Vorsicht Schußwaffen!

Der Terror der RAF war in meiner Kindheit stets präsent, die Phantome wandelten unter uns, das war normal. Im Biergarten der Ettaler Mühle zum Beispiel, wo wir im Sommer manchmal hinfuhren wegen der einzigartig hervorragenden Forellen vom Grill, die meine Mutter so liebte, da saßen die Erwachsenen auf ihren Bierbänken, der Koch stand am Grill und wendete die Fische, wir Kinder spielten am idyllisch dahinplätschernden Bach, in dem sich nutzlos und nur noch zum Zwecke der Idyllerzeugung das alte Mühlrad drehte, und daneben hing ganz selbstverständlich das rot umrandete Plakat mit den unscharfen Schwarzweißgesichtern: „Terroristen. Vorsicht Schußwaffen!“

Mein Blick schwenkte hin und her zwischen dem Plakat und den Leuten im Biergarten, es war alles sehr aufregend: der da hinten mit dem Schnauzbart, das war doch einer der Gesuchten, ganz klar, ich hatte einen enttarnt. Das Herz klopfte mir im Hals als ich die Entdeckung meiner Mutter zuflüsterte, aber die lachte nur und sagte, ohne sich zum Vergleich das Fahndungsbild überhaupt anzuschauen, solche Terroristen gebe es bei uns nicht, ich solle keine Angst haben, so etwas gebe es nur in der Großstadt. Ich war keineswegs beruhigt. Wenn das so einfach wäre, warum hatte die Polizei dann so ein Fahndungsplakat überhaupt hier aufgehängt? Zur Sicherheit ließ ich den Schnauzbärtigen nicht aus den Augen, gewärtig, er könne jeden Moment mit gezückter Pistole aufspringen und wie wild um sich ballern, was er glücklicherweise dann aber doch nicht tat.

Es sollte sich dennoch zeigen, dass die pauschale Entwarnung meiner Mutter falsch gewesen war. Eines Morgens ging ich zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen, durchdrungen von dem kindlichen Wunsch, es möge doch einmal auf der Titelseite von Oberammergau berichtet werden, nicht immer nur München oder Bonn, diese ewig gleichen und für mich nichtssagenden Orte. Und, was soll ich sagen, ich erfinde das nicht: genau an diesem Tag stand Oberammergau tatsächlich auf der Titelseite des Münchner Merkur. Ein Attentat auf die örtliche Nato-Schule war nur knapp gescheitert, in letzter Sekunde war das mit Sprengstoff vollgepackte Auto entdeckt und die Bomben entschärft worden, die Täter jedoch wurden nicht gefasst. Das war natürlich für die nächsten Wochen das Thema im Dorf. Jeder hatte die Terroristen gesehen gehabt, jedem war etwas merkwürdig vorgekommen an diesen Fremden, die tatsächlich, wie sich nun herausstellte,  monatelang eine konspirative Wohnung in unserem idyllischen Alpendörflein unterhalten hatten, um diesen Anschlag vorzubereiten. Uneinigkeit herrschte bezüglich der potentiellen Sprengkraft der Bombe. Manche behaupteten, so ein selbstgebasteltes Bömblein wäre wohl ohne größere Auswirkungen einfach verpufft, der Toni hingegen war überzeugt, eine Detonation hätte im direkten Umkreis der Nato-Schule sicherlich diverse Todesopfer gefordert und bis ins Dorf hinunter würde es mindestens die Fensterscheiben zerrissen haben, was mir allein deshalb plausibel vorkam, weil der Toni als Weltkriegsveteran ja Ahnung von so etwas haben musste. Ich hielt mich bedeckt in diesen Gesprächen und enthüllte niemandem, dass ich selbst das Ereignis sozusagen herbeigewünscht hatte, weil ich Oberammergau auf der Titelseite der Zeitung hatte sehen wollen, war aber fortan insgeheim davon überzeugt, dass meinem Bewusstsein eine wirklichkeits­verändernde Kraft innewohnte.

Jahre später entwickelte ich erneut eine Faszination für den Terror. Ich verschlang den Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust und daran anschließend noch alles andere, dessen ich habhaft werden konnte. Es gab damals ja noch nicht soviel Literatur zu dem Thema wie heute, die RAF war Anfang der Neunziger noch nicht vollständig zu Geschichte geronnen, sondern immer noch Teil der Gegenwart. In der 12. Klasse schrieb ich meine Facharbeit über das Thema „Die Entstehung der RAF und die Reaktion des Staates“. Meine These war damals so ungefähr, dass der Staat von Anfang an auf diese Bedrohung von links völlig überreagiert hat und sich dadurch den zunächst ja eher harmlosen Linksaktivisten als genau das faschistisch-gewalttätige Willkürmonster offenbarte, das sie in ihren marxistischen Pamphleten an die Wand gemalt hatten, ein Monster, dessen ebenso gewalttätige Bekämpfung ihnen nun umso gerechtfertigter erschien, undsoweiter: eine Spirale der Gewalt, deren weitere Eskalation spätestens nach dem Abtauchen der RAF-Leute in den Untergrund, in den sie durch die Verfolgung des Staates ja quasi hineingetrieben wurden, durch keinen Dialog mehr abgebremst werden konnte. Keine besonders waghalsige oder neue These, aber immerhin auch nicht ganz falsch, wie mir heute noch scheint.

Ich musste an all das jetzt wieder denken, als ich neulich auf einer längeren Zugfahrt den Roman Das Verschwinden des Philip S. von Ulrike Edschmid las, der mir meine damalige Facharbeitsthese geradezu exemplarisch zu belegen schien. Das Buch beschreibt den Weg des Filmstudenten Philip S. in den Untergrund, erzählt aus der Perspektive seiner damaligen Lebensgefährtin, der namenlosen Ich-Erzählerin. Sie beschreibt S., der 1967 nach Berlin kommt, um dort an der Filmakademie zu studieren, als einen sensiblen, einfühlsamen Menschen, in der Filmarbeit ein perfektionistischer Ästhet. Von den politisch aufgeheizten Kommilitonen wird sein erster Film als zu unpolitisch und formalistisch abgelehnt. Diese Vorwürfe prallen an Philip S. ab: „Er hat gezeigt, wohin er mit seinem Film gehört. Er hat Menschen dargestellt, deren Vereinzelung, Einsamkeit und Verstrickung in undurchschaubare und bedrohliche Mächte metaphysischer Art ist und durch keine Revolution aufgehoben werden kann.“ (S. 34)

Aber als im Frühjahr 1968 Schüsse auf einen Studentenführer abgefeuert werden und das Parlament Ausnahmegesetze für den Notstand erlässt, fühlt sich auch der Ästhet Philip S. mehr und mehr zum Widerstand aufgerufen, besucht jetzt die studentischen Versammlungen und Demonstrationen, macht mit bei der Besetzung der Filmhochschule.

Parallell zu diesen öffentlichen Ereignissen bleibt Philip S. im Privaten eigentlich ganz unverändert. Dem Sohn der Erzählerin, der nicht der seine ist, ist er ein liebevoller Vaterersatz, er engagiert sich in den selbstorganisierten Kinderläden, die gegen das staatliche Erziehungsmonopol gegründet werden. Aber durch das Engagement in den linken Kreisen steht das Paar bald auf der Abschussliste der Polizei. Immer, wenn es irgendwo knallt, stehen sie vor der Tür, dringen ein, durchsuchen die Wohnung, entwenden Dinge. Plötzlich gibt es gar kein Privates mehr für diese Familie. Als sie beide unter falschem Verdacht über Wochen in Untersuchungshaft festgehalten werden, kommen sie als veränderte und einander entfremdete Menschen wieder hinaus: „Wir sind nicht an den gleichen Ort zurückgekehrt, nicht in das gleiche Leben. Aber das wissen wir noch nicht. Erst später sehe ich deutlich, wie in dem, was damals geschah, schon das Zukünftige aufschien. Unter der Hand veränderte sich etwas, das ich im Rückblick als Zeitwende begreife, das Leben spaltete sich auf in die Zeit vor dem Gefängnis und in die danach.“ (S. 105)

Der vom Staat sich offen verfolgt sehende S. bereitet jetzt alles für das Leben im Untergrund vor, vernichtet Fotos, fälscht Pässe, trifft sich mit Leuten, die bereits abgetaucht sind. Die Erzählerin hingegen will gegen alle Widerstände ein offenes, eigenes Leben haben, will auch ihr Kind nicht verlassen. So zerbricht diese Liebe, ziemlich erschütternd ist das zu lesen, gerade weil es völlig unsentimental erzählt und geschrieben ist.

Am Ende stirbt der Philip S. auf einem Parkplatz, von Polizistenkugeln durchlöchert, das ist sein endgültiges Verschwinden, dokumentiert von der einstigen und, wie man beim Lesen zu spüren glaubt, ihm bis über den Tod hinaus noch verbundenen Gefährtin.

Im Zug sitzend las ich das schmale Buch durch, ohne einmal abzusetzen, und als ich es schließlich zuklappte und nachdenklich dieses seltsame Deutschland an mir vorübersausen sah, da kamen mir all diese oben beschriebenen Kindheitserinnerungen wieder in den Sinn. Auf dem Platz neben mir hatte die ganze Zeit ein voll uniformierter Polizist gesessen, der hauptächlich mit seinem Handy beschäftigt gewesen war und jetzt an der Haltestelle Jena Paradies den Zug verließ. Nicht unbedingt ein Freund und Helfer, aber auch kein Repräsentant eines Schweinesystems, dachte ich, nachdem wir uns lächelnd voneinander verabschiedet hatten. Ein ganz normaler Mitreisender, wie alle anderen auch. In letzter Konsequenz: nichts weiter als ein Mensch.

περὶ τῶν κατηγορίων

Was Aristoteles in seiner Kategorienschrift noch eine Kategorie nannte, heißt heute ein Label. Durch Kategorisierung wollte Aristoteles dem wahren Wesen der Dinge näher kommen. Wir Heutigen wittern stattdessen hinter jedem Label sofort die Lüge. Wenn auf einem Buch vorne draufsteht „Roman“, dann schnüffeln die Suchhunde alle sofort los und spüren die autobiographischen Bezüge auf. Eine unendliche Befriedigung durchzuckt den Spürhund, wenn er aufzeigen kann, dass der angebliche Romanheld doch nur den Autor selbst darstellt. Soso, da hatte der selbsternannte Romancier wohl doch ein bisschen zuwenig Phantasie, um sich was ordentlich Phantastisches auszudenken.

Genau umgekehrt läuft es interessanterweise, wenn einer auf sein Buch vorne das Wort „Autobiographie“ draufschreibt. Dann rennen die Spürhunde nämlich auch sofort los, suchen diesmal aber nur nach den Fehlern, den Unaufrichtigkeiten, den Lügen und Selbstüberhöhungen. Kaum veröffentlicht Keith Richards seine Autobiographie, schon ruft Mick Jagger bei seinen Kumpels vom New Yorker an und kräht ins Telefon: Alles gelogen, so war das gar nicht.

Ich selber weiß recht wenig über die unendlich vielen Bücher, die ich alle noch nicht geschrieben habe, nur eins ist sicher: Kein Label und keine Kategorie kommt mir unter den Titel. Nicht mal „Quatsch mit Soße“ werde ich darunter schreiben, das muss sich der Leser dann einfach selber dazudenken, so geht nämlich Lesen, diese vergessene und verlernte Kunst.

Hohlkörper

Im Wartezimmer des HNO-Arztes, wo ich mich heute zur nochmaligen Ohrenkontrolle wieder einfand, warteten vor mir so viele Leute, allesamt Rentner wie mir schien, dass ich endlich Gelegenheit hatte, den Roman „Hohlkörper“ von Robert Mattheis fertigzulesen. Während des Lesens fiel mir ein Gespräch wieder ein, das ich vor geraumer Zeit einmal mit dem Ochsen führte, der sich damals über die sogenannte junge deutsche Literatur beschwert hatte. Alle diese Leute würden doch überhaupt nur Schriftsteller werden, damit sie nicht arbeiten müssten, so der Ochse damals sinngemäß. Dann flanierten sie durch Berlin, immer sei es ja Berlin, wo sie durchflanierten, und schrieben dann melancholisch-poetische Romane, angefüllt mit den beim Flanieren aufgesaugten Impressionen, dabei aber leider völlig an der Welt vorbeischreibend. Das reale Leben der heutigen Menschen könnten diese Schreiber nicht beschreiben, weil sie es schlichtweg nicht kennen, ich zitiere immer noch den Ochsen aus dem Gedächtnis, die deprimierende Wirklichkeit der allermeisten Leute fände in Büros statt, aber nie würden Romane in Büros spielen, dies sei ein eklatanter Missstand, ein Versagen der deutschen Literatur. Meine Antwort auf diese fulminante Rede war damals gewesen, dass es für sowas wahrscheinlich einfach keinen Markt gebe, keine Leser. Wer den ganzen Tag im Büro hockt, wolle vermutlich am Feierabend eher nicht noch einen Büroroman lesen, sondern Geschichten über Liebesaffären, Wüstenabenteuer, Spionage, für ein paar ganz Verträumte vielleicht auch ein bisschen Berlinflaniererei, aber sicher kein Büro.

Daran musste ich jetzt mit meinem Buch in diesem Wartezimmer sitzend wieder denken, weil das Buch „Hohlkörper“ tatsächlich zu großen Teilen in Büros und Konferenzzimmern irgendwelcher Medienkonzerne und Werbeagenturen spielt, aber dennoch das komplette Gegenteil von dem darstellt, was man sich unter einem Büroroman vorstellt. Kein weinerliches Lamento über die öde Tretmühle der Arbeitswelt, sondern eine anarchische und völlig überdrehte Feier des Wahnsinns, der in diesen Büros tagtäglich stattfindet. Ich kam am Anfang nicht so richtig rein in dieses Buch, man wird erstmal erschlagen von einer Masse von Figuren, auch kriegt man keinen Handlungsstrang so recht zu fassen, die Idee einer aristotelisch korrekt aufgebauten Handlung wird im Buch selbst ständig persifliert. Wenn man es aber aufgibt, nach nicht existenten roten Fäden zu greifen, dann entfaltet das Buch in seiner ganzen Zerstückeltheit einen echten Sog.

Der Kern der nicht vorhandenen Handlung ist, dass Bob und Georg den nächsten Roman für das Autorenpseudonym „Utz Feller“ schreiben sollen. Dieser nicht existente Feller ist der „beliebteste Thrillerautor unserer schönen Republik“ (S. 160) und wird verlegt von Cyclops Media, einem Verlagskonzern, bei dem ausschließlich die Bilanzen zählen, nicht die Kunst. Dennoch haben Bob und Georg es sich in den Kopf gesetzt, dem Utz Feller ein postmodern-antiaristotelisches Literaturkunstwerk unterzujubeln, womit sie natürlich gnadenlos scheitern bei den Entscheidern in den Besprechungsräumen von Cyclops Media. Immer wieder werden sie zu Umarbeitungen des Manuskripts genötigt, aber in jede Neufassung bauen sie einfach noch mehr narrative Ebenen und Metafiktionen ein, standhaft verweigern sie das Abliefern eines schön nach Schema F augebauten Thrillers. So wie der Roman „Sprengkörper“ von Utz Feller unter den Händen von Bob und Georg immer weiter zerfasert, so zerfasert auch der Roman „Hohlkörper“, der die Geschichte des Romans „Sprengkörper“ erzählt, immer weiter in nur noch lose miteinander verknüpfte Miniaturen. Aber in diesen Miniaturen, in den Details, steckt die wahre Sprengkraft des Romans. Bei aller Überdrehtheit und Destruktion der Form zeigt sich doch im ganz Kleinen, in einzelnen Sätzen und Szenen, dass der Autor diese Welt der Werber und Textvermarkter sehr gut kennt, in all ihrer Aufgeblasenheit. Die innere Hohlheit dieser Bürokörper, auch die Tragik dieser ausgehöhlten Körper findet sich im ganz Kleinen.

Vor allem ist das Buch aber saulustig. Die Rentner im Wartezimmer, mit ihrer Sportbild oder Bild der Frau auf dem Schoß, schauten schon komisch zu mir rüber, weil ich immer wieder so leiselaut in mich hineinlachte. Als ich mit den Hohlkörpern durch war, waren immer noch drei Leute vor mir, so dass ich gezwungen war, das Handy zu zücken und noch ein bisschen in den Blogs zu stöbern, Rezeptideen zum Tintenfisch und so Zeug. Und ganz zum Schluss, um das hier schön aristotelisch fertig zu erzählen, durfte ich auch noch ins Sprechzimmer rein. Die Gehörgänge sähen jetzt schon viel besser aus, sagte der Arzt. Antibiotische Tropfen absetzen, noch zwei Wochen Cortisonsalbe, dann dürfte die Sache ausgestanden sein.

10. Mai 2013

Nachdem ich zwei Tage lang an meiner Rede für die Feierlichkeiten anlässlich des einjährigen Bestehens von Sichten und Ordnen herumgefeilt hatte, warf ich das von hochgelehrten Anspielungen und Querverweisen nur so triefende Manuskript zum Altpapier. Außer dem Finanzamt interessiert sich doch eigentlich niemand für Bilanzen, hatte ich plötzlich gedacht, und schlagartig war mir ganz leicht ums Herz geworden. In letzter Sekunde sagte ich das große Festbankett ganz einfach ab und spendierte dem Blog stattdessen ein neues Layout. Das Blog bedankte sich recht artig und wir setzten uns noch ein Weilchen zusammen, um bei einem Glas Bier über die alten Zeiten zu schwatzen. Bevor aber noch einer von uns in Sentimentalitäten abgleiten mochte, verabschiedete ich mich unter einem Vorwand, klappte den Rechner zu und ging, zeitiger als es normalerweise meine Gewohnheit ist, zu Bett.

Brennende Ohren

„Otitis externa, rechts“, diktierte Dr. S. seiner Assistentin und im selben Moment sah ich die Worte Otitis externa, re. auf dem Computerbildschirm neben mir aufscheinen. „So, und jetzt schauen wir mal noch ins andere Ohr rein“, und steckte mir seine trichterförmige Ohrenleuchte auch ins linke Ohr hinein. „Aha, aha, dasselbe in Grün“, sagte er und fing gleich an, das Ohr zu spülen. Auf dem Bildschirm wurde re.  durch bds. ersetzt.

Es ging alles sehr schnell. Ich schätze das, lege keinen Wert darauf, vor Ärzten meine ganze Lebensgeschichte auszubreiten. Wenn Friseure doch nur auch so wären. Er stopfte mir mit irgendeiner Flüssigkeit getränkte Stoffstreifen in beide Ohren, was höllisch brannte, und drückte mir ein Rezept in die Hand: „Zwei Mal täglich vier Tropfen. Anfang nächster Woche will ich Sie nochmal sehen.“ Alles klar, auf Wiedersehen, ich hatte die Klinke des Sprechzimmers schon in der Hand, da pfiff er mich nochmal zurück: „Wenn ich Sie noch kurz zu Ihren Hörgewohnheiten befragen dürfte.“ Die Frage kannte ich schon von anderen HNOs, ich habe öfter mit den Ohren zu tun. Dr. W. in Frankfurt hatte sich dabei als der entschiedenste Gegner von iPod-Ohrstöpseln erwiesen. Ich erwiderte daher reflexhaft: „Keine Ohrstöpsel, kein iPod. Analoger Röhrenverstärker und riemenbetriebener Plattenspieler. Moderate Lautstärke. Die Ursache kann keinesfalls…“, aber ich sah ihn schon vehement den Kopf schütteln: „Nein, nein, sie missverstehen mich. Welche Musik, frage ich, welche?“  Dr. S., der eben noch so sachlich und konzentriert auf mich gewirkt hatte, schien jetzt plötzlich seltsam aufgekratzt, wie er mich so mit weit aufgerissenen Augen fixierte. Meinen hilfesuchenden Blick bei der Assistentin erwiderte diese mit einem hilflos gelächelten Schulterzucken, dann wandte sie sich von mir ab und starrte wieder in ihren Bildschirm. „Naja, alles mögliche eigentlich“, sagte ich zögernd. „In letzter Zeit vor allem Beethoven, die Klaviersonaten, nichts besonderes…“ Wie Rumpelstilzchen persönlich tanzte Dr. S. nun im Sprechzimmer umher: „Beethoven, Beethoven, ich wusste es, ich wusste es. Ich muss ein Trommelfell nur ansehen und weiß es einfach, ich sehe es. Sie haben Glück, dass Sie zu mir gekommen sind. Lesen Sie dies hier, lesen Sie es!“ Er drückte mir eine mit Büroklammern zusammengeheftete Broschüre in die Hand: Beethovens Taubheit als direkte Folge der von ihm selbst fabrizierten Musik. Ein empirisch-medizinischer Traktat. Mit immer noch brennenden Ohren hörte ich ihn krächzen: „Die Fachwelt verweigert sich immer noch diesen Erkenntnissen, aber es ist erwiesen. Ich habe es bewiesen. Nehmen Sie die Tropfen, aber vor allem: Nehmen Sie Abstand von Beethoven, sonst werden Sie hier Dauergast bis zur völligen Ertaubung!“ Mit den letzten Worten hatte er meine rechte Hand in beide Hände genommen, schüttelte sie kräftig durch und blickte mir tief in die Augen. Ich sicherte alles zu und flüchtete aus der Praxis.

Einigermaßen verstört stolperte ich auf den Richard-Wagner-Platz hinaus und wandte mich heimwärts. Auf der Brücke stehend sah ich, dass der Biergarten am Fluss trotz des Nieselwetters geöffnet war. Logischerweise ging ich runter, holte mir ein Bier und las weiter in meinem neuen Buch, dessen Lektüre ich im Wartezimmer bereits begonnen hatte. Hohlkörper, von Robert Mattheis. Wer ist das eigentlich, wie war ich denn an dieses Buch überhaupt gekommen? Ich wusste es nicht mehr. Egal. Immerhin besser als der Beethoventraktat des Ohrenarztes, dachte ich auf meiner Bierbank sitzend, während über mir der Regen ganz leise auf den Sonnenschirm klopfte.

Kettenbriefmassaker

Wir schnuppern an Büchern, angenehm dezent raschelt das Dünndruckpapier beim Blättern, wir legen uns Vinylplatten auf und entzücken uns an dem Rauschen und Knistern der Nadel mehr als an der eigentlichen Musik. Wir schreiben einander handschriftliche Briefe, denen wir in der eigenen Dunkelkammer abgezogene Photographien beilegen, die wir extra mit doppelt “ph” schreiben, um uns unserer abendländisch-altgriechischen Wurzel zu versichern, und in dem Brief steht nicht viel mehr, als dass wir gerade eine Platte hören von Vinyl, und dass es voll toll ist, mit der Hand eine Schrift auf ein unglaublich widerständiges Papier zu schreiben, mit einem Tinten-Füller von Montblanc vielleicht, oder noch besser einem simplen Bleistift von Stabilo. Andächtig lecken wir die Briefmarke ab und erfreuen uns an dem Ekelgeschmack auf der Zunge. Und abends bloggen wir dann darüber, dass wir so einen Analogbrief mit beigelegter Analogphotographie verschickt haben, und hoffen auf möglichst viel Widerspruch, weil Kommentare ja die Klickzahl hochjagen, und schauen in anderen Blogs nach, wo ähnliche Briefe ins Nichts geschickt werden, weil die könnten ja sogar uns meinen. Meinen sie uns? Meinen sie mich, diese Briefe? Bin ich überhaupt ein Jemand genug, um gemeint sein zu können von so einem Prometheus, der aus dem Kellerloch heraus das Feuer der Erkenntnis uriniert? Und wie kriege ich jetzt das Ich wieder raus aus diesem Unsinnsgedicht, das sich keinesfalls als Brief verstanden wissen will?

Steinway & Sons

Es ist ja weithin unbekannt, wie genau und akribisch ich auch für die ausgedachtesten meiner Texte recherchiere, mich in Archiven verwühle und vom Hundertsten ins Tausendste hinein verzettle. So konnte ich, um nur ein Beispiel zu nennen, den letzten Text nicht schreiben, ohne mir zuvor die Pathétique-Sonate in allen verfügbaren Versionen anzuhören, parallell die Analyse von Joachim Kaiser lesend, der die Pathétique zunächst als abgedroschen und abgenutzt abtut, ihr dann aber doch noch einige interessante Aspekte abgewinnt. Nichts von dieser erbaulichen Forschungsarbeit floss in den Text ein und doch wäre er ohne diese vielleicht gar nicht möglich gewesen, wer weiß das schon. Man stopft ja immerzu irgendwelches Zeug ins Hirn hinein, aber warum dann ein so und so geartetes anderes Zeug aus demselben Hirn wieder heraus kommt, kann auf dem gegenwärtigen Stand der Forschung keiner so ganz genau erklären, am wenigsten aber das in Frage stehende Hirn selber, soviel ist wenigstens klar. Verhängnisvollerweise konnte ich nun aber auch nach der Veröffentlichung meiner kleinen Pathétique-Komödie nicht damit aufhören, Beethovensonaten in meinen Kopf zu stopfen, morgens Sturmsonate, abends Sonate für das Hammerklavier, und immer so weiter, bis ich sie mehr oder weniger alle durchgehört hatte.

Obwohl Beethoven den Beginn meiner Beschäftigung mit klassischer Musik markiert – die Schallplatte der Eroica, das Cover ist mir noch vor Augen mit der aus tiefstem Schwarz hervortauchenden Silhouette des einen Einsatz gebenden Karajan, die mir mein Vater auf die unfeierlichste Weise übergeben hatte, hör’s dir an oder schmeiß es weg, er selbst stieg zu der Zeit gerade auf die eben erfundenen CDs um und entsorgte seine alten Platten bei mir – obwohl ich also schon recht früh ziemlich intensive Beethovenstudien betrieben hatte, habe ich die Klaviersonaten erst vor ein paar Jahren wirklich entdeckt. Schuld daran ist nicht zuletzt Glenn Gould, dessen Bach-Interpretationen zwar genial sind, der aber in seinem wahnhaften Beethovenhass nicht davor zurückschreckte, dessen Sonaten durch grotesk übertriebene Tempi und sinnentleerte Phrasierungen mutwillig zu zerstören. So kam es, dass mir über Jahre meines Lebens Gould als oberster Klaviergott, die Beethovensonaten aber als ödes Geklimper erschienen waren.

Erst András Schiffs Neuaufnahme sämtlicher 32 Sonaten vor ein paar Jahren vermochte mich von diesem Vorurteil zu befreien. Schiff, der wie Gould von Bach herkommt, spielt diese Sonaten absolut präzise und mit dem feinsten Gespür für den kompositorischen Aufbau, er befreit sie von jeglichem leeren Gestus und donnerndem Pathos, womit sie in 200 Jahren Rezeptionsgeschichte aufgeladen worden waren. Hier wird Beethovens Musik zu einer sehr filigranen Struktur, in der alle Noten gleichberechtigt wichtig sind, nicht nur die mit Fortissimo sich in den Vordergrund drängelnden. Und da liegt letztlich der Grund, warum ich mittlerweile Klaviermusik viel höher schätze als heroische Symphonien oder geschwollenes Operngeknödel: weil uns am Klavier die reine musikalische Struktur am unverbrämtesten entgegentritt. Kein Getupfe von Klangfarben stört hier die Einsicht in den architektonischen Bau des Stücks. Dass Form und Struktur interessanter seien als der Inhalt, sagte ja schon mein alter Freund Kant, Kritik der Urteilskraft § 14, und geht natürlich ganz gegen Wagner, dem die Musik immer nur Mittel zum Zweck des Ausdrucks irgendwelcher verschwommener Botschaften war. Seine Beethovenerklärungen sind dementsprechend immer ein metaphernverseuchtes Geschwafel, das wirklich kein Schwein nötig hat.

Die unvergesslichste Interpretation der Pathétique-Sonate verdanke ich aber wiederum meinem Vater, der sich Mitte der Neunziger, nachdem er dreißig Jahre lang das Klavier überhaupt nicht mehr angerührt hatte, plötzlich wieder an den alten Bechsteinflügel setzte, den seine Eltern nach dem Krieg günstig hatten erstehen können, da er vom Bombenhagel auf München einige Blessuren abbekommen hatte. Der Flügel sei ein Zeuge des Bombenangriffs, sagte mein Vater oft, ein Zeitzeuge, ein Überlebender, der Gedanke schien ihm irgendwie wichtig. Und jetzt plötzlich setzte er sich an diesen Zeitzeugen wieder hin und spielte und übte wie ein Besessener, unter anderem eben die Pathétique, die einmal eines seiner Paradestücke gewesen war. Ich liebte es, ihm dabei zuzuhören, er hatte die bewundernswerte Haltung, obwohl er nach Jahrzehnten des Nichtübens dem Stück technisch nicht mehr gewachsen war, kein Jota von dem ihm angemessen scheinenden Tempo abzuweichen. Mitten in einem vertrackten Lauf mochte er abbrechen: Es hat doch koan Sinn. Um dann ebenso unvermittelt, attacca und furioso, wieder einzusteigen und die Sonate vollgas fertigzuspielen, von Schreien und Fluchen über die verhauenen Töne begleitet. Das ist die Pathétique-Performance, die ich nie vergessen werde. Da kommt auch Schiff nicht dagegen an.

Das einzige Problem an seiner wiederentdeckten Leidenschaft fürs Klavier war, dass der Bechstein die Stimmung nicht mehr hielt. Alle vierzehn Tage musste der Klavierstimmer anrücken, das war natürlich nicht normal, es stellte sich heraus, dass der Flügel zwar einem Bombenangriff getrotzt hatte, nicht aber dem jahrelangen Herumstehen in trockener Heizungsluft: der Stimmstock hatte einen Riss bekommen, eine Reparatur wäre aber so aufwendig und teuer gewesen, dass man für das Geld auch gleich ein neues Instrument erwerben konnte, ein gebrauchtes jedenfalls allemal, so mein Vater. Er ließ sich Zeit bei der Suche, fuhr mehrfach nach München und spielte sich durch die dortigen Pianohäuser, sinnierte über den unterschiedlichen Charakter von Bösendorfer und Steinway, bis er dann eines Tages zuschlug: Ein komplett restaurierter Steinway, Baujahr 1906, zum Schnäppchenpreis, wie er sagte, eine Gelegenheit, die er unmöglich habe vorüberziehen lassen können. Das Besondere aber sei, so fügte er geheimnisvoll hinzu, dass es sich nicht um einen Hamburger, sondern um einen New Yorker Steinway handelte, in Europa eine absolute Rarität. Keith Jarrett soll einmal gesagt haben, den Blues könne man nur auf New Yorker Steinways spielen, das sei der einzige Unterschied zu den fast baugleichen Flügeln aus der Hamburger Klavierfabrik. Das dürfte allerdings meinen Vater weniger gekratzt haben, mit dem Blues hatte er nicht soviel am Hut. Durch den neuen Flügel zum absoluten Höhepunkt seiner pianistischen Leidenschaft getrieben, arbeitete er sich stattdessen weiter an Beethoven, Schubert und Rachmaninow ab. Den alten Bechstein schenkte er der Frau K., die mit ihren siebzig Jahren der Wunsch überkommen hatte, doch noch einmal das Klavierspielen zu erlernen, und die sich dabei gar nicht so dumm anstellte, wie er anerkennend bemerkte.

Vor nicht allzulanger Zeit hörte ich dann, dass die Frau K. tatsächlich an genau demselben Tag gestorben sein soll wie mein Vater, ja sogar zur selben Stunde, um elf Uhr vormittags, sagte man mir. Mich schauderte fast. In derselben Weltsekunde waren die beiden Flügel, der Zeuge eines amerikanischen Bombenangriffs auf München und der New Yorker im bayrischen Exil, herrenlos geworden. Die Söhne der Frau K. sollen allerdings, wie man mir mit gesenkter Stimme weiter erzählte, nach dem Tod der Mutter augenblicklich angefangen haben, um den Flügel zu streiten, keiner wusste, was so ein Ding wert ist, bestimmt ein Vermögen, werden sie gedacht haben. Die ganze Wohnung sollen sie auf den Kopf gestellt haben auf der Suche nach einem Kaufvertrag, den es natürlich nicht gab, und schließlich sollen sie sogar ein Wertgutachten in Auftrag gegeben haben, vermutlich bei jemandem, der keine Ahnung von geborstenen Stimmstöcken hat, dachte ich, als ich das hörte. Bei uns war es glücklicherweise genau umgekehrt gewesen: da schienen alle förmlich Angst zu haben vor so einem großen, schwarzen Ungetüm, das nur im Weg herumsteht, und es ging geradezu ein Aufatmen durch die ganze Familie, als ich mich bereit erklärte, den Steinway zu mir zu nehmen, weswegen er jetzt hier im Wohnzimmer steht und manchmal sogar ein bisschen den Blues spielen darf.

Grande Sonate Pathétique

07.06.2068
Nichts.

08.06.2068
Nichts.

09.06.2068
Nichts.

10.06.2068
Nichts.

11.06.2068
Der Fraß in diesem Heim ist unessbar. Einen grauen, übelriechenden Brei wollte man uns heute als Szegediner Gulasch andrehen. Ich verweigerte es. Später kam der Arzt. Blutwerte schlecht. Verordnet tägliche Infusionen. Irgendwelches Zeug soll mir in die Venen gepumpt werden, ich hörte gar nicht richtig zu. Mir alles egal.

12.06.2068
Klavierabend im Speisesaal. Ein vollkommen untalentierter Stümper vergewaltigte die Pathétique-Sonate. Lauter falsche Noten, alles völlig verstolpert und zerklimpert, seelenlos, grauenhaft. Danach schmiss er noch ein Beatles-Medley hinterher, abgeschmackter geht es ja gar nicht mehr. Meine verhassten Mit-Insassen riss es natürlich zur Begeisterung, alle applaudierten und grinsten selig vor sich hin. Der halbe Lungenflügel, den mir die Chirurgen gnädigerweise dringelassen haben, buhte nach Kräften dagegen an, woraufhin sofort der Pfleger herbeieilte, von hinten meinen  Rollstuhl ergriff und mich, obschon ich lauthals protestierte, aus dem Saal raus und aufs Zimmer schob. Ich bin umgeben von hirnlosen Schweinen, die keine Ahnung von Beethovens Kunst haben. Vor zehn Jahren hätte ich das Pickelgesicht noch eigenhändig vom Flügel weggestoßen und ihm selbst gezeigt, wie man die Pathétique spielt. Aber heute: zu schwach.

13.06.2068
Scheißtag. Ich war eben weggenickt, da rüttelt die Schwester mich wach, ein Herr Wühl sei da, wiederhole hartnäckig, er müsse mich sprechen. Abwimmeln, röchelte ich, abwimmeln, ich kenne keinen Wühl, will meine Ruhe, Leute mit so beknackten Namen kenne ich nicht. Da drängelte sich der Wühl schon ins Zimmer und an der Schwester vorbei an mein Bett heran. Er müsse mit mir über den Blogozentriker sprechen, er bitte dringlichst um Auskünfte.

Dieser verdammte Blogozentriker, der verfolgt mich noch bis ins Grab, dachte ich, sagte es aber nicht, stattdessen, so gleichgültig wie möglich: „Ach, der Blogo.“ Die Schwester war froh, dass das Problem gelöst war, schloss die Zimmertür und flog hinfort, jetzt war ich mit dem Wühl gefangen. Leicht zerzaust sah er aus, faserig mittellange Haare und ein dünner Schnurrbart, die Lederjacke reichlich abgeschabt. Die Texte des Blogozentrikers, hob er an, seien jetzt als ein wegweisendes Monument der Literatur vom Anfang des Jahrhunderts endlich verstanden worden, er selber, Wühl, sei der Abgesandte eines literaturwissenschaftlichen Instituts, das sich hauptsächlich mit der Wiederentdeckung der Schriften des Blogozentrikers beschäftige. Auf mich sei man gestoßen, weil ich dort doch auch Kommentare hinterlassen hätte, es bestehe sogar der Verdacht, dass der große Blogozentriker unter diversen Pseudonymen auch bei mir kommentiert hätte, all das gälte es zu klären, ich sei einer der letzten Augenzeugen, so Wühl wörtlich: „Sie sind einer der letzten lebenden Augenzeugen des Blogozentrikers.“

Augenzeuge, dachte ich, was für eine Idiotie, als ob man den Blogozentriker mit den Augen angeschaut hätte. Geisteszeuge, wenn überhaupt, dachte ich. Ich blieb aber still, war plötzlich hellwach. Mir war schlagartig klar, dass hier in Gestalt dieses abgehalfterten Lederjackenheinis meine letzte Chance saß. Meine allerletzte Chance, der Nachwelt in irgendeiner Form erhalten zu bleiben. Und wenn es nur in einer Fußnote der Blogozentrikerforschung ist: jetzt musste ich lügen, was das Zeug hält. Ich war voll da.

„Uns interessiert im Moment vor allem das plötzliche Verstummen des Blogozentrikers, die Gründe dafür liegen nach wie vor im Dunkeln“, sagte Wühl, der sich mittlerweile auf meine Bettkante gesetzt hatte, was ich schon scheußlich fand, der Stuhl neben dem Bett hätte es doch auch getan.

Meinen Greisenbonus weidlich ausnutzend mümmelte ich, um Zeit zu gewinnen, eine zeitlang nur unverständliches Gebrabbel vor mich hin. Langsam deutlicher werdend dann: „Man kann über den Blogozentriker nichts sagen. Eure Forschung geht ins Leere. Er war einzigartig. Er war der Chef. Jeder Text ein Volltreffer. Aber immer nur in der Minute seines Erscheinens im Netz. Dann drehte sich Big Bee wieder weiter, wand sich unter dem Text weg zum nächsten hin. Immer in Aktion, immer in der Drehbewegung, unvergleichlich, keiner hat je wieder diese Meisterschaft erreicht. Die Umkreisung einer Einkreisung. Ein ungeheuerlicher, epischer Tanz.“

Wühl trippelte nervös mit dem Fuß, in seiner Hand zuckte der Bleistift, schrieb aber nichts hin, die Seite des Notizblocks war, wie ich genau sehen konnte, immer noch ganz leer. Wühl war besser, als ich gedacht hatte. Ich musste konkreter werden, mit dem pauschalen Allgemeinkram ließ er sich offenbar nicht abspeisen. Während er noch, mit dem Bleistift in der Luft herumkreisend, nach der nächsten Frage suchte, sagte ich in die Stille hinein: „Ist Ihnen eigentlich nie aufgefallen, dass Blogos Verschwinden genau synchron zum Aufstieg Frosts verläuft?“ Wühl merkte auf: „Sie meinen – den Frost?“ „Ja, natürlich den“, erwiderte ich barsch, „wen denn sonst: Roman Frost. Erst machte er sich einen Namen als kulturpessimistischer Netzkritiker, und dann haute er ein Buch nach dem anderen auf den Markt, räumte Klagenfurt ab, Kleistpreis, Goethepreis, Büchnerpreis, mit der totalen Blogozentrikerkopie, der Stil, die Diktion, alles abgekupfert. Zehnmal schlechter als das Original, und hundertmal erfolgreicher. Das hat den Blogo fertig gemacht. Deswegen hat er den Bettel hingeworfen.“

Meine Augen waren nur auf Wühls Bleistiftspitze gerichtet, die immer noch einen Zentimeter über dem Papier nervös herumkreiste. Wann würde der Idiot endlich mal etwas aufnotieren? „Sind Sie sicher, ich meine, am Institut waren wir immer der Meinung, dass…“ „Vergessen Sie alles, was Sie je dachten. Der Blogo hat mir das selbst gesagt, von Angesicht zu Angesicht. Sie können mir das glauben.“ Jetzt war er endlich angefixt: „Sie haben den Blogozentriker getroffen? Im echten Leben meine ich? Ihn gesehen?“ „Ja, logisch, im Mommsen-Eck, Haus der 100 Biere, unvergesslicher Abend. Das könnt ihr Jungspunde euch ja heute gar nicht mehr vorstellen, das war noch bevor diese Gesundheitsfaschisten mit ihrer Prohibitionskacke die Macht ergriffen haben. Wir haben gesoffen wie die Löcher damals.“ Wie wild kritzelte Wühls Bleistift jetzt die Seiten voll. Er kam mit dem Fragen kaum nach: „Und da hat er gesagt, dass Frost…“ Ich jetzt ganz souverän: „Genau. Der Frost soll machen was er will, hat er gesagt. Ich schweige. Mein Schweigen ist der Fels, an dem der Schnösel Frost dereinst zerbrechen soll. So hat er es gesagt.“

Wühl schien ganz ergriffen, ein Moment des Schweigens, dann prasselte die Schwester herein: „Herr Wolf, es ist jetzt Zeit für Ihre Infusion.“ Zu Wühl gewendet: „Sie müssen jetzt leider gehen. Der Herr Wolf braucht jetzt ganz viel Ruhe.“ Ich protestierte: „Halt, Wühl, bleiben Sie hier, die Infusion kann warten, Sie interessieren sich doch sicher auch für mein Blog, Sichten und Ordnen, das war ja damals auch ganz weit vorn, legendäre Kommentarschlachten, mein Gott, ich könnte Ihnen Geschichten erzählen…“ Aber Wühl war schon aufgesprungen und zur Tür geeilt: „Nein, nein, Sie brauchen jetzt Ruhe. Ich kann ja morgen nochmal wiederkommen.“ Und war weg.

14.06.2068
Nichts.

(Auszug aus: Andreas Wolf: Die Tagebücher 1994–2069. Ungekürzte Ausgabe in 23 Bänden. Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung von Blogo-Press Ltd.)

Pulphead

Als ich vor knapp einem Jahr hier mit dem Bloggen anfing, da hatte ich so ungefähr ziemlich exakt überhaupt keinen Plan, wohin das führen sollte, was ich da eigentlich reinschreiben wollte in dieses Blog. Ich fing dann trotzdem einfach mal an, mein eigentliches Naturell überwindend, das immer den Bauplan bis ins letzte Detail vorgefertigt wissen will, bevor ich den ersten Finger krumm mache. Einfach mal loslegen. So wie sich nach Kleist die Gedanken beim Reden allmählich verfertigen, so würde doch vielleicht das Blog sich auch beim Schreiben einfach ganz von selbst verfertigen. Der einzige Programmpunkt, der von Anfang an fest eingeplant war, waren Rezensionen der Bücher, die ich lese. Das schien so logisch: die Bücher lese ich ja eh, und nach beendeter Lektüre darüber noch einmal zusammenfassend zu schreiben, würde mir erstens selber mehr Klarheit über das eben Gelesene verschaffen, und wenn das zweitens noch zweidrei Hanseln außer mir interessierte, dann wäre denen ja auch noch geholfen und die Sache damit doppelt sinnvoll.

Der Plan ging fehl. Wenn ich recht sehe, schrieb ich überhaupt nur einen einzigen Text, der in die Nähe des Formats „Rezension“ kommt, nämlich den hier über die Essaysammlung Bluescreen von Mark Greif. Der Nicht-Plan hingegen funktionierte perfekt: das Blog verfertigte sich beim Schreiben tatsächlich wie von selber, auf Rezensionen hatte ich bald schon gar keine Lust mehr. Warum sollte ich mich in ein klassisches Format-Korsett zwängen, wenn ich doch im Blog jede Freiheit habe, die Bücher ganz anders durch die Texte sausen zu lassen, ganz ohne Rezensionsschema. Stattdessen freestyle die Lektüre des Grünen Heinrich parallell zum Lesen zu verbloggen, das machte viel mehr Spaß. So weit, so gut.

Jetzt habe ich vorgestern Pulphead von John Jeremiah Sullivan fertiggelesen. Gestoßen bin ich darauf durch die Empfehlung des geschätzten Morel, der das Buch hier genau richtig beschrieben und besprochen hat, ich liebe nämlich Buchrezensionen, damit ich bloß nicht falsch verstanden werde, ich mag nur selber nicht unbedingt welche schreiben.

Also der Sullivan ist genial, ich las diese Essays begeistert weg, das erste Buch nach dem Grünen Heinrich, das mich wirklich gekickt hat, und als ich das Buch dann fertiggelesen hatte und Hannah darüber berichtete, verfertigte sich beim Reden plötzlich der Gedanke, dass Pulphead ja wirklich der totale Zwilling zu Bluescreen ist: Beide Autoren sind ziemlich genau so alt wie ich, beide wählen die Form des Essays, beide erzählen subjektiv, es spricht das nicht fingierte Ich des Schreibers, und auch die Themen ähneln sich frappierend: Popmusik, Reality-TV, amerikanische Gegenwart. Bei Sullivan auch noch amerikanische Vergangenheit, das fehlt bei Greif, aber das kann kaum der Grund sein, warum Pulphead mich begeisterte, während der Greif mich eher langweilte.

Der Grund ist, wie mir jetzt klar wurde, als ich nochmal darüber nachgrübelte, dass Greifs Buch ausschließlich am Schreibtisch stattfindet, Sullivan hingegen schreibt seine Texte on the road. Die beiden mögen gleich alt sein, sich für ähnliche Fragen interessieren und ihre Antworten in eine äußerlich ähnliche Form gießen, aber wenn Sullivan sich für irgendwas interessiert, dann fährt er dorthin, spricht mit Leuten, sieht sich die Dinge in der Realität an und aus diesen Beobachtungen entsteht dann der perfekte Text. Wohingegen Greif nur die medial gefilterte Suppe in seinem Kopf umrührt und in kleine Theorietöpfchen umfüllt.

Lassen wir den Langweiler Greif lieber gehen und reden nur noch über Sullivan. Er fährt also rum und sieht sich Dinge an. Zum Beispiel fährt er mit seiner Familie nach Disney-World, hat da überhaupt keine Lust drauf, und das größte Problem, das er und sein Kumpel haben, ist die Frage, wie man dort ungestört einen Joint rauchen kann. Sie schaffen es dank Internetguides, die detailliert die dafür geeignetsten Ecken und Winkel kartographiert haben, und die darauf folgende Beschreibung, wie er bedröhnt durch diesen Park des Irrsinns läuft, geht dann wie selbstverständlich über in eine Geschichte des Parks: wie Walt Disney von Strohmännern parzellenweise das ganze Land für den Park aufkaufen ließ, durch haarsträubende Manipulationen und Lügen sich bis zum heutigen Tag bestehende Steuervorteile ergaunerte, um dieses Ding zu bauen, diese vollkommen künstliche Traumwelt, die jedes Jahr Millionen anzieht und dennoch von einem erwachsenen, denkenden Menschen nur unter Drogen zu ertragen ist. Diese Mischung aus eigener Anschauung, recherchierten Fakten, theoretischer Reflexion und literarischer Ausschmückung ergibt für mich die idealen Texte, wirklich Essays für das neue Jahrtausend, wie sie der Klappentext verspricht.

Er fährt außerdem auf ein Christenrock-Festival, schaut sich von amerikanischen Ureinwohnern bemalte Höhlen an, spricht mit dem letzten lebenden Bandmitglied der Wailers, verbringt einen Tag mit einem Reality-TV-Star, der, wie man hier erfährt, auch außerhalb des Fernsehens dafür bezahlt wird, er selbst zu sein, und welche hohe Kunst das ist: das Man-selbst-sein darzustellen, ohne dabei ein Anderer zu werden. Und wenn zu der Frage nach dem abnormalen Verhalten der Tiere mal kein Experte bereit ist, mit Sullivan zu sprechen, dann erfindet er sich einfach einen Professor Livengood und lässt sich von ihm auf einen erfundenen Trip nach Afrika mitnehmen. Auch genial.

Ich glaube im letzten Essay, der von dem verrückt-genialen Naturforscher Rafinesque handelt, hat Sullivan sein poetologisches Programm versteckt:

„Die Natur macht keine Sprünge“, hatte Leibniz gesagt, einer von Rafinesques großen Helden. Wenn wir aber Teil der Natur sind, dann sind wir auf metaphysischer Ebene eins mit ihr, sind wir gleichbedeutend mit den allerfrühesten Mikroorganismen, die am Kraterloch eines Urmeervulkans eine erste Kette bildeten. Es gibt keinen Zauberstab, der sich vor dreihunderttausend Jahren herabgesenkt und uns in unserem wesenhaften Sein von der materiellen Welt, die uns hervorgebracht hat, getrennt hätte. Und das bedeutet wiederum, dass wir keine grundlegende Aussage über die Natur – weder über ihre Brutalität noch über ihre Schönheit – treffen und hoffen dürfen, etwas Wahres zu sagen, wenn das, was wir behaupten, nicht auch auf uns selbst zutrifft. (John Jeremiah Sullivan, Pulphead, Suhrkamp 2012, S. 411)

In unserer multimedial durchinszenierten Welt scheint es plötzlich ungeheuer schwierig geworden, einfach man selbst zu sein, ein stinknormales Ich. Überall nur Inszenierung, wohin man schaut. Sich für das Nicht-Ich zu öffnen, die ebenso stinknormale, faszinierende, reale Welt sich anzuschauen, im Bewusstsein, selbst auch ein Teil davon zu sein, könnte eventuell helfen.

(Heute Blumen am Balkon gepflanzt. Mit den Kindern wie blödsinnig in der Erde gewühlt. Schön.)

Kritik der reinen Vernunft

Sommer 97. Ich stolperte aus dem Seminar heraus und direkt in die nächstgelegene Buchhandlung hinein, ich wusste genau, was ich wollte, griff mir den eingeschweißten roten Ziegel, bezahlte die dafür vorgesehenen 40 Mark, und dann schnell wieder hinaus ins Freie, rüber in den englischen Garten, wo ich mich an diesem wunderschönen Sonnentag im Schatten einer Linde niederließ und sorgsam, sehr vorsichtig, als wäre dies eine sakrale Handlung, deren Zauber durch die kleinste falsche Handbewegung zunichte gemacht werden könnte, schälte ich die Bücher aus der Plastikhaut. Ein magisches Licht schien von den Büchern auszugehen, alles in mir war Freude und zittrig erregte Erwartung. Jetzt würde mein Studium überhaupt erst richtig anfangen, alles bisherige war ein Irrweg gewesen, das Gerede in den Seminaren, die endlosen Debatten über völlig irrelevante Detailfragen, überhaupt diese ganzen Halbirren mit ihren komplett privaten und unerheblichen Meinungen: das würde ich jetzt hinter mir lassen und stattdessen Hauptwerke lesen, die echten Meister. Und dies hier war der Anfang. Als ich die Kritik der reinen Vernunft aufschlug und zu lesen begann, an diesem wolkenlosen Tag im englischen Garten in München, da wusste ich, dass ich diesen Moment nie vergessen würde. Und tatsächlich kann ich mir noch heute vergegenwärtigen, wie an diesem Tag die Münchner Luft gerochen hat, wie dunkelblau der Himmel und wie grün das Gras war, in dem diese roten Bücher lagen.

Nicht immer ist der Himmel so blau und allzu hohe Erwartungen neigen dazu, enttäuscht zu werden, dennoch studierte ich den Kant dann ziemlich ausführlich, und das gab meinem Nachdenken über die Fragen der Philosophie tatsächlich einen gewissen Halt, ein erster Orientierungspunkt im vorher nur so an mir vorbeirauschenden Gerede der anderen. Aber die Halbirren wird man so leicht natürlich trotzdem nicht los, denn wenn man einen Schein will, dann muss man sich im Seminar sehen lassen, und da sitzen die Halbirren dann leider auch drin, ob man will oder nicht.

Wer sich Verrückte mal über einen längeren Zeitraum hinweg näher anschauen will, dem kann ich ein Philosophiestudium nur dringend ans Herz legen. Der Herr Buchenbusch zum Beispiel, der war so um die fünfzig, eine hagere Gestalt, die Wolljacke hing immer so an ihm runter als wenn gar nichts drin steckte, nur der Kopf, der oben rausragte mit dem zerzausten Schnauzbart, erzählte, dass da drunter auch ein Körper sein musste. Der Buchenbusch wirkte zwar immer ein bisschen verwirrt, er konnte aber durchaus einen philosophischen Text in einem Referat ganz gut zusammenfassen und darstellen, er war nicht durchgeknallt im eigentlichen Sinne, nur seine gelegentlichen Exkurse ins Fachgebiet der Onkologie wirkten ein bisschen seltsam, da fragte man sich dann schon, wie er jetzt eigentlich von Leibniz zu gewissen Details der Chemotherapie kommt. Aber sonst wirkte er relativ normal, bis zu dem Tag, als der Professor es einmal wagte nachzufragen, was das jetzt eigentlich mit Krebs zu tun haben solle. Da hielt der Buchenbusch eine Rede, die mir unvergessen ist: er sei jetzt so kurz davor – er zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen ungefähren Zentimeter an – so kurz davor, den Krebs endgültig zu heilen und aus der Welt zu schaffen, weil er jetzt nämlich genau so kurz davor sei, den Krebs zu verstehen, und wenn er, Buchenbusch, den Krebs einmal verstanden habe, von der Wurzel her verstanden, dann sei der Krebs weg und vom Planeten getilgt, darum und nur darum beschäftige er sich hier mit Leibniz, weil die unteilbare Monade das Urbild, gleichzeitig konträres Gegenbild der Körperzelle sei, die sich wie wild teile, im Falle des verkrebsten Körpers habe sich also vermutlich die dominierende Monade vielleicht nur für den Bruchteil einer Sekunde ihrer Kontrollfunktion für die anderen Monaden begeben, und wenn er, Buchenbusch, den Grund dafür aus den Schriften Leibniz’ extrapolieren könne, wäre es mit dem Krebs endgültig und für allemal vorbei. Betretenes Schweigen. Buchenbusch, der im Furor seiner Rede aufgesprungen war, setzte sich wieder, sank in sich zusammen und blickte vor sich hin.

Natürlich saß Buchenbusch im nächsten Semester auch wieder im Seminar, Discours de Métaphysique, hielt ein Referat über den Individuenbegriff, meldete sich hin und wieder zu Wort mit ein paar Anmerkungen zur Onkologie und bekam seinen Schein. Er gehörte einfach zur Leibniz-Crew. Im Frege-Seminar ließ er sich auch mal sehen, verschwand aber bald wieder, mit Logik und Sprachphilosophie war dem Krebs vermutlich nicht beizukommen.

Dort gab es aber einen anderen, ungefähr gleich alt wie ich vielleicht, der sagte fast nie etwas und sah immer so traurig oder irgendwie wütend aus: Finster wäre vielleicht das passende Adjektiv für seine Erscheinung. Der faszinierte mich, es war bei ihm nicht klar, ob er irre war oder nicht. Seine seltenen Kommentare waren immer irgendwie kryptisch, nie ganz klar was er eigentlich sagen wollte, aber irgendwie mochte ich ihn. Die letzte Sitzung des Frege-Seminars hielten wir im Max-Emanuel-Wirtshaus ab, wir tranken Bier und der Dozent eröffnete uns, er, der immer nur auf die eine Karte einer Universitätskarriere gesetzt habe, stehe jetzt vor dem Nichts, man müsse sich dringend zweite Standbeine außerhalb der Philosophie schaffen, was wir so machen würden nebenher, ob jemand da was erzählen wolle. Da stammelte dann jeder so was von seinen Nebenjobs und Praktika daher, und der Finstere zierte sich auch erst, naja, er arbeite nebenbei so irgendwie beim Fernsehen, bis er auf Nachfrage mit todernster Miene sagte: „Ich schreib Witze für Harald Schmidt.“ Da fiel natürlich den Philosophen ringsrum augenblicklich das Gesicht herunter, plötzlich war der Finsterling der Star, damals war ja die Harald-Schmidt-Show auf dem absoluten Höhepunkt, jeder schaute das allabendlich, und hier saß mit Totengräbermiene derjenige, der die Witze dafür liefert. Wir hingen an seinen Lippen und wollten Details hören, er winkte aber bloß ab. Das seien alles Arschgeigen, der Chef inklusive, er wolle demnächst kündigen und sich eigenen Projekten widmen.

Im nächsten Semester sah ich ihn noch einmal wieder, in einer Vorlesung über analytische Ontologie. Im Rausgehen sprach ich kurz mit ihm, er wirkte noch deprimierter als sonst. Kant, Frege, Wittgenstein, Harald Schmidt, all das sei doch völlig austauschbar und im Prinzip egal, die ganze Welt sei ein reiner Unsinn, es sei alles der gleiche Scheiß und weil er heute Geburtstag habe, gehe er sich jetzt besaufen und zwar sinnlos. Ich schwieg und ließ ihn gehen.

Ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Bis heute bereue ich, dass ich damals nicht einfach mit ihm Trinken gegangen bin. Wir hätten beste Freunde werden können. So kenne ich nicht mal seinen Namen. Aber von allen, die ich je gesehen habe, war er der wahre Philosoph.