Nonfiction

Den ungeschriebenen Roman über die faszinierenden Begebenheiten, die zum Zustandekommen der Ungeschriebenheit meines ungeschriebenen Romans mit der Hauptfigur „Jonathan Franzen“ geführt hatten, hat nun dankenswerterweise schon der hervorragende Herr Rababer geschrieben. In unglaublicher Geschwindigkeit, wie dazugesagt werden muss. Sie sehen: Ich bin schon ganz Erfolgsschriftsteller. Ich tippe ein weniges hin und dann lehne ich mich gemütlich zurück, den Rest lasse ich einfach schreiben. Das Ergebnis: Ungeschriebene Romane über ungeschriebene Romane. Hart dran am heftig schlagenden Puls der Ultrasuperpostmoderne, würde ich sagen.

„Soll ich auch den Link dazusetzen?“, fragte mich meine neue Assistentin, der ich den Text diktiert hatte, während ich Mojito schlürfend am Pool gelegen war. „Selbstverständlich“, antwortete ich, „wir sind Blogger, schon vergessen?“

https://epizentriker.wordpress.com/2015/08/23/jonathan-franzen/

“Andreas Wolf”

Es ist verrückt, wie soll ich es erklären, etwas Merkwürdiges hat sich ereignet. Bereits vor zwei Monaten hatte der Ochse mir über Facebook einen Link zur Seite des New Yorker zugespielt, angeblich einen Auszug aus Jonathan Franzens neuem Roman „Purity“ darstellend. Dieser angebliche Romanauszug begann mit dem Satz:

„The church on Siegfeldstrasse was open to anyone who embarrassed the Republic, and Andreas Wolf was so much of an embarrassment that he actually resided there, in the basement of the rectory, but unlike the others—the true Christian believers, the friends of the Earth, the misfits who defended human rights or didn’t want to fight in World War III—he was no less an embarrassment to himself.“

Ich las gar nicht mehr weiter, war mir nach einem Satz schon völlig sicher: Fake. Irgendwer hatte als Franzen verkleidet einen mittellangen Text geschrieben, und jetzt hat man die Möglichkeit, den Namen eines Bekannten in ein Feld zu tippen, der wird dann maschinell im ganzen Text als Name der Hauptfigur eingesetzt, und man kann den Freund auf Facebook damit veräppeln. Zwar passen solche Social-Media-Witzeleien nicht wirklich zum Ochsen, aber dass andererseits die Hauptfigur des neuen Franzenromans tatsächlich „Andreas Wolf“ heißen sollte, schien mir noch viel absurder, nein eigentlich völlig unmöglich und undenkbar. Andreas ist doch überhaupt kein amerikanischer Name, und dem Wolf würde man in Amerika immer noch ein e hinterdran hängen. Wenn aber in amerikanischen Romanen dezidiert deutsche Figuren auftauchen, dann heißen die andererseits auch wieder nicht „Andreas Wolf“, dafür ist „Andreas Wolf“ wieder nicht eindeutig deutsch genug, die heißen dann eher Helmut Strackenzamm oder Klaus von Trutzenburck, keine Ahnung, die heißen einfach irgendwie, sowas wie “Siegfeldstrasse” eben, aber ganz bestimmt und hundertprozentig nicht „Andreas Wolf“, dachte ich.

Ich tat das also nach zwei Sekunden ab. Wie ich jetzt sehe, da ich mich extra in meiner Facebookpinnwand nochmal so weit hinuntergewühlt habe, habe ich das damals nicht kommentiert und noch nicht einmal schnell weggeliket. Kann sein, dass ich ein klein bisschen sauer sogar war, dass man mir so einen blöden Facebook-Scherz versucht zu spielen, ich weiß es nicht mehr, ich wischte das einfach völlig weg, ging dem nicht nach und dachte nicht mehr daran.

Aber irgendwas bleibt doch immer hängen: Als mich der Twitterer Holio heute antwitterte, ich käme in Franzens Roman „Purity“ vor, wusste ich sofort, was er meinte. Upps, sorry Ochse, dachte ich sofort, der angehängte Guardian-Artikel machte es offiziell: Die Hauptfigur von Franzens neuem Buch heißt wirklich „Andreas Wolf“. Oder eine der Hauptfiguren, was weiß ich denn, wichtig genug jedenfalls, um im Vorabdruck im New Yorker sofort im ersten Satz vorzukommen und in der Guardian-Besprechung auch namentlich erwähnt zu werden.

Bisher war ich nur ein (mittlerweile ehemaliger) Fußballspieler beim 1. FC Nürnberg, jetzt bin ich auch noch eine Romanfigur. Aber nicht von irgendeinem ungelesenen Autor im unabhängigen Mini-Verlag, sondern vom weltberühmten und in tausend Sprachen übersetzten Franzen. Wahnsinn. Vielleicht verirren sich demnächst amerikanische Literaturfreaks auf mein Blog und denken dann, hier schreibe ihr verehrter Franzen auf deutsch seine ganz privaten und geheimen Notizen, ich gehe viral, werde über Nacht berühmt, treffe Franzen in New York auf ein Bier, wir labern ein bisschen, schon genervt von den aufdringlichen Paparazzi, und immer so weiter.

Vielleicht auch nicht. Die Hauptfigur meines nächsten ungeschriebenen Romans heißt jedenfalls „Jonathan Franzen“, soviel steht jetzt schon fest.

20.08.2015

Ich muss meine Leser darüber informieren, dass mir im letzten Artikel ein Rechtschreibfehler untergekommen ist. Ein tatsächlicher Rechtschreibfehler, kein vielleicht verzeihlicher Tippfehler, wohlgemerkt. Ich schrieb „unwiederruflich“, autsch, das tut ja weh, natürlich muss es „unwiderruflich“ heißen. Habe es natürlich schon korrigiert, aber es quält mich dennoch, wie konnte das passieren? Wahrscheinlich wimmelt es in allen meinen Blogtexten von solchen fürchterlichen Fehlern, war ja im Grunde reiner Zufall, dass ich den Text heute nochmal gelesen habe und dieses fürchterliche „unwiederruflich“ mir wie ein Giftpfeil ins Auge sprang.

Nun bin ich natürlich nicht der Typ, der andere Blogger immer für die liederliche Schludrigkeit der Form anklagt und lamentoartig wiederholt, dass die sich alle zuwenig Mühe für ein sauberes Deutsch gäben, dabei aber selber immer seine Sätze mit fehlerhaftem Grammatikquark unlesbar macht. (Nonmention intended). Im Gegenteil habe ich mich ja immer genau gegen diesen Grammatik- und Rechtschreibfaschismus ausgesprochen, der doch immer nur von Leuten kommt, die außer formal korrekter Rede gar nichts Gescheites können oder wissen, und dann aber andere als Deppen an den Pranger stellen für einen falsch verwendeten Dativ. So traurige Bastian-Sick-Figuren.

Den Bastian Sick habe ich selber einmal angeschrieben, wegen eines Phänomens, das mir damals keine Ruhe ließ: Die unbedingt gegebene Durchdeklinierungspflicht des Obazden.

Der Obazde ist ein käsiger Brotaufstrich, in Bayern gerne im Biergarten gereicht. Baz heißt auf Bairisch so etwas wie Schlamm, Matsch, Matschepampe. Der Obazde ist also wörtlich ins Hochdeutsche übersetzt nichts anderes als ein Angematschter oder Angemantschter. Ein zerdrückter, zermantschter Camenbert mit allerlei Beigaben, was er ja auch wirklich ist. Sehr köstlich im übrigen. Nun schreiben aber die bayrischen Biergartenlokale oft „Obazda“ auf ihre Speisekarten und die Norddeutschen bestellen dann: „Einen Obazda, bitte.“ Es muss aber heißen „Einen Obazden, bitte“, denn das vom Adjektiv gewonnene Substantiv muss logischerweise durchdekliniert werden:

Nominativ: der Obazde
Genitiv: des Obazden
Dativ: dem Obazden
Akkusativ: den Obazden
Unbestimmt: ein Obazda

[Der Genitiv ist als Kasus im Bairischen zwar quasi unbekannt, lässt sich aber, im Falle des Obazden jedenfalls, vermutlich auch überall sonst, als quasi hochdeutschisierende Form problemlos bilden.]

Und das quält mich einfach, wenn jemand über die Qualität des Obazda redet, oder ich mich selbst bei dem auf ewig unverzeihlichen „unwiederruflich“ erwische, obwohl mein offizielles Credo doch ist: Macht euch alle mal locker mit eurem Rechtschreib- und Grammatikwahn.

Was ich mich früher für mein schlechtes Englisch geschämt habe und in Gegenwart von Engländern oder Amerikanern lieber überhaupt nicht gesprochen habe, als einen falschen, verstümmelten Unsatz herauszupressen. Was für ein Unsinn, ich darf gar nicht darüber nachdenken, wie alt ich habe werden müssen, um zu verstehen, dass es viel wichtiger ist, dass man die Leute anlabert, in egal wie falscher Sprache.

Heute habe ich einem Typen, der auch nur ein gebrochenes Englisch sprach, bei seiner Autopanne geholfen. Sein liegengebliebenes Auto verhinderte mich am Ausparken und schien nicht zu bewegen, unser beider Englisch war haarsträubend, aber am Ende lief seine Karre wieder und ich konnte losfahren. Wir haben kommuniziert und ein Problem gemeinsam gelöst. Wen kümmern die von bizarrsten Fehlern nur so strotzenden Sätze, die wir dafür wechselten?

19.08.2015 – Deutscher Buchpreis

Heute oder gestern die Longlist zum Deutschen Buchpreis gesehen, war mir gar nicht klar, wie spät es schon wieder ist im Jahr. Mich gefreut, Frank Witzel darauf zu finden, sein Buch mit dem Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ hatte ich angefangen, für die Kretareise die Lektüre aber unterbrochen: erstens zu dick, zweitens zu schön als Buch, um es sich am Strand mit Sand und Salzwasser zu ruinieren. Werde ich aber auf jeden Fall noch fertig lesen, ein hervorragendes Buch, würde mich freuen, wenn es den Preis gewänne. (Oder müsste es „gewönne“ heißen?)

Wahrscheinlich gewinnt aber der Clemens Setz den Preis, vermute ich mal, wäre mein Tipp. Sein für den Preis kandidierendes Buch habe ich natürlich noch nicht gelesen, es ist noch nicht erschienen. Ich habe erstaunlicherweise überhaupt noch kein Setzbuch gelesen, und seit der Hans Hütt mal gesagt hat, der Setz sei sein Wunschkandidat für den Literaturnobelpreis, habe ich irgendwie Angst davor, ein Setzbuch zu lesen. Als ob das unter Umständen zu gut sein könnte, als ob ich Angst davor hätte, durch den Eintritt ins Setzuniversum unwiderruflich zum Setzfan werden zu müssen. In der Hotellobby in Kreta entdeckte ich ein herrenloses Exemplar von Setz’ Indigo, und gab es ersatzweise meiner Frau, die mich gebeten hatte, dort nach ihrem Foucaultbuch zu schauen, welches sich später in ihrer geblümten Strandtasche wiederfand. Sie las es in einem Sitz runter, das Setzbuch jetzt, nicht das von Foucault. Seitdem ist mir der Setz noch unheimlicher.

Vielleicht sollte ich sein neues Buch lesen, das für den Buchpreis nominierte, aber das ist ja, wie gesagt, noch nicht erschienen, was ich irgendwie blöd finde, ich denke, spätestens zur Bekanntmachung der Longlist sollten alle nominierten Bücher auch erschienen und für alle erhältlich sein. So könnte man den Prozess der Preisfindung, über Longlist und Shortlist bis hin zur Siegerehrung, als Leser kritisch begleiten, oder anders gesagt: wir könnten mitreden, blöd daherreden, die Bücher alle kurz im Hugendubel anlesen und uns dann in unseren Blogs das Maul darüber zerfetzen. Das wäre doch wundervoll. Besser als Bachmannpreistwittern allemal, denke ich.

Die anderen Nominierten kenne ich alle nicht oder nur vom Namen her. Wobei ich ja den Setz eigentlich auch nur vom Namen her kenne, und von Ilija Trojanow habe ich andererseits tatsächlich schon mal ein Buch gelesen, wie mir bei näherer Besinnung wieder einfällt. Trotzdem erscheint mir der Setz als ein Autor, den ich kenne, der Trojanow dagegen als ein Autor, den ich nicht kenne, ich kann es mir selbst nicht erklären, ich glaube, der unheimliche Setz hat mich bereits behext.

Und hier sieht man mal wieder, wie es läuft, wie die Texte sich selber schreiben und gar nicht von mir getextet werden: Ich hatte mich hingesetzt, um eine Eloge auf Frank Witzel zu schreiben, und schrieb dann nur über den Setz. Lest aber bitte trotzdem alle das Witzelbuch, lasst euch von dem bekloppten überlangen Titel nicht abschrecken, das Buch ist wirklich sehr sehr gut. Außerdem: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ ist als Titel auch nicht so viel besser, oder?

Dialektik der Kretischen Theorie

Jeder Griechenlandreisende sieht sich unweigerlich vor eine unumgehbare Entscheidung gestellt: Mythos oder Fix. Klar, man kann auch irgendwelche importierten Biere kaufen, komischerweise sah ich ganz viel Paulanerwerbung auf irgendwelchen Schildern, aber niemals ein tatsächliches Paulanerbier in einem Kühlschrank stehen, aber wie dem auch sei: Wenn ich irgendwohin fahre, dann will ich ein dort heimisches Bier trinken, da bin ich eigen.

Das gängige Gebinde ist die Dose, Wegwerfdose wie dazugesagt werden muss, das Dosenpfand hat die Merkelregierung den Griechen offensichtlich noch nicht aufoktroyiert. Bier aus Dosen zu trinken, ungewohnt, man fühlt sich direkt zwanzig Jahre jünger, bloß durch das leise Knacken einer Bierdose vor dem Hintergrund des Zikadengesangs.

Das Fix soll angeblich seinen Namen vom bayrischen Braumeister Fuchs haben, den der Wittelsbacher Griechenkönig Otto nach Athen geholt haben soll, damit er auch hier ein vernünftiges bayrisches Bier trinken kann. Das weißblaue Design der Fix-Dose ergibt somit durchaus einen Sinn. Dennoch entschied ich mich nach kurzer Prüfung für das Mythos, irgendwie gefiel mir die Dose besser: das Grün, der Lorbeer, der geschwungene Schriftzug, und natürlich das Einhorn. Obwohl es natürlich verrückt ist, dass eine griechische Biermarke namens Mythos sich ausgerechnet das Einhorn als Wappentier aussucht, wo doch die griechische Mythologie an verrückten Fabeltieren wahrlich nicht arm ist, von Zentauren über den Pegasus bis hin zur Sphinx. Aber die griechische Mythos-Brauerei druckt sich ausgerechnet ein Einhorn auf ihre Mythos-Bierdose, ein Tier, das griechischen Boden vermutlich nie betreten hat!

Am letzten Abend trank ich doch noch mal ein Fix und dachte: Wahrscheinlich ist doch das Fix das bessere Bier. Letztgültige Bewertung scheint kaum möglich. Der leicht metallische Beigeschmack der Dose macht eine finale Feinbeurteilung praktisch unmöglich.

Zurück in Berlin trinke ich wieder meinen König Ludwig aus der Glaspfandflasche. Berlin ist die Ausnahme von der Regel: Die hiesigen Biere zu trinken wäre Selbstmord.

Kretische Theorie

Im Dunkeln. Kein Licht. Der Wecker hat geklingelt, das Handy besser gesagt, dem ich ja selber gesagt hatte, dass es um drei Uhr morgens klingeln soll, weil um sieben Uhr unser Flieger geht, zurück nach Hause, ich stehe auf. πάντα ῥεῖ: Läuft bei uns. Pünktlich auf die Minute fährt um 3.45 Uhr ein Taxi vor, um uns die 70 Kilometer nach Heraklion zu bringen, zum Flughafen.

Wie ein Henker heizt der Taxifahrer über die nächtlichen Straßen, das Fernlicht lässt die Olivenbäume am Straßenrand besonders silbrig aufleuchten, wie sie vorbeizischen. Den Igeln und Kätzchen, die über die Straße tapern oder huschen, weicht er mit äußerster Geschicklichkeit aus. Als wir an einem Friedhof vorbeifahren, bemerke ich, wie er sich bekreuzigt, da ist vielleicht sein Opa begraben, denke ich, was für eine schöne Geste, bemerke dann aber, dass er sich bei jedem Friedhof, jeder Kirche, jedem noch so unscheinbaren Kapellchen, an dem wir vorbeikommen, immerzu bekreuzigt, bei den größeren Kirchen sogar doppelt. So wie er die Kurven schneidet und mit Achtzig durch die Dörfer brettert, sind wir des göttlichen Schutzes wohl bedürftig.

Ich bin so unendlich müde. Ich habe nichts geschrieben, denke ich, nichts. Vor der Abreise extra noch neue Notizbücher und Bleistifte besorgt, und dann entgegen meiner Gewohnheit überhaupt kein Reisetagebuch geführt, keinen einzigen Satz notiert. Ausgerechnet hier nichts zu schreiben, auf Kreta, wo es von den faszinierendsten frühen Schriftzeugnissen nur so wimmelt, Linear A, Linear B, die rätselhafte Scheibe von Phaistos, bis heute unentziffert, und wir waren da, standen in den Überresten des minoischen Palasts, wo die Scheibe gefunden wurde, fast 4000 Jahre alt, da kriegt man nochmal einen anderen heiligen Schauder vor der Zeit, die alles auslöscht und fast nichts übriglässt, außer ein paar in Ton geritzte Zeichen, die keiner mehr lesen kann.

Unvergessliche Erlebnisse, und nichts davon habe ich aufgeschrieben, denke ich, während das Taxi sich jetzt dem Flughafen nähert, einer mir nicht verständlichen Logik folgend über manche roten Ampeln einfach drüberfährt, vor anderen, genauso roten, aber stehen bleibt. Aber irgendwas werde ich doch ins Blog schreiben müssen über diese Reise, die beste, die ich je unternommen habe, wo mir doch schon der Titel eingefallen ist: Kretische Theorie. Aber es gibt keine kretische Theorie, es gibt nur die unbarmherzig glühende Sonne, die karstige Landschaft, die Berge, hinter denen immerzu Wolkentürme aufsteigen, die jedoch niemals weiterziehen, sich niemals vor den Sonnenball schieben, sondern immer nur noch höher hinauf sich auftürmen. Es gibt das Meer, das kristallklare Wasser, die Olivenbäume und das unglaublich laute, rhythmische Gekreisch der Zikaden, an- und abschwellend, aber niemals ganz verstummend, selbst in der tiefsten Nacht hält eine noch Wache und zirpt einsam weiter. Und es gibt die wahnsinnig freundlichen Menschen, von denen, entgegen meiner sicheren Erwartung, keiner je über Schuldenkrise, Syriza oder Schäuble mit uns diskutieren wollte.

Jetzt habe ich Hölderlin etwas voraus, denke ich, als wir schon im Flieger sitzen und wieder Richtung Norden brausen: Ich war wirklich in Griechenland.

26.07.2015 – Deutsche Museumslogik

Mit C. im Deutschen Technikmuseum. Eigentlich sind wir schon völlig erschöpft vom Science Center Spectrum, wo man zu C.s großer Begeisterung alles anfassen und ausprobieren durfte, aber da der Eintritt auch fürs benachbarte Technikmuseum gilt, beschließen wir, da auch wenigstens einmal kurz reinzuschauen. Wir stolpern als erstes in die Ausstellung zur Geschichte der Computertechnik, das begeistert mich natürlich sofort. Von Leibniz’ Erfindung des binären Zahlensystems bis zu Zuses Rechenmaschinen, die hier in mehreren Exemplaren ausgestellt sind, mitsamt originalen Aufzeichnungen von Zuse persönlich, sein Entwurf der Programmiersprache Plankalkül (allein der Name schon!), sein Schachprogramm usw.

Das soll ein Computer sein?, fragt C., als wir vor der Z22 stehen. Sieht eher aus wie eine stinknormale alte Schreibmaschine. Ich weise sie auf die riesigen, mit Kabeln vollgestopften Glasschränke hinter der Schreibmaschine hin. Das alles ist der Computer? Bisschen arg groß, findet sie, ob ich das Ding nicht auch ein wenig unhandlich fände? Ich sehe schon, sie braucht ein bisschen was handfesteres. Raumfahrt, das müsste sie doch begeistern, erst neulich redeten wir lange über die Apollo-Missionen, den Mars-Rover, die New-Horizons-Sonde, die bemannten Mars-Missionen, die sie vielleicht noch erleben würde, vielleicht sogar wir beide, wer weiß das schon. Das alles hatte sie brennend interessiert, also nichts wie los zu Luft- und Raumfahrt.

Luft- und Raumfahrt ist im mehrgeschößigen Neubau untergebracht und beginnt komischerweise mit Schiffen. Sehr vielen Schiffen. Aber macht nichts, die Schiffe findet C. auch toll, insbesondere das begehbare Dampfschiff „Kurt-Heinz“ (allein der Name schon!), das sie ausgiebig erkundet. Gebaut 1901, in Betrieb auf deutschen Wasserstraßen bis 1997, das fasziniert mich schon auch.

Indem wir uns Stockwerk für Stockwerk hocharbeiten, werden aus den Schiffen langsam Flugzeuge, und ich beginne die Logik der Ausstellung zu erahnen. Raumfahrt müsste also ganz oben unterm Dach sein. Aber so viel ich herumspähe: Nirgends ein Raumanzug oder wenigstens das Modell einer Mondlandekapsel, nichts. Bei den abgewrackten Messerschmitt-Bombern und V2-Raketen begreife ich endlich: Das hier ist nicht ein deutsches Museum für Technik, sondern es ist das Museum der deutschen Technik. Und die deutsche Luft- und Raumfahrt endet bei einer aus Blech und Sperrholz zusammengenagelten Rakete, einer „Vergeltungswaffe“, die nie zum Einsatz kam. Danach noch der Hinweis, dass deutsche Raketentechniker auch an den sowjetischen und amerikanischen Raumfahrtprogrammen mitgearbeitet haben, ein Steinchen vom Mond, mitgebracht von Apolloastronauten, und das wars dann. Enttäuschend.

In meiner Naivität hatte ich die Erkundung des Weltalls natürlich für ein supranationales Menschheitsprojekt gehalten, das selbstverständlich auch in einem deutschen Technikmuseum einen prominenten Platz einnehmen müsste. Pustekuchen. Jetzt wird mir auch klar, warum in der Computerabteilung alles Zuse, Zuse, Zuse war und nicht der kleinste Hinweis auf Turing oder John von Neumann und Konsorten erfolgte. Wir Deutschen sollen stolz sein auf die von deutschen Ingenieuren erfundene deutsche Technik, alles andere wird einfach weggeblendet.

Seltsamerweise passt ausgerechnet das prominenteste Exponat des gesamten Museums nicht in dieses Nationalmuseumskonzept: Ein Rosinenbomber der US-Air-Force, der weithin sichtbar, außen über einer Aussichtsplattform aufgehängt ist. Seltsam. Naja. Nächstes Mal dann Planetarium, denke ich, als wir uns mit schweren Füßen auf den Heimweg machen.