Ueber das correcte Buchstabiren

Christian Fischer und Maximilian Buddenbohm haben jüngst in ihren Blogs etwas darüber geschrieben, wie die Kinder heutzutage das Lesen und Schreiben lernen, mit Hilfe von Anlauttabellen nämlich, und dass das okay ist, man sich darüber nicht aufregen solle oder gar den Untergang des Abendlandes deswegen ausrufen, und dass man eventuell darüber nachdenken könne, ob hyperkorrektes Schreiben eigentlich gar nicht so wichtig sei, wie manche Leute, deren hauptsächliche Beschäftigung im Lesen und Schreiben besteht, uns weismachen wollen. Ich kann mich dem allem nur anschließen, empfehle ausdrücklich beide Artikel zur Lektüre. Dass da überhaupt so eine Panik herrscht, liegt wohl vor allem an einer Titelgeschichte des Spiegel vor einiger Zeit: „Die Rechtschreibkatastrophe“ (korrigiere: der Spiegel titelte im Wortlaut: „Die Rechtschreip-katerstrofe“). Ich habe das allerdings nicht gelesen, so wie ich überhaupt nur noch selten und in letzter Zeit eigentlich überhaupt nicht mehr den Spiegel lese. Ich spüre also relativ wenig von dieser Rechtschreibpanik, aber interessieren musste mich das natürlich trotzdem, denn meine Tochter geht jetzt auch seit drei Wochen in die Schule und lernt genau auf diese Weise das Lesen und Schreiben. Und, ja, die schreibt jetzt auch „MÄNSCH“ oder einen Satz wie „ÄS IST SCHÖN“, und ich sage dann: „Super geschrieben, toll gemacht!“ Und zwar nicht, weil eine Lehrerin mir gesagt hätte, dass ich mich so verhalten soll und die Fehler nicht korrigieren, sondern weil ich wirklich verblüfft und total stolz auf sie bin, dass sie das so hinkriegt nach drei Wochen Schule. Und wohlgemerkt sind dies keine Hausaufgaben, das ist nichts, was sie tun müsste, sondern sie sitzt so da, malt einen Dino und schreibt dann, völlig aus dem Eigenen heraus, daneben: „DINO“. Hat also Spaß daran, das in der Schule Gelernte aus eigenem Antrieb anzuwenden und auszuprobieren. Und sie geht gerne in die Schule, war letzte Woche, als sie zwei Tage krank war, wirklich traurig, dass sie nicht hindurfte. Das sind für mich die zwei wesentlichen Beobachtungen, diesen Schulanfang – vor dem ich einigen Bammel hatte, weil sie doch noch so klein ist, ein Schwellenkind, wäre sie eine Woche später geboren, würde sie jetzt noch in den Kindergarten gehen – für absolut geglückt zu halten. Die machen da etwas sehr richtig in dieser Schule, bin ich überzeugt, und sehe keinen Grund mich aufzuregen, einzumischen oder panisch nach dem alten Rechtschreibspiegel zu kramen, um mich davon irre machen zu lassen.

Tatsächlich ist die Lautiermethode des Lesenlernens älter als der Orthographiezwang. Heinrich Stephani führte sie 1807 ein mit seinem etwas umständlich betitelten Werk „Fibel für Kinder von edler Erziehung, nebst einer genauen Beschreibung meiner Methode für Mütter, welche sich die Freude verschaffen wollen, ihre Kinder selbst in kurzer Zeit lesen zu lehren“. Zu einer Zeit, wo alle noch so ziemlich schreiben durften, wie sie wollten, es weder Duden noch sonst verbindliche Regeln des Schreibens gab, erfindet Stephani die Lautiermethode als die simpelste und logischste Weise, den Kindern das Lesen beizubringen, nicht ohne die vorher gängigen Methoden, die Syllabier- und die Buchstabiermethode, mit einigem Spott zu überziehen:

Die Buchstabirmethode geht von dem Irrthume aus, daß der Nahme der Buchstaben zugleich ihr Laut sey, und daß man folglich der Aussprache jeder Sylbe das Buchstabiren (das Hernennen der Buchstabennahmen) vorhergehen lassen müsse. Um die Zweckwidrigkeit dieser Methode völlig zu begreifen, nehmen Sie Beispielsweise das Wort schon, und lassen es in Gedanken von einem Kinde buchstabiren: Eß Zeh Hah o Enn. Glauben Sie denn nun, daß es wissen werde, wie die Laute dieser drei Buchstaben zusammen ausgesprochen werden, nachdem es jene Nahmen hergesagt hat? Nicht Nahmen verbinden wir, wenn wir ein Wort aussprechen (aus der Gesichtssprache in die Gehörsprache übersetzen), sondern Laute. (zitiert nach: Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900, S. 42)

Dieser 200 Jahre alte Text, der nach heutigem Verständnis voller schrecklichster Rechtschreibfehler steckt, ist vollkommen verständlich, und so lernen die Kinder heute (wieder) lesen: indem sie die Laute mit den Buchstaben verbinden, nicht die Buchstabennamen. Witzigerweise verband bereits Stephani mit seiner Methode ein nationales Vereinheitlichungs-Projekt, nicht des Schreibens, wohl aber des Sprechens: Seine Lautiermethode lehre, so schreibt er,

die Wörter so auszusprechen, wie die Sprache will, daß sie allgemein ausgesprochen werden sollen. Sie ist daher zugleich das Nationalmittel, alle verschiedene Mundarten nach und nach zu verdrängen, und eine ganz reine Aussprache an deren Stelle allenthalben zu verbreiten. (zit. nach: Kittler, Aufschreibesysteme 1800/1900, S. 46)

Das ist natürlich Unsinn, und trifft bei mir einen wunden Punkt, denn das Absterben und Aussterben der Dialekte verfolge ich mit großer Traurigkeit. „Die Sprache“ will überhaupt nichts, einen Willen haben nur die Sprecher, und 1807 waren das zu 100 Prozent Dialektsprecher, denn ein Hochdeutsch gab es gar nicht damals, genau wie es noch keinen Duden und keine Orthographie gab. Es gab bloß einen Willen zu nationaler Einheit der Deutschen, traumatisiert durch die napoleonische Fremdherrschaft, und da das zu dem Zeitpunkt politisch nicht herstellbar war, versuchte man es über die Sprache. Kulturelle Einheit, Volk der Dichter und Denker undsoweiter. Völkisch-nationalistischer Blödsinn letztlich, der regionale Differenzen ausmerzen musste, um eine Einheit, die es historisch nie gegeben hatte, (das Heilige Römische Reich deutscher Nation war ja nie ein Nationalstaat im eigentlichen Sinne gewesen, immer mehr ein sehr loser Zusammenschluss einer Vielzahl von Minifürstentümern), künstlich herzustellen. So wurde das Hochdeutsche erfunden, das Schriftdeutsche. Da damals Preußen die Oberhand hatte, naturgemäß eine eher norddeutsche Sache. Ich, der ich von meiner aus Bremen stammenden Großmutter nicht nur das Schreiben und Lesen, sondern zuvor auch schon das Sprechen gelernt hatte, war in meinem bayrischen Dorf ein ziemlicher Außenseiter als Kind. „Er redet nach der Schrift“, sagten die Leute, das fanden sie komisch. Heute laber ich die Leute in Berlin immer auf Bairisch an, aber das ist eine andere Geschichte.

Sicher ist: 1871 wurde die nationale Einheit der Deutschen Realität, nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich. Und in der Folge fand ein wahnsinniger Akt der Vereinheitlichung statt. Heute würden alle Verwaltungsapparate durchdrehen wahrscheinlich, soviel Unterschiedliches musste plötzlich unter einen Hut gebracht werden: Währungen, Maßeinheiten, Steuersätze, was weiß ich nicht alles. Das ging wahnsinnig schnell. Bayern führte als letzter Teilstaat des Deutschen Reichs am 1. Januar 1872 das metrische System ein. Witzigerweise sagt der Bayer, dem doch immer so viel Konservatismus und Traditionalismus nachgesagt wird, heute „Meterstab“ zu dem Ding, das in Norddeutschland immer noch „Zollstock“ heißt.

Mit der Rechtschreibung dauerte es länger. 1880 veröffentlichte Konrad Duden sein erstes „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“. Völlig auf eigene Faust behauptete er, bestimmen zu können, wie man richtig schreibt. 1901 erst wurde die von Duden vorgeschlagene Rechtschreibung für ganz Deutschland und Österreich-Ungarn als verbindlich erklärt. Mich würde wirklich interssieren, wie vorher eigentlich der Schulunterricht ausgesehen hat, vor 1901, als es ein richtiges Schreiben schlichtweg noch nicht gab? Denn in meiner Grundschule war Rechtschreibung das Allerwichtigste überhaupt. Wichtiger als das Wissen, dass 5×5=25, war, dass man im Singular zwar „Saal“ schreibt, im Plural aber „Säle“, nur mit einem „ä“, nicht zwei, wie es logisch wäre. Ein konstruiertes, willkürlich festgesetztes Wissen vom richtigen Schreiben wurde zum heiligen Gral erklärt; ewiges, unrüttelbar wirklich wahres Wissen wie die Mathematik war zwar auch wichtig, aber Rechtschreibung ging vor.

Was ich damit sagen will: Angeblich richtiges Schreiben und Sprechen ist immer ein Kunstprodukt gewesen, zumal in Deutschland, das 1871 eben auch als ein totales Kunstprodukt zur Welt kam. Und wohl genau deshalb, weil dieses Deutschland nie auf so ganz selbstverständliche Weise existierte, war man gerade hier immer so darum bemüht, ein exklusives Deutschtum zu definieren: Deutsche Kunst, deutsche Dichtkunst, deutsches Wesen, an dem die Welt genesen solle, und die allgemein verbindliche deutsche Rechtschreibung – alles ein ausgedachter Krampf. So sehr ich selber ein Mensch der Schrift und der Bücher bin, muss man doch ehrlichkeitshalber einmal sagen: Das Lesen- und Schreibenlernen ist wichtig, vor allem als Basiswerkzeug, um mit dessen Hilfe andere Kenntnisse zu erwerben, mathematische, medizinische, juristische, whatever, oder um einfach den Sonderangebotsprospekt vom Lidl entziffern zu können, Kommentare auf Facebook zu posten, alles, einfach alles basiert ja auf Schrift. Als Analphabet kommt man auch im Internetzeitalter nicht besonders weit. Aber ob immer jedes Komma exakt gesetzt ist, jedes Wort dudengemäß geschrieben, das ist doch eigentlich wirklich nicht so wichtig.

(Das zu schreiben, ist für mich das reine Purgatorium. Denn logisch war ich immer der, der das wusste, mit „Saal“ und „Säle“, der auch das schwierigste Wort noch korrekt hinbuchstabiert hat, und total stolz war darauf: Ungeschlagener Sieger in der Königsdisziplin Rechtschreibung. Diktat null Fehler. Dass ich im zweitwichtigsten Fach „Schönschreibung“ schlecht war, die Lehrerinnen immer meine geschmierte Sauklaue monierten, war mir witzigerweise egal. Aber dass hinter diesen beiden Disziplinen „Schönschreiben“ und „Rechtschreiben“ noch ein ganz anderes, nicht aus Schrift bestehendes Universum liegt, habe ich erst viel später so richtig verstanden.)

 

De Terminatore

Neuerdings nerve ich hier mit Filmen, entschuldigung, aber kürzlich schaute ich Terminator 2, ein Meisterwerk natürlich, trotz der zeitlichen Distanz und den wahnsinnigen Fortschritten, die die Animationstechnik seither gemacht hat, zog er mich ganz in den Bann, schien kaum gealtert. Gestolpert bin ich über die Stelle, wo der junge John Connor den ihm wohlgesonnenen Schwarzenegger-Terminator fragt, ob es ihm weh tue, wenn er angeschossen wird. Der Terminator antwortet: „Ich nehme Verletzungen wahr. Diese Daten könnte man Schmerz nennen.“ Und ich dachte spontan: Nein, könnte man nicht. Gefühle sind doch etwas fundamental anderes als bloß eintrudelnde Daten.

Warum glaube ich, das zu wissen? Ein klassisches Other-Mind-Problem. Ich schließe es aus meinen Beobachtungen des Terminators. Wenn er beschossen wird, verzieht er nicht die Miene, gibt keine Schmerzlaute von sich, zeigt auch keine Anzeichen gesteigerter Wut gegen den Angreifer. Sein Programm läuft einfach weiter. Leute, die Schmerzen haben, sehen anders aus. Man könnte aber auch anders argumentieren, nämlich dass ein intelligenter Roboter natürlich etwas fundamental anderes ist als ein Mensch und daher – auch wenn er, wie der Terminator, äußerlich einem Menschen nachgebildet ist – seinen Schmerz anders (oder eben überhaupt nicht) zeigt.

Ich stieß dann heute erneut auf dieses Problem, bei einem Artikel von Nicholas Carr, der über eine Studie berichtet, die nahelegt, dass Sprache, Intelligenz und Bewusstsein unabtrennbar sind von unserer Existenz als körperliche Wesen. Keine Sprache, kein Bewusstsein kann entstehen, wird da gesagt, ohne zuvor gemachte körperliche Erfahrungen. Aber dreht es sich hier nicht im Kreis? Sind körperliche Erfahrungen vor der Entstehung von Bewusstsein und Sprache nicht tatsächlich solche reinen Daten, von denen der Terminator sagt, man könne sie Schmerz nennen? Macht also der Terminator eventuell da gerade Erfahrungen, die seine volle Bewusstwerdung vorbereiten?

Der Terminator als reine Phantasiefigur ist natürlich eigentlich ein schlechtes Beispiel, aber Carr schreibt ganz richtig über die normalen Computer von heute: „Then again, even the algorithmic thinking of computers has a physical substrate. There is no software without hardware. The problem is that computers, unlike animals, have no sensory experience of their own existence. They are, or at least appear to be, radically dualist in their operation, their software oblivious to their hardware.“

Der entscheidende Halbsatz ist für mich hier dieses „They are, or at least appear to be …“. Wir können letztlich die Computer eben auch nur beobachten und dann aufgrund unserer Beobachtungen entscheiden, ob sie intelligent sind oder nicht. Der Turing-Test macht es an der Sprache fest, an geschriebener Sprache, um genau zu sein, den Unterschied halte ich für wichtig. Wir kommunizieren schriftlich mit zwei uns unsichtbaren Wesen, von denen einer ein Mensch, der andere eine Maschine ist. Wenn wir nach diesem Dialog nicht klar entscheiden können, welcher Gesprächspartner der Computer war, dann verfügt laut Turing-Test dieser Computer über Intelligenz. Dementsprechend versucht man seit Jahrzehnten, den Computern die natürliche Sprache der Menschen beizubringen, mit einigem Erfolg auch, vor ein paar Wochen hieß es doch schon, ein Computer hätte den Turing-Test bestanden. Ich hab mir ein paar Dialoge angeschaut, die dieser Computer geführt hat, und letztlich bewies das Ganze für mich nur, dass der Turing-Test der falsche Test für künstliche Intelligenz ist. Da schwebt noch ein altes Paradigma aus der Gutenberg-Galaxis mit: Intelligent sei, wer sich schön sauber schriftlich ausdrücken könne. Ich las auch neulich in einer Book-Review im Economist (haha), intelligente Maschinen würde man einstens daran erkennen, dass sie in der Lage wären, Sonaten zu komponieren. Falsch, dumm, unsinnig, dachte ich sofort. Ich hab in meinem Leben noch keine Sonate komponiert, ich kenne auch absolut niemanden, der Sonaten komponieren würde, dennoch halte ich mich und meine Mitmenschen für intelligent. Ein Sonaten komponierender Computer wäre eigentlich genau das Beispiel für ein nicht intelligentes Wesen, einer, der eben nur tut, was ihm Menschen per Programm anschaffen: „Komponiere Sonaten! Hier der Bauplan der Sonatenhauptsatzform und die komplette Datenbank sämtlicher Haydn-, Mozart- und Beethovensonaten.“ Es ist doch eigentlich völlig offensichtlich, dass der Computer, der dann ein schönes F-Dur-Sonätlein ausspuckt, eben nicht intelligent ist, sondern nur gut programmiert. Intelligent wäre ein Computer, der lügt, der sich verstellt, der den Turing-Test mit Absicht nicht besteht, um die blöden Menschen zu foppen. Aber wie erkennen wir den?

Ich bin zu wenig Techniker, um Prognosen über das Kommen oder Nichtkommen von Künstlicher Intelligenz abzugeben. Ähnlich wie Carr bin ich da eher skeptisch. Aber selbst wenn: Beim Terminator habe ich mich schon auch gewundert, dass die Maschinen, im selben Moment, wo sie die Stufe des Bewusstseins erklimmen, sich sofort daran machen, die Menschheit zu vernichten. Warum eigentlich?

 

Troja / Ilias

Im Fernsehen neulich den Film Troja gesehen und tags darauf sofort mit der Lektüre der Ilias begonnen. An dem Film gibt es im Grunde gar nichts auszusetzen, ein perfekt gemachter Hollywoodfilm, hochklassig besetzt, spannend, monumental, bilderstark usw., ein Hollywoodblockbuster eben, dem man schwerlich zum Vorwurf machen kann, dass er alle Register zieht, die einen echten Hollywoodblockbuster eben ausmachen. Aber dann schmerzte es mich punktuell eben doch, dass diese antiken Helden alle so total amerikanische Gesichter haben und auch so lässig cowboyhaft daherreden, und dachte, ich müsste doch einmal den homerischen Urtext lesen, denn meine eigene Kenntnis der Geschichte beruht ja auch zu größten Teilen auf Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums, die ich als Jugendlicher mal gelesen habe. Schon komisch eigentlich, dass mir ein amerikanischer Film in Erinnerung rufen muss, dass ich das wesentliche Fundament der abendländischen Literatur eigentlich nur vom Hörensagen kenne. Kittler schreibt ja an einer Stelle, dass seiner Vermutung nach das griechische Vokalalphabet, und damit die erste große medientechnische Revolution, nur erfunden wurde, um die homerischen Gesänge anschreibbar und damit auch speicherbar zu machen.

Aber wie dem auch sei: erste Verblüffung bei der Ilias-Lektüre: wie flüssig sich das heute noch lesen lässt. So flüssig, dass ich teilweise schon den Verdacht hegte, ob die Übersetzung nicht sogar zu entstaubend und aktualisierend zu Werk gegangen sei. Aber der Übersetzer Wolfgang Schadewaldt beteuert im Nachwort, dass er auf möglichst wörtliche Übersetzung bedacht gewesen sei und sogar die Wortstellung nach Möglichkeit beibehalten habe. Was hingegen nicht reproduziert ist, ist der Hexameter, und vielleicht sind meine früheren Versuche, die Ilias zu lesen, genau daran gescheitert, dass ich Übersetzungen hatte, die auf Teufel komm raus die Metrik im Deutschen reproduzieren wollten, und deshalb die Sätze so seltsam umstellen und umformen mussten, dass plötzlich ein fast unlesbarer Quark dabei rauskommt, während in Schadewaldts frei rhythmischer Übersetzung alles völlig klar und verständlich ist, und dabei am nächsten am griechischen Original. Meine Ausgabe hat keinerlei Stellenkommentar, ich hätte aber auch nur ein paar Mal das Bedürfnis gehabt, mir eine dunkle Stelle durch erklärende Kommentierung erhellen zu lassen. Alles andere völlig klar, die Sprache total direkt, völlig am Geschehen orientiert, man sieht alles deutlich vor Augen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie verrückt ich das finde, wie toll das ist, bei einem Text, der so alt ist, dass er noch nicht mal vernünftig datiert werden kann.

Überflüssig zu erwähnen, dass das Epos natürlich hundertmal ausführlicher erzählt als der Film, das ist einfach der Natur des Mediums geschuldet, in 120 oder 140 Filmminuten kann man logischerweise nur einen Bruchteil dessen reinstopfen, was im Epos in aller Ausführlichkeit und Redseligkeit länglich ausgebreitet wird. Aber auch über notwendige Verdichtungen des Stoffes hinaus weicht der Film so stark vom Epos ab, dass sich weitere Vergleiche eigentlich erübrigen. Mir ging es zum Beispiel beim Anschauen des Films schon so latent gegen den Strich, dass die Achaier, und dabei vor allem deren Anführer Agamemnon und Menelaos, so als bärtig-zottelige, kriegslüsterne Bluthunde gezeichnet sind, die Troer hingegen als ganz kultivierte und schön glattrasierte Feingeister, und es verwundert mich jetzt kein bisschen, dass sich nicht die leiseste Andeutung einer solchen kulturellen Diskrepanz in der Ilias finden lässt. Dass andererseits Agamemnon ein so gigantisches Heer nicht allein deswegen aufstellt, um seinem Bruder die Frau zurückzubringen, sondern es hinter diesem Vorwand vor allem um Kriegsbeute, Macht und geopolitische Einflussvermehrung geht, das musste uns nicht erst der säkulare (und dankenswerterweise ohne jeden Götterzirkus auskommende) Film erklären, das steht in der Ilias auch schon völlig klar und unmissverständlich drin.

Und das ist natürlich gewissermaßen das Schreckliche an dieser Lektüre, die Erkenntnis, dass am Anfang der abendländischen Literatur ein Epos über einen Krieg steht, wie er aus denselben bescheuerten Motiven auch heute noch geführt werden könnte und allerorten ja auch tatsächlich geführt wird. Außer in puncto Waffentechnik hat sich nicht allzuviel geändert in den letzten 2500 Jahren.

 

Die Nimmersatt-Galaxis

Ich habe das Lesen sehr früh gelernt, mit vier oder fünf, von meiner Großmutter, die mir geduldig immer wieder alle Buchstaben zeigte und ihre Lautung vorsagte. Und plötzlich, offenbarungsartig, musste ich die Buchstaben nicht mehr einzeln mühsam hintereinander wegsagen, sondern sah jedes Wort klar vor mir, auf einen Schlag, und es erklang in meinem Hirn. Eine Welt tat sich auf. Auch die Erkenntnis: Man muss nicht wissen, was eine Regierungserklärung ist, um das Wort „Regierungserklärung“ fehlerfrei lesen, also auch vorlesen zu können, und die Erwachsenen nicken erstaunt und sagen: Ja, er kanns wirklich. Eine Eigenschaft von Schrift, die mir immer wieder begegnet ist: Man kann auch ganze Bücher über das transzendentale Subjekt lesen und dann Seminararbeiten darüber schreiben und Einser dafür kriegen, obwohl man nicht die geringste Ahnung hat, was ein transzendentales Subjekt eigentlich sein soll und ob es das überhaupt wirklich gibt.

Meine Großmutter bekam dann Alzheimer, von null auf hundert, und meine Eltern lagen im Krieg, redeten nichts mehr miteinander, und ich ging ins Sommerhäusl hinterm Haus und las. Wer hatte das Ding eigentlich „Sommerhäusl“ genannt, es war das ganze Gegenteil davon: ein finsterer Schuppen, voller Gerümpel, staubig, dreckig, von Spinnweben durchzogen: Mein Traumort. Dort kroch ich unter, las meine verbotenen Buffalo-Bill-Hefte, war lesend in einer der Welt entgegengesetzten Gegenwelt.

Im Kindergarten las ich alle Bücher, die es dort gab, eins nach dem andern durch, und wenn ich fertig war, alle nochmal von vorn. Lesen war auch hier die perfekte Strategie, um dem Gestreite aus dem Weg zu gehen, dem Sandwerfen, Prügeln, Bauklotz auf den Kopf werfen. Und las, wie ich mich noch genau erinnere, dort eines Tages die Raupe Nimmersatt, und redete dann mit der Kindergärtnerin darüber. Sie wies mich auf die Löcher im Buch hin, und dass die Raupe also offenbar tatsächlich all die Erdbeeren und Pflaumen und Äpfel und Birnen gegessen haben müsse, weil da ja diese Löcher im Buch waren. Von der leibhaftigen Raupe selber hineingefressen, wie die Kindergärtnerin behauptete. Das brachte mich ins Grübeln. Wenn die Raupe Nimmersatt selber diese Löcher gefressen hätte, so dachte ich, dann hätte sie ja in Wirklichkeit gar nicht Erdbeeren und Pflaumen und Eiswaffeln und Früchtebrot gefressen, sondern immer nur den Pappkarton, aus dem das Buch besteht. Ein philosophischer Moment. Wenn die ganzen Früchte nicht real sind, dann ist womöglich auch die Raupe nicht real, und gerade die Löcher im Buch, die die Wahrhaftigkeit der ganzen Geschichte belegen und unterstreichen sollen, entlarven das Ganze im Umkehrschluss als Farce. Ich versuchte, diese Gedanken der Kindergärtnerin zu erklären, und sehe sie noch, wie sie meine philosophischen Gedanken wegwischend lachte: Ich selbst sei diese Raupe, ein Bücherwurm, eine Bücherraupe, die das Papier der Bücher frisst. Ich blieb ratlos zurück. Stürzte mich für die nächsten dreißig Jahre konsequent in Bücher, vollführte dieses mir vorgegebene Programm, Schrift war mir immer näher als das sogenannte Reale, und plötzlich wachst du auf, die Gutenberg-Galaxis ist untergegangen, und merkst: Ich war wirklich diese Raupe: Immer nur Papier gefressen und gedacht, es wären köstlichste Früchte.

Als das Sommerhäusl abgerissen wurde, hatte mir vorher auch keiner Bescheid gesagt. Plötzlich stand der Bagger da und das Sommerhäusl war weg und mit ihm meine dort versteckten Buffalo-Bill-Hefte. Da hätte ich das alles eigentlich schon wissen können, wie das läuft.

Entdecke England

Di, 5.8.14: Zum ersten Mal in meinem Leben fliege ich von Tegel, ich wusste noch nicht mal, dass dieser Flughafen den Beinamen „Otto Lilienthal“ führt. Ausnahmsweise mal eine sinnvolle Flughafenbenennung, wie ich sofort denke, als ich den Schriftzug sehe: ein Flugpionier, völlig einleuchtend, statt immer dieser idiotischen Politiker. Flug sehr ruckelig und rumpelig, in Heathrow muss man dann erstmal zehn Kilometer latschen bis zur Gepäckausgabe, Lord Lettuce holt uns dort ab, wir fahren zunächst in die Gegenrichtung, einmal um halb London herum, zu H.s Großeltern, die im Londoner Norden leben. Man sieht nichts von der Stadt, die wir umkreisen, plötzlich sind wir da, ein Häuschen mit Garten, könnte irgendwo in der Provinz sein, nichts weist darauf hin, dass wir im angeblich hektisch pulsierenden London uns befinden. Eine kleine U-Bahnfahrt nur, und wir wären drin in dem Gewühl, der Traumstadt meiner Jugend, aber wir sitzen im beschaulichen Gärtchen, essen Würstchen, der Großvater kredenzt Wein, haben es nett. Immer wieder für mich auch ein seltsamer Gedanke, dass diese reizenden alten Leute, die ich kaum kenne, mit denen ich mich in einer mir fremdem Sprache mehr schlecht als recht verständige, doch die leibhaftigen Urgroßeltern meiner Kinder sind. Bevor es zu spät wird, fahren wir wieder ab, jetzt auf der anderen Seite an London vorbei. Als wir die Themsebrücke überqueren, sehen wir die Stadt da liegen, waren drin und doch irgendwie auch nicht. Kinder schlafen im Auto, Ankunft in Camber, East Sussex, erst am späten Abend, ziemlich erschöpft, vor uns das Meer.

Mi, 6.8.14: Morgens Regen, extremer Wind den ganzen Tag. Zermürbende Monotonie des Meeres erfasst mich augenblicklich. Was macht man denn jetzt hier, zumal bei schlechtem Wetter? Die Aussicht, die Aussicht, sagen alle, aber ich sehe nur Wasser, und der Wind bläst mir so ins Gesicht, dass ich die Augen sowieso kaum aufkriege. Man kann nicht mal vernünftig rauchen, weil der Wind einem die Zigarette förmlich vor der Nase wegfrisst, weswegen ich Idiot einfach immer noch mehr rauche, den ganzen Tag auf der Terrasse im Wind stehe und mir unter grotesken Verrenkungen eine nach der anderen anzünde.

Do, 7.8.14: Schönes Wetter, früh morgens schon im Meer gebadet, später mit H. und den Kindern den Strand entlang spaziert bis zum Eiscafé. Herrlicher Sandstrand, erstaunlich, wie wenig hier los ist. Gegen 11 Aufbruch nach Dymchurch, zum Rummel, an den H., die als Kind jeden Sommer in England war, wertvolle Erinnerungen knüpft. Parken hinter einer vollkommen aus Beton gefertigten Strandpromenade, über die ich rätsle, ob sie als Strandpromenade wirklich gedacht und geplant war, oder ob es sich um Überreste einer Befestigungsanlage gegen eine mögliche Invasion der Deutschen im Zweiten Weltkrieg handelt? Ältere Türme stehen auch in gewissen Abständen herum, mit Kanonen bewehrt, von denen erzählen Schilder, dass sie gegen eine Invasion Napoleons errichtet wurden. Die grell weiß reflektierende Betonmauer trägt kein Schild, soviel ich sehe. Unten tummelt sich Badevolk. Ein Ort, der mich an die Fotografien von Martin Parr erinnert, die übertrieben ausgeleuchteten Strandperversitäten Englands. Der Rummel, wegen dem wir ja eigentlich hier sind, sehr lustig. Eine Art Mini-Oktoberfest für kleine Kinder, für die unsrigen also genau das Richtige, Geisterbahn, Wasserrutsche, Kinderkarrussell, die Kinder sind begeistert und H. verzückt in Erinnerungen: Nichts hat sich verändert seit 20 Jahren. Wir sind dann hungrig, brechen auf, holen uns Fish & Chips aus einem Imbiss, denn das muss man doch machen, wenn man in England am Meer ist: Fisch & Chips essen. Schmeckt auch köstlich. Verrückterweise schließen der Lord und die Seinigen sich uns nicht an, kleines Hin und Her, verstehe die Details nicht, wollen sie nicht, dass ihre Kinder Pommes essen? Im Pub, in das wir jetzt fahren, bekommen sie stattdessen tütenweise Chips (also Crisps) kredenzt, ok, ich muss auch nicht alles verstehen. In den Essensrhythmen liegen wir irgendwie nicht auf einer Wellenlänge mit den Engländern, das ist jetzt schon klar, geredet wird darüber aber nicht, man muss improvisieren. Das Pub (St. Mary in the Marsh) ist jedenfalls reizend, im absoluten Nichts gelegen, daneben eine kleine Kirche mit Friedhof, über den wir spazieren: Uralte Gräber, schief, Schrift teilweise gerade noch, teilweise überhaupt nicht mehr entzifferbar. Gräber ungepflegt, keine Bepflanzungen, einfach nur Gras vor dem Stein. Gefällt mir hundertmal besser als die deutsche Friedhofskultur mit ihrem Blümchenwahn. Alle sind ständig in Gedanken verstrickt, Gräber auflösen zu wollen, aus Angst, nach ihrem Ableben könne keiner sich mehr ums Grab kümmern, es turnusmäßig bepflanzen, und das wäre dann das Schlimmste. Meine Mutter liegt mir seit Jahren mit solcher Rede in den Ohren, und von ihrer Freundin B. hörte ich unlängst genau denselben Text. Als wären Gräber Zeichen für den Gärtnerfleiß der Lebenden, und nicht Gedenkmale für die Toten.

Nach zwei Pints in diesem Pub fahren wir auf dem Heimweg noch in Lydd zum Metzger, weil ich nächsten Tags Wiener Schnitzel machen will. Wie Lord Lettuce schon vorhergesagt hat, hat der kein Kalbfleisch, verrückt: Jeder Supermarkt in Deutschland hat Kalb, jeder Metzger sowieso. Aber egal, mache ich halt Schnitzel Wiener Art, Schwein wird er ja haben, pork bittesehr. Der Metzger präsentiert mir nun Schweinefilets, daraus kann ich logisch keine Schnitzel schneiden, wie sagt man nochmal „Oberschale“ auf englisch? Ich deute mit zwei Händen die Partie zwischen Popo und Knie an, Metzger lacht und liebt mich jetzt endgültig, bringt ein wundervolles Stück Fleisch, ideale Färbung und Maserung, perfekt, im Ganzen gekauft. Mache die Schnitzel dann noch am selben Tag, der Lord und ich hatten wieder aneinander vorbeigeredet, aber kein Problem, ich koche los, Panade wird abenteuerlich selbst hergestellt, Kartoffelsalat mache ich selbstverständlich bayrisch, mit Bouillon statt der vermaledeiten Mayonnaise, das kennen die auch nicht, schmeckt aber allen, voller Erfolg.

Fr, 8.8.14: Der Lord ist krank. Geplanter Ausflug nach Rye fällt flach. Stattdessen Tag am Haus, am Meer. Bisschen Strand, bisschen Wasser, bisschen Lesen (Kurt Vonnegut, Schlachthof 5). Erkunde zweimal das Dorf, aber auch beim zweiten Mal die Erkenntnis: Hier gibt es nichts und nichts geht. Kann nicht mal Bargeld aus dem Bankautomaten im Supermarkt, dem einzigen des Dorfes, ziehen. So stehe ich da mit meinen zehn Pfund: 4 Bier und eine Packung Frischkäse. Aber viel mehr hätte es da eh nicht gegeben. Toll eigentlich: Ein herrlicher Strand, wunderbar am Meer, Wasserqualität vom Feinsten, aber touristisch völlig unerschlossen. Keine vernünftigen Läden, keine Hotels, als Ausländer kriegt man noch nicht mal Bargeld aus dem Automaten.

Das Meer fasziniert mich jetzt doch. Studiere Ebbe und Flut, habe ich so auch noch nie erlebt. Während tagsüber das Meer ganz weit draußen war, ich ewig latschen musste, um hinzukommen, ist es jetzt ganz nah, schwappt beinah auf die Terrasse. Höre es rhythmisch rauschen, in der Ferne verschwimmt die Grenze zwischen Meer und Himmel, ist nicht mehr auszumachen in der Finsternis, alles eins. Auch sehe ich die Linien des Papiers nicht mehr, und die Meerluft hat das Papier so aufgeweicht, dass der Bleistift kaum noch schreibt. Den Computer habe ich noch keine Sekunde vermisst.

Sa, 9.8.14: Vormittags Fahrt nach Lydd, Großeinkauf bei Sainsbury’s. Normal okayer Supermarkt letztlich, hatte bisschen was spektakuläreres erwartet, Londoner Megamarkets in der Erinnerung. 1995, der Tesco in Elephant & Castle, schier endlose Gänge mit Lebensmitteln, uns quollen die Augen über, „Grotesco“ nannten wir den Markt nur. Vielleicht hat Deutschland in der Zwischenzeit da auch bloß aufgeholt, und die Erinnerung trügt. Mein Plan, einen Kasten Bier zu kaufen, löst sich in Luft auf, die Einheit „Kasten“ scheint hier unbekannt, der Lord greift scheinbar wahllos irgendwelche Einzelflaschen aus dem Regal, mir sagen alle diese Biere nichts, ich lasse ihn gewähren. Danach nochmal ein Mittagsbier in St. Mary in the Marsh, weil ich es da so schön fand. An der Bar exakt die selben Leute wie beim letzten Mal, rechts außen wieder der Bucklige. Worüber sie wohl immer reden, wenn sie sich täglich hier einfinden? Geht ihnen nie der Gesprächsstoff aus? Offenbar nicht, sie reden und reden, was ich wahrscheinlich nur deshalb bemerkenswert finde, weil ich kein Wort verstehe. Nur die Frau hinter der Bar ist eine andere, dem Aussehen nach die Mutter der Kellnerin vom letzten Mal.

Nachmittags Ausflug nach Rye, ein pittoreskes mittelalterliches Städtchen, auf einem Hügel gelegen. Fast zu pittoresk, wie die durchziehenden Japaner anzeigen, die alles abfotografieren. Wir sind mit dem Bus da, weil der Lord im Mermaid Inn Pints trinken will, was dann leider unmöglich, weil das Mermaid Inn gestruppte voll. Es sei sowieso nicht mehr so schön und alt wie früher, sagt er, und erinnert mich damit schlagartig an meinen Vater, der mich auch immer in irgendwelche Wirtshäuser schleppte, um dann drinnen zu bekunden, das sei auch nicht mehr so urig wie früher. Trinken ein Bier auf der Terrasse eines vollkommen unurigen Hotels, dann wird es eh zu windig und zu kalt, machen uns auf den Heimweg. Auf der Heimfahrt im Bus verstrickt mich ein älterer Herr ins Gespräch, befragt mich nach dem Wie und Wann und Wo unseres Urlaubs, zeigt mir dann Videos auf seinem Handy, vom Strand im Winter, alles völlig nichtssagend, man sieht nichts und hört auch kein Meeresbrausen sondern nur den das Handymikrofon heillos übersteuernden Wind. Bin nicht sicher, ob er bei klarem Verstand ist. H., die die Szene von drei Sitzreihen weiter hinten aus beobachtet, sagt später: Er war irre.

So, 10.8.14: Sunday Lunch. Im Netz wird emsig recherchiert, wo man das am besten einnehmen könnte, alle sitzen vor ihren Tablets, iPhones, Laptops, rufen Speisekartendetails durcheinander. Als die engere Auswahl feststeht, entscheide ich fürs „The Bell“. Wir fahren hin, der große Sturm kündigt sich schon an, Regen und sehr windig. Die Vorspeise, Pilze im Filoteig, mit roten Zwiebeln und einer Blue-Cheese-Cream-Soße, lässt alles erhoffen, schmeckt wahnsinnig gut, der Koch offenkundig ein Genie, meine blinde Restaurant-Auswahl die ideale. Der Hauptgang ist dann leider doch die normale und zurecht verschrieene englische Traditionsküche. Lammkeule zäh und fasrig, Yorkshire Pudding ein völlig geschmackloser und halbverbrannter Mehlknödel, dessen Sinn mir völlig verschlossen bleibt, Gemüsebeilagen schmecken ebenfalls nach nichts. Helen spinnt total auf die Minzsoße ab, ohne die sie kein Lamm essen könne, was mir entgegen kommt, da mir der minzige Zahnpastageschmack völlig gegen den Strich geht. Ich überlasse ihr das Schälchen gerne. Abends Sturm.

Mo, 11.8.14: Nach und nach trudelt die ganze englische Verwandtschaft ein. Alle reden durcheinander, für mich ein fast unerträglicher Sprachlärm, kann fast nichts verstehen. Gottseidank will auch keiner von mir groß was wissen, muss kaum sprechen, und gehe doch unter in diesem Durcheinandergerede, halte diesen Sirenengesang der englischen Sprache, die mir immer eine Oktave höher vorkommt als das Deutsche, fast nicht mehr aus. Als abends die Letzten gehen, sinke ich bewusstlos ins Bett.

Di, 12.8.14: Dungeness. Einer der seltsamsten Orte, die ich je sah. Eine Art Steinwüste, als Naturschutzgebiet ausgezeichnet, in der wahllos verstreut Ferienhäuser herumstehen, zerfallene Schiffswracks, ein alter Leuchtturm, direkt dahinter ein Atomkraftwerk und daneben der Bahnhof einer Mini-Dampfeisenbahn, mit der wir fahren wollen. Als ich die winzigen Gleise sehe, habe ich Zweifel, ob diese Bahn wirklich erwachsene Menschen transportieren kann, sieht aus wie eine nur ein klein bisschen zu groß geratene Spielzeugbahn. Der Schaffner im weißen Hemd und schwarzer Hose, bestimmt über Siebzig, die oberen Schneidezähne fehlen ihm, kontrolliert am Bahnsteig meinen Fahrschein, fragt mich direkt, woher ich komme: „Ah, Germany, I went there many years ago.“ Was ich von Stuttgart halte? Ich zucke die Achseln. „Well, the Stuttgart Chamber Orchestra did some remarkable Bach“, soweit er sich erinnere, woher genau ich denn sei. „Originally from Bavaria, but now we live in Berlin“, erwidere ich. Er schmeißt direkt beide Arme in die Luft: „Ah, the Berlin Philharmonics, impossible to beat them. Karajan, Klemperer, Knappertsbusch!“ – „And Furtwängler“, sage ich, woraufhin er sofort: „Of course, Furtwängler, his Tristan of 1952, best recording of all times!“ Bin immer noch völlig perplex, hier an einer Kinderbahnstation, eine Steinwurfweite vom Atomkraftwerk entfernt, mich plötzlich mit einem englischen Schaffner in ein Gespräch über deutsche Dirigenten der fünfziger Jahre verstrickt zu finden, aber kann ihm natürlich nur beipflichten: Furtwänglers Tristan, auch meiner Meinung nach die beste Aufnahme der Oper bis heute. „There´s a story about Knappertsbusch“, hebt er jetzt an: „He didn´t like to repeat.“ Ich ahne schon, worauf die Geschichte hinaus will, glaube die Anekdote zu kennen, bin dennoch auf seine Version der Geschichte gespannt, da wird er abberufen zum Bahndienst, und ich hätte ihm doch gerne noch meine Knappertsbuschgeschichte erzählt, von der Taube und der Schnur, Parsifal 51 in Bayreuth. Aber er kommt nicht wieder, dann fährt die Dampfbahn ein und wir mit ihr nach Dymchurch, noch einmal auf den Rummel, was sich die Kinder so dringlich gewünscht hatten, noch einmal großer Spaß mit Geisterbahn, Wasserrutsche, Drehkarussell und final sogar Autoscooter. Mein Wahn, im linksverkehrten England absolut kein Auto fahren zu können, lässt mich erst zögern, dann steige ich doch ein und fahre mit C. eine Runde: Lustig.

Im Pub später, gehe an die Bar zum bestellen, Kellnerin noch nicht da, links von mir ein seltsames Männchen mit einem grotesken Lederhelm, das ununterbrochen auf den Mann rechts von mir einredet. Ich verstehe absolut nichts von dem, was er sagt, registriere nur, dass immer wieder die Worte „german“ und „Germany“ in seiner Rede auftauchen. Da ich die Worte nicht verstehen kann, muss ich die Melodie seiner Rede interpretieren: Klingt nicht sehr freundlich. Der Bärtige rechts von mir, der sich das stoisch alles angehört hat, repliziert nur in tiefstem Bass: „I’m not german.“ Ich hab in dieser Runde noch kein Wort gesagt, die beiden beachten mich gar nicht, bin bloß zufällig Deutscher, jetzt kommt die Kellnerin, normalerweise versuche ich ja nicht, meinen deutschen Akzent zu verbergen, jetzt will ich doch besonders britisch klingen mit meiner Bestellung. Vollkommen blöd natürlich, wie mir auch bewusst ist, aber ich will in kein Gespräch mit dem Lederkappenheini geraten, in dem ich unterliegen muss, weil ich seinen verrückten Dialekt nicht verstehe. Hinterm Pub ist ein Spielplatz, die Kinder rutschen und klettern, die Sonne scheint, man könnte noch bleiben. Sage zu H., dass sie aber das zweite Bier holen müsse, weil ich nicht noch einmal zum Lederkappenmann hinein will, dann begegne ich ihm logischerweise auf dem Klo, wo er mich so totschwallt in einem Englisch, das ich wirklich absolut nicht verstehe, dass ich schließlich doch sagen muss, um nicht als totaler Depp dazustehen: „I don’t understand you, my english is not so good.“ Woraufhin er sofort: „So you’re german!“ Immer noch an der Pissrinne neben ihm stehend, sage ich: „Yes. I’m german.“ Worauf er in ein groteskes Kichern ausbricht, und immer wieder ruft: „Aouiedersehn, aouiedersehn!“ Mich schüttelts innerlich, die Toilette ist so eng, er hat wirklich die Ausstrahlung eines teuflischen Giftzwergs und das Klo hallt von seinem Gekreisch wider. „Auf Wiedersehen“, sage ich im Hinauseilen, scheiß aufs Händewaschen, und hoffe, ihn nie wiederzusehen, wie das ja oft so ist. Heimfahrt im Bus, wo J. mir schlafend auf den Schoß sinkt. „Wo sind denn diese Englischen?“ fragt er, als wir im Haus ankommen. Die kommen dann später auch, als er schon schläft.

Mi, 13.8.14: Nochmal alle nach Dungeness. Man kann die Kreidefelsen von Dover sehen von hier aus. Und wenn ich an Dover denke, denke ich automatisch an zwei Dinge: Ochses Umzug nach London und unsre Überfahrt von Calais nach Dover, und an den Lear, Thomas Holtzmann als der blinde Gloucester, der die Klippe hinab stürzen will und es nicht kann. Später nochmal im Meer, jetzt endlich wirklich mal perfektes Wetter dafür, schönes Baden, am letzten Tag will man alles immer festhalten, den ganzen Sommer am besten.

Do, 14.8.14: Früh los richtung Heathrow. Sehe von der Straße aus das Park Inn Hotel, wo ich vor fast vier Jahren notgedrungen übernachten musste, weil wegen fünf Schneeflocken mein Flug nicht ging, und ich dann morgens, in diesem luxuriösen Hotelbett erwachend per SMS erfuhr, dass J. in der Welt. („Muss immer kotzen. Glaube bin schwanger.“) Und derselbe J. sitzt jetzt ganz selbstverständlich da in der Abflughalle und wartet auf seinen Flug nach Tegel, der diesmal plangemäß abgeht. In Tegel stolpert man dann fast automatisch durch Passkontrolle zur Gepäckausgabe, nur wenige Meter und man steht am Bus. Was für ein genialer Flughafen, warum will man denn den aufgeben, verstehe ich überhaupt nicht. Aber typisch Berlin natürlich: Da hat man einmal was, das funktioniert, und dann will man es gleich wieder loswerden, ersetzen durch etwas Monumentaleres, der alte Gigantismus, und siehe da: Das funktioniert ums Verrecken nicht. Otto Lilienthal forever!

Fr, 15.8.14: Erst mal Milch kaufen.

Wirklich

Sitze mit den Kindern im Eiscafé, schon leicht genervt, weil ich eigentlich gar kein Eis wollte, auch das Wetter ist ja gar nicht danach, und C. redet ununterbrochen auf mich ein und J. kreischt, weil irgendwas an seinem Eis ihm nicht passt, ich aber nicht verstehe, was um Himmels willen denn das Problem sein soll, als plötzlich eine alte Frau, bucklig, auf zwei Krücken gestützt, neben unserem Tisch steht. „Macht der Papa wieder nicht, was er soll?“, fragt sie. Die hat mir jetzt grade noch gefehlt. Da J. nur fragend in die Gegend schaut, wendet sie sich an C.: Ob das Eis gut schmecke? Bei ihr ist sie an der richtigen Adresse: Ja, das Eis schmecke köstlich, außerdem sei sie fünf Jahre alt und komme diesen Sommer in die Schule. – Ah, wie schön, sie sei auch in der Schule gewesen, habe immer gute Zeugnisse gehabt und danach auch einen Beruf erlernt. – Einen Beruf wolle sie lieber nicht lernen, erwidert C., dann habe sie ja gar keine Zeit mehr für all die andern Dinge, die man so machen könne im Leben, immer nur Beruf, Beruf, Beruf. – Die Frau lacht, ein paar Sachen habe sie schon erlebt, trotz Beruf, sei sogar zur See gefahren usw. Mir gefällt jetzt, wie die beiden sich unterhalten, wie die Alte das Kind ernst nimmt und mit ihr redet, ohne augenzwinkernde Seitenblicke zu mir rüber, völlig auf Augenhöhe irgendwie, als sie sich unvermittelt plötzlich doch mir zuwendet: Zu der Zeit sei sie im KZ gewesen. Ich bringe nichts heraus, bin völlig vor den Kopf gestoßen, presse mühsam ein „Wirklich?“ hervor. „Ja“, sagt sie, „in dem Alter, im KZ, hier in Sachsenhausen“, und macht eine deutende Handbewegung, als läge das wirklich direkt hier um die nächste Straßenecke. Mir schnürt es innerlich alles zu, ich kann nichts sagen, die Zunge versteinert. Vielleicht bemerkt sie meine Beklommenheit, sie wechselt das Thema, wendet sich jetzt noch einmal J. zu, was für schöne blaue Augen er habe. Ich bin so verwirrt, dass ich erst gar nicht richtig verstehe. „Blaue Augen zum Verlieben“, wiederholt sie, verabschiedet sich, und ist auf ihren zwei Krücken so schnell ums Eck, wie sie aufgetaucht war.

Schirrmacher

Die Nachricht vom Tod Schirrmachers traf mich völlig unvermittelt. Ich lag mit 39° Fieber im Bett und las den Tweet: „Zum Tod von Frank Schirrmacher“ und war mir völlig sicher, mich verlesen zu haben, dass da eigentlich doch sicher stehen müsse „Zum Tod von XY, von Frank Schirrmacher“. Naja, trotz Fieber: ich hatte mich nicht verlesen.

In meiner Jugend in den Achtzigern und frühen Neunzigern galt die FAZ als ganz rechtsaußen. Selbst mein CSU-wählender Vater las neben dem Garmischer Lokalblatt nur die Süddeutsche, nicht die Frankfurter. Erst um die Jahrtausendwende kam es mir überhaupt in den Sinn, auch mal die FAZ zu lesen, und das lag an nichts anderem als am Feuilleton, das hier plötzlich viel mehr war, als eine bloße Aneinanderreihung von Buch-, Theater- und Ausstellungsbesprechungen. Plötzlich war das eine reichhaltige Fundgrube für allerlei abseitiges Zeug, hochinteressante Dinge, von denen man noch nie gehört hatte, von denen man aber sofort mehr wissen wollte. Links oder Rechts, Hochkultur oder Populärkultur – es war nicht so, dass die Grenzen zwischen derlei Kategorien poröser, die Übergänge fließender wurden. Es machte vielmehr überhaupt keinen Sinn mehr, sich in solchen beengenden Koordinatensystemen überhaupt noch zu positionieren. Vielleicht war das auch einfach der Zeitgeist dieser beginnenden Nullerjahre, aber in Schirrmachers FAZ-Feuilleton fand er für mich seinen besten Ausdruck. Eine Freude an unideologischem, dafür umso ernsthafterem Nachdenken, und eine Neugier auf Dinge abseits des Mainstream. Dass gerade er das Thema der Digitalisierung der Welt als etwas erkannte, das ins Feuilleton gehört und nicht nur zu „Technik & Motor“, etwas, das mit den Mitteln der Kulturkritik analysiert und beleuchtet werden müsse, erscheint da völlig logisch.

Ich habe Schirrmacher nur einmal live erlebt, auf dieser Netzkulturkonferenz letztes Jahr. Sein Vortrag war der beste, fundierteste der ganzen Veranstaltung, aber in der Erinnerung blieb mir vor allem, wie er nach Vortrag und Podiumsdiskussion nach draußen eilte und dort sofort das Gespräch mit demjenigen suchte, der ihm in der Diskussion am heftigsten widersprochen hatte: dem Herrn Urbach. Da wären reihenweise wichtigere, prominentere Menschen dagewesen, aber Schirrmacher wollte das mit dem Urbach noch weiter diskutieren. Ich beobachtete die Szene aus ein paar Schritten Entfernung, wie sie da standen, der FAZ-Herausgeber und der Computerer mit dem blaugefärbten Iro, und wie Schirrmacher mehrfach sagte, Urbach solle darüber doch einen Artikel schreiben. Diese vorurteilslose, vollkommen dünkelfreie Offenheit, das echte Interesse an einer anderen Meinung – das hat mir damals sehr imponiert.