schreiben und euern Hass abhaten, aber doch bitte nicht bei mir. Ich bitte also den Bersarin und alle anderen Hater, sowohl ihre einzig wahren und einzig richtigen, total korrekten Literaturauslegungen, als auch ihre Hasstiraden bitte auf ihren eigenen Blogs zu veröffentlichen, denn dann muss ich das nicht lesen und mich damit herumärgern. Das wäre das Beste für uns alle. Danke.

Die Ränder der Texte

Kittler bemerkt in seinem Aufsatz über Kleists Erdbeben in Chili, das eigentlich Interessante an der Literatur finde sich immer an deren Rändern, und fügt in Klammern lapidar hinzu:

(Adreßbits im elektronischen Datenfluß, Stempel, Aktenzeichen und Verteilerschlüssel im bürokratischen zeigen zur Genüge, daß es die Ränder von Nachrichten sind, die ihre Vernetzung steuern und damit interpretatorische Unterstellungen vom Typ der Autorintention überflüssig machen.) [David Wellbery (Hrsg.), Positionen der Literaturwissenschaft, S. 24f.]

Mich überzeugt das vollkommen, aber wem das im Sound zu kittlerisch, zu technokratisch-kalkuliert daherkommt, der kann dasselbe auch nochmal beim liebenswürdigeren Gérard Genette nachlesen, der in der Einleitung zu seinem Buch „Paratexte“ schreibt:

Der Paratext ist also jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird und als solches vor die Leser und, allgemeiner, vor die Öffentlichkeit tritt. Dabei handelt es sich weniger um eine Schranke oder eine undurchlässige Grenze als um eine Schwelle […]; um eine „unbestimmte Zone“ zwischen innen und außen, die selbst wieder keine feste Grenze nach innen (zum Text) und nach außen (dem Diskurs der Welt über den Text) aufweist, oder wie Philippe Lejeune gesagt hat, um „Anhängsel des gedruckten Textes, die in Wirklichkeit jede Lektüre steuern“. [Genette, Paratexte, S. 10]

Kittlers Adressbits und Genettes Paratexte fungieren als Steuerelemente der Lektüre, und wenn Genette wenig später feststellt, dass im Grunde „jeder Kontext als Paratext wirkt“ (S. 15) dann wird klar, dass diese lektürebestimmenden Ränder je nach Blickwinkel gar nicht so schmal sind, wie man erstmal meinen könnte, sondern sehr breit, und damit kommt man dann eigentlich schon in die Gefilde der Rezeptionsästhetik. Genette fährt fort:

[…] so etwa fungieren für die meisten Leser der Recherche zwei biographische Fakten, nämlich die halbjüdische Abstammung Prousts und seine Homosexualität, unweigerlich als Paratext zu jenen Seiten seines Werkes, die sich mit diesen beiden Themen befassen. Ich sage nicht, daß man das wissen muß: Ich sage nur, daß diejenigen, die davon wissen, nicht so lesen wie diejenigen, die nicht davon wissen, und daß uns diejenigen zum Narren halten, die diesen Unterschied leugnen. (S. 15)

Wenn man das konsequent zu Ende denkt, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass es von jedem Buch exakt soviele unterschiedliche Lektüren gibt wie Leser, und keine davon wäre richtiger oder falscher als irgendeine andere. Auch wenn man, wie ich, den Proust nach 400 Seiten in Swanns Welt erschöpft weglegt und niemals wieder aufgreift, ist das keine defizitäre oder minderwertige Proustlektüre, sondern eben meine individuelle Erfahrung mit diesen Büchern.

Ich kann daher in Lothar Strucks Lamento nicht mit einstimmen, der beklagt, dass die Literaturkritiker des sogenannten Literaturbetriebes die Bücher, die sie besprechen, alle nicht zu Ende lesen würden, sie würden nicht genug am Text kleben, stattdessen mehr Porträts, Interviews usw., also tendenziell leichtverdaulichen Leserabholungsstoff liefern. Für mich liefern die alle erstklassigen Paratext, das ist mir tausendmal lieber als die haarkleine Nacherzählung irgendwelcher Plots, ja, die Plotnacherzählung ist der Teil einer jeden Literaturkritik, den ich verlässlich überspringe, einfach weil mich das zu sehr langweilt, und wenn die Rezension aus nichts anderem besteht als aus solcher Nacherzählung, dann weiß ich, oder glaube zu wissen, dass mir das in Frage stehende Werk wohl wenig zu bieten hat.

Mich interessiert wirklich die Botho-Strauß-Homestory: Wie öde, wie trostlos ist diese Uckermark wirklich? Wie redet der Botho mit seinen Nachbarn? Wie nimmt er seinen Tee oder haut er sich nachmittags auch schon mal einen Whisky rein? Das will ich von der Zeitung erfahren, die Straußschen Bücher lese ich dann im Zweifelsfall lieber selber, wenn mich der journalistische Paratext genug angeteast hat, und da ist es mir dann auch relativ, nein: völlig egal, wie weit der Journalist im neuesten Straußbuch gekommen ist, bevor er es weglegen musste, weil der Chefredakteur ihm schon wieder einen Stapel neuer Handke-, Hegemann- und Hoppebücher auf den Schreibtisch gehauen hat.

Denn da hat Struck ja recht, leider schlachtet er das viel zu wenig aus, wenn er den Sundermeier für die Worte kritisiert, der Blogger brauche Klicks und müsse demzufolge ständig liefern. Was für ein Unsinn, der Blogger braucht überhaupt nichts: im Gegensatz zum Journalisten oder zum Verleger hat der Blogger ja nichts zu verkaufen, er hat die absolute Freiheit, kann machen, was er will. Was dem Blogger fehlt, ist jemand, der ihm die Zugfahrkarte und ein Hotelzimmer in der Uckermark für die Botho-Strauß-Homestory bezahlt. Auch fehlt ihm der Türöffner: „Hallo, ich bin der Sowieso vom SPIEGEL oder von der FAZ“, damit ihn der Botho Strauß überhaupt reinlässt. Was ihm aber nicht fehlt, ist ein Boss, der fragt: „Wo bleibt der Artikel?“ Wenn mir zu Botho Strauß nichts einfällt, naja, dann schreib ich dazu halt nichts. Und wenn ich nach ein paar Seiten abbreche, dann kann ich das auch so hinschreiben und muss nicht so tun, als hätte ich das fertiggelesen. Klicks brauche ich jedenfalls keine, Klicks zahlen nicht meine Miete und mir sitzen auch keine Werbekunden im Nacken und fragen nach Klicks, das ist doch wunderbar, so kann ich so ausladend literaturtheoretische und fast übermäßig zitatgesättigte Einleitungen schreiben wie ich will, und keiner klopft mir auf die Finger. Aber mir scheint fast, ich bin ein wenig vom Thema abgekommen.

Es ging mir eigentlich um diesen einen Satz bei Struck, sein Postulat für eine ideale Literaturkritik: „Außerliterarische Bezüge sollten vernachlässigt werden.“ Der scheint mir einfach so fundamental falsch. Und wollte das illustrieren mit Kittlers Rede von den Rändern und Genettes Paratexten als Übergangszonen zwischen dem Inner- und dem Außerliterarischen. Die Wahrheit ist doch: Das Außerliterarische und das Innerliterarische bestimmen einander wechselseitig. Da aber das Außerliterarische für jedes Individuum völlig anders ausfällt, führt das zu jeweils völlig individuellen Lektüren, und nur an den Grenzen, den Schwellen oder Rändern, wird man im Glücksfall einen Fetzen der Wahrheit erhaschen. (So wie mir das bloße paratextuelle Preisschild am Ror-Wolf-Buch mitsamt Pressetext neulich alles mögliche über dieses Buch erzählt hat, ohne dass ich es gelesen oder überhaupt je in Händen gehalten hätte.) Eine total objektive und nur am reinen Text klebende Literaturkritik kann es daher überhaupt nicht geben, und wo sie dahin strebt, ist sie todlangweilig. Interessanter als der Text sind immer seine Ränder.

Turings Maschine

Während ich „Turings Kathedrale“ von George Dyson las, unterdrückte ich mehrfach den Impuls, hier direkt meine Gedanken und Bemerkungen dazu zu verbloggen, weil ich dachte, es sei klüger, das Buch erst zu Ende zu lesen, aber dann erwischte mich die Grippe und setzte mich außer Gefecht, und jetzt ist die Lektüre schon wieder so weit von mir weggerückt, dass es mir schwerfällt, meine Gedanken dazu noch einmal zu ordnen. Das nur zur Entschuldigung, falls die nachfolgenden Bemerkungen ein wenig chaotisch ausfallen sollten.

Es ist kein schlechtes Buch, ich habe es an einem Stück durchgelesen und mich kein bisschen dabei gelangweilt, und dennoch fällt mir jetzt vor allem erstmal Kritik ein, das fängt schon beim Titel an: „Turings Kathedrale“ heißt das Buch, dabei wird Alan Turing eigentlich nur am Rande gestreift, gerade mal eines von achtzehn Kapiteln ist Turing gewidmet, die anderen kreisen hauptsächlich um John von Neumann und die Rechenmaschine, die unter dessen Leitung ab 1949 am Institute for Advanced Studies (IAS) in Princeton gebaut wurde, und deren Rechnerarchitektur, die sogenannte Von-Neumann-Architektur, bis heute das Modell für sämtliche handelsüblichen Computer darstellt. Diese erstaunliche Tatsache ist schon alleine Grund genug, sich diese Episode aus der Gründerzeit des Computerzeitalters genauer anzuschauen, und Dyson schildert das alles mit einer wundervollen Hingabe an anekdotische Details. Herrlich zu lesen, wie die ehrwürdigen Mathematikprofessoren am IAS alle die Nase rümpfen über so ein ordinäres Projekt wie den Bau einer Rechenmaschine, für das dann auch noch so ein niederes Volk wie Ingenieure mit ihren Vakuumröhren und Lötkolben in diesen heiligen Hallen der reinen Mathematik Einzug halten. Einzig die Persönlichkeit von Neumanns, der mit seinen Arbeiten zur Logik und Spieltheorie den Respekt der Kollegen erworben hatte, konnte das Projekt überhaupt ermöglichen, das macht Dyson sehr schön deutlich.

Gleichzeitig verschweigt er auch nicht, dass von Neumann den Rechner in erster Linie darum bauen wollte, weil ihm klar war, dass die Wirkung der geplanten Wasserstoffbombe allein mit menschlicher Rechenpower nicht mehr berechnet werden konnte und er gleichzeitig ein entschiedener Befürworter eines thermonuklearen Präventivschlags gegen die Sowjetunion war. Günter Hack hat ja kürzlich überzeugend dargelegt, dass das Internet von seiner Entstehung und seiner Struktur her nicht primär als militärisches System zu betrachten ist. Für den Computer als solchen muss man aber wohl das Gegenteil behaupten. Die Entstehung der ersten Computer scheint ohne Zweiten Weltkrieg und den direkt anschließenden kalten Krieg nicht denkbar. Auch Turings Colossus hatte ja einzig und allein die Aufgabe, verschlüsselte deutsche Funksprüche zu knacken, und von Neumanns IAS-Rechner sollte primär die Schockwellen der Wasserstoffbombe berechnen. Aber nicht nur seinem Zweck nach, sondern bis in die einzelnen Bauteile hinein war der IAS-Rechner ein Produkt des Krieges. Willis Ware, einer der am Rechnerbau beteiligten Ingenieure, wird von Dyson wie folgt zitiert:

„Immer wenn wir etwas Bestimmtes haben wollten, baten wir das Army Material Command, es für uns zu besorgen. Zu dieser Zeit waren aber auch Handlungsreisende unterwegs, die überschüssiges Kriegsmaterial aufkauften und dann versuchten, es anderswo loszuschlagen, und wir bekamen eine Menge Zeug auf diese Weise. […] Der Princeton-Rechner wurde aus den Überresten von Heeresgut gebaut. Wir setzten ein, was immer die Army uns überließ, und das hatte einen subtilen Einfluss auf die Bauweise der Maschine.“ (Dyson, S. 184)

Das ist natürlich – Stichwort „Missbrauch von Heeresgerät“ – Wasser auf meine Kittlermühlen, dass der Rechner, der zum Modell für alle folgenden werden sollte, nicht nur für den nächsten Krieg, sondern auch noch materialiter aus dem übriggebliebenen Militärschrott des vorhergehenden Krieges gebaut wurde. Andererseits macht Dyson aber auch klar, und das fand ich auch sehr interessant, dass der IAS-Rechner als Modell nur deswegen so erfolgreich werden konnte, weil von Neumann – durchaus zum Verdruss der anderen an dem Projekt Beteiligten – auf jede Art von Geheimhaltung oder die Anmeldung kommerziell ausschlachtbarer Patente verzichtete. Er betrachtete den Rechner als ein Werk der Wissenschaft, das von jedem Interessierten eingesehen und unlinzensiert nachgebaut werden durfte. Am Anfang der Erfolgsgeschichte des Computers stand also ein Open-Source-Projekt, das scheint mir bemerkenswert im Lichte der heutigen Entwicklungen, wo die milliardenschweren Software- und Hardwaregiganten das Innenleben ihrer Maschinen und Algorithmen immer mehr vom User abschirmen. Der User soll zahlen und usen, aber bloß nicht auf die Idee kommen, das Gerät selber zu programmieren oder den Algorithmus seinen individuellen Bedürfnissen anzupassen. Naja, dazu vielleicht ein andermal mehr.

Bei aller Fülle von Details, die Dyson liebevoll ausbreitet, bricht er leider häufig genau da ab, wo es wirklich interessant zu werden droht. Etwa wenn er wie beiläufig erwähnt, dass während die Ingenieure noch nach den geeigneten Bauteilen suchten, von Neumann und Herman Goldstine schon die Maschinensprache entwickelten. Da wüsste man jetzt gerne mehr darüber: Wie entwickelt man eine Maschinensprache, wie bringt man einem Haufen verdrahteter Röhren und Schaltkreise diese Sprache dann bei, wie umfangreich ist das Vokabular dieser Sprache und ist die von Goldstine und von Neumann entwickelte Maschinensprache auch heute immer noch dieselbe, die in meinem Laptop läuft? Leider nichts dazu bei Dyson, schade, wenn da jemand weiterführende Literaturtipps für mich hätte, wäre ich dankbar.

Desweiteren neigt Dyson zum Teil zu recht wolkigen Metaphern, was ich gerade auf dem Gebiet der Computertechnik für gefährlich halte. Zum Beispiel, wenn er im Vorwort schreibt, das Internet ließe sich „nach wie vor als eine Ansammlung vieler Turingmaschinen auffassen, die sich einen unendlichen Papierstreifen teilen.“ (S. 11) Ist das wirklich so? Ich bin mir nicht sicher, aber mir scheint das falsch zu sein. Erstens ist die Menge der per Internet miteinander verbundenen Schaltkreise zwar riesig, aber nicht unendlich. Und zweitens ist doch eine Turingmaschine definiert als ein Lese- und Schreibkopf, der auf einem Papierstreifen nach bestimmten Regeln hin- und herfahren kann. Wenn auf dem Papierstreifen jetzt plötzlich ganz viele solcher Köpfe herumfahren, dann kommen die einander doch in die Quere, der eine löscht, was der andere geschrieben hat, die Köpfe kollidieren etc., Ergebnis müsste Chaos sein, was als Metapher vielleicht das Internet ganz gut beschreibt, aber mit dem streng logischen Aufbau einer Turingmaschine scheint mir das nichts zu tun zu haben.

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Geradezu verliebt ist Dyson in die Metapher vom „digitalen Universum“, das er von der realen Analogwelt scharf abgrenzt. Auch hier muss man doch sagen: falsch. Die Computer sind doch Teil der ganz normalen Welt, das sind im Grunde ganz normale physikalische Prozesse, die in diesen Maschinen ablaufen. Das Postulat eines von der Normalwelt völlig entkoppelten, digitalen Paralleluniversums ist von Grund auf so verkehrt, dass es auch in bloß metaphorischem Gebrauch nur in die Irre führen kann.

Obwohl das Buch, wie gesagt, dem Kreis um John von Neumann viel mehr Aufmerksamkeit widmet als Alan Turing, stellt sich beim Leser am Ende paradoxerweise das Gefühl ein, dass Turings Beitrag zur Entstehung des Computers der entscheidendere gewesen ist. Mit dem Aufsatz „On Computable Numbers“ legte er die theoretische Grundlage, ließ es aber dabei nicht bewenden, sondern war aktiv an der Realisierung der Idee einer Universalmaschine beteiligt. Die äußerst restriktive Geheimhaltung der britischen Behörden in Bezug auf das ganze Unternehmen in Bletchley Park macht es bis heute schwierig, Turings Leistungen in vollem Umfang zu erkennen und zu würdigen. Die haben sogar – ich konnte es nicht fassen, als ich es las – alle Colossus-Maschinen 1946 zerstört, aus Geheimhaltungsgründen, was für ein Wahnsinn. Erst 1970 erfuhr die Welt, dass diese Maschinen überhaupt je existiert und auf den Verlauf des Zweiten Weltkriegs entscheidenden Einfluss gehabt hatten.

So bleibt die Geburtststunde des Computers weiterhin mit vielen Fragezeichen behaftet, auch das liest sich bei Dyson eher beiläufig:

„Das Ausmaß der direkten Zusammenarbeit zwischen Turing und von Neumann bleibt unbekannt. […] Turing hielt sich von November 1942 bis März 1943 in den Vereinigten Staaten auf, von Neumann war zwischen Februar und Juli 1943 in England. Bei beiden Aufenthalten handelte es sich um Geheimmissionen; amtliche Aufzeichnungen über Kontakte zwischen den beiden Pionieren in der Kriegszeit sind nicht vorhanden.“ (Dyson, S. 375)

Computer, Kriege und Geheimdienste: die drei Dinge scheinen von Beginn an unentwirrbar miteinander verflochten. Wenn man sich das klar macht, wundern einen die heutigen Vorgänge nicht mehr so sehr.

Die Fetischisierung der Papierschnipsel

Eine ehemalige Arbeitskollegin, die meinen Hang zu Büchern und zur Literatur teilte, fragte mich mal, ob ich Ror Wolf kenne. „Ach, mein Onkel Ror…“, antwortete ich und konnte sie mit ausgedachten Anekdoten über diesen meinen berühmten Onkel mehrere Stunden lang in dem Glauben lassen, ich sei wirklich der Neffe des Schriftstellers. Sie glaubte mir jedes Wort, egal wie grotesk meine Geschichten waren, ich musste schließlich auflösen. Natürlich bin ich nicht verwandt mit Ror Wolf, aber ich mag seine Bücher, sein geniales Hörspiel „Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika“ hat gewissermaßen mein Leben verändert, und seine Raoul-Tranchirer-Enzyklopädie ist ein würdiger Nachkomme der Aufsätze des Fritz Kocher meines geliebten Robert Walser. Was läge also näher, als dass ich mir sein neuestes Buch „Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben“ auch kaufte? Natürlich, alles klar, wunderbar, nichts wie her damit, aber hoppla: Da wäre noch der Preis: 298 € für ein Werk von 280 Seiten, Subskriptionspreis bis zum 16.03. wohlgemerkt, danach 348 €. Was ist denn da los?

Auf der Verlagshomepage von Schöffling & Co. löst sich das Rätsel auf, es handelt sich nämlich nicht einfach um ein schnödes Buch, wie man da lesen kann, sondern um ein

[…] Werk der Buchkunst, gefertigt bei ersten Adressen der Druckkunst und der Buchbinderei. In den Handel gelangen 250 Exemplare der in Ganzleinen gebundenen, streng limitierten Ausgabe, die nummeriert und von Ror Wolf signiert, im bezogenen Schuber geliefert wird. Dieser Ausgabe beigegeben ist eine versiegelte und mit dem Raoul-Tranchirer-Stempel verschlossene Pergamintüte, die Schnittmaterial aus der Collagenproduktion von Ror Wolf enthält – jeder Band wird so zum Original und gewährt einen einmaligen Blick in die Werkstatt des Künstlers. Der Band wird fadengeheftet, mit durchgefärbten Vorsätzen ausgestattet, in weinrotes Leinen gebunden und mit Kopfsprengschnitt versehen. [Link]

Bei aller Liebe zu Büchern aus Papier, für ein paar Euro mehr gerne auch fadengeheftet, aber da hätte ich jetzt doch lieber ein trashiges Taschenbuch oder gleich ein E-Book. Ich meine: „Kopfsprengschnitt“ – was soll das überhaupt sein, das klingt ja fürchterlich, da sprengt es einem ja förmlich gleich selber den Kopf. Und durch ein paar von Ror Wolf selbst geschnipselte Papierschnipsel wird jedes Exemplar zu einem Original? Das ist zuviel für mich, hier wird der Papierbuchfetisch in ein so überkandideltes Extrem getrieben, dass ich mich plötzlich gezwungen fühle, meine alten Vorbehalte gegen unnummerierte und nicht signierbare Digitalbücher nochmal zu überdenken.

Natürlich weiß ich, dass es von dem Buch wahrscheinlich in einem Jahr eine normal gebundene Ausgabe ohne den ganzen Schnickschnack geben wird, und vielleicht noch ein Jahr später ein Taschenbuch, das ich mir dann auch leisten kann. Bis dahin habe ich noch genug zu lesen, ich werde nicht in Bedrängnis kommen, das kann ich locker abwarten. Trotzdem nervt mich dieser Papierschnipselunikatsexzess, weil er in meinen Augen gegen das Grundprinzip des gedruckten Buches verstößt. Das gedruckte Buch ist einfach von seiner ganzen Idee her kein Unikat. Anders als Ölgemälde oder Skulpturen kauft man sich Bücher nicht aus dem Grund, um etwas zu besitzen, das kein anderer Mensch auf dem Planeten besitzen kann. Man kauft sie, um sie zu lesen und sich im Idealfall mit anderen Lesern, die denselben nichtprivilegierten Zugang zu dem in Frage stehenden Buch haben, darüber austauschen zu können. Das ist die Kernidee des gedruckten Buches, das hat Gutenbergs Druckerpresse zu diesem weltverändernden Megaerfolg gemacht, und jetzt soll mir der grotesk überteuerte Preis für ein solches Buch plötzlich dadurch schmackhaft gemacht werden, dass nur ich und 249 andere Auserwählte dieses Meisterwerk edelster Buchbinder- und Druckhandwerkskunst genießen dürfen?

Künstliche Verknappung zum Zwecke der Auraerzeugung ist ein Konzept, das mir schon in der Fotografie gegen den Strich geht, wo ebenfalls hohe Preise dadurch gerechtfertigt werden, dass die Künstler sich selbst dazu verpflichten, von einem Bild nicht mehr als so und so viele Abzüge zum Verkauf anzubieten. Auch hier scheint mir das nämlich dem Wesen des Mediums entgegenzulaufen: Das Foto ist seiner Natur nach beliebig oft reproduzierbar, von einem Negativ kann ich im Prinzip so viele Abzüge machen, wie ich möchte. Aber anstatt das als unschätzbaren Vorteil gegenüber den alten Bildtechniken zu erkennen, bleibt man lieber innerhalb der Gesetzmäßigkeiten des alten Marktes: Teuer ist, was knapp ist, am teuersten das Einzigartige, das Unikat.

Das Ziel, dem Ding durch die künstliche Verknappung und die Beilegung papierner Fetische eine enigmatische Aura zu verleihen, wird dabei leider total verfehlt. Ein paar Sammelfreaks können sich vielleicht an dem Gedanken ergötzen, dass diese Papierschnipsel in der gestempelten und versiegelten Pergamintüte wirklich der einzig wahre und echt individuelle Ror Wolf selber höchstpersönlich geschnippelt hat. Alle anderen sehen es als das, was es ist: Eine Lächerlichkeit.

Nicht lustig

Während ich heute morgen das Internet durchkämmte und versuchte, so genau wie möglich herauszufinden, was da in Paris eigentlich genau passiert war, was da wirklich stattgefunden hatte – was gar nicht so einfach war, weil einen Tag nach dem Ereignis eine Schilderung der eigentlichen Vorgänge schon gar nicht mehr auf den Startseiten der Zeitungen zu finden war, alles war schon Kommentar, Einschätzung, Einschätzung der Einschätzung der anderen, TV-Kritik, Reaktionssammelei undsoweiter – da fiel mir plötzlich ein, wie ich einmal in der Frankfurter Kneipe „Zum Tannenbaum“ saß, Jahre her, damals durfte man noch rauchen in der Kneipe, und plötzlich die gesamte Redaktion der Titanic reinkam und sich am Nebentisch niederließ. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel, aber es war da gar nichts Interessantes zu beobachten. Die saßen einfach an ihrem Tisch, tranken ihre Biere und redeten ganz normal miteinander. Das Auffälligste waren ihre ernsten Gesichter, niemand riss Witze, keiner verdrehte Worte oder schnitt lustige Grimassen, keiner lachte, nicht mal ein Lächeln, die schauten alle drein wie sieben Tage Regenwetter. Hätte ich es nicht gewusst, wäre ich nie draufgekommen, dass das Deutschlands durchgeknallteste Satiriker sein sollten. Es waren Typen wie du und ich, die normalsten Heinis, die man sich vorstellen kann.

Und ich weiß gar nicht, was ich damit eigentlich sagen will, Charlie Hebdo ist nicht die Titanic, und die Jungs, die damals mit mir im Tannenbaum saßen, leben alle noch. Aber lustig ist es nicht mehr. Wenn Possenreißer ihre Witze nur noch unter Polizeischutz machen können, dann hat der Spaß ein tödliches Loch.

Pfennigfuchser

Was soll uns der Pfenning,
wann wir nimmer sein?
(Hoffmann v. Hoffmannswaldau)

Denke in letzter Zeit fortwährend an meine Schulzeit, vor allem die Grundschulzeit zurück. Dinge, die jahrelang, jahrzehntelang irgendwo im Hirn vergraben waren, treten plötzlich wieder an die Oberfläche des Bewusstseins. Wie wir eine Lehrerin in den Wahnsinn trieben mit dem von allen selbstverständlich und ausnahmslos im Schreiben wie im Sprechen verwendeten Wort „Pfenning“. Dieses Wort gebe es nicht, es sei kein deutsches Wort, überhaupt kein Wort sei das, es heiße „Pfennig“, ob wir nicht einfach mal lesen könnten, was auf diesen Münzen draufsteht, ob da irgendwer ein drittes „n“ erkennen könne, und sprechen müsse man das sogar „Pfennich“, wann wir das endlich kapieren würden, das sei doch wirklich nicht so schwer zu begreifen. Ich sehe den Schulfreund verschwommen vor mir, erinnere mich aber nicht mehr seines Namens, mit dem ich auf dem Schulhof verabredete, auch in der nächsten Mathestunde, wo wir irgendwelche Geldbeträge in andere Geldbeträge umrechnen würden, wieder Pfenning zu sagen, so oft Pfenning zu sagen, bis sie wieder durchdrehen solle. Vermutlich zogen wir das nicht durch, ich weiß es nicht mehr, hier bricht die Erinnerung ab, und heute sieht mir das Wort „Pfennig“ schon ganz seltsam aus, ganz fremd, tatsächlich wie ein Wort, das aus der Sprache gezogen wurde wie die Münzen aus dem Verkehr. Heute heißt das Cent, gleich geschrieben und ausgesprochen vom höchsten Norden bis zum tiefsten Süden. Ein Problem weniger.

(Ich glaube, auch die in meiner Kindheit vollkommen gängigen Worte „Zehnerl“ und „Fuchzgerl“ haben sich nicht auf die entsprechenden Centmünzen übertragen, so wie ich auch hier im Norden niemanden mehr das Wort „Groschen“ sagen höre. Ein Titel wie „Dreigroschenoper“ wird wohl in nicht allzu ferner Zukunft den Leuten wie die surrealste, unverständlichste Wortschöpfung vorkommen.)