26.04.2015

Sonntagsausflug in die Kiesgrube im Grunewald, die offenbar von jedermann Kiesgrube genannt wird, obwohl es sich eigentlich um eine Sandgrube handelt, oder noch eigentlicher um eine riesige Grube im Wald, in deren Mitte sich ein Sandhügel ganz wie eine Düne erhebt, man kriegt fast Meeresgefühle dort, dabei ist nur ein kleiner sumpfiger Weiher da, aber das reicht schon, der feine Sand tut das übrige.

Am Eingang begrüßte uns gleich eine Eidechse, die in einem Erdloch hockte und sich seelenruhig betrachten ließ, sie blieb unbeweglich sitzen, bis auch die Kinder ihre Tarnung durchschauten und das Tierchen sahen. Glücklicherweise hatte ich das Tierbestimmungsbuch dabei: Eine Zauneidechse war das.

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Gespräch über Superheldencomics im Allgemeinen und Daredevil im Speziellen mit der Mutter und der Oma von C.s alter Kindergartenfreundin E., die auch dabei waren. Die Oma merkt an, das Superheldengenre sei doch so konservativ-reaktionär. Ich gebe ihr einerseits recht, andererseits ist das eben doch komplizierter, ich fange an zu labern, versuche zu erklären, zu explizieren, plötzlich merke ich: Huch, so genau wollen die das ja gar nicht wissen. Seit Wochen beschäftige ich mich jetzt mit dem Thema, habe Nolans Batman-Trilogie gesehen und Man of Steel, Watchmen nochmal als Comic gelesen, jetzt Daredevil als TV-Serie. Ich werde mal was dazu schreiben müssen, bin aber im Moment immer noch beim Sichten, und die Gedanken schwirren ungeordnet im Kopf herum. Vielleicht ein Grund dafür, Dinge aufzuschreiben: Man muss dann Leute nicht gesprächsweise vollmonologisieren. Bei mir immer schrecklich: Entweder ich sage gar nichts, der steinerne Gast, oder ich texte die Leute vollkommen rücksichtslos zu und kann nicht mehr aufhören zu labern.

(Zum neuen Buch von Klaus Theweleit habe ich bei Glanz & Elend etwas aufgeschrieben. Komisches Gefühl, auch im zweiten Anlauf, etwas für eine andere Plattform als das eigene Blog zu schreiben. Als wärs nicht ganz mein Text.)

20.04.2015

Die Geschäfte auf der Wilmersdorfer machen alle erst um 10.00 Uhr auf, außer Rogacki, die schon um 9.00 aufmachen, und Hugendubel um 9.30. Da ich um 9.20 Uhr schon auf der Wilmersdorfer war, ging ich also logischerweise als erstes zu Rogacki für eine geräucherte Forelle, danach zu Hugendubel, den ich mit zwei DVDs wieder verließ: „J. Edgar“ und „Man of Steel“.

J. Edgar Hoover und Superman – erst als ich die DVDs zuhause auspackte und auf den Tisch legte, fiel mir auf, wie verwandt diese beiden Figuren sind, dachte, dass ich die zwei Filme vielleicht nicht zufällig zusammen gekauft hatte.

 

 

 

06.04.2015 – Fraktur

Man soll nicht sagen, Twitter verblöde nur die Leute, ich habe heute dort wieder mal was gelernt, nämlich dass man das runde s in Frakturschriften standardmäßig nicht nur am Wortende, sondern auch innerhalb eines Wortes am Silbenende setzt. Das war mir vorher nicht bewusst, obwohl ich schon ganze Bücher in Fraktur gelesen habe. Ich habe offenbar die runden und die langen Sse immer so weggelesen, wie sie gerade daherkamen, und nie versucht, eine Regel daraus abzuleiten.

Als ich bei Twitter heute darüber stolperte, erinnerte mich das an eine Episode aus dem Studium, und zwar war das in einem Seminar über Kants Prolegomena. Der Professor bat einen Studenten, eine Passage aus dem Buch laut vorzutragen, worauf dieser erwiderte, es tue ihm leid, er habe das Buch leider vergessen. Das Seminar fand in der kleinen Institutsbibliothek der Logiker statt, weswegen der Professor den Studenten anwies, sich die Prolegomena eben einfach aus dem Regal zu nehmen und dann bitte vorzulesen. Der Student entsprach dem und begann nun endlich zu lesen, allerdings – zur Verwunderung aller – so langsam und stockend wie ein Erstklässler. Nach wenigen Worten brach der Professor ab und fragte, was denn los sei, ob er nicht lesen könne, woraufhin der Student das Buch hochreckte und ausrief, das sei ja in Gotisch geschrieben, und Gotisch könne er nunmal tatsächlich nicht lesen, er habe schließlich nie gelernt, Gotisch zu lesen. Und da drehte der Professor jetzt durch, er sprang auf und hielt eine flammende Wutrede über den Verfall der Allgemeinbildung, die vorangaloppierende Verdummung der jungen Leute, die die simpelsten Dinge nicht mehr wüssten und die basalsten Lesekompetenzen nicht mehr mitbrächten, aber meinten, in ihre völlig leeren Köpfe jetzt unbedingt Kant hineinstopfen zu müssen, das gehe eben nicht, das müsse ja scheitern usw. Und dann, immer noch im Zustand höchster Erregung weitersprechend, über die Geschichte der Typographie, über Fraktur-, Antiqua- und Groteskschriften, und den Wahnsinn, dass alle Welt Frakturschrift als Gotisch bezeichne, bloß weil die Goten in dem entsprechenden Asterixband Fraktur in ihren Sprechblasen hätten.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich hätte das damals auch nicht so genau gewusst mit den verschiedenen Schrifttypen und ihren genauen Bezeichnungen. Aber ich hätte den Kant aus dieser alten Ausgabe lesen können, das irritierte mich damals am meisten: dass der das nicht konnte. Ich hatte nie darüber nachgedacht, hatte auch nie „gelernt“, Fraktur zu lesen, ich konnte das einfach, mir schien der Unterschied zur normalen Schrift auch gar nicht so groß.

Übrigens geht, entgegen einer ebenfalls weit verbreiteten Assoziation von Fraktur als „Nazischrift“, im Gegenteil genau die Abschaffung von Fraktur als der allgemeinen deutschen Druckschrift auf die Nazis zurück, genauer gesagt: auf Adolf Hitler persönlich. Die Gründe dafür liegen nach wie vor im Dunklen, es wird vermutet, er habe sich davon eine leichtere Verwaltbarkeit der neu eroberten (frakturunkundigen) Gebiete versprochen. Die offizielle Begründung, die Schwabacher (die eigentlich gar keine echte Frakturschrift ist) sei eine „Judenschrift“, war wohl schon damals wenig überzeugend. Jedenfalls bestimmte Hitler im Februar 1941, mitten im Krieg, die Antiqua zur deutschen Normalschrift. Im September 1941 wurde dann auch noch die Kurrentschrift als deutsche Schreibschrift verboten, und nach 1945 behielt man das alles dann einfach bei, vermutlich hatte man andere Sorgen.

Interessanterweise verwendet Bormann in dem Verbotsschreiben ebenfalls den Terminus „gotische Schrift“, und wenn ich mich so bei Wikipedia durchklicke, scheint das als Oberbegriff für unterschiedliche gebrochene Schriften, von denen Fraktur nur eine Spielart darstellt, auch gar nicht so falsch zu sein. Der Wutausbruch des Professors war also eigentlich, wie ich jetzt feststelle, sachlich gar nicht gerechtfertigt und das Asterixheft kann als entschuldigt gelten. Wenn Leute anfangen, von Verfall der Bildung, Verdummung der Jugend und nahendem Untergang des Abendlandes zu kreischen, dann kann man eigentlich gar nicht skeptisch genug sein, wie sich hier wieder einmal zeigt.

02.04.2015

Nutzlosester, dümmster, beknacktester, verlorenster Tag. Morgens um halb Sieben auf, letzte Dinge schnell in den Koffer gestopft, alles hektisch, so früh wie möglich auf der Straße sein, heim nach Bayern. Bei Potsdam dann schon erster Riesenstau, Unfall, nach endlos langem Stop-and-Go endlich auf der Standspur an den LKWs vorbei, die da gekippt breitlings die ganze Straße blockieren. Wetter schlecht, immer wieder Schnee, Schneeregen, windig. Und dann hinter Leipzig geht plötzlich einfach gar nichts mehr: Kolonne steht, Motor aus, Stillstand, stundenlang, bloß der Laster hinter mir macht einfach seinen verdammten Motor nicht aus, dieses Brummen, der Abgasgestank. Er selber steht gemütlich rauchend auf der Fahrbahn und sein verfluchter Motor läuft die ganze Zeit weiter. Irgendwann kommt endlich wieder Bewegung auf. Nachdem sich schon diverse Abschlepp- und Krankenwägen mit Blaulicht durch die Rettungsgasse gezwängt hatten, taucht nun auch Polizei auf, winkt die Autos von der Autobahn runter, über den Standstreifen zur nächsten Ausfahrt hin. Ich frage den Polizisten durchs Fenster, wie ich mich auf der Landstraße weiter orientieren solle, wo man auf die Autobahn wieder hinauf könne, er brüllt mich nur an: „Audobahn is Schlüss! Ründer von der Audobahn!“ Ah, danke Herr Wachtmeister, soviel hatte ich auch so schon verstanden. Arschgeige, alt genug, um noch bei der VoPo gelernt zu haben, denke ich, und finde mich plötzlich in tiefster Ost-Provinz wieder, verfallene Häuser, keine Menschen. Schreckliche Leere, wie ein Vakuum, schnürt einem die Luft ab. Die von der Autobahn verdrängte Kolonne zwängt sich jetzt ultralangsam diese kaputte Landstraße entlang, ich mache einfach, was alle andern machen, bin zittrig, zermürbt, seit sechs Stunden unterwegs jetzt und gerade mal 200 Kilometer weit gekommen. Im Deutschlandfunk werden sämtliche Autobahnen mit Staus durchgesagt, nur meine nicht, auf der A9 ist angeblich alles paletti, und ich beginne zu glauben, dass ich hier wirklich nicht mehr in Deutschland bin. Es schneit und es sieht ja auch alles aus wie Russland hier, wahrscheinlich sagen sie diesen Wahnsinnsstau deshalb nicht im Deutschlandfunk durch, weil das einfach gar nicht Deutschland ist, jedenfalls für die im Radio, ich höre nur Ortsnamen wie Bremen, Solingen, Heilbronn, Pforzheim, Stuttgart, München. Leider hänge ich irgendwo zwischen Droyßig und Bad Klosterlausnitz fest, was soviel heißen soll wie: Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Im Schneckentempo nähere ich mich einem Städtchen namens Eisenberg und wünsche mir inständig, jemand möge am Ortsschild ein H vor den Namen gemalt haben, aber ist dann natürlich nicht so. Bin mit den Nerven runter, mir wird klar: Ich schaffs nicht. Bis Oberammergau sind es noch 500km, das packe ich nicht mehr. Zurück nach Berlin sinds nur 200, das geht noch. Bei der nächsten Autobahnauffahrt – auf die ich hoffentlich ja zusteuere, ich folge weiterhin einfach nur der Herde und mache an jeder Gabelung das, was die andern auch machen, bestimmt haben die ja so supertolle Navis und wissen, was sie tun, ich hab hier nicht mal Handynetz – an der nächsten Auffahrt also einfach umkehren: nicht weiter Richtung München sondern zurück nach Berlin. Ja. Es fühlt sich wie die reine Befreiung an, als die Auffahrt endlich da ist, auszuscheren aus der Masse der weiter nach Süden Steuernden. Wäre aber zu einfach, wenn man jetzt bloß schnell 200 Kilometer wieder rückwärts rollen dürfte. Wie auf Knopfdruck setzt jetzt richtiger Schneesturm ein, sehe kaum noch was, Fahrbahn ist im Nu mit einer glitschigen Schmierschicht aus Schnee bedeckt, zwischen LKWs eingeklemmt quäle ich mich mit Tempo 30 voran, bei Dessau dann plötzlich wieder Sonnenschein. April, April. Um sechs Uhr komme ich an. Zehn Stunden Horrortrip im Auto, nur um genau da wieder zu sein, wo ich morgens losgefahren bin. In West-Berlin, Harald-Juhnke-Land, wundervoll. Dann noch schnell zu Edeka, denn morgen ist ja Feiertag und praktischerweise habe ich alle übrigen Lebensmittel gestern noch weggeschmissen, weil ich ja dachte, ich bin jetzt eine Woche weg. Im Edeka natürlich auch die Hölle los, aber das ertrage ich jetzt mit lächelnder Gelassenheit, alles ist wunderbar, solange ich nur nie wieder ein Auto steuern muss. Als ich den Koffer und die Einkäufe die Treppen hochwuchte, komme ich mir vor wie Odysseus höchstpersönlich, nach langer und sinnloser Irrfahrt endlich heimkehrend.

01.04.2015

Vor grauen Jahren lebt’
ein Mann
in Osten
mit Super-Ring.

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Mit der Interpretation von Texten ist es wie mit dem Witz: es ist nicht mehr lustig, wenn man es erklärt kriegt.

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Plötzliche Eingebung: Ich kann jetzt YouTube-Star werden: Berühmte Textstellen nacheinander auf zwei diametral gegensätzliche Weisen vortragen. Um zu demonstrieren: Der Tonfall, die Mimik, die Gestik ist alles. Im bloß geschriebenen Text ist noch keinerlei Sinn festgelegt.

Keep it real

In einer Kritik über „The Story of Pop“ habe ich gelesen, man müsse sich durch Bruckmaiers Abhandlung der Sklaverei erstmal hindurchbeißen, aber dann würde das Buch richtig locker und gut. Ich hab das anders empfunden. Tatsächlich hält sich Bruckmaier ziemlich lange im 18. und 19. Jahrhundert auf, erzählt ausführlich vom Gestank und der Enge auf den Sklavenschiffen, vom massenhaften Tod auf Südstaaten-Plantagen, und ja: das erzählt sich nicht so locker und beschwingt. Aber mir schien das dennoch vollkommen logisch und richtig, diese schwarze Wurzel des Pop kann man doch gar nicht überbetonen, genau hier ist diese Musik entstanden, bei Leuten, denen man alles weggenommen hat: Heimat, Freiheit, Familie, Rechte, eben wirklich alles außer einer Stimme und einer Trommel. Hier, in diesem Dreck, entstand der Blues und elementare Formen wie das Call-and-Response-Schema und synkopierte Rhythmen. Bruckmaier weiß das und weiß auch darum, dass diese Antagonismen von Herr und Knecht und weiß und schwarz sich mit der Abschaffung der Sklaverei nicht einfach in Luft aufgelöst haben und fortan war alles ein heiteres Entertainmentspielchen, sondern dieses Erbe tragen nachfolgende Generationen immer weiter in sich fort und es wird im Pop immer wieder zum Motor für Innovation und Weiterentwicklung.

Umso unverständlicher ist mir, dass er den Hip-Hop auf knappen zwei Seiten pauschal abwatscht und ansonsten nicht weiter mitspielen lässt in seiner Story des Pop. Dabei haben wir doch im Hip-Hop geradezu den Paradefall von Pop: Unterprivilegierte Schwarze, die vom Rest der Gesellschaft ausgegrenzt, perspektivlos in Großstadt-Ghettos vor sich hin dümpeln, die zwischen Drogensumpf und Gangfights wirklich von dem Gefühl beseelt sind, dass ihre Situation sich nicht grundlegend von der ihrer baumwollpflückenden Urgroßeltern unterscheidet, ja, was machen die da eigentlich in dieser Scheißlage? Sie erfinden eine völlig neue Musik, in der sie ihre Wut und ihren Hass artikulieren und nach außen kanalisieren können. It’s like a jungle sometimes / It makes me wonder how I keep from goin’ under.

Bei Bruckmaier leider kein Wort über die Blockpartys in der Bronx der 70er, die ersten MCs, den Dreiklang aus Rap, Breakdance und Graffiti. Er sieht nur Goldkettchengepose, Hinterngewackel und dicke Autos und zieht ratzfatz den Schluss, Hip-Hop sei also „die frauen- und menschenverachtendste Popvariante auf diesem Planeten […] Drogenhandel, Prostitution und Gewaltkriminalität gelten im Hip-Hop als Schritte eine Karriereleiter hinauf, an deren Ende ein eigenes Modelabel wartet, mit dessen Hilfe man weiße T-Shirts für hundert Dollar pro Stück an schwarze Brüder und Schwestern verhökern kann. […] Schlimmer ist nur noch, dass dieses Verhaltensmuster mit jedem Hip-Hop-Beat in die ganze Welt exportiert wird; ähnlich wie einst jeder Ton von Jazz, Rock und Folk von Freiheit erzählt hat, so erzählt jede Sekunde Hip-Hop von brutalstem Wirtschaftsnihilismus.“ (The Story of Pop, S. 332f.)

Leider falsch, Mr. Bruckmaier. Von Freiheit kann leicht flöten, wer sie hat. Die Realität in den Ghettos sieht anders aus. Und auch der Hip-Hop-Superstar mit eigenem Modelabel ist vor rassistischer Ausgrenzung keineswegs gefeit, wie sich gerade jetzt wieder zeigt, da über hunderttausend britische Rockfans gegen den Auftritt von Kanye West – (den Bruckmaier notorisch falsch als „Kayne“ schreibt und schon damit zeigt, dass ihm dieser Musikstil eigentlich nur am Arsch vorbeigeht) – beim Glastonbury-Festival protestieren, weil sie ihr schönes Rockmusikfestival gerne „echt“ halten wollen, und das heißt für sie wohl, in grotesker Verkehrung der Dinge: „weiß“.

25.03.2015 – Die Trommel

Immer weiter in Bruckmaiers „Story of Pop“, es geht schon dem Ende zu, nicht des Pop tröstlicherweise, aber doch des Buches. Das könnte immer so weitergehen, ich will nicht aufhören, das zu lesen. Das Gefühl hatte ich lang nicht mehr, diesen Wunsch, ein Buch möge doch einfach immer weitergehen, nicht aufhören, niemals enden. Dabei zögere ich die Lektüre eh schon hinaus, der Laptop liegt immer neben mir und alle paar Seiten schaut man mal schnell bei Youtube und zieht sich ein im Buch erwähntes Lied kurz rein: ganz viele Sachen, von denen ich noch nie gehört hatte, gerade so apokryphes Zeug aus den 20er und 30er Jahren. Toll, eine echte Horizonterweiterung.

Als ich mit fünfzehn ungefähr Jimi Hendrix für mich entdeckte, da wollte ich da mehr drüber wissen und das war damals gleichbedeutend mit: Ich will ein Buch darüber lesen. Und ging also in die einzige Buchhandlung, die es bei uns im Dorf gab, und fragte nach einem Buch über Jimi Hendrix. Ich musste der Frau alles ausbuchstabieren: „Jimi“, nicht „Jimmy“. „Hendrix“, nicht „Hendricks“. Einen Computer hatten die damals schon in der Dorfbuchhandlung Ende der Achtziger, aber die Suchmaschine der Buchhändlerin gab noch nicht besonders viel aus für diesen Suchbegriff. Ich bestellte dann ein Buch über diverse Gitarrenheroes der Popgeschichte, die ungeschriebene Botschaft war: Die Qualität des Pop bemisst sich an der Virtuosität des Leadgitarristen. Ein schön alteuropäisches Kriterium, mit dem man Hendrix mühelos in eine Traditionslinie mit Paganini kriegt und also bequemerweise in ein Schema rein presst, das man schon kennt: Bewundernswerte Fingerfertigkeit.

Bruckmaier macht klar: Weder die Gitarren noch die Superstars bilden das Wesen von Pop, Virtuosität ist genau nicht der Punkt, um den es geht. Die Seele des Pop ist die Trommel. Eine afroamerikanische Trommel, die mit dem Sklavenschiff in die neue Welt kam. Diese Trommel kann auch mal eine Gitarre sein oder ein Klavier oder ein Plattenspieler. Es kommt auf den Spirit an, mit dem man auf das Ding eintrommelt.