Hogwarts-Express

Da gestern abend keine Zeit mehr dafür gewesen war, hatte H. das versprochene Harry-Potter-Vorlesen auf heute früh vertagt, wo naturgemäß auch wieder die Zeit zu knapp war, weswegen sie es nun kurzerhand auf die Autofahrt zur Schule hin umdisponierte, und las also, während ich das Auto zur Schule lenkte, vom Beifahrersitz aus den hinten sitzenden Kindern just die Szene vor, wo Harry und Ron in ihrem Zauberauto zur Zauberschule fliegen. Ich stellte den Wagen exakt in der Sekunde vor der Schule ab, als sie mit ihrem Vehikel in den Baum vor der Hogwartsschule krachen. Ich weiß nicht, ob außer mir noch jemand diese Parallelität zwischen Literatur und Leben wahrgenommen hat, um viertel vor Acht war ich selber noch zu verpennt, um es zu bemerken, erst später, als ich wartend in der Postschlange stand, um das Weihnachtspaket für die Neffen aufzugeben, fiel es mir auf.

Nicht sichten, nicht ordnen

Alte Tagebücher durchgeblättert. Chaotischer Mischmasch aus handgeschriebenen Notizen, durcheinandergewürfelt in viel zu vielen Heften, und Worddokumenten, ebenfalls unsystematisch über die ganze Festplatte verstreut. Erstaunliche Textmassen, obwohl manchmal über Monate gar nichts da ist. Im Grunde alles uninteressant, schrecklich, man hält das gar nicht aus. Schleef tippte seine Tagebücher alle nochmal ab, versah sie mit teilweise ausführlichsten Kommentaren, das war kurz bevor er starb. Vielleicht kann man das nur machen, so eine Auseinandersetzung mit diesen vielen Ichs, die man einmal gewesen ist, wenn man den Tod kommen spürt. Mir war es gestern dann jedenfalls nicht möglich, ich blätterte und scrollte immer schneller, brach schließlich ab.

Den Bürgersteig gegenüber haben sie jetzt zum dritten Mal in drei Jahren aufgerissen, irgendwas mit den dort vergrabenen Kabeln gemacht, und dann wieder zugeschüttet. Wenn alles fertig ist, rückt der Kopfsteinpflasterer an: Tagelang kniet er auf dem Boden, prüft für jede Stelle den geeigneten Stein, wiegt ihn in der Hand, schaut ob er passt, verwirft ihn manchmal wieder und nimmt einen neuen. Mit zwei oder drei Hammerschlägen präpariert er die sandige Erde, plaziert dann den Stein, den er mit vier oder fünf helltönenden Hammerschlägen dann einpasst. Eine sehr rhythmische Arbeit, wahnsinnig langwierig. Und nächstes Jahr reißen sie dann wieder alles auf, weil wieder ein neues Kabel verlegt wird, oder ein Anschluss neu gemacht werden muss, oder was weiß ich, was die da eigentlich immer machen. Ist Schreiben nicht etwas Ähnliches? Ein Sisyphosjob, immer klopfklopfklopf, tipptipptipp, aber nie sind die unter der Buchstabenoberfläche im Dreck vergrabenen Sinnkabel richtig verlegt?

Mythen, Monstren und Mirakel

02.12.2014: Es ist kalt geworden, fast richtig winterlich, bloß der Schnee fehlt noch. Dennoch die Lektüre des Prosa-Lancelot, den ich mir ja eigentlich als großes Winterleseprojekt besorgt hatte, zwischenzeitlich unterbrochen und Münklers „Mythen der Deutschen“ eingeschoben. Faszinierende Lektüre. Erstaunlich, wie wenig ich über Preußen weiß: Großer Kurfürst, Soldatenkönig, Alter Fritz sind mir im Grunde nur dem Namen nach bekannt, aber ich verbinde nichts mit ihnen, schon gar nichts Mythisches. Der Preußenmythos, das Mirakel des Hauses Brandenburg, die posthume Verklärung der Königin Luise – ist mir alles völlig unbekannt. Liegt das am Untergang des Preußenstaates oder an meiner Herkunft aus Bayern?

„Saupreiß“ war in meiner Kindheit noch ein geläufiges Schimpfwort, mein Großvater verwendete es inflationär, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, ich glaube, heute sagt man das nicht mehr so häufig. Dennoch: Wenn Münkler recht hat, dass gemeinsame Mythen von unersetzlicher Wichtigkeit sind für die Konstituierung eines Gemeinwesens, geht dann nicht ein mindestens so starker Riss zwischen Nord und Süd durch Deutschland, wie er in der Folge der deutschen Teilung immer noch zwischen Ost und West zu bestehen scheint? Mir kommt dieses Deutschland in all seinen geschichtlichen Erscheinungsformen immer wie etwas ganz Seltsames vor, ein Kunstprodukt, ein Monstrum, ein unverständliches Unding, und wenn man bei Münkler liest, wie geschichtliche Fakten zum Teil in ihr blankes Gegenteil zurechtgelogen wurden, um per mythischer Verdichtung eine nachvollziehbare Erzählung herzustellen, die das jeweils gerade aktuelle Deutschland narrativ legitimieren sollte, dann wird einem dieses Gefühl nur noch zwingender. Vielleicht war ich deshalb immer für die Idee der europäischen Einigung zu haben, weil da die Idee mitschwang, Deutschland könne so in Europa aufgehen und endlich aufhören als dieser unmögliche Nationalstaat zu existieren. Aber das europäische Projekt ist ja ebenfalls auf Abwegen, undemokratisch, ziellos, von den Bürgern abgelehnt, nationale Interessen bestimmen weiterhin das Geschehen. Guter Artikel dazu von Dieter Grimm im aktuellen Merkur, der die Geschichte der EU ziemlich schonungslos zerlegt. Auch hier: was fehlt ist ein gemeinsamer Mythos, eine gemeinsame Erzählung. Die Artussage hätte das vielleicht einmal leisten können, mir fiel das jedenfalls beim Prosa-Lancelot insbesondere auf, wie unbekümmert die Protagonisten da zwischen dem „groszen Brytanien“ (England) und dem „myndern Brytanien“ (Bretagne) hin- und herreisen und kaum erwähnt wird, dass man dabei über ein Wasser fahren muss. Und diese ganze Artusdichtung wurde ja damals auch praktisch sofort ins Deutsche, also Mittelhochdeutsche, übersetzt, wie im Fall des Prosa-Lancelot, oder in freier Adaption übertragen, wie im Falle von Wolframs Parzival oder dem Iwein von Hartmann von Aue. Unbekümmert um Nationalitäten oder territoriale Zugehörigkeiten war das ein supranationaler Stoff, mit dem offenbar alle sich identifizieren konnten, egal ob Engländer, Franzosen oder Deutsche. Aber das ist zu lang her, es dürfte kaum das Material hergeben, um ein heutiges Europa narrativ mit Bedeutung aufzuladen, zu fremd ist uns diese ganze mittelalterliche Welt geworden, ich selber glaub manchmal, dass ich irre bin, mir sowas reinzuziehen, im mittelhochdeutschen Original auch noch, dazu ein andermal mehr.

Jedenfalls fällt mir doch auf, dass Münklers Deutschlandmythen alle in Norddeutschland verortet sind: Nibelungenlied, Wartburg, Luther, Alter Fritz. Sein Fokus liegt deutlich auf dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert (jedenfalls bis jetzt, bin ungefähr bei der Hälfte), und da war natürlich alles auf Preußen fixiert, alle die Luthermythen und Wartburgmythen und Preußenmythen wurden dahin gedeutet und zurechtgebogen: auf ein national geeintes Deutschland unter Preußens Führung. Was wäre, frage ich mich, der alternative Bayernmythos? Der crazy Märchenkönig mit seinem Opernwahn und den wahnwitzigen Traumschlössern? Der gemütliche Prinzregent mit der Trachtenjoppe? Wahrscheinlich eher der Wilderer Jennerwein: Bastard, Sänger, Säufer, Outlaw mit geschultertem Gewehr: das totale Gegenbild zur preußischen Obrigkeitsgläubigkeit. Auch das ist natürlich Lüge, Verklärung und Verkitschung. Aber das ist allen diesen Mythen ja inhärent.

30.11.2014: Erster Advent und mein Namenstag. Hielt es als Kind immer für äußerst bedeutsam, wenn die beiden Tage zusammenfielen, wie ein magisches Vorzeichen. War dann aber nie was besonderes, soweit ich mich erinnere. Briet dennoch heute festlich eine Ente, ab 13.30 in der Küche zugange, damit man auf jeden Fall nicht in Zeitnot kommt. Größere Kochaktionen sind mir immer Anlass, den ganzen Nachmittag in der Küche Musik zu hören, während ich schneide, rühre, brate, Töpfe zu- und wieder wegstelle usw. Da H. die Babyshambles jetzt nicht mehr hören kann, ließ ich zuerst Lambchop laufen, das war mir dann aber doch zu eintönig auf die Dauer, stieg um auf Playlist Richard Strauss, den ich fast immer hören kann, erst der Don Quixote, dann die Schauspielmusik zum Bürger als Edelmann, ein kaum bekanntes, unterschätztes Werk von Strauss, schließlich, als alles schon fast fertig, der Zarathustra.

Ich hatte eben die Ente nochmal bepinselt als die Anfangsfanfaren des Zarathustra dröhnten und H., die an der Küchentür vorbeieilte, nur im Vorübergehen sagte: „Man kann das nicht hören, ohne an die Affen zu denken, oder?“ Ich verstand sofort was sie meinte, bejahte automatisch, obwohl ich, wie mir später erst klar wurde, in dem Moment tatsächlich überhaupt nicht an die Affen gedacht hatte, dachte aber jetzt, da sie es erwähnt hatte, umso mehr an die Affen und den Tanz der Raumschiffe zu Johann Strauß’ Walzer „An der schönen blauen Donau“ und daran, wie ich den Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ zum ersten Mal gesehen habe, das war in der Schule, achte oder neunte Klasse vielleicht, die letzte Doppelstunde vor dem Schulschluss fiel aus, Lehrer krank, stattdessen kam der Lehrer Weiß als Vertretung und zeigte uns diesen Film im Fernsehsaal, der mit seinen Klappsitzen tatsächlich einen Hauch von Kinoatmosphäre vermittelte. Die Affen, die Raumschiffe, das gefährlich rot wabernde Licht des intelligenten Supercomputers HAL 9000. Der Film war noch nicht aus, als der Gong zum Schulschluss ertönte, die meisten gingen sofort, verließen das Fernsehzimmer, hatten vorher schon gefragt, was das eigentlich alles solle, Affen, Raumschiffe, sprechende Computer und endlos lange Sequenzen, in denen überhaupt niemand sprach. Ich wusste auch nicht, was das alles bedeuten soll, aber irgendetwas bedeutete es mir, es war toll, faszinierend, überwältigend. Eine Art Filmerlebnis, wie ich es noch nie vorher gehabt hatte. Mit ein paar Versprengten blieb ich sitzen, trotz Schulschluss, mochte der Schulbus ruhig abfahren. Nach dem Bus ist vor dem Bus, wir schauten diesen rätselhaften Film fertig bis zu seinem rätselhaften Ende und waren uns danach sicher, etwas ganz Besonderes erlebt und gesehen zu haben.

Keine Ahnung, warum der Lehrer Weiß uns an diesem Tag gerade diesen Film zeigen wollte, er war so ein seltsamer Hybrid zwischen lockerem Altachtundsechziger und streng-autoritärem Pauker, aber es war ein einprägsamer Moment, ich rieche förmlich noch die muffige Luft dieses Raumes mit den runtergezogenen Rolläden und darin die Bilder dieser psychedelischen Space-Odyssee. Das Beste, was Lehrer leisten können, tun sie vermutlich außerhalb der vorgegebenen Lehrpläne, und das war eine dieser Sternstunden. Was das alles bedeuten solle, die Affen, der Monolith, der im Weltall schwebende Embryo, bestürmten wir Übriggebliebenen ihn nach dem Filmende. Das wisse er auch nicht, sagte er lapidar, das sei eben so bei großer Kunst, die erkläre sich nicht, lasse einen ratlos zurück.

28.11.2014

Schon wieder einen Monat lang nichts geschrieben, mit dem ganzen Blog seit über einem halben Jahr irgendwie in einer Art Dauerkrise, die Gründe dafür sind vielfältiger Natur, schwer zu benennen, einer davon sicherlich der Moment, das war noch im Sommer, als der Mikele mich fragte, ob ich denn gar nichts mehr auf Facebook mache, ich verstand erst gar nicht, es dauerte ein paar zäh durchtickende Sekunden bis mir dämmerte, dass er das ganze Blog für einen Teil von Facebook hält, Facebook, mein Gott, das inkorporierte Böse, die Datenkrake, Werbekanone, unbarmherzige Privatsphärennihilierungsmaschine. Aber eigentlich ist es auch egal, was die Leute denken, was das ist oder wo das ist, und wenn ich die Artikel auf Facebook annonciere, einen Link dort setze, dann hat der Mikele natürlich völlig recht, dann ist das erstens tatsächlich eine Aktivität auf Facebook, und zweitens ist es völlig nebensächlich, wordpress.com steht schließlich auch nicht gerade im Verdacht besonderer Heiligkeit, also was solls.

Das eigentliche Problem, in das ich mit meinem Schreiben hineingeschlittert bin, ist selbstgemachter Natur: mein wachsender Zwang, nur fertige, runde, in sich abgeschlossene und wohlstrukturierte „Artikel“ zu veröffentlichen, ganz im Gegensatz zu meinem früheren Credo, das Fragmentarische, Fetzenhafte, wie es sich in der durch nichts als die Reihe der aufeinander abfolgenden Tage strukturierten Form des Tagebuchs zeigt, sei die angemessenste Weise der schriftlichen Repräsentation dessen, was man so ein Leben nennt, angemessener jedenfalls als die Romane mit ihrer Totalitätsillusion, und eben auch angemessener als Artikel oder Essays, die ebenfalls immer eine Illusion vorgaukeln, nämlich die, der Schreiber habe einen Gedanken, eine Idee schön fertig durch- und zu Ende gedacht und präsentiere hier nun in Schriftform schön säuberlich und wohlstrukturiert seine Ergebnisse.

Den Schleier von den Augen gerissen hat mir mein derzeitiges Lieblingsblog fortlaufend, wo André Spiegel vorgestern schrieb:

„Mindestens drei Sachen vor Augen, die ich dringend schreiben will, und gleichzeitig fällt es mir schwer, mich auf das hier zu konzentrieren. Herauszufinden, was in den nächsten Eintrag, also diesen hier, soll. Und trotzdem ist das hier das wertvollste, was ich habe. Kann Dinge leisten, die ich nirgendwo anders machen kann. Passiert hier das, worauf’s ankommt. Gerade dann, wenn nicht klar ist, wie es weitergeht.“

Dieser Gedanke, das Nichtwissen, was in den nächsten Beitrag hinein soll, stelle kein Defizit sondern im Gegenteil einen unschätzbaren Wert dar, wirkte wie das Umlegen eines Schalters in meinem Hirn (Achtung: Maschinenmetapher ganz ohne Mollakkord, extra für Phorky!). Will also in Zukunft wieder mehr bloggen, unstrukturiert, unfertig, ohne hochgesteckte Relevanzansprüche, zurück zum Tagebuch, und werde dementsprechend neue Einträge nicht mehr oder nur noch sporadisch auf Facebook oder Twitter annoncieren, weil solche Selbstverlinkungen immer eine Wichtigkeit und Dringlichkeit suggerieren, von der ich mich ja gerade losmachen will. Mal schauen, was daraus wird…

Ein Gleiches

Und während ich noch bei Latacz über die griechischen Sängerdichter (Aoiden) der vorschriftlichen Epoche las, die Vorgänger Homers, die allem Anschein nach schon lange vor diesem die Form der Hexameter-Dichtung geprägt haben, und deren rein oral tradierte, improvisierende und von einem Saiteninstrument begleitete Vortragskunst auch in der Ilias überall ihre Spuren hinterlassen hat, wie Latacz überzeugend nachweist, und ich gleichzeitig hier im Blog über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit schriftlich nicht notierter Musik diskutierte – da spielte mir, passend zur Jahreszeit und dem eben erfolgten Temperatursturz, die Glaserin via Facebook dieses kleine Lied zu:

Es berührte mich ganz seltsam, ich konnte nicht aufhören, es immer wieder anzuhören bzw. -sehen. Hier der nach dem Gehör notierte Text, ich hoffe, auch Norddeutsche können den Sinn einigermaßen erfassen:

Da Summa is aussi
muass I obi ins Doi.
Pfiat di gott mei liabe Oima
pfiat di gott dausend moi.

Sche stad is’s scho worn, jo,
koa Vogerl singt mehr, jo.
Und es waht scho da Schneewind
vom Wetterstoa her, jo.
Und es waht scho der Schneewind
vom Wetterstoa her.

So hart wia ma heit is
is ma a no nia gscheng.
Als sollt I meine Oima
heit’s letzte moi seng.

Und miasst I gor bald scho
zur Erd und zur Ruah, jo.
So deckts mi mit Felsstoan
und Oimbleamaln zua, jo.
So deckts mi mit Felstoan
und Oimbleamaln zua.

Ein im Netz gefundenes Notenblatt gibt ein steirisches Liederbuch von 1895 als die Quelle des Liedes an, aber selbstverständlich ist 1895 hier nur als Zeitpunkt der ersten schriftlichen Fixierung zu verstehen. So wie am Anfang des 19. Jahrhunderts etwa die Brüder Grimm bis dato nur oral tradierte deutsche Märchen und Sagen in die Schriftform übertrugen, so erwachte gegen Ende dieses Jahrhunderts ein reges Interesse an mehr regionalen Subkulturen. Dialektstudien wurden betrieben, regional typische Kleidung wurde studiert und klassifiziert (Beginn des ganzen Trachtenwesens im alpenländischen Raum), und eben Volkslieder, die bisher nur von Mund zu Mund weitergegeben wurden, notiert und in Liederbücher überführt. Wir müssen also davon ausgehen, dass das Lied sehr viel älter ist als 1895, wenngleich es natürlich vor seiner Fixierung als ungleich wandelbarer und flexibler vorgestellt werden muss, sowohl was den Text, als auch was die Musik betrifft.

Ich reite da jetzt deswegen so drauf herum, weil das Lied eine auffallende Ähnlichkeit zu einem andern Gedicht aufweist, dem vielleicht berühmtesten Gedicht in deutscher Sprache überhaupt:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Goethe soll diese Verse im Jahr 1780 an die hölzerne Wand einer Jagdhütte im Thüringer Wald geschrieben haben, und er soll geweint haben, als er die Hütte 50 Jahre später, kurz vor seinem Tod, noch einmal besuchte und die Inschrift dort wiederfand. Wie dem auch sei, die strukturelle Ähnlichkeit der beiden Gedichte scheint mir unübersehbar: Beide heben an mit der Beschreibung einer bestimmten Naturstimmung besonderer Stille, beide betonen dabei ausdrücklich das Schweigen der Vögel, und beide schlagen dann um in eine von dieser Naturstille ausgelöste Todesahnung, von beiden metaphorisch angedeutet als „baldige Ruhe“. Zwar redet im Volkslied ein einsames „Ich“, aber die Du-Form des Goethegedichts muss man wohl auch als eine Art Selbstgespräch eines lyrischen Ich auffassen, so dass die strukturelle Ähnlichkeit auch auf der Ebene des Sprechakts erkennbar bleibt.

Soviel ich weiß, hat Goethe nie die Steiermark besucht, man kann also annehmen, dass er nie in den Genuss einer Vorführung von „Der Summa is aussi“ gekommen ist, die ihn zu seinem Wanderernachtlied inspiriert hätte. Auch erscheint mir die andere Möglichkeit, dass ein lyrikbegeisterter steirischer Almbauer des 19. Jahrhunderts seinen geliebten Goethe in ein Volkslied habe einsickern lassen, als relativ unwahrscheinlich. Aber eigentlich ist die ganze Frage nach einer so oder so herum gelaufenen Beeinflussung ja auch völlig bedeutungslos. Ich erkläre mir das Phänomen lieber mit Borges, der einmal geschrieben hat: „Vielleicht ist die Universalgeschichte die Geschichte einiger weniger Metaphern.“ Die Metapher „Schweigende Vögel Baldiger Tod“ könnte eine dieser Ur-Metaphern sein, die einfach ein Eigenleben führen. Unerklärlicherweise tauchen sie in verschiedensten Zeiten, Kulturen und Kontexten in immer neuen Erscheinungsformen auf, und es scheint ihnen herzlich egal zu sein, ob sie sich für diese Emanationen anonymer Volkssänger oder gefeierter Dichterfürsten bedienen.

Paradoxien des Krieges

Ehrlich gesagt, habe ich nie groß über die Frage nachgedacht, warum die Ilias das Nationalepos des antiken Griechenland gewesen ist, so klar schien das doch auf der Hand zu liegen. Wozu sollte der irrwitzige Schiffskatalog im zweiten Gesang sonst gut sein, außer um anschaulich zu machen, wie aus sämtlichen Teilen des späteren Griechenland völlig verschiedene Völker und Stämme sich zu einer gemeinschaftlichen Mission aufmachen: dem Krieg gegen Troia. Und sie gewinnen diesen Krieg nur gemeinsam, nur wenn alle mitmachen. Die Wiedereingliederung des abspenstig gewordenen Achilleus und den dadurch erst möglich gemachten Sieg der Achaier (Griechen) über Troia, habe ich, ohne je groß darüber nachzudenken, immer als einen griechisch-nationalen Solidaritätsappell verstanden, eine Art Gründungsmythos der vereinten Hellenen. Obwohl ich Odyssee und Orestie doch auch seit langem kenne, bin ich nie auf die Idee gekommen, den ganzen Komplex einmal ganz andersherum zu betrachten, so wie Joachim Latacz es hier tut:

„Daß der Erzählakzent und damit der Sinn der Ilias-Geschichte von den ersten Adressaten und frühen Rezipienten der Ilias eben darin gesehen wurde: in der Darstellung eines tiefgreifenden Normenkonflikts und seiner für eine Aktionsgemeinschaft verhängnisvollen Folgen, zeigen andere Gedichte, die später entstanden sind und die Homers Geschichte zu Ende erzählen. Dort wird berichtet, daß die Allianz die Festung Ilios/Troia militärisch nicht mehr nehmen konnte. Das stolze Aufgebot der Achaier – 1186 Schiffe mit über 100 000 Kämpfern, wie der zweite Ilias-Gesang zusammenrechnet – konnte nur noch mittels eines Holzpferds siegen – und danach, nach der wütenden und zum Teil brutalen Verwüstung der verhaßten Stadt, fielen die Sieger auseinander: Keine stolze Armada fuhr, über die Toppen geflaggt, in die Heimathäfen ein, bejubelt und bewundert, sondern jedes Kontingent suchte auf anderen Wegen in die Heimat zu gelangen. Die Helden, die noch lebten, wurden durch Stürme weit vom Ziele abgetrieben und durchs ganze Mittelmeer verschlagen und kamen oft nach vielen Jahren erst still und klein zurück, wie Odysseus, oder gelangten, wie der hochberühmte König von Mykene und Troia-Besieger Agamemnon, zwar noch nach Hause, aber nur, um dort von der eignen Ehefrau im Badezimmer umgebracht zu werden. Was für ein Ende…“ (Joachim Latacz, Troia und Homer, S. 245)

Als ich das las, musste ich unwillkürlich an Münklers Analyse des Ausgangs des Ersten Weltkriegs denken, und blätterte dort nach:

„Der Krieg ist der Meister der Paradoxien. Selten verkehren sich Absichten und Wirkungen so wie im Krieg und in seinen Folgen. […] Wenn der Frieden auf die Zähmung solcher Paradoxien durch die Geltung von Regeln und das Verbot bestimmter Handlungsoptionen hinausläuft, so setzt der Krieg die Macht des Paradoxen frei. Der Erste Weltkrieg hat das mit besonderer Intensität getan. Die größte Paradoxie dieses Krieges besteht darin, dass die militärischen Sieger auf längere Sicht zu den eigentlichen Verlierern geworden sind: Frankreich hat, obwohl es als Sieger aus dem Krieg hervorgegangen ist, in dem es von allen beteiligten Großmächten relativ die meisten Opfer zu beklagen hatte, den Niedergang seiner politischen Stellung in Europa nicht aufhalten können; Italien ist trotz territorialer Gewinne im Norden und Nordosten nicht zu einer europäischen Großmacht aufgestiegen, und Großbritanniens Niedergang von seiner weltbeherrschenden Stellung wurde durch den Krieg eher beschleunigt als aufgehalten. Im Nachhinein betrachtet, so der Historiker Niall Ferguson, hätte es den britischen Interessen sehr viel mehr entsprochen, wenn man den Deutschen die Herrschaft über West- und Mitteleuropa überlassen und sich auf den Erhalt des Empire konzentriert hätte, anstatt die Blüte einer ganzen Generation auf den Schlachtfeldern Flanderns zu opfern. Unbestreitbar ist jedenfalls, dass die Briten als die Gläubiger der Welt in den Krieg hineingingen und als Schuldner der USA aus ihm herauskamen. […] Auch der Zugewinn an Macht und Reichtum, den Großbritannien aus den Trümmern des Osmanischen Reichs bezogen hat, erwies sich schon in den 1920er Jahren infolge von Rebellionen und Aufständen als ausgesprochen kräftezehrend und kostenintensiv und trug eher zur imperialen Überdehnung des Empire als zu seiner Konsolidierung bei. Überhaupt ist festzustellen, dass der Zugewinn an Protektoraten und Mandatsgebieten in Afrika und im Nahen Osten, den Großbritannien und Frankreich als Siegermächte des Krieges einstrichen, das Seine dazu beigetragen hat, dass aus dem Sieg ein Pyrrhussieg wurde: Sie allesamt haben mehr Kosten verursacht als Nutzen gebracht.“ (Herfried Münkler, Der Große Krieg, S. 785f.)

Es scheint, als habe Homer etwas schon gewusst, was wir bis heute noch nicht ganz kapiert haben: Kriege zu verlieren ist Scheiße, aber Kriege zu gewinnen ist unter Umständen auch nicht so ganz das Gelbe vom Ei.

Das Buch von Latacz habe ich verschlungen, es ist sehr interessant, man erfährt da sehr viel über neueste Ausgrabungsergebnisse, über die Großreiche von Hattusa und Mykene, über die Entstehung der Schrift einerseits und über das oral tradierte kollektive Gedächtnis schriftloser Kulturen andererseits, über die ganze hochkomplexe Vorgeschichte jenes antiken Griechenland, das uns immer so selbstverständlich als relativ voraussetzungsloser Anfang und Wiege des Abendlandes erscheint.

Aber eigentlich müssten wir, denke ich jetzt, den Homer vollständig als Zeitgenossen lesen: als eine Schrift, die nicht durch eine Kluft von 2800 Jahren von mir entfernt ist, sondern nur 20 Zentimeter vor meinen Augen steht, wie irgendein Berühmter einmal sinngemäß gesagt haben soll. (Hinweise zu genauem Wortlaut und Herkunft des Zitats nehme ich dankbar entgegen.) Das Räsonieren, ob dies und das nun ein historisches Troia und einen historischen troianischen Krieg belegt oder nicht belegt – und das scheint mir geradezu die Quintessenz aus dem Latacz zu sein, nachdem er jedes ausgebuddelte Tontäfelchen umgedreht und akribisch daraufhin abgeklopft hat, was es uns über den möglichen historischen Hintergrund von Homers Epos erzählen könnte – rückt uns die elementare Wahrheit der Dichtung doch nur weiter weg von den Augen.