PRINT

Wie wir alle wissen und nur nicht sagen, schreibt kein Mensch mehr.
Friedrich Kittler

Diese unendlich langen, unendlich leeren Sommernachmittage einer Kindheit in der Provinz in den Achtzigerjahren. Man kam aus der Schule, aß zu Mittag und hatte dann bis zum Abendessen eine schier unendliche Zeitmasse zur Verfügung. An einen dieser Nachmittage kann ich mich noch sehr plastisch erinnern: Ich radelte ziellos durchs Dorf, hierhin und dorthin, schließlich beim Ochsen vorbei, aber der Ochse war nicht da, so dass ich meine sinnlose Rundfahrt gerade schon wieder aufnehmen wollte als der T., ein Nachbar des Ochsen, mich auf der Straße abfing. Ich solle zu ihm reinkommen, er müsse mir etwas zeigen, etwas ganz Neues, ich würde staunen. Zögerlich ging ich mit ihm ins Haus. Wir waren nicht sonderlich befreundet, aber ich war doch neugierig auf die angekündigte Wahnsinnssensation. Es handelte sich bei dieser Sensation um einen „Commodore 64“. Ich glaube, das war tatsächlich der erste Computer, den ich je in der Wirklichkeit sah, auf jeden Fall der erste, der nicht in einem Geschäft oder Büro stand und nur von Erwachsenen, die dabei sehr wichtig taten, bedient werden durfte, sondern einer, der hier ganz fremd in einem Kinderzimmer auf dem Schreibtisch rumstand und dem Kind oder Jugendlichen in völliger Freiheit überlassen, damit er damit mache, was immer er wolle. Das war natürlich der Wahnsinn, aber die Enttäuschung folgte auf dem Fuß: Er hatte keinerlei Programme, habe aber, wie er sagte, bereits begonnen, die Programmiersprache BASIC zu erlernen und wolle sich die tollsten Spiele demnächst also selber programmieren. Es zeigte sich aber, dass seine Programmierkunst noch nicht allzuweit gediehen war, bisher reichte es nur dazu, dass er hinschrieb:

PRINT „Hallo“

– und dann schrieb der Computer das ihm vorgegebene Wort „Hallo“ nochmal auf den Bildschirm. Es belustigte uns für ungefähr fünf Minuten, den Computer auch noch Wörter wie „Arschgesicht“ und ähnliches schreiben zu lassen, der Rest war Enttäuschung. Ich absentierte mich schnell. Es blieb mir völlig unverständlich, was es mit diesen Computern auf sich haben sollte. Welcher Mehrwert darin liegen solle, einen Satz nicht einfach so mit einem Stift oder einer Schreibmaschine direkt aufs Papier zu schreiben sondern ihm stattdessen das nicht zum Text gehörige Wort PRINT voranzustellen und ihn somit von einem Computer schreiben zu lassen?

Zehn Jahre später, als ich begann zu studieren, hatte sich an dieser Situation nichts Grundlegendes geändert: ein Computer war für mich ein Schreibgerät, eine andere Funktion hätte ich mir für so einen Kasten nicht ausdenken können. Dennoch war klar, dass man eine Hausarbeit für die Uni jetzt, Mitte der Neunziger, nicht mehr auf einer Schreibmaschine schreiben konnte, ein Computer musste jetzt her. Ich erwarb ein Apple PowerBook 190, allen Unkenrufen der Computerfreaks aus meiner ehemaligen Zivildienststelle, wo ich weiterhin jobbte, zum Trotz, die mir was von Unkompatibilität erzählten und dass es die Firma Apple in zwei Jahren eh nicht mehr geben würde. Und auf diesem Computer waren nun neben dem für meine Unizwecke notwendigen Textverarbeitungsprogramm auch ein paar Spiele vorinstalliert, unter anderem „Eric’s Solitaire Sample“. Ich darf gar nicht daran denken, wieviele Stunden und Tage, an denen ich eigentlich Kant oder Wittgenstein hätte lesen sollen, ich damit verbracht habe, Karten auf einem Bildschirm hin- und herzuschnipsen. Ich meine: Patiencen legen, das war etwas, was meine MUTTER machte, am Frühstückstisch. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, diese Karten, deren muffigen Geruch ich mir jederzeit noch heute ins Gedächtnis rufen kann, auch nur anzurühren.

Ich frage mich, ob das vielleicht die wahre Natur dieser Geräte ist: Uns dazu zu bringen, Dinge zu tun, die wir unter normalen Umständen niemals tun würden. So wie es 1985 keinen Grund gegeben hatte, das Wort „Arschgesicht“ auf einen Zettel zu schreiben und sich darüber totzulachen, und mir 1996 nichts Dümmeres hätte einfallen können als tausende von Patiencen zu legen.

Heute sind die Computer überall und ihr eigentliches Wesen wird sichtbarer: Die Welt verwandelt sich in eine Welt aus Zahlen. Wir schnallen uns einen Computer ums Handgelenk, damit er unsere Schritte zählt und uns dann ausrechnet, wieviele Kalorien wir dabei verbrannt haben. Wir denken uns lustige Aphorismen aus und schauen dann mit roten Bäckchen, wieviele Favs und Retweets wir damit einfahren und wie hoch unsere Mention-Reach der letzten Woche war. Unser sozialer Status ist ablesbar an der Anzahl unserer Facebookfreunde und Twitterfollower. Egal was du machst: es scheint sinnlos, wenn es sich nicht in irgendeiner Weise quantifizieren lässt. Und gab es für mich einen anderen Grund, diesen Text zu schreiben, als den, dass der blaue Balken meiner Klickstatistik schon wieder so bedenklich am Nullpunkt herumdümpelt?

 

Liest du noch oder spritzt du schon?

Ich bin ein langsamer Leser. Manchmal lese ich so langsam, das mich das Schneckentempo selber quält, das Gefühl, in einem Buch fast überhaupt nicht voranzukommen. Ein paar meiner Leser erinnern sich vielleicht noch, wie ich mich über Monate hinweg durch den Grünen Heinrich gebissen habe. Und jetzt geht es mir mit Jüngers Strahlungen genauso. Ok, ich hatte zwischenrein noch den auch nicht ganz dünnen Münkler geschoben, aber dennoch – dass ich bei Jünger jetzt immer noch im ersten Band bin, das ist ja schon fast peinlich, das kann ich ja gar keinem mehr erzählen.

Und andererseits: es ist eben mal so. Ich glaube, jeder Mensch hat so sein eigenes Grundtempo des Lesens, und dann hat jedes Buch auch noch einen eigenen Rhythmus, da resultiert für jeden Menschen und für jedes Buch ein spezifisches Tempo. Eine sehr individuelle Angelegenheit. Ich will deswegen hier auch gar nicht durchs Hintertürchen andeuten, mein Schleichlesen sei irgendwie besser oder besonders intensiv oder irgendsowas. Im Gegenteil: Ich liebe Bücher und würde gerne ein paar mehr davon lesen, das Leben ist ja eh so kurz. Man könnte also meinen, ich wäre die perfekte Zielgruppe für „Spritz“, die neue Schnelllese-App. Da muss man nicht mal mehr die Augen bewegen: Man starrt auf einen fixen Punkt auf einem Display und über diesen Punkt rasen dann einzeln eingeblendet die Wörter hinweg. Auf diese Weise ließe sich die Leseleistung von normal schnellen 150 Wörtern auf bis zu 1000 Wörter pro Minute steigern, so der Hersteller.

Aber mal ehrlich: Will ich das? Wollen wir das? Ich finde es ja schon seltsam, dass überall auf der Straße einzeln gehende oder stehende Leute so vor sich hin reden, ich halte die immer erstmal für Irre und habe mich bis heute nicht daran gewöhnen können, dass die halt telefonieren, mit nahezu unsichtbaren Telefonen. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass demnächst mit Google-Glass bebrillte Menschen ohne mit der Pupille zu zucken ins Nichts starren und das dann das neue Lesen ist, indem der Text den Leuten einfach mit Maximalgeschwindigkeit direkt ins Hirn geballert wird, da wird mir ja ganz anders. Kein Zurückblättern, kein reflektierendes Innehalten mehr, aber hey, stattdessen kann man sich Prousts Recherche einfach mal so an einem Nachmittag hinter die Stirn „spritzen“. Toll.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich technischen Innovationen ziemlich neugierig und aufgeschlossen gegenüberstand. Immer erstmal anschauen, ausprobieren, und dann erst urteilen, ob es was ist. Mittlerweile macht mir das alles nur noch Angst. Ich habe das Gefühl, die Body Snatchers sind schon unterwegs in unseren Straßen, und wenn wir nicht aufpassen, verwandeln wir uns bald alle in Zombies. (Aber immerhin sehr belesene.)

 

Flüchtige Künste

Achtung, jetzt wird es leider ein bisschen langweilig. Es geht hier um gewisse Fragen zur Ontologie der Kunst, die mich schon seit Jahren immer wieder mal heimsuchen, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger klärt sich da irgendwas auf, stattdessen wird alles immer noch komplizierter, und das kann ja so nicht weitergehen. Vielleicht wird ja irgendetwas klarer, wenn ich mal versuche, was dazu aufzuschreiben.

Ich bin diesmal ganz zufällig wieder darüber gestolpert, als ich bei einer ganz harmlosen Googlesuche auf folgendes Zitat von Heidegger stieß:

Wenn wir die Werke auf ihre unangetastete Dinghaftigkeit hin ansehen und uns selber dabei nichts vormachen, dann zeigt sich: Die Werke sind so natürlich vorhanden wie Dinge sonst auch. Das Bild hängt an der Wand wie ein Jagdgewehr oder ein Hut. Ein Gemälde, z. B. jenes von van Gogh, das ein Paar Bauernschuhe darstellt, wandert von einer Ausstellung in die andere. Die Werke werden verschickt wie die Kohlen aus dem Ruhrgebiet und die Baumstämme aus dem Schwarzwald. Hölderlins Hymnen waren während des Feldzugs im Tornister mitverpackt wie das Putzzeug. Beethovens Quartette liegen in den Lagerräumen des Verlagshauses wie die Kartoffeln im Keller. (Heidegger, „Holzwege”, S. 3)

Bei aller Sympathie, die ich für den Ansatz hege, die Kunstwerke aus dem Bezirk der Hochheiligkeit herunter auf den Boden der Normalität zu ziehen, aber bei genauerem Hinsehen muss man doch ganz klar feststellen, dass das einfach falsch ist. Das, was da wie ein Kartoffelsack im Lagerraum des Verlagshauses liegt, das sind ja eben nicht Beethovens Streichquartette. Vielmehr sind das Noten, also ein ganz spezieller Code, gedruckt auf Papier, bestehend aus Handlungsanweisungen an vier des Codes mächtige Musiker. Der Code teilt mit, wie Beethovens Quartette zu spielen sind, aber keineswegs sind die Hefte, in denen der Code niedergelegt ist, diese Quartette, denn diese sind Gebilde aus Klang und nicht aus Zeichen.

Ein eigentliches Sein haben die Quartette also nur in dem flüchtigen Moment ihres Erklingens. Für die Literatur, in Heideggers Beispiel die Hymnen von Hölderlin, gilt übrigens ganz Ähnliches. Auch diese Hymnen sind niedergelegt in einem Code, der vokalalphabetischen Schrift nämlich, die unsere Alltagswelt natürlich so vollkommen durchdringt und beherrscht, dass wir ihre Codehaftigkeit allzuleicht übersehen. Es ist aber so: Schrift codiert Sprache wie Noten Musik, und nur weil wir permanent lesen, die Decodierung der Zeichen uns also quasi in Fleisch und Blut übergegangen ist, machen wir im Alltagsverstand den Fehler, Schrift und Sprache in eins zu setzen, und also ein Gedicht Hölderlins mit dem Blatt Papier zu verwechseln, auf dem es notiert ist. Die Kulturtechnik des Leise-Lesens verdeckt uns den Umstand noch mehr, dass ein Text, ganz ähnlich wie Musik, nur dann wirklich ist, wenn eine Stimme – und sei es die innere Stimme im Kopf – ihn spricht. Diese Strophe aus einem Gedicht von Christian Morgenstern illustriert diesen Umstand sehr schön:

morgenstern

Unter medientheoretischen Gesichtspunkten ist es natürlich wahnsinnig interessant, dass Heidegger gerade die Verschickbarkeit eines Kunstwerks als Argument für seine banale Dinghaftigkeit heranzieht. Das Bild von van Gogh kann ich verschicken wie einen Baumstamm, ebenso wie man einen Gedichtband oder ein Notenheft leicht zur Post bringen kann. Aber nach den obigen Überlegungen muss man doch einsehen, dass es etwas sehr anderes ist, ob man ein Bild, also ein sogenanntes Original, von A nach B transportiert, oder einen Code wie im Fall von Buch und Notenheft. Die Benutzung von Codes ist ja genau aus zwei Gründen so praktisch und sinnvoll: sie macht Dinge, die sehr schwer oder gar nicht verschickbar sind, plötzlich erstens verschickbar und zweitens kopierbar. Und dadurch – darauf hat ja auch Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz hingewiesen – verändert sich gravierend die Reichweite des jeweiligen Objekts. Benjamin nennt das den Ausstellungswert des Kunstwerks, der durch dessen technische Reproduzierbarkeit plötzlich exponentiell wächst, und so den vorher überwiegenden Kultwert gegen Null drückt.

Da mag etwas dran sein, (und jetzt kommen wir langsam in die Gefilde, wo ich selber nicht mehr so ganz klar sehe), aber meines Erachtens machen sowohl Benjamin als auch Heidegger den Fehler, dass sie die bildende Kunst als den paradigmatischen Fall von Kunst überhaupt ansetzen. Benjamin beschreibt die Technisierung der Kunst und ihre Folgen fast ausschließlich am Beispiel der Evolution von der Malerei über die Fotografie hin zum Film, dem dann sein eigentliches Interesse gilt. Alles, was die anderen Künste betrifft, wird per Analogieschluss diesem Paradigma angepasst. Dass das aber nicht aufgeht, zeigt z. B. folgende Passage:

Die kümmerlichste Provinzaufführung des „Faust“ hat vor einem Faustfilm jedenfalls dies voraus, daß sie in Idealkonkurrenz zur Weimarer Uraufführung steht. Und was an traditionellen Gehalten man vor der Rampe sich in Erinnerung rufen mag, ist vor der Filmleinwand unverwertbar geworden – daß in Mephisto Goethes Jugendfreund Johann Heinrich Merck steckt, und was dergleichen mehr sein mag. (Walter Benjamin, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, in: ders., „Illuminationen“, S. 140)

Was hier passiert, ist meines Erachtens Folgendes: Wenn Benjamin die für ihn wichtigen Begriffe von Original, Echtheit und Aura expliziert, hat er immer Werke der bildenden Kunst vor Augen, und für diesen Bereich sind diese Begriffe ja auch sinnvoll. Aber wenn er ins Gebiet der Literatur wechselt, dann fehlt da plötzlich ein „Original“ des Faust, also setzt er dafür kurzerhand die Weimarer Uraufführung ein, was doch erkennbar unsinnig ist. Diese Uraufführung ist ja für immer vergangen, sie ist also auch gar nicht fälschbar, wie sollte ihr also das Prädikat der Echtheit zugesprochen werden können, das ja nach Benjamin zwingend mit dem Begriff des Originals verknüpft ist? Dementsprechend abwegig wirkt die weitere Schlussfolgerung, irgendwelche seltsamen biographischen Nebenumstände aus dem Leben Goethes ließen sich nur im Zuschauerraum eines Theaters, nicht aber dem eines Kinos in Erinnerung rufen.

Worauf ich hinaus will: Die Werke der sogenannten flüchtigen Künste wie der Musik, aber auch des Theaters und der Literatur, haben ihre Existenz immer nur momentweise, für den Augenblick ihres Gespielt-, Gesprochen-, Gelesenwerdens. Damit sie überhaupt reproduzierbar sein konnten, wurden im prätechnischen Zeitalter die Bedingungen ihrer Aufführung, ohne welche sie ja gar nicht noch einmal ins Sein hätten kommen können, zeichenhaft codiert. Diese Codes sollten aber nicht mit den Werken selbst verwechselt werden.

Den flüchtigen Werken scheint also von ihrem ganzen Wesen her eine viel zweifelhaftere, unbestimmtere Art von Existenz zuzukommen, als denen der bildenden Kunst. Die Mona Lisa hängt in der Tat im Louvre, wie ein Jagdgewehr an der Wand des Forsthauses. Man kann sie anschauen, messen, wiegen, röntgen, und so allerlei herausfinden über diesen ganz konkreten Gegenstand. Aber wo ist Beethovens Eroica? In meinem Bücherregal doch sicher nicht. Etwa gestern in der Philharmonie, vorgestern im Wiener Musikverein, und übermorgen in der Royal Albert Hall? Dann gäbe es ja ganz viele verschiedene Eroicas. Welche wäre dann die Echte? Da die Uraufführung ja ganz klar eine Aufführung unter vielen anderen darstellt, nur zufälligerweise eben die erste, die aber deswegen keinerlei Anspruch auf herausgehobene Echtheit erheben kann. Man kommt unweigerlich in die Nähe von Platons Ideenlehre, wenn man über sowas nachdenkt. Gibt es etwa eine Idee der Eroica, oben im für Menschen unerreichbaren Ideenhimmel, und wir kriegen es in den Konzertsälen immer mit unvollkommenen Abbildern dieser Idee zu tun? Dagegen spräche, dass die Eroica doch unzweifelhaft von Beethoven ist, und der war ein ganz normaler Mensch hier unten auf der Erde. Wie sollte es ihm gelungen sein, seine Werke in die Ideenwelt hochzuschießen? Mit dem Notencode? Sind die Codes so mächtig, dass sie zwischen Platons Ideenwelt und der täglich erfahrenen Alltagswelt kommunizieren können? Das wäre mal eine Medientheorie, die eine solche Ontologie implementierte.

Bei aller Kritik im Detail muss ich natürlich auch sagen, dass Benjamins Kunstwerkaufsatz ein sehr aufschlussreicher Text ist. Seine Einsicht, dass die Möglichkeiten der technischen Reproduzierbarkeit immer auch gravierende Rückwirkungen auf die Künste als solche haben, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Denn genau das ist ja passiert: Die Möglichkeit, ein Klanggebilde nicht nur schriftlich zu notieren als Handlungsanweisung für Musiker, sondern den Klang selbst auf ein Trägermedium zu speichern und wieder abzuspielen – die Schallplattenrille beinhaltet natürlich auch einen Code, aber einen, den nur noch Maschinen ablesen und decodieren können, das ist ein wichtiger Unterschied – hat die Musikgeschichte auf Bahnen gelenkt, die sie ohne Erfindung von Grammophon und Nachfolgern mit Sicherheit niemals genommen hätte.

Der Jazz als eine Musikrichtung, deren wesentlichstes Merkmal in der Improvisation besteht, also der spontanen Komposition im Moment der Aufführung, hätte ohne die Schallplatte als Medium, das diese Augenblicksgeburten augenblicklich konservieren konnte, nie die breite Wirkung entfalten können, wie er es tat. Ein geniales Solo von John Coltrane erreicht ohne Technik nur die vierzig oder achtzig Leute in dem New Yorker Club an genau diesem Abend im Jahr 1964; mit Technik erreicht es Millionen bis heute. Die Popmusik, wo Leute mit unverstellter Stimme singen und dank technischer Verstärkung dennoch ganze Fußballstadien voller Leute erreichen können: was für ein Unterschied zu den mühevoll hochtrainierten Knödelstimmen der Wagneropern, wo ein Sänger sich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben muss, um auch nur ein im Vergleich zum Stadion doch verschwindend kleines Opernhaus mit seiner Stimme zu füllen. Für die Musik waren die technischen Medien mitsamt ihren ganzen Reproduktionsmöglichkeiten die reine Befreiung, und es erscheint mir völlig logisch, dass unter den heutigen Bedingungen ein Jazz- oder Popmusiker natürlich keine Notenhefte mehr herausgibt, sondern Schallplatten. Das Produkt, das er verkauft, ist somit, wiewohl immer noch codiert, so doch viel näher dran an dem, was das Werk eigentlich ist, also Klang.

Verglichen mit den Umwälzungen, die Fotografie, Tonaufzeichnung und Film bewirkten, hat die digitale Umcodierung bisher bemerkenswert wenig Einfluss auf die Künste genommen. Die Tatsache, dass Schriftsteller ihre Romane jetzt auf Laptops tippen, hat an den Büchern nichts geändert. Das teuerste und avancierteste Digitalpiano hat nur ein Ziel: so zu klingen wie ein Steinway. Alle Lebensbereiche hat die digitale Revolution sehr verändert, aber in der Kunst sind wir immer noch im Stadium der reinen Mimesis, der möglichst getreuen Nachahmung des Altbekannten.

Oder ist es doch etwa so, dass die Romanschreiber bereits einer insgesamt veralteten Kultur hinterherrennen, während nebenan die eigentliche Avantgarde an ihrer jazzig hinimprovisierten Twitteratur schreibt? Fragen über Fragen.

Ohne Rest

Im Haus gegenüber ist kürzlich jemand gestorben. Es hat mir keiner erzählt, (ich kenn da ja gar niemanden), aber ich sah es an dem LKW, der plötzlich dastand, und in den man den kompletten Inhalt einer Wohnung verfrachtete. Ich wunderte mich selbst darüber, wie man auf den ersten Blick einen normalen Umzug von der Entrümpelung einer durch Todesfall plötzlich herrenlos gewordenen Wohnung unterscheiden kann. Es bestand gar kein Zweifel. Die Achtlosigkeit, mit der die Arbeiter die Sachen herumstießen, wie kreuz und quer alles auf dem Bürgersteig herumstand, um dann wahllos und lieblos in den Lastwagen geschmissen zu werden. Alte Möbel, bestimmt völlig wertlos, aber doch erzählend von langer und pfleglicher Benutzung; Kisten und Säcke voll hastig zusammengestopften Zeugs. Auf einen Blick erzählten diese Dinge davon, dass sie nur für einen einzigen Menschen je Bedeutung gehabt hatten, und mit dessen Tod jetzt so schnell wie möglich weg mussten. Je weiter die Ausräumung, die ich von meinem Balkon aus gut einsehen konnte, fortschritt, desto mülliger wurden die Dinge, die man da raustrug. Zuletzt eine ganze Wagenladung voller Bretter, die offenbar mal Holzdecken und Wandvertäfelungen dargestellt hatten. Alles, restlos alles musste raus und direkt zum Müll. Gearbeitet wurde rasch und effizient. Niemand, der nochmal irgendeinen Zettel oder Gegenstand in der Hand herum gedreht hätte. Fast hätte ich runter rennen mögen, mir irgendwas aus diesen Müllbergen herausnehmen, damit die Erinnerung an diesen Menschen, den ich doch selbst gar nicht gekannt hatte, nicht so vollkommen restlos ausgelöscht und weggemüllt würde.

Mythos und Wahrheit

Der einzige Gefallene, den meine Familie in zwei Weltkriegen zu beklagen hatte, war mein Großonkel Bruno, der Bruder meiner Großmutter. Ich weiß nicht viel über ihn, das einzige Bild, das ich von ihm habe, zeigt ihn eingerahmt von seinen beiden Schwestern, links im Bild meine Großmutter mit dem für sie charakteristischen melancholischen Blick.

Geschwister Junge

Sie schauen so erwachsen drein, diese Kinder, dass es mir schwerfällt, die Fotografie zu datieren. Vielleicht 1908, schätze ich mal ganz vorsichtig, dann wäre meine Großmutter neun, ihr Bruder zwölf Jahre alt. Wenige Jahre später sollte er fallen, am 4. November 1914 in der Flandern-Schlacht.

Meine Mutter, wann immer die Rede darauf kam, bediente sich immer der exakt gleichen Worte, wenn sie über diesen ihren Onkel sprach: „Das Notabitur in der Tasche und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen“ sei er bei der ersten Feindberührung bei Langemarck sofort getötet worden. Ich habe das nie hinterfragt, habe mir das immer bildlich genau so vorgestellt, wie er da singt und die Abitururkunde ihm aus der Jackentasche ragt, bis er getroffen wird und tot hinfällt. Umso überraschter war ich, im Münkler auf exakt dieselbe Formulierung zu stoßen:

Es fehlte diesen Einheiten jedoch an Erfahrung, an taktisch geschulten Offizieren und an Ausrüstung; sie verfügten nur über wenige Maschinengewehre, kaum Artillerie und hatten zudem das Zusammenwirken dieser Waffen auf dem Gefechtsfeld nicht geübt. All diese Mängel sollten sie durch Mut und Opferbereitschaft wettmachen. Das ist der Kern dessen, was in Deutschland dann als Langemarckmythos Verbreitung gefunden hat: die Erzählung vom todesmutigen Opfergang der aus den Universitäten zu den Fahnen geströmten Kriegsfreiwilligen, die bei Langemarck mit dem Deutschlandlied auf den Lippen gegen die feindlichen Stellungen angestürmt seien. Diese Erzählung wurde schließlich so dominant, dass die deutsche Seite die gesamte, viel größere Schlacht in Flandern nach einem im Grunde strategisch unbedeutenden Gefecht benannte.
(Herfried Münkler, „Der große Krieg”, S. 207, Hervorhebung von mir.)

Man schickt also schlecht ausgebildete und schlecht ausgerüstete halbe Kinder in eine unsinnige Schlacht und erfindet dann nach der zu erwartenden verlustreichen Niederlage etwas von begeistertem Deutschlandliedgesinge, um die Katastrophe und das eigene Versagen irgendwie zu einem heroischen Opfergang umzudeuten. Und der Witz ist: es funktioniert. Es funktioniert so gut, dass noch 100 Jahre später die Nachgeborenen mit denselben Floskeln über das Ereignis sprechen. Sowohl meine Tante als auch mein Onkel, die ich anrief, um noch mehr Informationen über meinen Großonkel zu erfragen, bedienten sich derselben Worte. Wen immer ich nach meinem Großonkel frage, er erzählt mir was vom Deutschlandlied. Münkler kommentiert trocken: „Ob es tatsächlich möglich ist, während eines Sturmangriffs zu singen, erscheint fraglich.“ (S. 208)

Im speziellen Fall meines Großonkels erscheint das alles noch tragischer, denn seine Mutter war gebürtige Engländerin. Englisch war im wahrsten Sinn des Wortes seine Muttersprache. Da vier oder fünf Schwestern meiner Urgroßmutter mit im Haus wohnten, wurde dort wohl tatsächlich mehr englisch als deutsch gesprochen. Und ausgerechnet er musste beim sinnlosen Anrennen gegen englische Stellungen den Tod finden, und dann dichtet man ihm auch noch ein „Deutschland, Deutschland über alles“ auf die Lippen.

Meine Urgroßeltern sollen den Verlust des einzigen Sohnes nie verwunden haben. Die Urgroßmutter starb 1918, viel zu jung, an gebrochenem Herzen, wie man übereinstimmend feststellte. Der Urgroßvater bat um seine Entlassung aus dem Schuldienst, da er nervlich zerrüttet sei und sich auf den Unterricht nicht mehr konzentrieren könne. Meine Großmutter musste dann noch einen Weltkrieg erleben. Wenn ich als Kind mit meiner Spielzeugpistole herumfuchtelte, ermahnte sie mich ruhig und eindringlich: das Schlimmste, was es auf der Welt gebe, sei der Krieg.

Krieg

Ich weiß, ich müsste mich auch mal wieder mit etwas anderem beschäftigen als immer nur mit Krieg. Mir ist selber schleierhaft, warum mich dieser Dämon im Moment einfach nicht loslässt. Die Jüngerschen „Strahlungen“ musste ich dennoch jetzt mal unterbrechen. Es ist kein schlechtes Buch, im Gegenteil, interessante Beobachtungen und Reflexionen, aber ein Übermaß an Melancholie strömt aus dieser Sprache – das knüppelt einen auf die Dauer nieder. Obwohl es faszinierend zu lesen ist, wie Jünger sich auch auf dem Höhepunkt der militärischen Erfolge der Deutschen keinerlei Illusionen hingibt, weit entfernt von patriotischem Hurrageschrei im völlig klaren Bewusstsein darüber ist, hier einer absoluten Menschheitskatastrophe beizuwohnen. Ich brauchte trotzdem mal eine Pause.

Und wenn ich nicht so richtig weiß, was ich lesen soll, dann ist es eine alte Strategie von mir, mich den Klassikern zuzuwenden. Goethe, dachte ich, das kann man doch mal kurz einschieben, die Iphigenie vielleicht, die findet doch der Robert so toll. Aber zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass ich die Iphigenie gar nicht besitze. Ich war mir sicher, sie müsste bei den Reclams irgendwo rumstehen. Tat sie aber nicht. Dann eben den Faust, den habe ich ja auch seit der Schulzeit nicht mehr in der Hand gehabt, das ist doch ein großartiges Stück Literatur, und ganz ohne Krieg. Genau die Abwechslung, nach der ich gesucht hatte, dachte ich.

Aber es ging nicht. Diese Verse kamen mir so abgenudelt vor, so ausgeleiert und verbraucht, es war furchtbar. Außerdem verstand ich beim besten Willen das Problem nicht, unter dem dieser Faust so leidet, dass er sich mit dem Teufel einlässt. Dieser seltsame Wissenswahn, die irre Suche nach einem echten Wissen, das kein Bücherwissen wäre. Die Zaubersprüche, Geistergesäusel, die ganze Sache mit den zwei Seelen in der Brust: Unverständlich. Als dann das biedere Gretchen noch dazukam, musste ich das Buch endgültig weglegen.

Jetzt also doch Herfried Münklers dickes Buch über den Ersten Weltkrieg. Von der ersten Seite an fesselnd, die perfekte Gegenperspektive zu Jüngers Kriegstagebuch 1914–18. Manchmal drängt sich ein Thema einfach an einen heran, man weiß nicht warum, aber man muss sich dann wohl fügen. Widerstand scheint zwecklos, Flucht unmöglich.

Halb und halb und durch und durch

Zu Lewitscharoff ist ja alles schon gesagt. Ich hatte eigentlich nicht vor, mich dazu auch nochmal eigens zu äußern. Bis mir heute nachmittag, während ich so ganz langsam und kontemplativ in der Küche eine Lasagne zusammenbastelte, einfiel, dass ich ja eventuell sogar selbst als so ein Halbwesen zu gelten habe, vor denen es der Lewitscharoff so graust.

Meine Eltern, die sich sehnlich Kinder wünschten und ewig keine bekamen, gingen schließlich zum Arzt, ließen sich untersuchen. Ich hoffe es sehr und bin mir aber auch ziemlich sicher, dass dies nicht die einzige Gelegenheit war, wo mein Vater sich über das biblische Onanieverbot hinwegsetzte. Es stellte sich jedenfalls heraus, dass eine gewisse Dysfunktion im Körper meiner Mutter dafür verantwortlich war, dass sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nie Kinder kriegen würde. Ein operativer Eingriff am Eierstock könne aber die Wahrscheinlichkeit um einiges heraufsetzen. Meine Mutter unterzog sich diesem Eingriff und bald darauf kam meine Schwester zur Welt. Drei Jahre später ich selbst.

In dunkleren Momenten meines Lebens habe ich mir selber manchmal eingeredet, dass ich natürlicherweise ja gar nicht hätte entstehen können und daher auch nicht hätte leben sollen, sagt doch schon Sophokles, das Beste sei es, nicht geboren zu werden, das Zweitbeste aber, schnell dahin zurückzukehren, woher man kam: ins Nichts. Von machbarkeitsbesessenen Frankensteins, die mit ihren Messern den Körper meiner Mutter manipuliert haben, fühlte ich mich da unrechtmäßig und widernatürlich in die Existenz gezwungen.

Aber naja, was soll ich sagen: Das Leben hellt sich dann auch wieder auf, und heute, als ich so gemütlich die Lasagne kochte, die Abendsonne schien noch in die Küche rein, und dann kam H. mit den Kindern nach Hause, wir aßen und spaßten herum – da fühlte ich nichts von einem Geburtsfehler in mir. Ich atme, denke, perzipiere. Bin durch und durch und ganz und gar ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger.