20.05.2015 – Der Grashüpfer

Heute morgen, ich war noch gar nicht richtig erwacht, da sah ich auf dem Balkon einen Grashüpfer, winzig klein krabbelte er vor mir über den Tisch, er musste eben erst geschlüpft sein, ein ganz zartes, helles Grün, fast transparent. Mit seinen im Verhältnis zur Körpergröße übermäßig lang erscheinenden Fühlern tastete er wie mit einem Blindenstock das vor ihm liegende Gelände ab. Als er an der Tischkante ankam, zögerte er, hielt für einige Sekunden inne, während er mit den Fühlern weiterhin die Kante und das dahinter liegende Nichts bestrich. Dann sprang er ab, landete sicher auf dem Boden und krabbelte sofort weiter. Ich beobachtete ihn noch ein bisschen, wie er traumwandlerisch an den Spinnennetzen vorbeimanövrierte, die ihm wohl zur Todesfalle hätten werden können. Vermutlich ist es ein großes Unglück für ihn, ausgerechnet auf meinem verspinnwebten Balkon geboren zu sein, dachte ich. Denn selbst wenn er den Sprung nach unten wagte, erwartete ihn dort ja auch nur eine Asphaltwüste, aber ein Grashüpfer braucht doch ein Gras zum Leben, der heißt ja nicht zum Spaß so. Andererseits: Wenn Grashüpfer nicht in der Stadt auch leben könnten, dann wäre dieser ja nicht hier. Ich ging wieder hinein. Als ich später noch einmal nachsah, war vom Grashüpfer keine Spur mehr zu entdecken.

(aus der Reihe: „Der Monotonie Nuancen abringen“)

18.05.2015

Ich meide Friseurläden, die montags zu haben. Friseurläden, die montags zu haben, sind gefährlich, das sind so aus der Zeit Gefallene, wenn man Pech hat, läuft man da mit einem 80er-Jahre-Schnitt wieder raus, oder mit noch Schlimmerem. Ich gehe oft an einem Friseurladen vorbei, in dessen Schaufenster ein Schild klebt: „Nur Friseure können, was Friseure können.“ Den müsste man mal logisch auseinandernehmen, das changiert seltsam zwischen Tautologie und Paradoxon, aber lassen wir das. Hinter diesem Schaufenster sitzt immer eine Frau auf einer Art Barhocker und schaut in einen Computer, auf dem sie Solitaire spielt. Ich habe sie noch nie Haare schneiden gesehen. Niemand betritt je diesen Laden. Eine Tragödie natürlich. Sie kann offenbar etwas, was nur Friseure können, aber niemand will das mehr haben. Einsam sitzt sie da und schiebt die Solitairekarten über ihren Bildschirm. Heute natürlich nicht, denn heute war ja Montag, da hat sie natürlich zu. Ob sie montags, wenn sie frei hat und zuhause sitzt, ob sie da wohl auch Solitaire spielt? Ach, egal, jedenfalls war ich heute beim Friseur, denn ich gehe immer montags zum Friseur, um ganz sicher zu sein, dass ich bloß ja bei keinem lande, der montags etwa zu hat. Ich hasse sowieso Friseurbesuche, aber die heute war okay, eine Spanierin, wie ich aus ihrem Akzent schloss, konnte kaum deutsch, schnitt mir schweigend und konzentriert die Haare, während am Nachbarstuhl nur so geschnattert wurde. Ich glaube, die Spanierin war genauso froh, dass ich die Schnauze hielt, wie ich vice versa froh war über ihre Schweigsamkeit. Der Bullshit, den sich Friseure den ganzen Tag über anhören müssen, das ist ja das pure Grauen.

Abends kochte ich eine Paella und zwar strikt nach Wikipedia. Wenn man die Basics des Kochens beherrscht, Mengenverhältnisse und Garverhalten der beteiligten Zutaten ungefähr selber einschätzen kann, dann ist, gerade für so traditionelle Gerichte, Wikipedia das bessere Kochbuch als die jeden Kochschritt exakt vortaktenden Bücher der Meisterköche mit ihren jeweiligen Individualspleens.

Und alle reden seit drei oder fünf Jahren über die Zukunft des Printjournalismus, aber über die Zukunft der Montags-zu-Friseure oder der Paella-Kochbuchautoren redet keiner.

The Bletchley Circle

Das Problem von Netflix besteht, wie so oft, nicht in der Menge oder Qualität der zur Verfügung gestellten Inhalte, sondern in deren Strukturierung und Zugänglichmachung. Man kann nämlich nicht den Gesamtkatalog aller dort streambaren Filme und Serien aufrufen [oder bin ich nur zu blöd, um den richtigen Knopf zu finden?], sondern bekommt immer nur eine Teilauswahl vorgeführt, basierend auf Kriterien von allgemeiner Beliebtheit und angenommenen persönlichen Vorlieben. Nun denkt Netflix natürlich, aufgrund meiner kürzlich unternommenen Superheldenforschungen, ich sei vor allem an hollywoodeskem Blockbusterkino interessiert, mit besonderem Augenmerk auf Typen in hautengen Anzügen. Das trifft es jetzt leider nur zum Teil, aber zum Glück gibts ja Twitter. Da hat vor Monaten mal jemand, ich weiß gar nicht mehr wer, auf die britische Mini-Serie „The Bletchley Circle“ hingewiesen, und das blieb mir irgendwie hängen, weil ich mich damals gerade mit Alan Turing und John von Neumann beschäftigte. Und siehe da: Wenn man das bei Netflix als konkreten Suchbegriff eintippt, dann taucht das auch aus den Untiefen von deren Datenbank auf. Die haben also offenbar viel mehr im Angebot, als die Empfehlungsalgorithmen einem in den Vordergrund spülen.

Die Serie handelt von vier Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs in Bletchley Park als Codebreaker gearbeitet haben, dort einen nicht geringen Beitrag zum Sieg der Alliierten leisteten, nun aber, nach Kriegsende, zu absoluter Verschwiegenheit über ihre Kriegstätigkeit verpflichtet sind. Selbst die Ehemänner ahnen nichts über diesen Teil ihrer Vergangenheit. So muss insbesondere die Hauptfigur Susan ein Leben als braves Hausmütterchen führen und niemand weiß etwas über ihre Ausnahmebegabung für das Erkennen verborgener Muster und das Knacken kompliziertester Codes. Herablassend belächelt der Gatte ihre Vorliebe für die Logikrätsel in der Zeitung.

Natürlich glaubt ihr niemand, als sie in einer Reihe von Frauenmorden in London ein Muster zu erkennen glaubt, das zur Identifizierung des Täters führen könnte, also trommelt sie ihre alten Freundinnen aus Bletchley Park zusammen und zu viert beginnen sie, auf eigene Faust zu ermitteln. Das birgt natürlich einiges an Spannungspotential, ich will da jetzt auch gar nicht zuviel verraten, interessanter als die reine Kriminalgeschichte scheinen mir sowieso zwei andere Aspekte: Erstens das Porträt der sehr patriarchal strukturierten Gesellschaft im unmittelbaren Nachkriegs-England aus Frauenperspektive. Ohne irgendwie belehrend zu wirken oder mit feministischem Moralzeigefinger zu winken, wird hier eine Welt gezeigt, in der es problemlos durchgeht, dass ein Mann seine Frau verprügelt. Auch der andere, grundsätzlich als sympathisch charakterisierte Ehemann, verlangt von seiner Frau ganz selbstverständlich, dass sie die Rolle als Heimchen am Herd spielt, und kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass diese noch über andere außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen könnte, die über das Lösen von Zeitungsrätseln hinausgingen. Neben der Kriminalgeschichte wird hier ganz nebenbei das Drama einer Gesellschaft erzählt, die – wenn nicht gerade ein Weltkrieg herrscht – das Potential der Hälfte ihrer Mitglieder ungenutzt verkümmern lässt.

Der zweite Aspekt, der mich fasziniert hat, waren die Ermittlungsmethoden dieser Frauen. In dieser computerlosen Welt der 50er Jahre tun sie auf analoge Weise das, was sie in Bletchley Park gelernt haben: Sie sammeln Daten, auch solche, die erstmal völlig irrelevant erscheinen, und werten sie systematisch aus, sie denken und arbeiten wie ein Computer, das unterscheidet ihre Methode grundsätzlich von derjenigen der Polizei. So können sie zum Beispiel einmal eine Liste von über fünfzig Zügen, die der Täter benutzt haben könnte, auf einen einzigen eingrenzen, weil sie für einen der Mordtage eine Unregelmäßigkeit im Fahrplan entdecken, die alle anderen Linien ausschließt. Auf die Idee wäre die Polizei nie gekommen. Mehrfach denkt man, wenn man sieht wie die vier sich durch Berge von Akten, Fahrplänen und anderen Papieren wühlen: Das wären heute ein paar Mausklicks. So ist das nebenbei auch eine schöne Studie über die Brisanz von Metadaten. Wer denkt, ein Geheimdienst, der den Inhalt der Mails nicht liest sondern nur festhält, wann ich an wen etwas sende, der wüsste eigentlich gar nichts über mich, ist ein Narr.

Nach den ganzen amerikanischen Serien, die ich in letzter Zeit studiert habe, war es übrigens wahnsinnig angenehm, mal wieder ein gepflegtes British English zu hören. Schade, dass die Serie so kurz ist und allem Anschein nach auch nicht mehr fortgesetzt wird. Aber es muss ja auch nicht immer die volle Epikbreite ausgewalzt werden.

 

Der Autor ist tot, es lebe der Superheld

Die Richtigkeit von Barthes’ These vom Tod des Autors ist nirgendwo deutlicher zu beobachten als im Superheldengenre. Wer ist der Autor von Batman? Eine Frage, die unmöglich zu beantworten ist. Seit der Erfindung der Figur vor 75 Jahren haben sich unzählige Schreiber, Zeichner, Regisseure, Schauspieler an der Figur und ihrem Universum abgearbeitet, und sie werden es weiter tun. Palimpsestartig legt sich Schicht über Schicht, die Schichten beziehen sich aufeinander und haben dennoch eine Geltung und Existenz für sich, die Grenze zwischen originärer Schöpfung und kommentierender Interpretation hat sich längst aufgelöst, existiert nicht mehr. Immer wieder muss Batman zurückkehren, immer wieder muss er den Joker bekämpfen. Eine finale Version, die diesen ewigen Kampf ein für allemal beenden würde, ist nicht vorstellbar. Um sich zu vergegenwärtigen, welche unendlich vielfältigen Möglichkeiten ein solches autorloses Palimpsestverfahren bietet, muss man nur mal die Batman-Serie von 1966 mit Adam West vergleichen mit der Dark-Knight-Trilogie von Christopher Nolan: Hier eine beständig sich selbst parodierende Tagfigur in überdeutlich ihre Kulissenhaftigkeit ausstellender Szenerie – legendär die bei jedem Faustschlag eingeblendeten Schriftbilder „BANG“, „POW, „ZACK“, die die Herkunft aus dem Comic betonen; schade eigentlich, dass sich dieses Stilmittel nicht durchsetzen konnte. Und dort, bei Nolan, eine von Selbstzweifeln zerfressene Nachtgestalt, immer von der Möglichkeit bedroht, ihr vermeintlich gutes Handeln könne in Wahrheit genauso fatal sein wie das ihrer bösartigen Widersacher. Was ich sagen will: Die prinzipielle Autorlosigkeit des Batman-Universums setzt unglaubliche kreative Energien frei, ermöglicht ungeahnte Abwandlungen und Variationen des Grundthemas, wie sie bei Asterix zum Beispiel, wo der Über-Autor Uderzo auch noch nach seiner eigenen Abdankung über jeden Pinselstrich wacht und nur von ihm ausgewählte Erben überhaupt autorisiert sind, die Heftreihe weiterzuführen, eben nicht möglich sind.

Womit nicht gesagt sein soll, dass im Superheldengenre nicht auch ein undurchschaubares Dickicht aus Urheberrechten und Lizenzkämpfen herrscht. Aber – vermutlich wegen der allgemein angenommenen Niedrigkeit des Genres – besteht eine Übereinkunft über die prinzipielle Möglichkeit, dass eine Vielzahl von Künstlern sich ein- und derselben Figur und ihrer Welt bemächtigt, und solange alternative Varianten ihrer Geschichte erzählt werden, bis keiner mehr weiß, was „das Original“ sein soll, bis die Frage nach dem Original gänzlich ihren Sinn verloren hat, genau wie die Frage nach dem „eigentlichen“ Autor und seinen vermeintlichen Intentionen. Im Grunde ist das ein antikes Verfahren, schon Aristoteles sagt ja in der Poetik, wenn ich mich recht erinnere, die Tragödie müsse immer einen bereits bekannten mythischen Stoff verarbeiten. Sophokles ist nicht der Erfinder der Ödipusgeschichte. Mehr oder weniger zufällig hat gerade seine Version des Stoffs die Zeiten überdauert und erscheint uns deshalb heute als die „gültige“ Variante.

Es ist sinnvoll, sich diese Zusammenhänge nochmal zu vergegenwärtigen, denn eigentlich will ich ja über die Netflix-Serie „Daredevil“ schreiben, muss aber vorher dazusagen, dass mir Daredevil ausschließlich über diese Serie bekannt ist. Ich wusste vorher nichts über diese Figur, habe bislang keine ihrer Präfigurationen im Comic gelesen und auch die (allgemein als misslungen bewertete) Verfilmung von 2003 nicht gesehen. Mir entgeht also womöglich eine ganz wichtige Dimension der Serie, nämlich wie sie sich zu ihren Vorläufern verhält, sich auf sie bezieht, wo sie von ihnen abweicht und bewusst eigene Akzente setzt. Aber jetzt zur Sache.

Allen Superhelden gemeinsam ist das Motiv der zwei Identitäten: Superman ist Clark Kent, Batman Bruce Wayne, Spiderman ist Peter Parker. Genauso auch Daredevil: Im bürgerlichen Leben ist er der Rechtsanwalt Matt Murdock. Dieser Beruf ist schon das erste sehr interessante Motiv an der Daredevilfigur, denn während bei Superman, Batman, Spiderman usw. die bürgerlichen Identitäten sich sehr stark vom Treiben unter der Maske unterscheiden (Spidermans Alter Ego Peter Parker etwa ist ein schüchterner, schmächtiger Schüler, ein Nerd), macht Daredevil in beiden Identitäten im Grunde das Gleiche: Er kämpft für Recht und Ordnung, in der Anwaltskanzlei und maskiert auf der nächtlichen Straße. Diese Ausgangslage ermöglicht sehr interessante dramaturgische Konstellationen, denn einerseits hat er es bei Tag und bei Nacht mit denselben Fällen zu tun, die Schurken, die er nachts jagt, verteidigt er womöglich am nächsten Morgen vor Gericht – andererseits muss er als Anwalt besser als jeder andere wissen, dass sein nächtliches Treiben illegal ist, dass es eine unerhörte Anmaßung darstellt, wenn er sich als einsamer Rächer über das Gesetz stellt und also Selbstjustiz betreibt, den Outlaws, die er bekämpft, also prinzipiell gleichzustellen ist. Die daraus resultierenden moralischen Dilemmata bestimmen wesentlich den Fortgang der Serie.

Die zweite hervorstechende Eigenschaft von Matt Murdock alias Daredevil ist seine Blindheit. Während normalerweise der Superheld mit einer oder mehreren über das Menschliche hinausgehenden Extrafähigkeiten ausgestattet ist, ist Daredevils Abweichung vom Normalmenschen zunächst einmal ein Mangel, ihm fehlt etwas, das die meisten Menschen haben: Er kann nicht sehen. Diesen Mangel kompensiert er, wie alle blinden Menschen, mit einer Schärfung aller verbleibenden Sinne: Er kann wahnsinnig gut hören, riechen, nimmt jeden Windhauch überdeutlich wahr. Diese Fähigkeiten sind bei ihm nun aber deutlich stärker ausgeprägt als bei normal Blinden, wofür wohl auch die giftige (radioaktiv verstrahlte?) Flüssigkeit, die ihn als Kind erblinden ließ, verantwortlich gemacht wird, wie in der Serie angedeutet, aber nicht näher ausgeführt wird. Er läuft also tags mit schwarzer Brille und Blindenstock herum, kann sich aber in Wahrheit perfekt im Raum orientieren und beherrscht die verrücktesten Kampfkünste. Auch ohne seinen Gegner zu sehen, weiß er immer, wo dieser steht, von wo eine Faust auf ihn zuschnellt usw.

Murdocks Blindheit hat weitreichende Konsequenzen für die Bildästhetik der Serie: Ich glaube, es ist das düsterste, im Wortsinn dunkelste Stück, das ich je im Fernsehen gesehen habe. Dunkelgelbe Lichtflecken vor pechschwarzem Hintergrund sind das bestimmende bildliche Grundmotiv, das im Lauf der Serie durch alle möglichen Variationen getrieben wird. Murdock, der logischerweise kein Licht anmacht, wenn er einen Raum betritt, wird durchs Fenster schwach von der Straßenlaterne beleuchtet. Das ist grandios gemacht, denn es korrespondiert einerseits zur düster-pessimistischen Grundhaltung der Geschichte – das Böse hat seine Finger überall mit drin, Korruption, Betrug, Mord sind allgegenwärtig, hinter jeder Straßenecke tut sich ein Abgrund auf – und andererseits ermöglicht das eine sehr comichafte Ästhetik, die aber gleichzeitig durch Murdocks Blindheit eine realistische Erdung erfährt. Auf diesem schmalen Grat zwischen knallhartem Realismus und comichafter Überzeichnung balanciert die Serie wirklich meisterhaft. Und, ach ja, das wollte ich auch noch sagen: Natürlich ist das Format „Fernsehserie“ für die Comicadaption eigentlich viel geeigneter als das Format „Kinofilm“, das hatte ich nach all den ja auch zum Teil sehr guten Superheldenfilmen schon fast vergessen. Die prinzipielle Fortsetzbarkeit und Fortschreibbarkeit, der Einsatz von Cliffhangern als wichtiges Stilmittel, auch der Verschleiß einer wahren Überfülle an Personal – das sind alles Merkmale, die die TV-Serie mit dem Comic teilt, vom Kinofilm aufgrund seiner Abgeschlossenheit und Begrenztheit auf maximal drei Stunden aber kaum oder gar nicht übernommen werden können. Man kann also schon mal gespannt sein auf die zweite Staffel, die nächstes Jahr folgen soll. In der Zwischenzeit kann ich mir ja vielleicht mal die Comics zu Gemüte führen, um mein Bild von Hell’s Kitchen zu komplettieren. (Auch ein sehr schöner Zug übrigens, um das Oszillieren zwischen Realismus und Märchenhaftigkeit zu illustrieren: Daredevil spielt in New York, im Stadtteil „Hell’s Kitchen“. Dass der Teufel nun ausgerechnet in der Höllenküche sein Unwesen treibt, erschien mir klar als Fiktion, als comicmäßig plakative Überzeichnung. Stellt sich aber heraus: Das New Yorker Viertel „Hell’s Kitchen“ gibt es wirklich.)

Ok, jetzt aber genug geredet, bevor man mich noch der Spoilerei anklagt. Sollte zufällig jemand jemanden kennen, der beim diaphanes-Verlag arbeitet: Ich bin jederzeit gerne bereit, das Booklet zu Daredevil zu übernehmen…

 

18.03.2015 – Die Mauer

[Vor einem Jahr mit dem Hans von der Flohbude verabredet, wir würden mal was über unsere Kindheit schreiben: er über seine im Osten, ich über meine im Westen. Was das bedeutet hat, der jeweils andere Deutsche zu sein, wie sich das angefühlt hat. Aber ich hab mich immer davor weggedrückt. Das Thema Osten, DDR, Kalter Krieg, deutsche Teilung – es drängt sich mir immer wieder auf und entzieht sich mir gleichermaßen, wie auch die folgende, ganz flüchtig hingeschriebene Notiz vom 18. März zeigt.]

Auf dem Weg zur DDR-Oma, Großmutter von Bernhards Nachbarin, die angeblich irgendwie aus der Zeit gefallen ist, das Ende der DDR nicht akzeptieren kann, in Zurückgezogenheit lebt und sich eine private Mini-DDR zurechtgebaut hat. Irgendwie so. Soll sie mit Bernhard zusammen im Café Oslo treffen, um 14.00 Uhr, um Genaueres herauszufinden. Am Gesundbrunnen stelle ich fest, dass die S-Bahn zum Nordbahnhof nicht fährt, muss den Schienenersatzbus nehmen, der aber auch nicht am Nordbahnhof hält. Ich frage einen Passanten, offenbar Türke, der rät mir, an der Bernauer Straße auszusteigen und von da ab mit der Tram, aber ich denke, von der Bernauer kann ich doch auch zu Fuß laufen. Verrückterweise geht der Fußweg genau entlang der Mauer-Gedenkstätte. Hier war ich noch nie, und ausgerechnet heute, wo man die DDR-Oma treffen soll, lande ich zufällig hier, laufe an originalen Mauerfragmenten (jetzt mit Denkmalsplakette versehen) entlang, zusammen mit Horden von Touristen, größtenteils Schulklassen. In den Bürgersteig eingelassen die Namen von Menschen, die offenbar an der Mauer den Tod fanden, auf der Flucht erschossen: vielleicht genau hier, gerade da, wo ich jetzt laufe, denke ich und kann es mir nicht vorstellen. Die Sonne scheint, die Schüler lachen. Hier soll ein Todesstreifen gewesen sein?

Im Café wartet der Bernhard schon, aber von der mysteriösen Oma keine Spur. An ihrem Dutt, so sei es am Telefon ausgemacht worden, würden wir sie erkennen. Hier im Café sind wir Vierziger schon die Ältesten, die andern eher so Twens, die in ihre MacBooks starren. Eine Oma, denke ich, ob mit oder ohne Dutt, würde sowieso sofort auffallen. Wir witzeln ein bisschen herum: Wenn die Oma nicht kommt, dann erfinden wir uns einfach unsere eigene Oma. „IM Dutt“, die mit dem Gewehr persönlich an der Mauer auf Flüchtige ballert. Reden dann bald über ganz andere Sachen, Baumhaushotel, Möglichkeit oder Unmöglichkeit eine nichtkonventionelle Galerie zu betreiben usw. Es ist jetzt drei, dass die Oma nicht mehr auftaucht, scheint abgehakt. Bernhard erzählt mir irgendwas, zeigt mir gleichzeitig was auf dem iPad, zufällig schaue ich auf, da steht, wie aus dem Nichts, eine alte Frau mit Dutt direkt vor unserem Tisch und schaut ein wenig ratlos suchend im Café herum. Ich stupse Bernhard an, zeige auf die Frau, Bernhard spricht sie an: „Sind Sie…?“ – „Ja, sind Sie!“, antwortet sie. Sie ist es. Schüttelt uns die Hände. Setzt sich.

Da wir selber von ihrem nicht mehr erwarteten Auftauchen völlig überrumpelt sind, gerät der Gesprächsbeginn etwas holprig, bzw. sie übernimmt sofort die Gesprächsführung: Warum wir denn gestern nicht im Deutschen Historischen Museum gewesen wären, da hätten wir was lernen können, alle seien da gewesen, die Gremien, alle ihr Alter, die die letzte DDR-Wahl gemacht hätten, sie selbst ja auch usw. Ich verstehe nur Bahnhof, wo soll man da anknüpfen? Ich bin erstmal nur verwirrt. Bernhard versucht es nochmal andersrum, das Gespräch in den Griff zu kriegen: Er sehe viele Parallellen zwischen seiner Jugend in der bayerischen Provinz und Gleichaltrigen, die in der DDR aufgewachsen seien: Eine wilde Jugend, das sei doch auch in der DDR möglich gewesen. Wieder verstehe ich ihre Antwort nicht richtig, aber sie klingt irgendwie mehr nach FDJ und Junge Pioniere als nach Wildheit und Freiheit. Bernhard fügt an, seine Eltern seien ja auch beide arbeiten gegangen, die Oma (Frau G. sollte ich jetzt eigentlich schreiben, sie hat sich ja mittlerweile vorgestellt), Frau G. also unterbricht ihn etwas harsch: „Ja, aber in ihr eigenes Portemonnaie! Entschuldigung, aber das muss ich doch mal sagen!“ Was meint sie damit? Ist die korrekte sozialistische Lesart nicht die, dass im Kapitalismus die Leute eben genau nicht fürs eigene Portemonnaie arbeiten, sondern der Hauptteil der geleisteten Arbeit nur kapitalistischen Ausbeutern zugute kommt, die sich privat bereichern, während andere ackern? Beziehungsweise, umgekehrt gefragt: In wessen Tasche arbeiteten denn die Leute in der DDR nach ihrer Meinung? Ich will nachfragen, aber ihr vom einen zum anderen hüpfender Redefluss lässt kaum Lücken, wo man einhaken kann. Während ich noch überlege, wie ich die Portemonnaie-Frage formulieren soll, ist sie schon ganz woanders. In Schönwalde habe sie früher gelebt, das liege hinter Spandau (Eiskeller, kältester Punkt Berlins!), habe da dies und das gemacht, später dann Berlin, alles sehr wirr, weder die Orte noch die Zeiten kriege ich klar geordnet aus ihrer Rede. Das sei doch sicher seltsam gewesen, frage ich, wenn man in Schönwalde lebt, direkt vor den Toren der Stadt Berlin, aber man kann da nicht einfach rein, denn das sei ja West-Berlin, und um nach Ost-Berlin zu kommen, habe man doch von Schönwalde aus einen riesen Umweg fahren müssen. Nein, erwidert sie lapidar. Natürlich sei sie nach Spandau reingegangen, na klar! Meint sie jetzt nach ´89? Oder vor ´61? Bevor man das durch Nachfragen klarkriegen könnte, ist sie schon wieder woanders, erzählt, wie sie mit ihrer Mutter Eier oder Pilze nach Westberlin hineingeschmuggelt hat, jetzt klar von der Zeit vor ´61 sprechend: Diese Eier habe sie immer verstecken müssen, weil die Mutter immer kontrolliert worden sei, und die hätten sie dann am Gesundbrunnen verkauft. – Für Westgeld? – Ja, Westgeld, das hätten sie aber meist an Ort und Stelle gleich wieder gegen andere Waren eingetauscht. Wäre jetzt auch wieder interessant gewesen, welche Waren das waren, aber es ist quasi unmöglich, fragend einzuhaken. Bevor ich etwas fragen kann, ist sie immer schon ganz woanders.

Jetzt plötzlich bei der Flucht, sie kommt eigentlich aus Breslau, sei mit fünf Jahren von dort geflohen, vor den Russen, habe das brennende Breslau gesehen und dann, auf der Flucht, auch noch das brennende Dresden. Derselbe Jahrgang wie meine Mutter, schießt es mir durch den Kopf: 1939 geboren, nichts als Krieg erlebt die ersten Lebensjahre, und dann, genau wie bei meiner Mutter, mit fünf Jahren die prägenden, unauslöschlichen Erinnerungen an Bombennächte, brennende Städte und Flucht. Bei meiner Mutter das brennende Jena, die Flucht allerdings erst vier Jahre später: raus aus der DDR, rüber nach West-Berlin.

Ob das nicht ganz zwiespältige Erfahrungen seien, frage ich: Erst vor den Russen fliehen, und dann ein paar Jahre später in der DDR ankommen und die Russen sind plötzlich das geliebte sozialistische Brudervolk? Ja, sehr zwiespältig, bestätigt sie, erzählt eindringlich, wie nachts auf der Flucht die Frauen immer in irgendwelchen Kornfeldern versteckt wurden, die Kälte, die Finsternis, und wie sie in ihrem fünfjährigen Hirn nicht verstanden habe, was das bedeute, wohl aber, dass es da um etwas Furchtbares ginge. Und im Flüchtlingslager in Neu-Ruppin eine Essensausgabe, ein russischer Soldat, der da Essen aus einem Fenster reichte, aber sie sei immer weggeschickt worden. Sie ahmt die Handbewegung des Russen nach: Geh weiter, du kriegst nix. Das habe sie ihr Leben lang nicht vergessen.

Plötzlich nochmal Zeitsprung, keine Ahnung, wie sie plötzlich darauf gekommen ist, wie da die Überleitung ging: Sie habe ja auch die Maueröffnung nicht miterlebt. Bernhard: „Wie gibt es das denn? Wo waren Sie denn da?“ Na, zuhause sei sie gewesen, von der Arbeit gekommen, habe den Fernseher angemacht, und dann wurde da der Genosse Schabowski mit einer Mitteilung angekündigt, und sie habe gedacht: „Nee, dit Arschloch guck ich mir jetzt nicht an!“, und habe den Fernseher ausgemacht. Am nächsten Tag – das berichtet sie jetzt mit unüberhörbar abschätzigem Unterton ­– seien dann alle ganz aufgekratzt herumgelaufen wie die aufgescheuchten Hühner, hätten auch sie gefragt: „Na, warste gestern ooch aufm Kudamm?“ Aber sie habe sich bloß gefragt, was mit denen nun los sei, ob die nun alle verrückt geworden wären.

Bernhard muss jetzt weg und ich ebenfalls, außerdem geht jetzt in mein Hirn auch nichts mehr rein. Bisschen schwierig, sich von ihr loszueisen, sie redet einfach immer weiter, offenkundig froh, einfach mal labern zu können. Dass sich überhaupt mal jemand für ihre Geschichten interessiert. Geht bestimmt ganz vielen alten Leuten so: Keiner hört ihnen zu, keiner will was wissen von diesen untergegangenen Ländern und Zeiten. Obwohl wir es anfangs beim Vorstellen schon gesagt hatten, nimmt sie erst jetzt erfreut zur Kenntnis, dass wir zwar aus Bayern stammen, aber doch in Berlin leben. Da sei sie aber froh, dass wir keine richtigen Bayern, sondern doch Berliner wären. Ich, ein Berliner?, durchzuckt es mich: In hundert Jahren nicht!

Zum Abschied strecken wir ihr die Hand hin, aber sie zieht beide Hände reflexartig zurück und in die Höhe: Nein, das mache sie nicht, habe zwar anfangs nicht gleich unhöflich sein wollen, aber nun, da wir uns kennen: Sie schüttle keine Hände. Seltsames Schlussbild, wie sie mit erhobenen Händen so da sitzt. Gehe mit Bernhard raus, sie bleibt im Café sitzen, ihre Tasse mit Grüntee ist ja immer noch ganz voll.

Schönwalde, wie ich jetzt auf Google-Maps sehe, war tatsächlich direkt an der Mauer gelegen. Das benachbarte Eiskeller, eine Exklave West-Berlins, war mit dem Rest der Weststadt durch einen Korridor verbunden. Schönwalde direkt dahinter, sie muss also diese Mauer täglich gesehen haben. Warum hat sie das nicht erwähnt, ist im Gegenteil unseren Fragen nach der Mauer immer ausgewichen? Die Mauer scheint das zu sein, worüber sie nicht reden kann, weil es das Bild vom paradiesischen Sozialismus stört. Ums Paradies hätte man keine Mauer bauen müssen, da wären die Leute auch freiwillig geblieben.

[Ich habe die Mauer nie gesehen, nie einen Fuß auf DDR-Boden gesetzt, kannte das alles nur aus dem Fernsehen. Als ich 1992 das erste Mal in Berlin war, war alles schon weggeräumt, so gründlich, als ob man jede Erinnerung an die Teilung einfach auslöschen wollte. Mit unserem Geschichtslehrer standen wir am Checkpoint Charlie und ich erinnere mich, wie er auf uns einredete, uns begreiflich machen wollte, wie das war, als genau hier, mitten in der Stadt, bewaffnete Soldaten eine Staatsgrenze bewachten. Und ich konnte es mir nicht vorstellen, damals nicht, und heute auch nicht.]

26.04.2015

Sonntagsausflug in die Kiesgrube im Grunewald, die offenbar von jedermann Kiesgrube genannt wird, obwohl es sich eigentlich um eine Sandgrube handelt, oder noch eigentlicher um eine riesige Grube im Wald, in deren Mitte sich ein Sandhügel ganz wie eine Düne erhebt, man kriegt fast Meeresgefühle dort, dabei ist nur ein kleiner sumpfiger Weiher da, aber das reicht schon, der feine Sand tut das übrige.

Am Eingang begrüßte uns gleich eine Eidechse, die in einem Erdloch hockte und sich seelenruhig betrachten ließ, sie blieb unbeweglich sitzen, bis auch die Kinder ihre Tarnung durchschauten und das Tierchen sahen. Glücklicherweise hatte ich das Tierbestimmungsbuch dabei: Eine Zauneidechse war das.

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Gespräch über Superheldencomics im Allgemeinen und Daredevil im Speziellen mit der Mutter und der Oma von C.s alter Kindergartenfreundin E., die auch dabei waren. Die Oma merkt an, das Superheldengenre sei doch so konservativ-reaktionär. Ich gebe ihr einerseits recht, andererseits ist das eben doch komplizierter, ich fange an zu labern, versuche zu erklären, zu explizieren, plötzlich merke ich: Huch, so genau wollen die das ja gar nicht wissen. Seit Wochen beschäftige ich mich jetzt mit dem Thema, habe Nolans Batman-Trilogie gesehen und Man of Steel, Watchmen nochmal als Comic gelesen, jetzt Daredevil als TV-Serie. Ich werde mal was dazu schreiben müssen, bin aber im Moment immer noch beim Sichten, und die Gedanken schwirren ungeordnet im Kopf herum. Vielleicht ein Grund dafür, Dinge aufzuschreiben: Man muss dann Leute nicht gesprächsweise vollmonologisieren. Bei mir immer schrecklich: Entweder ich sage gar nichts, der steinerne Gast, oder ich texte die Leute vollkommen rücksichtslos zu und kann nicht mehr aufhören zu labern.

(Zum neuen Buch von Klaus Theweleit habe ich bei Glanz & Elend etwas aufgeschrieben. Komisches Gefühl, auch im zweiten Anlauf, etwas für eine andere Plattform als das eigene Blog zu schreiben. Als wärs nicht ganz mein Text.)

20.04.2015

Die Geschäfte auf der Wilmersdorfer machen alle erst um 10.00 Uhr auf, außer Rogacki, die schon um 9.00 aufmachen, und Hugendubel um 9.30. Da ich um 9.20 Uhr schon auf der Wilmersdorfer war, ging ich also logischerweise als erstes zu Rogacki für eine geräucherte Forelle, danach zu Hugendubel, den ich mit zwei DVDs wieder verließ: „J. Edgar“ und „Man of Steel“.

J. Edgar Hoover und Superman – erst als ich die DVDs zuhause auspackte und auf den Tisch legte, fiel mir auf, wie verwandt diese beiden Figuren sind, dachte, dass ich die zwei Filme vielleicht nicht zufällig zusammen gekauft hatte.