26.07.2015 – Deutsche Museumslogik

Mit C. im Deutschen Technikmuseum. Eigentlich sind wir schon völlig erschöpft vom Science Center Spectrum, wo man zu C.s großer Begeisterung alles anfassen und ausprobieren durfte, aber da der Eintritt auch fürs benachbarte Technikmuseum gilt, beschließen wir, da auch wenigstens einmal kurz reinzuschauen. Wir stolpern als erstes in die Ausstellung zur Geschichte der Computertechnik, das begeistert mich natürlich sofort. Von Leibniz’ Erfindung des binären Zahlensystems bis zu Zuses Rechenmaschinen, die hier in mehreren Exemplaren ausgestellt sind, mitsamt originalen Aufzeichnungen von Zuse persönlich, sein Entwurf der Programmiersprache Plankalkül (allein der Name schon!), sein Schachprogramm usw.

Das soll ein Computer sein?, fragt C., als wir vor der Z22 stehen. Sieht eher aus wie eine stinknormale alte Schreibmaschine. Ich weise sie auf die riesigen, mit Kabeln vollgestopften Glasschränke hinter der Schreibmaschine hin. Das alles ist der Computer? Bisschen arg groß, findet sie, ob ich das Ding nicht auch ein wenig unhandlich fände? Ich sehe schon, sie braucht ein bisschen was handfesteres. Raumfahrt, das müsste sie doch begeistern, erst neulich redeten wir lange über die Apollo-Missionen, den Mars-Rover, die New-Horizons-Sonde, die bemannten Mars-Missionen, die sie vielleicht noch erleben würde, vielleicht sogar wir beide, wer weiß das schon. Das alles hatte sie brennend interessiert, also nichts wie los zu Luft- und Raumfahrt.

Luft- und Raumfahrt ist im mehrgeschößigen Neubau untergebracht und beginnt komischerweise mit Schiffen. Sehr vielen Schiffen. Aber macht nichts, die Schiffe findet C. auch toll, insbesondere das begehbare Dampfschiff „Kurt-Heinz“ (allein der Name schon!), das sie ausgiebig erkundet. Gebaut 1901, in Betrieb auf deutschen Wasserstraßen bis 1997, das fasziniert mich schon auch.

Indem wir uns Stockwerk für Stockwerk hocharbeiten, werden aus den Schiffen langsam Flugzeuge, und ich beginne die Logik der Ausstellung zu erahnen. Raumfahrt müsste also ganz oben unterm Dach sein. Aber so viel ich herumspähe: Nirgends ein Raumanzug oder wenigstens das Modell einer Mondlandekapsel, nichts. Bei den abgewrackten Messerschmitt-Bombern und V2-Raketen begreife ich endlich: Das hier ist nicht ein deutsches Museum für Technik, sondern es ist das Museum der deutschen Technik. Und die deutsche Luft- und Raumfahrt endet bei einer aus Blech und Sperrholz zusammengenagelten Rakete, einer „Vergeltungswaffe“, die nie zum Einsatz kam. Danach noch der Hinweis, dass deutsche Raketentechniker auch an den sowjetischen und amerikanischen Raumfahrtprogrammen mitgearbeitet haben, ein Steinchen vom Mond, mitgebracht von Apolloastronauten, und das wars dann. Enttäuschend.

In meiner Naivität hatte ich die Erkundung des Weltalls natürlich für ein supranationales Menschheitsprojekt gehalten, das selbstverständlich auch in einem deutschen Technikmuseum einen prominenten Platz einnehmen müsste. Pustekuchen. Jetzt wird mir auch klar, warum in der Computerabteilung alles Zuse, Zuse, Zuse war und nicht der kleinste Hinweis auf Turing oder John von Neumann und Konsorten erfolgte. Wir Deutschen sollen stolz sein auf die von deutschen Ingenieuren erfundene deutsche Technik, alles andere wird einfach weggeblendet.

Seltsamerweise passt ausgerechnet das prominenteste Exponat des gesamten Museums nicht in dieses Nationalmuseumskonzept: Ein Rosinenbomber der US-Air-Force, der weithin sichtbar, außen über einer Aussichtsplattform aufgehängt ist. Seltsam. Naja. Nächstes Mal dann Planetarium, denke ich, als wir uns mit schweren Füßen auf den Heimweg machen.

web.de-Nachteilswelt

Meine erste E-Mail-Adresse war von der Uni München, gehostet am Leibniz-Rechenzentrum, das war cool. Aber als ich dann irgendwann kein Student der Uni München mehr war, half es mir auch nichts, dass ich über Leibniz’ Monadenlehre meine Magisterarbeit geschrieben hatte, sie drehten mir erbarmungslos den E-Mail-Account ab. Man bekam ein Migrationsangebot, eine @campus-lmu-Adresse oder so ähnlich, aber das klappte bei mir nicht, ich konnte mich mit meinem alten Passwort dort nicht einloggen und ein neues hatte ich nicht. Ich hätte wahrscheinlich da nur einmal anrufen müssen, um das Problem zu klären, und meine E-Mails liefen heute noch über das Leibniz-Rechenzentrum in München. Wie schön wäre das?

Aber ich rief da nicht an. Es gab doch tausend Free-Mail-Anbieter. Ich machte mir also ein Konto bei web.de, und das war fortan meine E-Mail-Adresse. Ist es heute noch. Ich hatte da nie Ärger oder Probleme, das bisschen Werbe-Spam von der „web.de-Vorteilswelt“ ließ sich gut wegignorieren. Aber heute hat sich das sehr plötzlich und sehr drastisch geändert.

Heute erreichte mich nämlich ein Brief von web.de. Ein echter Brief aus Papier in meinem echten Real-World-Briefkasten, unmissverständlich mit Letzte Mahnung übertitelt: Man will 22,50 € von mir, bis zum 29.07. zu überweisen, letzte Frist, andernfalls schalte man ein Inkassounternehmen gegen mich ein. Vorige Rechnungen und Mahnungen habe man an mein web.de-E-Mail-Postfach gesandt.

Ich durchforste mein Postfach: Nichts. Von web.de nur die üblichen dubiosen Werbeangebote, nirgendwo Rechnungen oder Mahnungen. Ich durchforste mein Gedächtnis: Kann mich nicht erinnern, irgendwann einen Vertrag über einen kostenpflichtigen Service mit web.de abgeschlossen zu haben. Die angeblich erbrachte Leistung ist auch in der „Letzten Mahnung“ nicht explizit aufgeführt. Auch kann ich mich nicht erinnern, meine aktuelle Wohnadresse je bei web.de angegeben zu haben. Seit meiner Exmatrikulation in München bin ich ungefähr zehn Mal umgezogen. Ich denke also: Fake. Hacker. Kann man einfach ignorieren.

Dann google ich aber doch „web.de mahnungen“ und siehe da: Das Phänomen ist bereits bekannt. Offensichtlich werden tausende web.de-Nutzer mit derlei unbegründeten Mahnungen und Inkassodrohungen belästigt. Und es ist kein Fake irgendwelcher Betrüger: Dahinter steht wirklich die „1&1 Mail & Media GmbH“ mit ihrer Tochterfirma web.de.

Natürlich zahle ich keinen Cent an diese Arschlöcher und bis zum 29.07. sind die nicht um 22,50 € reicher, sondern um einen Kunden ärmer. Aber die vergeudete Lebenszeit und den verlorenen Glauben an eine prinzipiell nicht völlig verkommene Menschheit: Wer zahlt mir das zurück? Welches Inkasso treibt mir das wieder ein?

 

Interstellar

Vor einer halben Ewigkeit, zehn Jahre mag das fast schon her sein, schaute ich mir mal im Fernsehen eine Inszenierung des Wagnerschen Siegfried an. Ich glaube jedenfalls mich zu erinnern, dass es der Siegfried war, und ich glaube, es war diese Stuttgarter Ring-Inszenierung, wo alle vier Opern von vier verschiedenen Regisseuren inszeniert wurden. War das Stuttgart? Ich müsste das jetzt alles nachgoogeln, aber hey, ich bin Blogger und nicht der SPIEGEL, den Faktencheck erledigt für mich die Schwarmintelligenz, also los: Das Bühnenbild des dritten Akts dieses vermutlichen Stuttgarter Siegfried war überdeutlich jenem Raum nachempfunden, in den in Kubricks 2001 – A Space Odyssey der Astronaut Dave nach seiner psychedelischen Fahrt durch tausend Dimensionen gelangt. So ein barockes Zimmer mit den entsprechend antiken Möbeln, ein großes Bett und zierlich geschnitzte Samtpolsterstühle, aber der Fußboden so ein futuristisches, milchig leuchtendes Gitter. Ich fand die Referenz irgendwie einleuchtend für diesen Brünnhildenfelsen, als einen Unort außerhalb von Raum und Zeit, andererseits aber auch rätselhaft: Warum Siegfried und Brünnhilde, diese mythischen Germanen, in Kubricks ja für sich selbst schon rätselhaftem, mit Vergangenheit beladenem Zukunftszimmer?

Damals war das Internet für mich ganz neu, wir hatten frisch DSL, zum ersten Mal bauten sich Seiten nicht erst nach endlosen Ladezeiten auf, nachdem man den Rechner erst umständlich mit der Telefonbuchse verkabelt und sich irgendwo eingewählt hatte, um dann, nach sauteuren Ferngesprächsgebühren abgerechnet, den Seiten dabei zuzuschauen, wie sie sich ultralangsam am Bildschirm zusammenpixelten. Jetzt plötzlich W-LAN und Flatrate. Den Laptop auf den Schoß holen und schnell mal was nachgoogeln war plötzlich keine große Sache mehr, und genau das war die große Sache. Und deshalb googelte ich damals nach Kritiken dieser Siegfried-Inszenierung, um zu erfahren, wie die professionellen Opernkritiker dieses von Kubrick entlehnte Bühnenbild des dritten Akts interpretierten. Ich fand auch ganz viele Besprechungen. Abseitiges Klickgift wie Opernkritiken wurde damals noch tonnenweise von den renommierten Zeitungen ins Netz gekippt. Aber keine einzige nahm Bezug auf die Kubrick-Referenz. Teilweise wurde der Raum des dritten Akts detailliert beschrieben, als schöne Bildidee sogar gelobt, aber kein einziger erkannte, dass das ganze Bild eine Anspielung auf Kubricks 2001 war.

Opernkritiker gehen offenbar nur in die Oper und niemals ins Kino, war meine Schlussfolgerung damals, und dass ein Feuilleton keine Zukunft haben würde, wo die Theaterexperten immer nur ins Theater, die Opernexperten immer nur in die Oper, die Kinoexperten immer nur ins Kino gehen. Die Literaturexperten immer nur Bücher lesen und die Kunstkenner immer nur durch Museen wandeln. Als ob im Politikteil der Englandexperte keine Nachrichten über Griechenland lesen würde, weil sein Ressort ja schließlich England, nicht Griechenland sei.

Wobei ich natürlich andererseits der Meinung bin, dass eine gute Kunst möglichst nicht nur von einer auskennerischen Kunstelite, sondern von allen rezipierbar sein muss, ungeachtet irgendwelcher speziellen Vorkenntnisse. Um es einfach zu sagen: Du kannst dein Ding vollstopfen mit Referenzen, soviel du willst, aber es muss auch für den funktionieren, muss auch den kicken, der all diese Anspielungen eben nicht sieht, einfach weil er die zugrundeliegenden Referenzwerke nicht kennt.

Wie dem auch sei. Das alles mit dem Stuttgarter Siegfried fiel mir jetzt bloß wieder ein, weil ich seit Tagen etwas über Christopher Nolans Film Interstellar schreiben wollte, aber ums Verrecken keinen Ansatz fand, der nicht nach drei Zeilen in ein klassisch gediegenes Rezensionsformat abrutschte, weswegen ich es hier nun einfach bei der Mitteilung belasse, dass der Film von vorn bis hinten mit Anspielungen auf 2001 gespickt ist, auf allen Ebenen – Musik, Bildsprache, Dramaturgie, Dialoge, Inhalt usw. – finden sich Referenzen zu diesem Klassiker der Filmkunst, und dennoch ist Interstellar kein epigonales Werk ohne eigene Substanz, sondern im Gegenteil ein ganz hervorragender Science-Fiction-Film, den ich meinen Lesern gerne zur eigenen Sichtung und Ordnung ans Herz legen möchte, zumal die DVD einem derzeit zum Schleuderpreis hinterhergeworfen wird.

02.07.2015

Ich habe mal mit einem Menschen geredet, der sagte den mir unvergesslichen Satz: „Ohne den Don Quijote könnte ich nicht leben!“ Ich war damals jung und hatte zuviel Geld, zog am nächsten Tag los und kaufte mir den Don Quijote in der neuesten sauteuren Hanserübersetzung, fadengeheftetes Dünndruckpapier im Leineneinband, alles vom Feinsten. Und stellte nach vier- oder fünfhundert Seiten fest: Ok, ich kann offenbar ohne den Don Quijote leben. Jetzt lebe ich natürlich trotzdem mit dem Don Quijote, so wie ich mit allen diesen Büchern lebe, die im Regal stehen, und die ich alle nicht fertig gelesen habe. Manche habe ich sogar noch nicht mal angefangen. Dabei ist ja der Anfang der Bücher meistens das Beste an ihnen. „Call me Ishmael.“ Was für ein Hammereinstieg. Wie kann man sowas noch toppen? Aber Cervantes ist natürlich auch nicht schlecht, mit seinem: „Desocupado lector“. Meine Hanserübersetzung gibt das mit „Unbeschwerter Leser“ wieder, und vielleicht ist das mein Problem mit dem Lesen, dass ich einfach nicht mehr unbeschwert genug bin. Andererseits, wenn ich mir anschaue, mit welch bleischwerer Verkniffenheit von diesem Bachmannwettbewerb berichtet wird, und was für eine bescheuerte und wichtigkeitsheuchelnde Veranstaltung das ja auch einfach schon an sich selbst ist, dann komme ich mir im Vergleich dazu doch wieder ganz unbeschwert vor. Früher habe ich mir das ja auch manchmal ein bisschen angeschaut. Es waren die langweiligsten Stunden, die ich je vor dem Fernseher verbracht habe. Käme nicht auf die Idee, mir das noch einmal freiwillig reinzuziehen.

Ansonsten die Hitze, diese schreckliche Übermenge an Sonnenstrahlung, kaum auszuhalten. Und die Frage, ob dieses Ding da rechts neben mir auf der Balkonbrüstung eventuell ein Wespennest sein könnte. Es sieht aus wie ein aus vielen kleineren Harzklumpen verklebter, harziger Stein, eigentlich unverdächtig, aber eine Wespe ist gerade zwei oder drei Minuten lang auffällig intensiv um diesen Klumpen herumgekrabbelt, hat daran herumgenestelt, ich weiß nicht, jetzt ist mir das Ding plötzlich unheimlich.

28.06.2015 – Mit Hasenkötteln und drei Links

Ich erwachte heute morgen um vier Uhr vierzig, weil etwas an meinen Haaren knabberte. Ein durch keine Traumerzählung mehr zu übertünchendes, unangenehm ziehendes Nagen an meinem Haupthaar. Ich öffnete die Augen – erstaunlich, wie hell es schon ist um diese Zeit – und sah das graue Kaninchen auf meinem Kopfkissen sitzen. Nachdem wir uns in die Augen geschaut hatten, drehte es sich nun herum, zeigte mir sein Hinterteil und ließ aus selbigem einige braune Kügelchen direkt neben meinen Kopf kullern. „Fuck, du Hase, verschwinde aus meinem Bett! Verschwinde aus meinem Leben!“, waren die ersten Worte, die ich an diesem heutigen Tag artikulierte, und irgendwie war klar: Der Tag ist jetzt, um vier Uhr einundvierzig in der Früh, bereits gelaufen.

Fragen Sie nicht, wie es soweit kommen konnte, ich erspare Ihnen die Details, ich sage nur: Alarmstufe Rot ist auszurufen, wenn pubertierende Nachbarskinder Ihnen Haustiere zur Pflege andienen und dabei Worte wie „nur für Übergang“ oder „vielleicht höchstens paar Wochen“ verwenden. Das Wohnzimmer: Ein Steinway, der langsam in einem Misthaufen versinkt.

Es war aber dann doch nicht alles nur schlecht an diesem Tag. Immerhin hat ein eilig einberufener Kaninchenkrisengipfel das Ergebnis gezeitigt, dass die Mistviecher, die ja eigentlich gar keine Mistviecher sind, sondern bedauernswerte Kreaturen, die wegen menschlicher Blödheit zu einem unwürdigen Leben in Gefangenschaft verdammt sind, übermorgen wieder abgeholt werden. Und dann erreichte mich irgendwann noch die Message, dass meine Stats angeblich boomten und tatsächlich: Herr Buddenbohm hat mich einmal mehr verlinkt und meinen letzten Text seinen Lesern zur Lektüre anempfohlen. Das ist immer ein interessantes Erlebnis. Die Klickzahlen rauschen in ungeahnte Höhen, aber sonst bleibt alles still, keine Likes, keine Kommentare. Für mich wahnsinnig angenehm. Leser, die einfach nur lesen.

Ich mache ja keine solchen Linksammlungen, vermutlich vor allem aus dem Grund, um die zu Verlinkenden im Unklaren zu lassen über meinen normalerweise ja doch eher erbärmlich niedrigen Traffic. Das ist doch beschämend. Wenn ich einen Link setze, klicken da vielleicht zwei Leute drauf, wenn es hoch kommt. Aber andererseits ist es ja auch schäbig, vom Buddenbohm immer nur die Leser und die Klicks abzusahnen und nie was zurückzugeben, also verweise ich heute mal ausdrücklich auf ihn. Er hat nämlich diesen wunderschönen und mir aus tiefster Seele sprechenden Satz geschrieben: „Isch möschte in gar keine Community.“ Genau so ist es. Wenn sich alle Internet-Startups diesen Satz bitte kurz abschreiben könnten und bei ihren künftigen Unternehmungen im Hinblick auf die potentiellen Kunden auch berücksichtigten, das wäre schön.

Und jetzt ist schon wieder Schluss hier, denn ich will, bevor der kaninchenversaute Tag schon wieder ganz rum ist, noch eine Folge True Detective schauen, die erste Serie seit längerem, die mich wieder ganz vom Hocker reißt. Habe ich entdeckt auf Hinweis von Iris, in deren wildwuchernden Gärten man alles mögliche, und eben auch gute Tipps für Fernsehserien finden kann.

Alles weitere lesen Sie beim Fachmann für fiktionale Essays, essayistische Fiktionen, paranormale Werbebanner und die endlos fortgesetzte Reihe nie geschriebener Groschenromane: Dem Epizentriker.

Gerüstbauer

Am Haus gegenüber haben sie heute nachmittag das Gerüst wieder abgebaut, auf dem jetzt tagelang zuerst die Maler gemalt und dann die Spengler gespenglert hatten. Als ich vom Einkaufen zurück ging, hörte ich einen Dialogfetzen der das Gerüst abbauenden Gerüstbauer:

– Karnickeln tunse in Rumänien, aber zum Werfen kommse dann wieder nach Berlin.
– Sind aber in Köln und Hannover ooch noch jemeldet.
–Drecksrumänen.

Und brach innerlich zusammen. Dieses andauernde Gefühl, in so einem Lion-Feuchtwanger-Roman zu stecken, in den Zwanzigerjahren, alles scheint noch normal und okay, aber irgendwas schwelt, was ist das denn? Ach ja, stimmt: die Nazis sind plötzlich überall, aber die gehen ja bestimmt auch wieder weg, nur ein vorübergehendes Phänomen, eine Mode. Denkste.

Ich hab das ja noch erlebt, in den Achtzigern, als Jugendlicher, die alten Nazis, die dir vorschwärmten, wie man unter Hitler sein Fahrrad nicht habe absperren müssen, weil niemand je ein Fahrrad geklaut habe damals. So etwas wie ein Fahrradschloss habe es gar nicht gegeben in dieser wundervollen Zeit. Ein Deutscher klaue ja eh kein Fahrrad und die andern – die Andern! – hätten damals sehr genau gewusst, dass sie direkt ins KZ gehen für ein einem Deutschen weggeklautes Fahrrad und also brav die Finger gelassen von den Fahrrädern der Deutschen.

Ich weiß nicht, ich hab das Gefühl, die Nazis sind wieder groß im Kommen. Ihr sagt natürlich: Das war doch bloß ein Zufallsdialog von Gerüstbauern. Aber NSU, AfD, Freital, Pegida, es häuft sich doch jetzt wirklich langsam, und ich sehe es eben nicht mehr nur im Fernsehen, nicht nur Einzelfälle, weit weg, irgendwo, sondern die Leute auf der Straße reden so daher, ich höre es überall. „Heil Deutschland! Heil Reich!“, schrie neulich einer offen auf der Straße aus und reckte die Hand zum Hitlergruß, und ich würde ja gerne dazuschreiben: ein Irrer. Aber langsam werden die Irren zur Normalität, und da Irresein als Abweichung von der Normalität definiert ist, bin wohl ich so langsam der Irre.

Dazu die Lektüre der Zeitungen, das Scheitern der EU, das Scheitern der europäischen Idee, die Putinsche Wahnsinnspolitik und die Hölle im Nahen Osten. Wir schlittern in die nächste Katastrophe hinein, ich kann dieses Gefühl nicht mehr abschütteln. Aber scheiß auf Sommermärchen und selbstbewusstes Nationalgefühl im schwarzrotgoldenen Farbenmeer: Die Besinnung auf irgendwelche herbeifantasierten Volks- und Nationalidentitäten löst doch diese ganzen Probleme genau nicht, sondern befeuert sie im Gegenteil nur. Sieht das denn keiner?

Aber klar, selbst der SPD fällt als Antwort auf die NSA-Bespitzelung nichts Besseres ein, als die Überwachung der Bürger per Vorratsdatenspeicherung einfach selbst in die nationale Hand zu nehmen. Wenn die Amis schon wissen, welche Pornos sich unsere Bürger so reinziehen, dann wollen wir es wenigstens auch wissen.

Und als Normaldepp, der schon fast verzweifelt die Demokratie immer noch für die beste Staatsform hält, steht man jetzt da und fragt sich: Wen soll ich aber wählen in dieser Scheißdemokratie?

Ich würd am liebsten nur noch Griechen oder Rumänen oder Portugiesen in ein wirklich demokratisches Europaparlament hineinwählen, aber man lässt mich ja nur Deutsche wählen, selbst bei der Europawahl, und die stellen sich dann hin und sagen: Wählt mich, weil ich eure deutschen Interessen wahre.

Wie so richtig ehrlich arbeitende und niemals fahrradklauende nationalsozialistische Gerüstbauer.

 

Kinderkram

Das Tolle am Comic, wie mir im Gespräch mit dem G. auch wieder aufgefallen war, sind ja unter anderem seine einzigartigen Möglichkeiten in Bezug auf die Zeit. Manche Kunstformen bringen ihre eigene Zeit ja einfach mit, die Musik zum Beispiel. Ein Musikstück schnurrt eben so ab, wie es abschnurrt, und der Hörer muss dieses Tempo mitgehen. Das soll gar nicht so negativ klingen, diese Eigenschaft gehört einfach zum Wesen der Musik. Man kann natürlich die Appassionata schnell, normal, oder so quälend langsam wie Glenn Gould spielen, der diese Sonate einfach hasste und mit seiner Einspielung bewusst zerstören wollte. Aber als Rezipient hat man allenfalls noch die Entscheidungsfreiheit, welche Aufnahme man sich auflegt, dann aber, einmal auf Play gedrückt, bleibt einem nichts übrig, als dem Tempo der Musik zu folgen. Beim Film ist es noch deutlicher: Ein vorgetakteter Strom von Bildern, dem man sich völlig überlässt.

Beim Comic hingegen lenkt zwar der Künstler deinen Blick über die Seite, gibt also den Weg vor, auf dem deine Augen das Papier abfahren, kann aber unmöglich bestimmen, in welchem Tempo du dies tust. Erzählzeit und erzählte Zeit klaffen unter Umständen sehr weit auseinander, und zwar auf nochmal andere Weise als beim Buch, wo dieses Verhältnis zum größten Teil allein vom Autor bestimmt und gestaltet wird, und der Leser doch meistens in einem von ihm gewählten Grundtempo die Sätze so hintereinander wegliest. Beim Comic entscheidet der Leser selbst, wieviel Zeit er jedem einzelnen Bild widmet. Ein einzelnes Bild, das nur einen minimalen Zeitraum erzählt, eine Explosion zum Beispiel, betrachtet man vielleicht besonders lange, um alle möglichen Details zu erkennen und zu dechiffrieren: Da fliegt ein Stiefel, ist das nicht der Stiefel von X?, dann hat es X wohl erwischt?, oder ihm nur das Bein abgerissen?, usw. Wohingegen man über eine Reihe von Bildern, die besondere Langsamkeit zum Ausdruck bringen soll, mit den Augen eventuell ganz schnell hinwegfährt: Jemand geht langsam einen Flur entlang, Schritt für Schritt, Bild für Bild. Das überfliegt man als Leser nur ganz flüchtig: Aha, langsam, verstanden, weiter.

Neulich mit H. darüber geredet, dass wir als Kinder die exakt gleiche Erfahrung beim Comiclesen gemacht haben, nämlich einfach nur den Sprechblasentext zu lesen und fast gar nicht auf die Bilder zu achten, ja, die Bilder eigentlich nur im Augenwinkel wahrzunehmen, weil man sie eben nicht vollständig wegblenden kann, da sie ja nun mal um die zu lesenden Sprechblasen so außen rum gemalt sind. Manchmal, wenn mir bei einem Bild dann doch mal ein Detail auffiel, das für den Fortgang der Geschichte wesentliche Informationen transportierte, die so dem Sprechblasentext gar nicht zu entnehmen waren, dachte ich: Oh Gott, bestimmt ist das ganze Heft voll solcher gemalter Andeutungen, und ich übersehe das alles, krieg nur die Hälfte überhaupt mit. Dann nahm ich mir immer fest vor, das Heft noch einmal ganz genau zu lesen, und diesmal ganz bewusst jedes einzelne Bild zu kontemplieren. Aber es funktionierte nie. Zack, Peng, Bumm, war ich wieder beim Schlussbankett der Gallier, und hatte wieder nur am Text entlang gelesen.

Vielleicht kommt man eines Tages noch zu der Auffassung, Comics seien zu komplex und stellten zu hohe Anforderungen an den Leser, als dass man diese anspruchsvolle Lektüre einfältigen Kindern zumuten dürfe. Aber, äh, wenn ich es recht bedenke: Nein, das wäre dann auch wieder übertrieben.